Coogar 26.07.2006, 16:47 Uhr 14 2

„Spieletester? Das war immer mein Traumjob als ich klein war.“

Leider war es aber nicht meiner und klein bin ich auch nicht mehr.

Die meisten Leute denken, ich hätte überhaupt keinen Grund, mich zu beschweren bei DEM Job. Und irgendwie haben sie recht. Ich beschwere mich aber trotzdem. Und möchte als erstes mit den Klischees aufräumen.

1. “Das macht doch bestimmt Spaß den ganzen Tag Spiele zu spielen!“
Ich möchte denjenigen sehen, der Spaß daran hat, 7 Stunden am Tag einen kleinen Jungen mitsamt seinem bescheuerten Affen durch einen virtuellen Zirkus, wahlweise Gemüsegarten zu bugsieren, das Ganze ungefähr zehnmal in Folge, um dann die letzte Stunde damit zu verbringen, mit den Übersetzern einen Streit vom Zaun zu brechen, da es sehr wohl einen Unterschied macht, ob der Text im Spiel „damit dir die Tiere ihre Zahl zeigen“ oder „damit dir die Tiere ihre Nummer zeigen“ lautet.

Jedem, der sich auch nur ansatzweise mit Computerspielen beschäftigt, ist klar, dass ungefähr 90% aller Spiele auf dem Markt Müll sind. Wie kommt also jemand zu der Annahme, dass Spieletester sich ausschließlich mit den anderen 10% beschäftigen müssen?
Hat man dann doch einmal das Glück an einem guten Spiel mitzuarbeiten, lässt der Spaß relativ schnell nach, den auf den Spielspaß konzentrieren ist hier nicht. „Wie lange brauchst Du für das Playthrough?“ „7 Stunden.“ „Geht’s auch in 4?“ Klar geht’s auch in 4. Und gerne auch 4 Mal am Tag und am Wochenende und es bringt natürlich keinen um, wenn man endlich allen Text im Spiel ausgemacht hat, bis auf diese eine Zeile, die ganz am Ende auftaucht und dann crasht das Spiel und alle Speicherdaten sind verloren- es nervt nur ein bisschen.

2. "Da hast Du ja Zugang zu den neuesten Technologien!"
Nicht wirklich. Jedes Internetcafé scheint besser ausgestattet als der durchschnittliche Arbeitsplatz eines Testers, besonders was die PCs angeht. „Kann ich einen neuen PC bekommen, meiner hängt sich dauernd auf.“ „Aber du bist doch an der PS2!“ Ist wahr, ich muss aber trotzdem den halben Tag Fehlerberichte unter Zeitdruck schreiben, aber was ist das schon für ein Argument.
Nicht umsonst fallen alle Tester wie die Raben über die Tische ehemaliger Mitarbeiter her, kaum sind die aus der Tür. Wie sonst bin ich an funktionierende Kopfhörer und an eine Maus MIT Rädchen gekommen, hm? Und was die neuesten Platformen angeht: die tolle neue Xbox habe ich bisher auch nur im Internet gesehen.

3. "Da verdienst du doch bestimmt auch nicht schlecht, oder?"
Wir dürften die unterbezahlteste Angestelltengruppe in Dublin sein. Ich kenne niemanden, der weniger verdient. Darüber könnte man hinwegsehen, wenn einem dann nicht eines Tages das fertige Spiel im Laden zu einem stolzen Preis von 60 oder mehr Euro entgegenlacht. Klar, unsere Firma und die Spieleindustrie im Allgemeinen verdient einen Haufen Geld. Wir nicht. So ist das.

Unsere Firma bezahlt auch keine Krankenversicherung und nicht in die Pensionskasse ein, sondern umgeht diese Pflicht, indem sie nur zeitbegrenzte Verträge ausgibt, Sicherheit Null. Immerhin können wir uns ja glücklich schätzen, dass sie uns überhaupt angestellt haben.
Schon zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren wurde die komplette Mannschaft auf Anordnung aus den USA gefeuert, um Geld einzusparen und danach wieder neu aufgebaut. Die Neuen bekommen kein anständiges Training und werden nicht nach Qualifikation, sondern nach Verzweiflungsgrad der Manager eingestellt („Wir brauchen 40 neue Leute für dieses Projekt, findet sie, egal wo, egal wen!“). Gerne enden solche Aktionen im Anheuern ganzer Horden von Kindergartenkindern, deren Erscheinen eine Reihe von Rundemails der Administration nach sich zieht (“Bitte achtet auf Eure Körperhygiene, es gab Beschwerden über unangenehme Gerüche.“, „Bitte haltet die Kantine sauber.“, „Bitte pinkelt nicht auf und neben, sondern IN die Toilette.“) Entsprechend sehen die Projekte am Ende aus. Spiele, in denen Passagen komplett zerschossen sind, überlappende Texte, korrumpierte Graphiken.
Manchmal werden solche Fehler auch schon im Testverlauf festgestellt und Bericht erstattet. „Keine Zeit, das zu beheben.“ heißt es dann oft lapidar und man fragt sich, warum man überhaupt erst versucht, anständige Arbeit hinzulegen.

Ist das Projekt erstmal rum, kann es schonmal passieren, dass man die nächsten acht Wochen vor dem Rechner sitzt und Däumchen dreht, bis das nächste Projekt startet. Riesenspaß, das!
Ich habe jedenfalls die Schnauze voll. Und wenn ich nächstes Jahr von meinem Südamerika-Trip zurückkomme, suche ich mir einen richtigen Job!

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14 Antworten

Kommentare

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    göttlich, ich bin online redi bei nem magazin und ich kann das meiste nur bestätigen, ^^ nur dass ich an meinem heimrechner testen kann und garkein gehalt bekomme

    20.11.2006, 17:02 von Freundschaft
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    Interessant geschrieben und nachvollziehbare Erfahrung. Mein Ausflug in dieses Metier (auf Projektbasis) verschlug mich immerhin für insgesamt 3 Monate erst nach Paris und dann nach Kanada. Aber das Grundsyndrom - "Echt, du machst XY? Wow, toll, dann wirst du ja quasi für Spaß bezahlt!" ist, glaube ich, weiter verbreitet ...
    Was das Thema Brett-/Kartenspiele testen angeht: Die meisten Testgruppen sind ganz normale Familen oder Freundeskreise - die kriegen aber auch maximal ein Belegexemplar der getesteten Spiele.

    19.08.2006, 19:53 von sibee_di_frent
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    komisch ich war der ansicht das macht spaß!
    aber danke das du mir diesen irrglauben genommen hast!

    10.08.2006, 22:06 von b-button
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    Hi!
    Also wie du mit dieser bissigen Ironie über deinen Arbeitsplatz schreibst, muss er dir doch auch ein kleines bisschen gefallen, oder?
    *

    05.08.2006, 10:56 von Schternschen
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    hey ho,

    ist leider so, daß das testen in der IT irgendwie in projekten immer so ne art "zusatz-puffer" darstellt ,das projekt *muß* fertig werden und es ist verzug? wird halt weniger getestet.... aber ich stimme zu, es ist schon kakke, wenn man sieht, wie viel arbeit am anfang so zu ende hin zunichte gemacht wird...

    01.08.2006, 16:39 von neLLiTheKid
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      @herrSowieso Ganz einfach: In dem man es macht oder sich als solcher bewirbt ;)

      28.07.2006, 23:33 von Larzy
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    So ist es, das Testen! Der Job ist einfach undankbar. Zum Glueck hatte ich nette Kollegen, so hat das Drumherum noch Spass gemacht. Nochmal will ich es aber auch nicht machen ... .

    27.07.2006, 14:37 von neXen
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    Interessanter Einblick.

    Als eher minderbegabter Computerspieler (in früheren Tagen, als ich dafür noch Zeit hatte) frage ich mich schon lange: Wie schafft man es ohne Cheats, ein Spiel, das man noch nicht kennt, in 4 oder 7 Stunden durchzuspielen?

    27.07.2006, 10:15 von Flocke84
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      @Flocke84 *lol* Ja, das sind so die kleinen 'Tricks', die man so mit der Zeit mitbekommt. ZB Miami Vice auf der PSP (Hütet Euch vor diesem Spiel!) kann ein Kollege von mir in einer Stunde durchzocken. Welche Waffe er denn benutzte, fragte ich. Er daraufhin: Waffe? Du brauchst doch keinen zu erschießen, du rennst einfach durch, musst halt nur wissen wohin.
      Hat funktioniert.
      Man lernt das Spiel innerhalb von 3 Tagen bis zum Erbrechen gut kennen, wenn man muss ;)

      27.07.2006, 11:09 von Coogar
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      @Coogar muahahahaha.... wie mein kleiner Bruder

      27.07.2006, 15:23 von Ghandi
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      @[Benutzer gelöscht] Witziger Artikel. Ich stelle mir gerade vor, wie ich all die Spiele, die ich beim Stöbern mit einem mitleidigen Blick zurück ins Regal lege auch spielen muß ...

      @king
      Ich glaube, die Brettspieleindustrie ist fest in der Hand von Mathematik- und Physiknerds :)

      Aber der Artikel erklärt, wieso manche Spiele so katastrophal ausfallen. Da werden tausende von Stunden in irgendwelche Graphiken investiert, nur damit nachher der deutsche Vertreiber einen schrottigen Übersetzer/Synchronisator anheuert. Ich kaufe nur noch die englische Version, da bleibt mir das erspart.

      In eigener Sache: Als Jugendlicher wollte ich nen Rollenspielladen führen . Problem: 90% der Kunden sind verwöhnte und/oder beschränkte Wohlstandskinder, die ihre Kohle für Pokemon/Gamesworkshop Zinnfiguren oder sonst einen Müll verschleudern wollen. Argl!

      27.07.2006, 08:40 von Romeo_Flausch79
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      @[Benutzer gelöscht] Das ist bloß ne persönliche Beobachtung, alles ein induktiver Fehlschluß ;) Aber bei neinigen Spieleautoren istr mir das aufgefallen.Rainer Knizia ist m.E. der bekannteste aus der Mathematikerriege. Ich kann m ir vorstellen, daß ein gute Auge für Verteilungen und Wahrscheinlichkeiten dabei helfen, ein ausgewogenes Spiel zu entwerfen.

      27.07.2006, 14:21 von Romeo_Flausch79
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