Patrick_Bauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 1

Spruch, Satz und Sieg

SCHLAGFERTIGE haben es leichter im Job. Weil sie auffallen. Aber kann man die Kunst des K.-o.-Spruchs trainieren?

Wenn Sie diesen Text lesen, habe ich meinen Job wahrscheinlich schon verloren. Und schuld daran ist: dieser Text. Ich glaube, ich habe es etwas übertrieben. Ich glaube, ich habe einen Schlag weg. Das war jetzt die Methode »Maßloses Übertreiben«, soweit ich mich erinnern kann. Eine gute Methode. Sagt der Chef zu Müller: »Ihre Krawatte sitzt schief!« Antwortet Müller: »Stimmt, ich wollte mich gerade erhängen! « Wenn ich nur wüsste, wer Müller ist und aus welchem Ratgeber ich diese Taktik entnommen habe! Ich hatte keine Ahnung, wie viele Techniken zur Schlagfertigkeit es gibt. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse.

Als ich vor kurzem im Büro des Textchefs stand und mir mitgeteilt wurde, ich solle gefälligst einen Artikel zum Thema »Schlagfertigkeit im Job« schreiben, sagte ich zunächst gar nichts. Heute weiß ich, dass die magische Grenze vier Sekunden beträgt. Vier Sekunden, innerhalb der ein verbaler Gegenschlag erfolgen muss. Sonst, so Rethorikexperten, ist es zu spät für einen Wirkungstreffer. Nach gefühlten zehneinhalb Sekunden sagte ich: »Hm, okay!« Wollte aber eigentlich noch fragen, was genau das heißen soll – Schlagfertigkeit. Abends im Bett dann grübelte ich weiter und ärgerte mich. Warum hast du nicht gefragt? Wieso hast du so blöd geschwiegen, Trottel! Am nächsten Morgen stieß ich auf ein Zitat von Mark Twain: »Schlagfertigkeit ist das, was uns 24 Stunden später einfällt.« Man sollte ja sparsam umgehen mit Aussagen, die mit »Wir alle kennen das« beginnen, aber wir alle kennen das: Vor dem inneren Auge werden die spektakulärsten Szenen des vergangenen Tages abgespielt – und fast wäre alles geklärt, so weit abgehakt, verdrängt. Man könnte das Kapitel »Heute« schließen wie einen vollgepackten Koffer. Aber da klemmt was. Er will und will einfach nicht zugehen. Mist, denkt man sich, ich hätte diesem unverschämten Busfahrer die Meinung sagen sollen. So richtig. Ob ich das Fahrgeld nicht kleiner hätte? Nein, verdammt, ich bin Ihnen wohl eine Nummer zu groß, oder wie? Super Konter …wäre das gewesen.

Letztens klingelte mich meine Freundin aus dem Schlaf, sie klang aufgebracht. »Ich muss dir noch was sagen!« Ich hatte sie wohl als hysterisch bezeichnet einige Stunden zuvor, woraufhin sie nur beleidigt die Wohnung verlassen hatte. Nun haspelte sie: »Wenn du mit hysterisch meinst, dass ich auch mal Gefühle zeigen kann, dann bin ich gerne hysterisch!« Sie legte auf. Es schien, als habe sie diesen Satz unbedingt noch loswerden müssen – und als wäre sie ziemlich wütend, dass er ihr nicht früher eingefallen war. Es ist unbefriedigend, im entscheidenden Moment sprachlos zu sein. Und es nervt, von manchen Menschen ständig sprachlos gemacht zu werden. Aber gerade im Joballtag gerät man immer wieder in Situationen, die eine schnelle verbale Reaktion erfordern. In der Konferenz, wenn man unvorbereitet über die Fortschritte irgendwelcher Projekte fabulieren soll. In der Kantine, wenn der Kollege von der Seite bemerkt, das grellgrüne Jackett sei, nun ja, etwas gewagt. Oder der Schleimer vom Dienst, der in großer Runde Kritik übt. Dann kribbelt es innerlich, man möchte etwas entgegnen. Doch man ist wie gelähmt, kann keinen klaren Gedanken fassen – vor Wut, vor Scham, vor Aufgeregtheit. Mit jeder Sekunde, die man verstreichen lässt, stotternd oder schweigend, wird eine Antwort unsinniger. Es ist zu spät. Damit muss man leben. Mit jedem Mal wird der Frust größer – und rückt der Tag der bedingungslosen Replik näher.

Wenn das zu martialisch klingt, dann liegt es daran, dass ich Konversationen mittlerweile für »Duelle« halte, eine Antwort ist ein »Degenstoß«, ein Spruch kann zur »Attacke« werden. Ich habe Fachliteratur gelesen. Schlaue Jobratgeber. Sie tragen Untertitel wie »Schluss mit Stottern, Drucksen, Rotwerden« und beginnen etwa so: »Schlagfertig zu sein, ist gut. Für jeden Mann. Weil es das Gegenteil ist von tranig, langweilig, unvorbereitet und überfordert. Und weil es die Karriere fördert.« Da liest man, die Schlagfertigkeit sei wie ein Tennismatch. Der Gegner donnert einen Aufschlag in mein Feld, und ich darf nicht lange überlegen, wie ich am besten retourniere, sondern muss sofort den Ball annehmen. Ich muss punkten. Je länger ich über meine eigene Schlagfertigkeit nachdachte, desto mehr bekam ich den Eindruck, ich sei bisher die Lusche gewesen, die ihren Schläger einfach fallen lässt, sich auf den Ascheplatz setzt und mit großen Augen zusieht, wie die blöde Filzkugel davonspringt. Ich bin ausreichend eloquent. Dachte ich. Wie heißt es: nicht auf den Mund gefallen. Ich kann mich einigermaßen ausdrücken, auch vor vielen reden, und wenn ich in Form bin, klar, dann bekomme ich auch mal einen guten Kommentar hin, der andere zum Lachen bringt. Deswegen platze ich nicht in jedes Gespräch hinein oder rechne stets damit, noch einen draufsetzen zu müssen. Das könnte eventuell penetrant werden, nicht? Ich wusste nicht, dass mein Sprachzentrum allzeit bereit sein muss, wenn ich beruflich was erreichen will, dass ich stets das letzte Wort haben sollte – um kompetent zu wirken und zielstrebig und selbstbewusst.

Schnell jedoch saß ich über einer Liste mit »279 Verbalattacken« und lernte sie auswendig. Kollege: »Sie blöken wie ein Hammel!« Ich: »Wie definieren Sie Hammel?« Vorgesetzter: »Was Sie da sagen, versteht kein Mensch!« Ich: »Alle anderen haben es verstanden!« Besucher: »Sie haben aber ein enges Büro!« Ich: »Wie haben Sie eigentlich Ihre Wohnung gefunden?« Firmenfiesling: »Schlägst du deine Kinder?« Ich: »Ja, genau das tue ich!« Tischnachbar: »Mein Gott, siehst du fertig aus!« Ich: »Du bist eben mein Vorbild!« Pauschalvorwürfe. Versteckter Gegenangriff. Feststellungsfrage. Aushebeln.

Stopp! Es wurde Zeit, derlei praxisnahe Strategien zu testen. Vor lauter Verbalschattenboxen hatte ich diesen Text vernachlässigt. Der Chef stand plötzlich an meinem Schreibtisch.
»Patrick, wo bleibt der Artikel?«
Ein Angriff, definitiv. Witz! Schnell!
»Nun, Gründlichkeit braucht ihre Zeit!«
»Bitte was?«
Ein hartnäckiger Fall. Voll zu sich stehen!
»Das habe ich genauso gemeint!«
»Patrick, alles in Ordnung?«
Er wird persönlich! Erst mal Zeit gewinnen.
»Wie genau definierst du ›in Ordnung‹?«
»Ähm, irgendwie bist du komisch heute.«
Ha! Er ist in die Falle getappt. Jetzt ein Konter aus der Rubrik »Unerwartetes Zustimmen«!
»Du hast vollkommen Recht.«
Den restlichen Verlauf des Gesprächs verschweige ich. Der Kommunikationsberater Marcus Knill sagt: »Im Beruf belasten sich viele mit antrainierten Schablonensätzen.« Und vielleicht ist es ja auch ein antiquiertes Bürobild: die Idee von verbissenen Egokämpfern, von fiesen Fallen überall. Fest steht: Ich habe hier das letzte Wort. Ich sage: Einfach mal die Klappe halten!



Kerstin Weder, 22, Schauspielerin
»Wie wichtig Schlagfertigkeit ist, merke ich in Besetzungsgesprächen. Die sind schwieriger als ein Dialog vor Publikum. Man gibt
mehr von sich preis, muss im richtigen Moment die richtige Antwort geben. Ohne Drehbuch. Letztens wurde ein Vorspiel von mir abgebrochen. Ich habe spontan widersprochen und mich verteidigt. So wissen die Juroren: Wenn Kerstin im Alltag schlagfertig
ist, wird die bei der Vorführung auch keinen Kloß im Hals haben.«

Vanessa Manten, 23, studentische Unternehmensberaterin
»Ich rede viel und direkt. Wenn ein Manager im Meeting eine pinke Krawatte trägt, dann kann ich darüber genauso scherzen
wie über einen eigenen Versprecher. Und wenn ich die Atmosphäre auflockern will, dann bringe ich auch mal ein paar Kalauer
in meinem rheinischen Heimatdialekt. Das kommt intuitiv. Ich vertraue meiner Außenwirkung einfach. Wer sich versteckt,wirkt
auf Kunden einfach nicht erfolgreich.«

Simon Schwartz, 23, Illustrator
»Wenn man schlagfertig ist, bekommt man mehr Aufmerksamkeit. Ich weiß, was ich kann. Also sage ich auch, was ich denke.
Ich muss nur aufpassen, mich damit nicht unbeliebt zu machen. In der Uni, bei Professoren oder auch bei Freunden, die ich
necke. Ich denke, Schlagfertigkeit ist eine Mischung aus Dreistigkeit, Charme und Wissen. Es sollte witzig rüberkommen, nicht
bösartig. Außerdem muss man auch einstecken können. Schlagfertigkeit funktioniert nicht ohne Nehmerqualitäten.«

Zafer Isler, 31, Musikpromoter
»Schlagfertigkeit kann man nicht lernen. Denn dazu gehört, sich nicht zu verstellen. Unsere Künstler würden merken, wenn ich unnatürlich locker wäre. Ich glaube, sie schätzen viel mehr, wenn ich normal mit ihnen rede. Viele verwechseln Schlagfertigkeit mit Frechheit. Ich sehe sie dagegen als ein Talent, Menschen zu begeistern, zu motivieren oder zu bremsen. Schlagfertig ist auch, sorry zu sagen, wenn man mal über das Ziel hinausschießt.«

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