susanne_klingner 19.04.2004, 20:59 Uhr 0 1

Traumberufe im Test

Sprengmeisterin

Mit Sonnenaufgang beginnt die Arbeit auf einer Baustelle in Oberhof im Thüringer Wald, mit einem Kaffee und der Lagebesprechung. Die zehn Männer im Container mit dem Schild »Bauleiterbüro « starren mich an und kichern. Als wären sie die Mädchen und nicht ich. Roland Henkel hat an diesem Tag das Sagen, er ist der Sprengmeister. Und ich bin Sprengmeisterin, endlich. Als Kind war es das Größte, aus Holzbauklötzen einen Turm zu bauen, nur um ihn dann mit einem Jauchzer zusammenkrachen zu lassen. Dann sah ich irgendwann die erste Sprengung, sammelte Bilder von Schornsteinen, die zusammengefaltet wurden, und Fabrikanlagen, die implodierten. Im Osten eine genügsame Leidenschaft, hier wurde sowohl vor als auch nach 1989 viel gesprengt.

Sprengmeister Henkel und ich laufen mit einem Trupp Männer die Strecke ab, die später abgesperrt wird. Roland Henkel gibt Anweisungen, wie der Nachmittag ablaufen soll. Seit zwanzig Jahren ist er Sprengmeister, doch gesprengt würde immer weniger, »weil die Abrissmaschinen immer besser werden. Sprengen ist teuer, mittlerweile mach ich vielleicht so 20 bis 35 Sprengungen im Jahr«.

Der Nieselregen wird zu dichtem Nebel und gefährdet die Sprengung. Roland Henkel beginnt aber trotzdem, die Sprengschnüre zu verbinden. Wir stehen in der Ruine, da wo mal die Hotellobby gewesen sein muss. In den letzten zwei Tagen haben die Bauarbeiter 1434 Löcher in die Wände gebohrt. In jedem steckt ein Zünder, gefüllt mit dem Gemisch Gelamon-22. Insgesamt werden 120 Kilogramm Sprengstoff das Haus umfallen lassen. Wo wie viel Sprengstoff angebracht werden muss, hat ein Statiker errechnet. Es enttäuscht mich, dass die eigentliche Kunst, zum Beispiel einen Schornstein vierfach ineinander knicken zu lassen, gar nicht zum Beruf Sprengmeister gehört.

An die roten Zündschnüre sind gelbe Zündschläuche geklammert. Diese wiederum sind mit den Zündern in den Löchern verbunden. Das Ganze sieht harmlos aus, wie eine farbenfrohe Wäscheleine. Der letzte Schritt: Wir messen den Widerstand: 28,3 Ohm. »Alles okay«, sagt Roland Henkel. Am Widerstand ist zu erkennen, ob alle Zünder angeschlossen sind.

Ein Bauarbeiter schaut an der Ruine hinauf, dahin, wo einmal die Balkons waren. »Ich hab das Haus mit aufgebaut, hab die ganze Elektrik da drin gemacht.« Jetzt hilft er als ABM-Kraft dabei, es wieder einzureißen. Plötzlich tut mir das Haus leid. Ich will nicht, dass es verschwindet. Obwohl nicht mehr viel davon übrig ist. Diese Ruine hat nichts mit den Bildern von 1975 zu tun, die mir Roland Henkel zeigt. Damals wurde das Hotel als FDGB-Ferienheim gebaut, 551 Betten standen darin, und meine Eltern verbrachten 1976 ihre Hochzeitsreise dort. Aber ein Sprengmeister arbeitet nun mal da, wo Gebäude nicht mehr gebraucht werden.

Außerhalb der Absperrung ist die Hotelruine nur noch ein Schatten, so dicht ist der Nebel geworden. Sprengmeister Roland Henkel hat entschieden: Wir sprengen trotzdem. Es ist 14.18 Uhr. Der Sprengmeister dreht die Kurbel am Auslöser einige Male, dann legt er sie um. Der Knall, mit dem das Haus einstürzt, lässt mein Herz kurz stolpern. Dann ist von dem 30 Meter hohen Hotel nur ein Berg mit riesigen Betonplatten übrig, und dann fangen auch schon die Bagger an, den Schutt wegzuräumen. Roland Henkel sieht zufrieden zu."Wichtige Links zu diesem Text"
Traumberufe der NEON-User

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