Tobias_Kniebe 07.10.2004, 12:04 Uhr 0 2

Odysseus war das größte Schwein

Ist meine Firma anfällig für Intrigen? Ein Unternehmensberater erklärt, wie man das erkennt.

.Herr Pourroy, Sie sind einer der wenigen Menschen, die sich gern mit Intrigen befassen. Sie haben dem Phänomen sogar ein Buch gewidmet.
Ja, aber nicht aus Freude an bösen Machenschaften. Ich war früher Leiter der Abteilung Unternehmensentwicklung bei einem großen deutschen Technikkonzern. Eine wesentliche Frage war dabei immer, warum es Abteilungen mit vielen exzellenten Leuten gab, die als Ganzes überhaupt nichts zustande brachten - während andere Abteilungen hervorragend funktionierten. Das führte dazu, dass ich mich intensiv mit Kommunikationsverhalten beschäftigt habe, besonders mit Strategien zur Konfliktbearbeitung. Da ist die Intrige natürlich ein wesentliches Element.

Und sie ist, das gehört zu Ihren überraschenden Erkenntnissen, keineswegs immer schädlich für eine Firma ?
Moment. Ich sage durchaus, dass die Intrige in den meisten Fällen ein sozial vergiftetes Klima schafft, in dem sinnvolles Arbeiten nicht mehr möglich ist. Außerdem stelle ich unmissverständlich klar, dass sie mit dem Teufel im Menschen verbunden ist, also zur dunklen Seite unserer Existenz gehört.

Schon klar. Dennoch sagen Sie ?
Ich sage, dass die Intrige in manchen Fällen auch Konflikte auflöst. Stellen Sie sich zwei Abteilungsleiter vor, die sich monatelang offen bekriegen, ohne dass sich ein Sieger abzeichnen würde. Schließlich geht nichts mehr vor und zurück, alles liegt lahm. Dann denkt sich einer von beiden eine erfolgreiche Intrige aus, und plötzlich ist der andere weg. Das ist, systemtheoretisch gesprochen, durchaus positiv: Ein Machtkampf ist abgehakt, es gibt wieder Entscheidungen. So wirkt die Intrige als Ferment des sozialen Stoffwechsels, als eine Art Katalysator für Veränderungen.

Könnte man das nicht anders lösen?
Klar. Es kommt auf die Unternehmenskultur an. Wenn die Führung eindeutige und nachvollziehbare Richtlinien vorgibt und transparente Strukturen schafft, hat die Intrige wenig Nährboden. Dasselbe gilt für ein Kommunikationsverhalten, das den freien Austausch von gegensätzlichen Meinungen und Strategien erlaubt. Perfekt gedeiht die Intrige dagegen in Systemen, wo es als unfein gilt, Konflikte offen auszutragen, wo eine Kultur des Ja-Sagens herrscht, wo ein verordneter Konsens von oben erwünscht ist. Wenn Sie Ihre Firma in dieser Beschreibung wiedererkennen, seien Sie auf der Hut! In solchen Umgebungen gibt es die schlimmsten Intriganten.

Jetzt mal ganz praktisch: Wie erkenne ich das Schwein, das am Geheimplan zu meiner Entlassung arbeitet ?
Es gibt einen Test: Sprechen Sie einen Kollegen auf einen potenziellen Konflikt an, von dem Sie wissen, dass er dabei vollkommen anderer Meinung ist als Sie. Je förmlicher und glatter er antwortet, desto härter sind versteckte Angriffe, die Sie im Ernstfall von ihm zu erwarten haben. Vielleicht haben Sie es mit einem gefährlichen Intriganten zu tun.

Und was ist mit Kollegen, die mich ständig schlecht machen?
Vorsicht! Man sollte klar zwischen Intrige und Mobbing unterscheiden. Die Intrige ist immer ein heimlicher Plan, oft sogar ziemlich komplex. Die Überlegungen des Intriganten gleichen denen eines Schachspielers: Wenn dieser Kollege folgende Aktion plant, wird jener so reagieren, und wenn diese Information an meinen Chef gelangt, passiert vermutlich das und das? Mobbing dagegen findet offen statt. Es ist ein typisches, simples Kleingruppenverhalten, das man auch unter Wölfen, Schimpansen oder Löwen antrifft. Das ungeliebte Gruppenmitglied wird an den Rand gedrängt und fertig gemacht. Die Intrige dagegen ist eine Erfindung des Menschen. Sie kommt schon in den ältesten Epen vor.

Ihre Lieblingsintrige aus der Geschichte?
Sie stammt von dem großen Intriganten Odysseus, dem Erfinder des Trojanischen Pferdes. Einmal wollte er einen Kampfgefährten namens Palamedes loswerden. Also fälschte er einen Brief und sorgte dafür, dass andere Mitstreiter das gefährliche Schriftstück fanden. In diesem Brief bedankt sich der Feind bei Palamedes für einen Verrat - und zwar mit Gold. Palamedes wurde sofort angeklagt, beteuerte aber seine Unschuld. Dann allerdings fanden seine Kameraden Gold in seinem Zelt: Sein Schicksal war besiegelt, der Heerführer ließ ihn hinrichten. Das Gold wiederum hatte Odysseus natürlich vorher dort vergraben?

Und Ihre Lieblingsintrige der Gegenwart?
Zum Beispiel diese Palastrevolution beim Deutschen Fußballbund. Natürlich weiß man nicht, was genau passiert ist - aber bei den ganzen Telefongesprächen, die vor der entscheidenden Sitzung geführt wurden, da hätte ich schon gerne ein wenig gelauscht.

Gustav Adolf Pourroy
ist geschäftsführender Gesellschafter der Firma STRATACOM Consult GmbH in Martinsried. Seine wichtigste Dienstleistung beschreibt er mit »Konsensmanagement«. Sein Buch »Das
Prinzip Intrige« (1986, 8 Euro) ist im Buchhandel leider vergriffen, kann aber über web@stratacom.de bestellt werden.


Tags: Mobbing
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