Joules23 22.11.2010, 14:34 Uhr 15 16

Projekt "Zur letzten Ruhe"

Manche Menschen haben Jobs, die ihnen die Endlichkeit des Lebens ständig vor Augen führen. So auch Isa, die seit sie 16 ist Tote einsargt.

Ein zierliches Mädchen betritt den Raum, holt den weißen Kittel vom Haken an der Wand, nimmt zwei Latexhandschuhe aus der Pappbox auf dem Stahltisch darunter und schaltet das Radio ein. Sie geht langsam auf die schmale Bahre zu, entfernt vorsichtig das Leichentuch und beginnt konzentriert mit der Arbeit. Auch diesmal soll es wieder perfekt werden.

lsa W. (Name geändert) ist 16, als sie das erste Mal eine Leiche sieht. Aus Angst sich übergeben zu müssen, hat sie zuvor extra nichts gegessen. Im sogenannten Compassion-Projekt („mitleiden, sich einfühlen“) müssen alle Schüler der 10. Klasse des Seufert-Gymnasiums ein zweiwöchiges Sozialpraktikum zur Persönlichkeitsentwicklung absolvieren. Ihre Freunde sortieren Bauklötze im Kindergarten, Isa sammelt Leichenteile von Bahngleisen. Ihr wurde der einzige Platz beim örtlichen Bestatter zugewiesen.

Nach dem Praktikum kommt die 16jährige gegen den Willen ihrer Eltern wieder und bittet um einen Ferienjob. Junge Leute sind selten im Geschäft mit dem Tod, junge Frauen ganz besonders. „Die Arbeit will sonst niemand machen, obwohl man mit 14 Euro pro Stunde echt gut verdient.“, erzählt Isa. Den ersten Sommer über wird Isa in das Bestatterhandwerk eingewiesen: Sie lernt wie man Verstorbene abtransportiert, wäscht, anzieht und einsargt. Wie man offen gebliebene Operationswunden vernäht und Herzschrittmacher mit dem Skalpell herausschneidet. „Ich hatte zum Glück immer motivierte Kollegen, die gerne ihr Wissen teilten.“, schildert Isa. „Anders als in der Wirtschaft, wo jeder gleich Angst um seinen Job hat.“

Denn auch mit dieser Welt kennt sich die heute 23jährige aus: In wenigen Wochen schließt sie ihr Bachelor-Studium in Management und Sprachen ab. Sie spricht fließend Deutsch, Russisch, Englisch und Chinesisch, möchte am liebsten im Messe- und Projektmanagement arbeiten. Den ungewohnten Nebenjob als Bestatterin wird sie jedoch weder in ihren Lebenslauf aufnehmen, noch im Vorstellungsgespräch erwähnen. „Für mich ist es ein Job wie jeder andere, aber die Leute sind schockiert, die halten mich für verrückt.“, erklärt sie resigniert. Eine Bewerbung ist schon zurück-
gekommen – mit dem Rat „es“ für sich zu behalten.

Isa wird 1986 in Russland geboren. Als sie fünf Jahre alt ist, müssen ihre Eltern überstürzt flüchten, da gegen den Vater ein Erschießungsbefehl vorliegt. Die dreiköpfige Familie schafft es nach Westdeutschland und wird von amerikanischen Soldaten in ein winziges Örtchen im Steigerwald gebracht. Später ziehen sie in den Norden Bayerns, wo Isa aufwächst und zur Schule geht. Nach Russland ist sie bisher nur einmal zurückgekehrt, dort zu leben kann sie sich nicht vorstellen. Zu viel Korruption und zu wenig Gerechtigkeit gebe es dort. Ihre Großfamilie vermisst sie dennoch.

In den vergangen sechseinhalb Jahren hat Isa sechs bis sieben Beerdigungen pro Woche besucht, über tausend Verstorbene zurechtgemacht, über tausend Mal das Leid der Hinterbliebenen gesehen. Sie ist mittlerweile ausgebildete Seelsorgerin und darf Beratungsgespräche führen. Ob sie die Arbeit mit dem Tod traurig macht? „Es ist nicht meine Aufgabe traurig zu sein, ich mache Projektmanagement.“, meint Isa bestimmt. Leichen sind für sie wie Schaufensterpuppen.

Meistens zumindest. Als sie zum Beispiel eines Nachts ins Krankenhaus gerufen wird, um einer Mutter das tote Baby aus den Armen zu nehmen, gerät Isas nüchterne Haltung ins Wanken: „Ich hätte sie am liebsten umarmt, aber das geht ja nicht. Das sind ja fremde Menschen. Man muss ruhig bleiben, gefasst sein, es aussitzen.“

Wenn Isa von sich spricht, ist sie ganz ruhig. Sie sitzt aufrecht auf der Sofakante, die Hände zwischen den Knien eingeklemmt. Gelegentlich wippt sie mit dem Oberkörper vor und zurück. Ihre Haut ist blass, sie trägt kaum Makeup, das zarte Gesicht wird von langen schwarzen Haaren eingerahmt. Ihre Augen sind eisblau, wirken kühl. Doch ihr Blick ist lebendig und lässt noch eine andere Seite an ihr erahnen: Man sieht sie vor sich, wie sie am Wochenende als Sanitäterin in den Rettungswagen steigt, mit dem Ziel vor Augen Leben zu retten. Man spürt den Ehrgeiz, der sie selbst mit gerissenen Bändern auf ihr Pferd Enno treibt, um an den bayerischen Meisterschaften im Voltigieren teilzunehmen. Man erkennt den lebensfrohen Wirbelwind, der im Winter schwache Igelkinder pflegt, der kilometerweit mit Hündchen Mika joggt und immer unter Strom steht. Man versteht, warum sie sich selbst als „Stresspustel“ bezeichnet und der aufgekommene Eindruck von Gefühllosigkeit rückt endgültig in weite Ferne.

Das Mädchen schiebt den offenen Sarg durch eine schmale Seitentür die in Trauerhalle. Sie geht noch einmal langsam umher, rückt die schweren Kränze zurecht und zündet dutzende Kerzen an, bis der Raum als einziges Lichtermeer erstrahlt. Es soll ein würdiger Abschied werden. Dann nimmt sie ihre Handtasche, wirft einen letzten Blick zurück und verlässt die Halle. Sie will vor Ladenschluss noch ein bisschen Shoppen gehen. 

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15 Antworten

Kommentare

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    Gut geschrieben, leider wird der Tod in unserer Gesellschaft nicht als einzige Erlösung(die er doch oft ist) angesehen, sondern als absoluter Verlsut der irgendwann in welcher Weiße auch immer Verhindert werden muss.

    25.11.2010, 09:30 von Signum-weLove
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    "Isa wird 1986 in Russland geboren. Als sie fünf Jahre alt ist, müssen ihre Eltern überstürzt flüchten, da gegen den Vater ein Erschießungsbefehl vorliegt. Die dreiköpfige Familie schafft es nach Westdeutschland und wird von amerikanischen Soldaten in ein winziges Örtchen im Steigerwald gebracht."


    hmm. 1986 plus 5 = 1991. da gabs kein westdeutschland mehr. und seit wann machen amerikanische soldaten überhaupt in asylbewerberallokation?


    der rest liest sich wie ein projektbericht aus der schule. dort hätte es aber mindestens 12 punkte verdient.

    24.11.2010, 22:39 von libido
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    interessant , beeindruckend und sehr gut journalistisch geschrieben

    23.11.2010, 12:42 von Gluecksaktivistin
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    wäre es facebook würde ich auf "gefällt mir" klicken :)

    23.11.2010, 11:50 von NinaNichtsNutz
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      @NinaNichtsNutz stattdessen könnte man den Artikel auch einfach empfehlen...

      23.11.2010, 19:40 von thadeuspunkt
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      @thadeuspunkt Ja .. aber wenn man alles empfiehlt was man mag .. dann wird die Liste im Laufe der Jahre so lang, dass sie keiner mehr liest. Meistens empfehle ich darum wenn 2 Faktoren zusammenkommen: a) ich mag den Text und b) ich bin der Meinung, dass alle anderen den Text auch lesen sollen, denn er trifft vielleicht auch den Geschmack anderer oder ist vom Inhalt her so wichtig, dass meiner Meinung nach wirklich jeder ihn lesen sollte
      Allerdings lasse ich mich auch manchmal dazu hinreißen, dass nur a) erfüllt ist, muss ich zugeben.

      25.11.2010, 09:54 von Cyro
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    Respekt vor der Protagonistin. Kompliment für den Text.

    23.11.2010, 11:26 von Cyro
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    Der letzte Satz ist fürchterlich und ansonsten ein eher belangloser Lebenslauf.

    23.11.2010, 11:26 von Matsumoto
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      @lavish achso.

      23.11.2010, 16:37 von Matsumoto
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    jut!!

    23.11.2010, 11:25 von Icke_un_du_ooch
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    „Ich hätte sie am liebsten umarmt, aber das geht ja nicht. Das sind ja fremde Menschen. Man muss ruhig bleiben, gefasst sein, es aussitzen.“

    Warum geht das nicht? Warum tut man eigentlich nicht das, was das Herz einem sagt? Man muss ja nicht gleich umarmen. Aber ein lieber, aufrichtiger Händedruck, ein wenig Mitgefühl, ein mitmenschliches Wort, statt "es auszusitzen" wären wünschenswert, denke ich.

    Dieses Land braucht mehr Wärme.


    23.11.2010, 11:11 von Jackie_Grey
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      @Jackie_Grey jetzt wünsche ich mir einen "gefällt mir" button...

      23.11.2010, 11:21 von Rosa.Rose
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