Und was wird man damit?
Eine Geisteswissenschaftlerin auf der Suche nach einem Job. Abschnitt aus dem Kapitel "Januar"
„Nun, verraten Sie mir bitte noch, ob und inwiefern die südostasiatische Historiografie mit der Legitimation von religiöser Gewaltanwendung und Intoleranz zusammenhängen könnte“, entgegnet mir mein Professor mit hochgezogenen Augenbrauen, während er an seiner Brille zupfte. Mit der Antwort zu dieser Frage, schließe ich ein fünfjähriges Studium der Geisteswissenschaften endgültig ab.
Meine letzte Prüfung fällt auf den 25. Januar. Im Prüfungsraum ist es stickig und warm beheizt. Draußen ist es um diese Uhrzeit bereits dunkel. Der alte Heizungskörper läuft auf Hochtouren, der Schnee schlägt an das Außenfenster und die Gardinen sind mittlerweile zugezogen. Für die heute anstehenden Prüfungsgespräche wurden zwei Tische von der Sekretärin zusammengeschoben. Darauf befindet sich eine Flasche Wasser, leere Papierbögen und mehrere Kugelschreiber. Der Prüfungsprotokollant, Doktorand, Anfang Dreißig, sitzt am anderen Ende des Tisches, mit leichten Augenringen und glühend roten Wangen. Seine rechte Hand schmerzt nach sieben Stunden mitschreiben, denn er macht immer wieder leichte Dehnübungen mit seinen langen Fingern.
Dieser allerletzte Abschnitt meines Studiums, als Teil einer einjährigen Examensphase, ist emotional vielleicht vergleichbar mit Kinderkriegen oder endlich in den Ruhestand eingehen. Die letzte bevorstehende Prüfung ist mündlich und abends um 18 Uhr angesetzt. Zwar handelt es sich hierbei um ein Nebenfach, wofür ich dachte, nicht so viel büffeln zu müssen, aber da irrte ich mich gewaltig. Es hat auch seine Nachteile, wenn man zu selten in die Vorlesungen geht und seinem Professor nur als Matrikelnummer bekannt ist.
Da saß ich nun abends im mündlichen Examen, mehrere Monate vorbereitet und dafür außergewöhnliche Prüfungsgebiete gewählt, die nur ansatzweise etwas mit dem Spezialgebiet des Professors zu tun haben (man will ja auch Initiative zeigen). Für dieses Nebenfach habe ich mittlerweile mehr recherchiert, als für die 100-seitige Magisterarbeit ein halbes Jahr zuvor. Das zittern begann schon bevor ich loslegen konnte, denn ich war (wie immer) viel zu früh am Universitätsgebäude erschienen. Energisch spannte ich meinen Regenschirm, der mich vor dem Schnee schützen sollte, zusammen. Als ich im Warteflur eintraf, war noch meine Vorgängerin im Verhör. Ich setzte mich leise auf die Holzbank und wühlte ohne konkretes Ziel in meiner Tasche, nur um Irgendetwas pseudohaft zu suchen. Ich zog die mit Blumenmotiven bedruckten Taschentücher hervor und bemerkte den Spruch darauf: „Wer morgens zerknittert ist, hat tagsüber viele Entfaltungsmöglichkeiten“. Jawohl! Zum Glück liegt der Morgen weit zurück und die Prüfung nutze ich gleich mal für die hoffentlich noch anstehende Wissensentfaltung. Einige Phrasen bekam ich dann mit, wenn die Stimme des Allwissenden lauter wurde und das Piepsen des Mädchens höher. Ich hasse es, wenn man in Erklärungsnot gerät, wenn beide Seiten feststellen, dass man das Thema verfehlt, die Literatur falsch verstanden oder auf absurde Gedanken gekommen ist.
So kam schon einige Sekunden später die Studentin verstört und verheult aus dem Prüfungszimmer des Professors und wartete im Gang auf ihr Ergebnis. Ich traute mich nicht zu fragen, wie es gelaufen ist. Ich reichte ihr meine Taschentücher.
Längere Prüfungszeiträume zeigten mir immer wieder auf, dass die Zeit keine feste Konstante ist. Schließlich vergingen die nächsten 45 Minuten wie im Flug und gleichzeitig hatte ich während der mündlichen Prüfung das Gefühl, es ist kein Ende in Sicht. Beinahe kam es mir vor wie eine Nah-Tod-Erfahrung, in der man seinen eigenen Körper verlässt, über dem Tisch schwebt und sich von oben betrachtet. Ins Jenseits Richtung grelles Licht musste ich zum Glück noch nicht schweben, denn das Endergebnis war zu meiner Erleichterung ein sehr gutes. Jedoch wusste ich nach dieser Prüfung nicht wirklich recht etwas mit mir anzufangen. Das war es gewesen? Eine schwere Geburt! Mit einem Mal war das komplette Studium hiermit vorbei und ich müsste nie wieder einen Hörsaal betreten. Auf dem Rückweg zum Studentenwohnheim, es war ein Dienstag, kaufte ich mir einen kleinen Prosecco. Es hat nach wie vor geschneit und ich grinste über beide Ohren. Meine Studienkollegen, von denen ich in den letzten Wochen sowieso wenig gehört hatte, waren noch mitten in den Abschlussprüfungsvorbereitungen.
An diesem Abend war also niemand da, mit dem ich auf das Ereignis hätte anstoßen können. So feierte ich den wohlverdienten Universitätsabschluss irgendwie alleine. Ich telefonierte einige Bekannte ab, erzählte Ihnen bereits etwas angetrunken und hochgestimmt von meinem Glücksmoment – welcher allerdings nicht lange anhielt – denn es kam plötzlich die dringende Frage auf, was ich denn jetzt beruflich vorhabe zu tun. Natürlich frage ich mich dies nicht zum ersten Mal. Während der gesamten Studienzeit stellte man mir dieselbe blöde Frage „Und was wird man damit?“. Bislang habe ich es irgendwie immer geschickt verpacken können und der Frage über die vielen Jahre keinen Raum für Zweifel geboten. Irgendwo kommen wir Geisteswissenschaftler ja unter. Ich bin jedenfalls noch nie mit einem Taxifahrer M.A. mitgefahren. Und arbeitslos sind immer die Anderen.
Aus der Vergangenheit habe ich jedenfalls gelernt und bemühte mich bereits frühzeitig um einen nahtlosen Übergang in das Berufsleben. Seit einem halben Jahr vor Studienende begann ich parallel zur Prüfungsvorbereitung, mit der Stellensuche. Ich durchstöberte sämtliche Online-Jobbörsen und registrierte mich in gängigen sozialen Netzwerken. Es waren anfangs zwei bis drei Adressen in der Woche, am Ende sammelte ich jedes Stellenangebot, was nur annähernd auf mein Profil passte. Aber da geht das Problem schon los. Was ist mein Profil? Was hat mein Lebenslauf zu bieten? Was habe ich im Studium überhaupt relevantes gelernt? Was kann ein Geisteswissenschaftler besser als ein BWLer? Sind wir wirklich so viel einfühlsamer und kommunikativer wie wir immer von uns behaupten und als außergewöhnliche Kompetenz deklarieren? Können wir wirklich viel „querer“ denken, uns farbenfroher ausdrücken als Absolventen der Wirtschaftswissenschaften? Sind wir weltenoffener, reiselustiger, anpassungsfähiger? Als besonders sprachbegabt, wie einige als außergewöhnliche Fähigkeiten von sich behaupten, kann ich mich sicherlich kaum zählen. Was heißt schon, eine tote Sprache neu erlernt oder den einen oder anderen Sprachkurs absolviert zu haben? Vielleicht weil uns Geisteswissenschaftler mehr Zeit zur Verfügung steht, als etwa Juristen, Medizinern und Mathematikern? Zumindest habe ich nicht nur einen Sprachenkurs sondern gleich vier besucht. Aber was ist heute davon übrig? Und kann ich es anwenden, wenn es wirklich darauf ankommt? Immerhin erweckt das den Anschein, man sei besonders sprachbegabt. Erster aufgedruckter Stempel.
(Fortsetzung folgt...)
Tags: Geisteswissenschaft, Studium, Berufswahl, Quereinstieg, Arbeitslosigkeit, Prüfungen, Berufseinstieg, After Uni, Wirtschaftswissenschaft






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