daniel_bone 04.11.2004, 16:09 Uhr 3 0

Nur Pop im Kopp

Wenn mich die Leute fragen, was ich denn am liebsten mal beruflich machen möchte, antworte ich meistens: Musik.

Und obwohl ich weiß, dass ich nicht ganz untalentiert bin, kommen noch im selben Moment Selbstzweifel in mir auf. Vielleicht liegt das an meiner Vergangenheit als postpubertärer Pop-Punker. Zeit, eine kleine Retrospektive zu wagen:

Seit nun fast zehn Jahren spiele ich Gitarre und versuche mich als Liedermacher. Alles angefangen hat das, wie bei so vielen, mit der Idee eine Band zu gründen. Ohne auch nur einen Akkord greifen zu können, tat ich mich damals mit meinen zwei Freunden Deniz und Dennis zusammen, und wir kloppten unter dem glorreichen Namen „Kampfkühe“ munter drauf los. Vor unseren poppig-punkigen Stücken mit ihren pubertär-peinlichen deutschen Texten war von da an keiner mehr sicher. Auf jedem Bandabend und jedem Schulfest wurde gerockt bis die Seiten rissen. Oder die Anwohner sich beschwerten.

Auch wenn sich mir heute bei Zeilen wie „Honka ist frei, das find ich toll, denn Honka ist mein Idol“ oder „Ich wurd’ von meinem Lehrer misshandelt, er hat mich in einen Krüppel verwandelt“ die Nackenhaare sträuben und ich mich ernsthaft frage, was mir damals für Sachen durch den Kopf gingen, weiß ich um ihre Bedeutsamkeit. Jeder fängt mal an, man wird schließlich nicht als Superkomponist geboren. Musikhistoriker munkeln, dass selbst John Lennon zu Beginn seiner kreativen Schaffensphase den ein oder anderen schlechten Song geschrieben haben soll. Unglaublich. Insofern seien mir meine textlichen Fehltritte verziehen.

Weil wir der Meinung waren, zu einem richtigen Punk-Brett gehörten zwei Gitarristen, suchten wir uns bald Verstärkung. Mit Johann kam nicht nur ein wahres Entertainer-Talent in die Band, es änderte sich auch unser Name. Ab jetzt sollten wir „Am kahlen Aste“ heißen und die Welt mit weiteren Werken aus der Kategorie „hart an der Schmerzgrenze“ beglücken. Es folgten Auftritte vor Schülern und Lehrern, Eltern und Freunden, ja sogar vor Obdachlosen und Drogenabhängigen. Aber wir wollten mehr, weshalb wir uns bei einem von der SPD veranstalteten Bandwettbewerb bewarben. Mittlerweile leider nicht mehr dabei: Drummer und Gründungsmitglied Deniz. Dafür aber: Muckerprolet und Teufelsknüppler Lenny.

Der Wettbewerb erwies sich als voller Erfolg. Wir wurden von einem Talentspäher entdeckt und – um es ein bisschen abzukürzen – erhielten nach einem erfolgreichen Abendessen mit zwei dubiosen Produzenten und Probeaufnahmen in New York einen Plattenvertrag.

Dass wir mit „Score!“, so der dämliche Name der frisch gesignten Teenie-Combo, nicht berühmt wurden, lag in erster Linie daran, dass wir entgegen unserer Behauptungen nicht authentisch waren. Unsere Lieder kamen überwiegend aus der Feder eines Songschreibers. Die Texte waren entweder auch nicht von uns oder waren sinnentleerte Destillate aus Gesprächen mit den Produzenten. Zudem klang das Album schlichtweg schlecht produziert.

Trotz der eingeschränkten künstlerischen Freiheit, trotz der verkauften Seele und trotz des Bravo-Publikums, das wir bedienten, war es dennoch die ereignisreichste und lustigste Zeit meines Lebens. Playback-Auftritte bei „The Dome“ oder im „ZDF Fernsehgarten“ mit anschließenden, natürlich kostenlosen Besäufnissen. Eine kleine Tournee durch Deutschland mit eigenem Nightliner. Videoclip-Drehs und Studioaufenthalte, massig Plüschtiere und treue Fans. All das werde ich niemals vergessen und möchte es ganz bestimmt nicht missen.

„Score!“ zerbrach an ihren Misserfolgen und dem Druck eine bessere zweite Platte machen zu müssen. Nach fast 10 Jahren Bandmitgliedschaft stand ich also allein da.

Jetzt mache ich wieder Musik, zusammen mit meinem alten Schulfreund Deniz, auch unbekannt als der Don. Es ist wieder Pop und es sind wieder deutsche Texte. Aber diesmal werde ich mir nicht reinreden lassen, diesmal gibt es keine Kompromisse.
Vielleicht schaffen wir ja auf diesem Wege das, wovon sie alle träumen: das Hobby zum Beruf zu machen und davon leben zu können. Und wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Hauptsache die Leute hören auf mich mit der Zukunftsfrage zu nerven und ich höre auf andauernd an mir selbst zu zweifeln.

3 Antworten

Kommentare

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    Da muss ich ja zu meiner Schande gestehen, dass ich auch ein Album von "Score!" in meinem CD-Schränkchen zu stehen habe... Aber Naja, wie heißt der gern gesagte Unschulds-Spruch: "Wir waren ja noch Kinder"... Obwohl ich sagen muss, dass ich ein, zwei Lieder noch immer ziemlich gut finde (die ruhigen)

    Auch ich möchte gern mal Musik machen, man sagt mir, dass ich ein guter Bassist wäre. Mein Gott, ich hoffe, mich niemals verkaufen zu müssen...

    Wieauchimmer,
    Ratman

    25.08.2005, 09:52 von Ratman
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    Gefällt mir, vor allem, weil man da mal wieder sieht, wie viele von diesen kleinen, von der Plattenfirmen verhudelten Bands gehen, die es letztendlich doch nicht schaffen. Kennst du das Buch "Boygroup" von Tobias Elsäßer? Er hat eine ganz ähnliche Geschichte erlebt.

    13.01.2005, 16:22 von liebenacht
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      @liebenacht Nee, kenn ich leider nicht. Werde ich mir aber mal zu Gemüte führen. Danke für den Tipp.

      14.01.2005, 09:42 von daniel_bone
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