pjerre_vulgaer 07.01.2010, 15:18 Uhr 3 0

Sehr geehrter Herr Wahnsinn

gemäß Ihrer Stellenausschreibung und auf Zwang wende ich mich an Sie, um mit Ihnen über meine berufliche wie persönliche Misere zu sprechen.

Geschätzte einhundertzweiundfünfzig verschissenene Bewerbungen, dreizehn Vorstellungs-gespräche, dutzende Ablehnungen, noch mehr Ignorierungen firmenseits, an die Verleumdung heranreichende trotzdem nichtsnutzende Behauptungen in meinem Lebenslauf, und was resultiert daraus? Dass ich eine Anstellung als Warenverräumer oder ähnlichem Mist, unter dem Tariflohn bezahlt, annehmen werde. Anders gesprochen staatlich verordnete Ausbeutung, denn angehalten wird man bereits beim ersten Treffen mit seinem Vermittler, alles anzunehmen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die Drohung, das Arbeitslosengeld zu streichen, wird man zwar erstmal nicht zu Hören bekommen, dafür aber einen Stapel unzumutbarer Vermittlungsvorschläge bei semi-illegalen Briefkastenfirmen, die nur geil auf den Vermittlungsgutschein sind, was quasi auf dasselbe hinauskommt, denn diese Vorschläge werden mit der schriftlichen Verpflichtung einhergebracht, sich entweder zu bewerben oder in Schwierigkeiten zu stecken, sprich eine Sperrzeit zu kassieren.
Ich habe mir das echt nicht so schlimm vorgestellt, als ich vor fünf Jahren, mit zarten sechzehn Jahren, wie alle anderen über Hartz IV und seine Folgen diskutiert habe. Damals war ich doch glatt, und wer kann das schon von sich behaupten, ohne sich heute zu Tode schämen zu müssen, auf der Seite der Anhänger der Reform, ich fand das Konzept des Fördern und Forderns durchaus vertretbar für die Betroffenen, ging es doch schließlich darum, den maroden Staat wieder flott zu kriegen. Was ich damals unterstützte, war mir, das muss zugegeben werden, nicht ganz klar, ist es auch heute noch nicht, was ist Hartz IV denn genau? Eine Zusammenlegung der Sozialhilfe und der Arbeitslosenhilfe, und da hört es eben auch schon auf, das Kollektivgedächtnis reicht nicht weiter. Der Mehrheit der Gesellschaft bleibt dieses Trauma ja zum Glück erspart, und was man nicht vor Augen hat, bleibt nicht im Sinn, ganz einfach.
Aber ich schweife ab, denn Hartz IV bezog ich ebenso wenig wie ebenjene Mehrheit, doch verschaffte mir meine ungewollte Arbeitslosigkeit diesen nicht ganz unwichtigen Einblick in die Belastung des Arbeitslos-Seins. Wie war es dazu gekommen?
Eigentlich wollte ich ja studieren gehen, hatte mich allerdings, und das auch noch in letzter Minute, nur bei einer Universität und für ein aus der notgeborenes Soziologiestudium entschieden, scheiß Numerus Clausus halt. Statt einer Zusage, mit der ich wahrscheinlich nur halb etwas anfangen hätte können, hagelte es eine Absage, was mich in ein Loch fallen ließ, perspektiv- und ideenlos irrte ich im folgenden Monat quer durch Ost- und Südeuropa, von wegen Selbstfindung und so, doch als ich im Oktober wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte, war ich zunächst dermaßen radikal verliebt, dass ich nicht sah, dass mir keine Optionen zur Lösung der vertrackten Situation eingefallen waren, mir war die Zukunft in diesen Momenten gelinde gesagt schnurzpiepe, und dass ich mich bald im Heer der Arbeitslosen einzureihen hatte, war mehr einer Fata Morgana ähnlich weit entfernt am Horizont denn eine anzufassende Realität vor meinen Augen.
Ich meldete mich bei meiner Bezirksagentur, die mich zum Spezialisten meines Genres hinüberreichte, dem Amt für jugendliche Arbeitslose unter Fünfundzwanzig ohne Berufsausbildung, dieser Prozess zerrte sich schonmal über mehrere Wochen hin, bis ich endlich am Tisch von Herrn Behrendt, meinem Vermittler, landete, einem glubschäugigen alten besserwisserischen Sack, dem übelsten Typ Vermittler, dem ich hätte begegnen können.
Das übliche Procedere startete nun. Daten über Daten wurden gesammelt, ich ging zur Berufsberatungsstelle, die mir nicht mehr sagen konnte, als ich schon wusste („Also Ausbildungen in ihrem Bereich gibt es kaum welche, machen sie über das Jahr ordentlich Praktika, sammeln sie Erfahrung, das kommt bei Arbeitgebern später sehr gut an.“ Ach echt?!), weiterhin vergammelte ich meine Zeit, private Probleme wechselten sich mit harmonischen Zeiten ab, alles kein Grund zur Sorge für mich, stoisches Ignorieren offenliegender Problematiken wurde einer meiner Spezialitäten. Bis zu dem Tag, an dem sich das wahre Gesicht des Arbeitsamtes schonungslos offenbarte.

Nicht davon zu sprechen, dass ich durch mein schlecht vergütetes Freiwilliges Soziales Jahr ein äußerst mieses Arbeitslosengeld kassierte, damit war noch nichtmal die Miete einzutreiben, ich lebte auf der Tasche meiner Eltern. Ebenfalls nicht davon zu sprechen, dass für jedes Anliegen unterschiedlichste Anlaufstellen unterschiedlichsten Arbeitsfleiß an den Tag legen. Und erst recht nicht davon zu sprechen, dass man sich, so sehr sich die netten Frauen am Empfangstresen auch dagegen bemühen, ständig dabei ertappt, sich für sich selbst zu schämen, für sein Unvermögen, sein Leben selbst in den Griff zu kriegen. Das Arbeitsamt ist der Ort des Versagens, wenn er denn nicht der Ort des Schmarotzens ist, ich will das nicht abstreiten, wer keine Perspektive und kein Geld hat, fängt an, seine Möglichkeiten anderweitig auszuschöpfen, eine andere Form der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Nur, jedes Mal, wenn man aus der Tür dieser Anstalt tritt, fühlt man sich als das wertloseste Stück Genmaterial auf Erden. Irgendwas ist da nicht in Ordnung, entweder in meinem Selbstbewusstsein oder im Umgang der Vermittelnden zu mir.
Zu sprechen kommen muss ich aber auf die Methoden, mit denen versucht wird, jugendliche Arbeitslose ohne Berufsausbildung in Lohn und Brot zu stopfen. Das Kennenlerngespräch mit meinem Freund Behrendt verlief dabei noch ruhig, außer einem Haufen Papiere erntete ich kaum etwas, doch im sogenannten Folgegespräch circa vier Wochen später haute mein Freund ordentlich auf den beamtlichen Putz. Er ließ mich nicht ausreden, als ich versuchte, meine vergeblichen Bemühungen im Hinblick auf meine Berufungsfindung zu erklären, er buddelte tief in der Rhetorikkiste, um mir klar zu machen, dass es meine verdammte Pflicht sei, nach einem, nach jedem Job zu suchen, Hauptsache er sei sozialversicherungspflichtig, Hauptsache er habe mich von der Backe, Hauptsache ich säße dem Staat nicht mehr auf der Tasche.
Weiterhin gab er mir vier Vermittlungsvorschläge auf den Weg, die, wie ich oben bereits erwähnten, nichts weiter waren als eine Frechheit, eine Zumutung. Man muss wissen, dass ein Vermittlungsgutschein, wie ihn die Zeitarbeitsfirmen sehen wollen, damit sie einen einstellen, zweitausend Euro Wert ist, und dass man ihn erst bekommt, wenn man über zwei Monate arbeitslos gemeldet ist. Ansonsten hat man die zweitausend Euro selbst zu bezahlen. Eine reine Abzocke des deutschen Staates oder meiner Geldbörse, hätte ich denn die Muße gehabt, zweitausend Euro aus eigener Tasche zu zahlen. Denn zwei Monate arbeitslos war ich zu dem Zeitpunkt nicht, geschweige denn, dass der geehrte Herr Behrendt sich die Mühe gemacht hätte, mir zu erklären, wie das mit dem Vermittlungsgutschein zu handhaben ist.
Ich bewarb mich folglich, ich musste es ja tun, denn ich wollte ja nicht riskieren, meine hundertsiebzig Euro monatliches Arbeitslosengeld zu verlieren. Dass ich diese Jobs in keinem Fall annehmen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt schon klar, doch dem Druck, den diese Vermittlungsvorschläge ausübten, hatte ich Mühe, standzuhalten. Ich war noch keine sieben Wochen arbeitslos und schon voll in die Mangel genommen, als wäre ich ein vorbestrafter Junkie, dem man nicht anders Herr werden könne, als ihm die Hölle heiß zu machen. Dabei hatte ich keineswegs mehr Däumchen gedreht. Seit Anfang November, also drei Wochen vor dem zweiten Treffen mit Herrn Behrendt, war ich auf der Suche nach Möglichkeiten, dem tristen Dasein der Arbeitslosigkeit zu entrinnen. Als ich aber nach der Meinung des Herrn Behrendt meine Hausaufgaben nur ungenügend erledigt hatte, war es mit der Scheinfreundlichkeit des Beamten zuende.
Nun gut, scheiß drauf, machst du halt, was er von dir verlangt. Dass man somit langsam seine Prinzipien verkauft, kommt einem leider nur höchst selten in den Sinn. Überdies wird die Frage, ob es denn normal sein dürfe, in einem Staat, in einer Welt zu leben, in der Arbeit zu haben alles, und arbeitslos zu sein nichts ist, in der Druck auf jene ausgeübt wird, die ihr Leben anders gestalten möchten, in der die Homogenität alles und die Vielfalt nichts ist, vor lauter dämlichen Bewerbungen für dämliche Jobs beiseite geschoben. Langsam aber sicher rutscht man selbst in die Gleichschaltungsfalle, angefangen bei der passenden Anrede im Anschreiben „Sehr geehrte Damen und Herren“ weitergeführt bei der genormten Beschreibung seines Lebens im Lebenslauf, geendet in der klammen Hoffnung, im Postfach schon bald eine „positive Resonanz und eine Einladung zum Vorstellungsgespräch“ zu sehen. Und da geht es dann weiter, bloß keine zu schlimmen Schwächen zum Vorschein kommen lassen, lieber etwas für einen vollkommen untypisch klingendes sagen. Man verleugnet sich selbst und ist auch noch froh darüber.
Was tat ich also? Ich bewarb mich, ging allerdings nicht ans Telefon, als sich die erste Firma bei mir meldete. Ich bewarb mich weiterhin bei über fünfzehn Unternehmen um die unterschiedlichsten Anstellungen, von den wenigsten habe ich bis heute ein Lebenszeichen erhalten. Ich tat das, um diesem Drecksack von Behrendt eine reinzuknallen, wochenlang sagte ich mir Sätze in meinem Kopf vor, die ich ihm an den Kopf werfe würde, ich freute mich auf seine Fresse, wenn er sah, was für einen grandios-designten Lebenslauf ich da zustande gebracht hatte, wenn er sah, wie viele Bemühungen ich in nur drei Wochen gemacht hatte. Was ich übersah, war die zunehmende Bereitschaft, in seinem Spiel mitzuspielen, tagelang fühlte ich mich elend ob meiner ausweglos erscheinenden Situation, ich wollte unbedingt einen Job ausführen, um mich nicht weiter wertlos fühlen zu müssen, um wieder in der Gesellschaft akzeptiert zu werden, um im Angesicht meiner Freunde nicht als Versager dazustehen. Er hatte mich da, wo er mich haben wollte, genau das sollte ja die Ausübung des Drucks bewirken. Dass man sich beugt und verdammt nochmal den Willen ausbildet, sich in die Gesellschaft zurück zu integrieren. Diese Verlogenheit!
Vor ein paar Tagen hatte ich folglich mein nächstes Gespräch mit Herrn Behrendt, der mir wie zu erwarten war eine vorzügliche Entwicklung attestierte, derart herausragend, dass er eine weitere Abmachung zu einem Termin für überflüssig erachtete, ich würde ja schon in wenigen Tagen wieder in der Arbeitswelt angekommen sein, so seine Meinung. Zu welchem Preis ist ihm da natürlich egal. Ich hatte mich angebiedert, ich war ohne mit der Wimper zu zucken soweit wie nötig von meinem Standpunkt abgewichen, um ihn zufrieden zu stellen, Opportunismus wird das manchmal diffamierend genannt. Da hilft es auch nichts mehr, dass ich jetzt wieder zurückrudere, so heftig es mir möglich ist, dafür ist es jetzt zu spät, morgen werden weitere Antworten in meinem Postfach gelandet sein, die mir ein Zeugnis sind für das mir mangelnde Rückgrat, nie wieder werden diese kapitalistischen Gedanken aus meinem Kopf verschwinden, die mir sagen, meine Seele zu verkaufen, um mehr Geld zu machen, nicht meiner Berufung, sondern der Kohle zu folgen. Ich bin hoffnungslos versaut, dem Arbeitsamt sei Dank. Gute Arbeit, Herr Wahnsinn!

3 Antworten

Kommentare

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    Der Arsch. Sagt einfach, du sollst dich bewerben, damit die Gesellschaft dich nicht bezahlen muss. Als voll arbeitsfähigen jungen Menschen.

    Dabei ist es voll gegen deine Prinzipien dich dem konformistischen, kapitalistischen System anzupassen.

    Aber Geld von dem fiesen System kassieren ist kein Problem für dich.

    Dich bei mehr als einer Uni zu bewerben dagegen schon. Oder dir mal selbst einen Job zu suchen.

    Wahnsinn. Echt.

    07.01.2010, 17:38 von coronaria
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    Dass die Arbeitssuche sehr frustrierend ist und sein kann, kann ich, aus eigener leidvoller Erfahrung, nachvollziehen. Aber, und das frage ich mich schon länger beim Lesen, was erwartest du? Dass dein Traumjob plötzlich vor der Tür steht. Dass das Arbeitsamt sagt "Nun machen Sie mal und wenn es fünf Jahre dauert bis Sie eine Ausbildung gefunden haben?"
    Vielleicht solltest du diese Zeit eher so sehen, wie viele Studenten Nebenjobs betrachten. Keine tolle Beschäftigung, aber so bezahlt man die Miete und kann gleichzeitig weiter an seinem (Berufs-) Traum basteln. Mit der Einstellung ist es mit nicht soo schwer gefallen Regale einzuräumen, hinter der Kasse zu sitzen oder nervige Kunden zu bedienen. Und dass du selbst bei einem Supermarkt nicht eine 30 Studen Stelle finden kannst, naja, sorry wenn ich das nicht so ganz glaube.
    Wenn dir dein Traumberuf so wichtig wäre, würdest du es machen, das ist jedenfalls meine These. Aber vielleicht auch, weil ich es nicht als Verrat an dem eigenen Lebensentwurf ansehe, erst einmal etwas anderes ungeliebtes zu machen um das Ziel über die Hintertreppe zu erreichen.
    Ansonsten erinnert mich deine Haltung zum Teil an eine entzückende kleine Punkerin die ich neulich auf einem Konzert getroffen habe. Wir unterhielten uns (sie ging noch zur Schule, 12. Klasse) und ich erwähnte, dass ich für eine Wirtschaftszeitung arbeiten würde. Dann durfte ich mir Kommentare anhören wie "Kapitalistin", "...dass du dich hier überhaupt hertraust!" usw. Lustigerweise musste sie dann kurze Zeit später gehen, Taschengeld alle, also holte sie ihr Vater (sah jedenfalls so aus) mit dem Benz ab....
    Nun ja, vielleicht habe ich auch das Prinzip noch nicht verstanden, nach dem man vom System das man bekämpft mitnehmen will, was geht...

    07.01.2010, 16:48 von Anduviel
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    Ja, das ist schon ne miese Sache vom Staat.
    Einfach jemanden unterstützen, der keine Arbeit findet.

    Bei deiner Rechtschreibung interessiert mich deine Laufbahn und deine Noten?!

    Gibst du dich bei deinen Vorstellungsgesprächen auch so wie in deinem Text:

    -mit verschränkten Armen, zurückgelehnt, Beine überschlagen

    "So, gib ma Job aber gut bezahlt, ok?!"

    Wenn man auf die Gesellschaft scheißen will, nichts mehr mit ihr zu tun haben will, -ACHTUNG, PHRASE - seinen eigenen Weg gehen will, dann bitte nicht die Gesellschaft anprangern, dass sie so lieblos mit einem umgeht.

    Ja, nenn mich ruhig konformes intolerantes konservatives Arschloch, das mit dem Strom schwimmt...

    07.01.2010, 15:41 von Surecamp
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