sunworld 17.09.2009, 01:05 Uhr 0 0

Sneakers und Lederstiefel

Wenn sowohl Woche und Tag sich dem Ende neigen verwandle ich mich.

Unter der Woche sitze ich in großen, muffigen Hörsälen, wälze stapelweise Bücher über Staatssysteme und Theorien großer Männer, lebe von künstlichem Mensaautomatenkaffee und genieße abends daheim die Ruhe nach einem Tag Eliteunitrubel.

Doch meine Woche hat kein Ende. Wenn meine Kommilitonen sich aufs ausschlafen und Party machen vorbereiten und ein ohnehin großer Teil der Bevölkerung die Füße hochlegt, hole ich mein anderes Ich aus der Schublade. Und mit ihm viele tolle bunte Fummel, Federboas, Schminke, Lederstiefel, Masken usw. Meine Verwandlung dauert nicht lange, aber ich schminke mich stark mit viel Mascara, Lippenstift und Eyeshadow.
Dann bin ich für alle anderen nur noch ein anonymes Accessoire, ein tanzendes Stück Fleisch. Manche finden es geil, vor allem die Männer – die können es nicht verbergen. Sie stehen vor meinem Podest, sabbern und kriegen den Mund nicht mehr zu; manche versuchen mich anzufassen, allerdings nur ein Mal. Von den Frauen werde ich abfällig gemustert, sie suchen Makel und sagen ich sei billig und wahrscheinlich strohdumm. Das ist okay, das berührt mich wenig.
Ich ziehe oben auf dem Podest und manchmal auch an der Stange mein Ding durch, ich weiß, ich kann das – die Stange mit den Fingern umspielen, mit einer Drehung in die Hocke und dann geschmeidig gezogen mit dem Po zuerst nach oben. Ganz easy.
Es ist unglaublich heiß mit den Lichtern und auch nicht ungefährlich. Aber das ist meine Welt. Nach jedem Hüftschwung von mir machen es doppelt so viele Leute in der wogenden Masse nach wie vorher und doppelt so viele Männer können ihren Blick nicht mehr von mir lenken. Ich übe eine gewisse Macht aus und genieße das.
Ich bewege mich im Rhythmus der Musik, blende alles andere aus und bin nur da – in der stickigen, heißen Luft, wummernde Musik und blendenden Lichtern.
Die Alltagsorgen über Geld, Uni und Co hab ich in diesen Momenten hinter mir gelassen.

Nach drei bis vier Runden ist Schluss, ich kann sowieso nicht mehr. Von der schlechten Luft bin ich schon ganz heißer und mir trieft der Schweiß herunter. Im Morgengrauen fahre ich nach Hause, dusche mich und bin nach wenigen Stunden Schlaf wieder die sneakertragende Studentin.

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