Schön, dass du da bist.
"Ist es komisch, wieder hier zu sein?" fragt mich Lisa. Sie ist heute die zehnte. Und bekommt dieselbe Antwort: "Nein, eigentlich nicht, schön ist es"
Ganz schön komisch, wenn man ehrlich ist. Aber Ehrlichkeit hab ich mir abtrainiert, im letzten Jahr als Mitarbeiterin dieser Firma, die nicht mitarbeitete. Aus gutem Grund, oder schlechtem, wenn man die nicht offizielle aber sehr deutliche Haltung meiner Vorgesetzten als Maßstab nimmt.
"Schön, dass du wieder da bist", sagt Kristin. Ich gebe nicht gern zu, dass sie in etwas besser ist, als ich, aber ihre Unehrlichkeit ist perfekt. Wahrscheinlich würde sie sich freuen, wenn sie wüsste, dass ich sie mindestens so ungern sehe, wie sie mich. "Ja, schön", sage ich.
Richard kommt vorbei und freut sich ehrlich: "Schön, habt ihr euch also gefunden, ist ja keine gute Lösung, dass ihr so weit auseinander sitzt". Weit? Ein Ozean zwischen uns und wir wären immer noch zu dicht beieinander: "Ach, so bewegt man sich mal ein bisschen, wenn man den anderen besucht", sage ich. Ich werde an Bewegungsarmut verenden, um dir nicht zu begegnen, denke ich.
Es gab eine Zeit, da mochte ich Kristin. Als sie zum Vorstellungsgespräch kam, mit diesem Lächeln auf den Lippen und der so aufrichtig wirkenden Begeisterung, da dachte ich: Die ist gut. Das hat sich bestätigt. Sie ist gut. So gut, dass sie jetzt meine Arbeit macht. Während ich am anderen Ende des Büros so tue, als würde ich auch arbeiten.
Ich arbeite daran, Fassung und Fassade zu bewahren. Daran, allen zu zeigen, dass ich gern hier sitze und gern das mache, was ich eben mache.
Ich bin auch gut. Lisa vertraut der Fassade in zwinkerndem Tonfall an: "Du machst das richtig. Ne ruhige Kugel schieben und dafür fett Kohle machen".
Sie hat nicht unrecht. Aber auch nicht recht. Es gab mal eine Zeit, da war ich nicht nur gut im so-tun-als-ob, sondern gut in meinem Job. Da habe ich Geld verdient statt es nur zu erhalten.
Jetzt zähle ich Minuten runter. Ich gehe heute um 16 Uhr. Früher habe ich für das selbe Geld bis 19 Uhr gearbeitet. 11 Stunden können kürzer sein als 8. Kristin läuft vorbei. Gestresst sieht sie aus. Ist das Neid, was ich spüre?
"Deine alte Abteilung, die arbeitet ja jetzt nur noch ab, was reinkommt, das läuft ja, dich brauchen wir für neue Herausforderungen", hat Oliver gesagt, mein Chef. Es ist nur ein Jahr her, dass ich auch von ihm dachte, er ist der beste Chef der Welt. Der ehrlichste Chef der Welt. Heute habe ich nicht nur meine eigene Unehrlichkeit perfektioniert, sondern auch, seine zu lesen: Kristin behält den Job.
Ich kann es verstehen. Sie ist perfekt. Weil ihre Begeisterung echt ist. Der Job ist ihr das Wichtigste. Bei mir wissen alle, dass er das nicht mehr ist.
16 Uhr. Ich schalte den Rechner aus. Mit den kreisenden Gedanken geht das nicht. Sie begleiten mich in Aufzug und Straßenbahn. „Hab ich alles richtig gemacht?“, „Kann man alles richtig machen?“, „Hab ich richtig gemacht, was wichtig ist?“
Ein Lachen beantwortet die Frage. Leuchtende Augen und ein Grinsen. Zwei Arme und zwei Beine die zum Sprint ansetzen. Hallo, kleiner Mensch. Schön, dass du da bist.




Kommentare
was ihr mädchen da unten alle ganz aufgeregt schreibt: mobbing, die anderen sind schuld, usw. - ist alles käse.
16.11.2011, 22:06 von libidoalles käse, denn den einen und größten grund gibt die autorin/protagonistin im text selbst: sie brennt nicht mehr, weil es etwas neben dem job gibt (kind), das ihr brennen abgezogen hat. und warum sollte ein chef jemanden, der weniger leistet, bevorzugen gegenüber jemand anderem, der mehr leistet und sogar noch weniger kostet (gabs da nicht mal einen text über den besten chef der welt und wieviel die autorin/protagonistin mehr verdiene als ihre kollegen? jetzt rächt sich das ausscheren aus dem gehaltsband eben zum teil..)?
vielleicht liegt der beigeschmack, der im "schön dass du da bist" erfahrbar wird, auch an der protagonistin selber. sie stellt ja auch eine bedrohung für andere dar. die welt hat sich eben ein bisschen weiter gedreht, als sie nicht da war. und vielleicht missgönnen ihr einige ihr privates glück ein bisschen und vielleicht auch noch ihre hohe / höhere positionierung im gehaltsband. da ist noch gar nichts im system falsch und die männer sind auch noch nicht schuld.
aber vielleicht liegt einer der gründe für die derzeitig von den frauen selbst wahrgenommene rolle auch in einer gerne eingenommenen opferpose. weils nämlich schlicht und einfach bequem ist, endlich einen (externen) schuldigen für das meinetwegen auch implizit initiierte rausfaden aus dem businesshamsterrad gefunden zu haben.
Der Aspekt ist sicher richtig, aber eben auch nur ein Aspekt.
17.11.2011, 08:30 von coronariaDie Entscheidung wurde ja vor der Rückkehr gefällt, der Chef ist also davon ausgegangen, dass sie als Mutter nicht mehr so gut ist wie vorher. Das erstickt doch jede vorhandene Motivation! Und es ist ein furchtbares Signal an andere Mitarbeiter: Bekomm ein Kind und du bist raus. Kann das so gewollt sein?
Ich denke, es muss nicht schlecht für den Job sein, wenn er nicht Lebensmittelpunkt ist. Aber dieser Chef wird das nicht rausfinden.
Ich gebe zu, von "mir" als "sie" zu sprechen ist auch merkwürdig. Literarisches und reales Ich vermengen sich hier manchmal zu sehr.
Also: Dass ICH als Mutter nicht mehr so gut bin wie vorher.
Nach ein paar Wochen wieder im Job möchte ich nämlich behaupten: Ich bin besser. Da wäre ich vorher nicht sicher gewesen, aber die Chance es zu beweisen wäre fair gewesen.
17.11.2011, 08:39 von coronaria
woher weißt du, dass du besser bist, wenn du keine entsprechenden aufgaben kriegst?
30.11.2011, 21:40 von libido..wie offen hast du mit cheffe über das thema gesprochen?
das mit dem kind, was einen empfängt (komisch, hat man dieses nicht auch empfangen? ;-), kenne und liebe ich. wie du. weil es schön ist.
Dooferweise haben wir die offenen Gespräche erst geführt, als er meiner Stellvertretung den Job schon zugesagt hatte. Das habe ich über Facebook erfahren („Ich bin jetzt Leiterin!“). Einen Monat vor diesem Eintrag hat der Chef noch davon gesprochen, ob ich früher zurückkommen kann. Von dem Eintrag bis er meiner (drängenden) Bitte nach einem Gespräch nachgekommen ist, ist ein halbes Jahr vergangen.
01.12.2011, 08:34 von coronariaZum Glück habe ich mir inzwischen wieder anspruchsvolle Aufgaben erkämpfen können. Der Job macht auch wieder Spaß.
Der Chef hat inzwischen (denke ich) auch eingesehen, dass er einen Fehler gemacht hat. Chefs sind ja nicht groß im Fehler eingestehen, aber es gab annähernd so etwas wie eine Entschuldigung.
Was er damit nicht ändert: Ich habe zwar einen Job, der mir wieder Spaß macht, gleichzeitig aber alle Aussichten, in dieser Firma Karriere zu machen, verloren.Ich kann gut damit leben – aber wenn mir jemand etwas über mangelhafte Frauenquoten in Vorstandsetagen erzählt, meldet sich manchmal ein leichter Würgereiz.
facebook hat im jobumfeld nichts verloren, außer man arbeitet im social media bereich.
03.12.2011, 15:30 von libidona, dann ist ja alles einigermaßen gut gelaufen. warum hast du die aussicht auf karriere verloren? du musst nur noch dafür sorgen, dass die andere auch schwanger wird ;-)
spaß beiseite: dranbleiben. und zur not eben mal den vater etwas mehr einspannen bei der kinderbetreuung.
Ich glaube, die ordnet ihren Kinderwunsch der Karriere unter und hat seit meiner Schwangerschaft schon zwei Partner verschlissen…Tauschen möchte ich da nicht! Mithalten aber auch nicht.
05.12.2011, 09:25 von coronariaDer Vater macht mehr in Sachen Kinderbetreuung übrigens mehr als ich. Die derzeitige krankes-Kind-Betreuungs-Quote liegt bei 4 (er):1 (ich).
"Da habe ich Geld verdient statt es nur zu erhalten." den finde ich gut. Ich glaub, manche brauchen wirklich erst so einen Impuls, wie das kleine Wesen, oder ein größeres Wesen, oder viele größere, einem wohlgesonnene große Wesen um einen rum, um die Augen geöffnet zu bekommen, da man selber oft nicht sieht, nicht wahrhaben will, was so ersichtlich ist.
05.11.2011, 10:48 von topfbluemchenVielleicht wäre es einfach gesünder, in einer anderen Firma völlig neu anzufangen.
03.11.2011, 12:21 von Jackie_GreyDann ist man nicht mit so viel Falschheit konfrontiert und hat auch nicht den schmerzlichen "vorher/nachher"-Vergleich.
03.11.2011, 14:56 von coronariaSo haben fast ohne Ausnahme alle in meinem Bekanntenkreis reagiert.
Mein Chef, der sich ein halbes Jahr hat bitten lassen, bevor er ein Gespräch zur Situation mit mir geführt hat, hat 5 Minuten gebraucht, um mir ein perfektes Zwischenzeugnis zu geben.
Er würde sich sicher freuen, wenn ich es benutze um mich woanders zu bewerben.
Aber so einfach mach ich es ihnen nicht. Wenn sie mir 50000 € im Jahr zahlen wollen, damit ich an meinem Schreibtisch sitze, irgendetwas recherchiere und bunte Bildchen male, dann ist das OK. Es gibt hier ja auch nette Menschen und Aufgaben, die ich mir aneignen kann.
Wenn sie das nicht wollen, dann müssen sie etwas tun. Ich werde nicht das Problem sein, das sich von allein erledigt.
Manchmal kann solch ein "Kampf" auch krank machen.
03.11.2011, 16:51 von Jackie_GreyGerade hab ich mich gefragt, was bei dir los ist.
03.11.2011, 09:04 von TaneaHatte mich an deine Schwangerschaft erinnert, und schwupp hier ist der Text dazu.
Na, willste den nicht wenigstens enier Chrisina Schröder oder ner Andrea Nahles per Mail schicken? Die können sich ja so gar nicht vorstellen, dass Frauen nach der Elternzeit diskriminiert werden.
Ich hab mal n Interview mit der Nahles gelesen, da konnte sie es sich sehr gut vorstellen. Natürlich erst nachdem sie selbst ein Kind hatte.
03.11.2011, 09:18 von coronariaAber ich frage mich auch, wie die Politik hier eigentlich viel ändern könnte? Gesetzliche Handhabungsmöglichkeiten hätte ich ja. Steuerliche Vorteile für die Beschäftigung von Müttern? Naja… Ich sehe es eher als gesellschaftliche Frage – was muss sich ändern, damit ein Kind im Arbeitsleben nicht in erster Linie als Problem wahrgenommen wird?
Was hättest du anders machen können?
01.11.2011, 15:28 von arglosdas ist die Frage. Wer hat die Antwort?
01.11.2011, 15:42 von coronariaGenau das will ich thematisieren! Das ist weder doof noch verallgemeinernd sondern der entscheidende Punkt.
01.11.2011, 13:53 von coronariaIch kann mit der Situation leben. Aber eigentlich sollte es solche Situationen nicht geben.
Das „schön, dass du da bist“ sollte keinen Beigeschmack haben…
Klar, sollte ich. Hab ich auch. Die Hälfte der Elternzeit habe ich mit zermürbenden Kämpfen mit dem Oberboss verbracht. Zum Schluss blieben mir drei Möglichkeiten:
03.11.2011, 08:26 von coronaria1. Klage -> da die Firma nicht riesig ist und ich eng mit dem bösen Boss zusammenarbeite, hätte ich dann nicht weiter hier arbeiten können
2. Aufsichtrat -> wie 1
3. Rausholen was geht und gute Miene machen -> so habe ich einen gut bezahlten Job mit sehr familienfreundlichen Arbeitszeiten und einem Boss, der sich nicht traut, etwas zu sagen, wenn ich um halb 4 gehe.
Für mich ist 3 denke ich am Besten. Ich frage mich aber, ob gesellschaftlich nicht 1 besser gewesen wäre...
Gefällt mir. Zeit zu gehen?
01.11.2011, 12:48 von freilaufmenschenRiesenscheiße.
01.11.2011, 12:29 von arglosAber gut.