Siamese 30.11.-0001, 00:00 Uhr 11 14

Nur ihre Augen strahlen grün

Früh morgens, Tau liegt in der Luft, es riecht nach Frühling. Es ist still als ich die Wache betrete, vor mir liegt eine 24 Stunden Schicht.

Mit einem mal ein schriller Ton. Er durchschneidet die Ruhe mit einer unerbittlichen Brutalität.
"Verdammt, und das ohne Kaffee" murmelt Stefan und trottet zum Wagen. Ich folge ihm, drücke auf den Knopf und der Ton verstummt. Mit ihm sein mahnen nach Eile. Das Tor öffnet sich langsam, der Motor heult auf.
"Was liegt an?" frage ich.
"Drogenintox." Stefan drück drauf, das Blaulicht reflektiert in den Fenstern, die Fahrt über herrscht Schweigen im Auto. Erst einmal wach werden, sich sammeln. Keine fünf Minuten später sind wir angekommen. Eine schäbige, kleine Disco, stadtbekannt, sofern man dieses Loch hier Stadt nennen kann. wir nicken kurz dem Türsteher zu der müde und fröstelnd auf einem Barhocker kauert. "Scheisse, gut das heute Sonntags ist."
Stefan murmelt eine unverständliche Antwort. Drinnen massiert der Bass unsere Mägen. Lichter flackern an der Decke, es riecht nach Schweiß, Zigaretten und Alkohol. "War ja mal wieder eine wilde Nacht, was!?" Stefan nickt. An der Bar angekommen frage ich nur knapp
"Damen- oder Herrenklo?"
"Damen!"
"Ok, bis dann!"
Wir schaufeln uns einen Weg durch die Gaffer. Einige murmeln, einige schweigen, viele nippen einfach nur an ihrem Bier und genießen das Spektakel.
Der vor uns an der Wand kauernde Körper zeigt keine Regung, der rechte Arm liegt in Erbrochenem, schlaff und blass.
"Und, noch Puls da?"
"Jo, aber jetzt nicht so proppe."
Dann das übliche Programm, stabile Seitenlage, Mund ausräumen, Blutdruck, Zugang, Blutzucker etc. Man denkt nicht nach, man handelt nur.
"Ich hol mal den Doc dazu."
"Jo."
"Und schaff die Leute hier raus."
Etwas genervt versuche ich die leute aus dem Klo zu schieben. Doch nur schreien und drohen hilft, wie sooft.
"Scheiss Gaffer!" denke ich mir.
"Wann kommt der Arzt?"
"Ist in 7-10 Minuten da."
"Häng mal ne Ringer dran ich check nochmal die Vitalzeichen."
Wieder Routine, Puls, Blutdruck, Atmung. Das alles hat schon etwas bürokratisches.
Ich denke an meinen ersten Tag zurück. Ich wollte die Welt ein Stück besser machen, Menschen helfen. Doch blieb die Hintergrundmusik aus. Kein Leben retten, keine dankbaren Angehörigen, keine Genugtuung etwas besonderes geleistet zu haben. Statt dessen die Gewissheit das es immer nur um Macht geht, um Macht und Glück.
"Ich hab da ne Einladung zur Party bekommen!" Ich schrecke auf, Carsten, der Notarzt steht völlig übernächtigt in der Türe. Stefan grinst nur dämlich "Moin, na, gut geschlafen?"
"Jaja, du mich auch. Was steht an?"
"Drogenintox, Zungang ist schon gelegt und ne Ringer hängt dran, Vitalzeichen sind OK und der Blutzucker im Keller, ich mach mal schnell die G40."
"Was hat sie sich denn reingeschmissen?"
"Speed oder irgend so einen Scheiss. was weiss ich denn."
"Dann lass mich mal gucken, du kannst ja mal ne Probe nehmen." Jetzt grinst Stefan mich blöd an. Ich seufze nur und löffel etwas Kotze in eine Plastiktüte zur späteren Analyse im Krankenhaus. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Carsten wie er dem Mädchen etwas injiziert. Keine Minute später kommt Bewegung in den eben noch so leblosen Körper. Er zuckt leicht und das Mädchen öffnet langsam die Augen. Erst jetzt betrachte ich ihr Gesicht genauer. Sie sieht jung aus, vielleicht 18 oder 19 Jahre. Man sieht in ihrem Gesicht die Verzweiflung stehen, irgendetwas arbeitet in ihr, sie versucht die Situation zu greifen, eine Erklärung zu finden.
"Guten morgen!" schmettert ihr Carsten entgegen. "Die beiden jungen Männer bringen sie jetzt mal ins Krankenhaus, sie haben zuviel getrunken, waren unterzuckert und sind wohl auch ein wenig unter Drogen."
Er schaut und abwechselnd an. "Das schafft ihr ja auch ohne mich, oder? Wir sehen uns dann später." Wir nicken nur.
Ein paar Augenblicke später sitze ich hinten im Wagen, Stefan hat so früh am Morgen "keinen Bock auf Druffis". Die Türe knallt, es herrscht wieder stille. Nur der Atmen von ihr ist zu hören. Ich rattere die üblichen Phrasen herunter
"Machen sie sich keine Sorgen, wir fahren sie jetzt in Krankenhaus und dort wird man sie genau durchchecken. Wenn ihnen komisch wird, sie Schmerzen haben oder sonst irgendwas sagen sie bitte sofort Bescheid."
Doch sie schaut nur weg. Vorne höre ich nur das Funkgerät antworten, blechern, leblos, wie es immer klingt. Stefan schaut fragen nach hinten.
"Kann losgehen, aber ruhig zügig."
Der Motor startet, das Martinshorn schrillt in den Ohren. Wieder das Standardprogramm. Dann guckt sie mich an. Zum ersten mal. Ihre Haaren sind vom Schweiß verklebt, das Gesicht wirkt eingefallen, nur ihre Augen strahlen grün. Sie flüstert etwas, ich kann es kaum verstehen. Der Wagen schaukelt im Rhymtmus nach links und rechts, Stefan beeilt sich wirklich. Ich beuge mich zu ihr herunter, das Gesicht von ihr weggedreht, mit dem Ohr ganz nah vor ihrem Mund. Sie flüster wieder, doch diesmal verstehe ich es. Ich sinke wieder zurück auf den Sitz. Der fragende Blick von ihr durchbohrt mich, doch ich bleibe nur sitzen, schaue auf sie herab, antworte nicht. Der Wagen wird langsamer, um dann mit einem leichten Ruck stehen zu bleiben. Die beiden Türen werden aufgerissen. Stefan steht breitbeinig davor und wartet auf mich...

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11 Antworten

Kommentare

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    gibts nen zweiten teil?

    05.10.2010, 18:11 von angelfly
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    Moah, ich will auch wissen, was sie gefragt hat!!!

    26.02.2009, 12:44 von HappyEnd.
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    wow! wirklich gut beschrieben! und der schluss erst! echt toll... wenn man zu einem solchen inhalt überhaupt toll sagen sollte...

    02.10.2008, 21:41 von blueschen
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    Schöne Geschichte, es war sehr interessant sie zu lesen.
    Warum hast du genau diesen Einsatz aufgeschrieben? Also gibt es dafür einen bestimmten Grund oder hast du einfach den letzten Fall genommen?
    Oder hat es etwas damit zu tun, was das Mädel gesagt hat?

    27.07.2008, 11:19 von KIZMIAZ
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    wow.ich bin begeister!!!kennst du kammerflimmern??? aaahh.echt echt toll toll!unheimlich gut geschrieben 'mit ihm sein mahnen nach eile' nicht schlecht kollege.

    09.07.2008, 14:10 von lalelilolu
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    Schöner Text...

    Ich glaube, ich möchte gar nicht erfahren was sie gesagt hat. Würde den Interpretationsgrad zerstören.

    Aber ich frage mich oft wie ihr Notärzte das Tag für Tag durchsteht. Naja ihr seid dann bestimmt abgehärtet, doch ich könnte das nicht....ich hab ja schon genug Panik vor Krankenhäusern....

    12.05.2008, 20:47 von Engelstraum
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    man..für das ende bin ich einfach zu neugierig...

    08.05.2008, 20:18 von honigwurm
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    Hey wirklich gut gelungen dein bericht über das hunsgewöhnliche Altagsleben eines Sanis. Was für unsereins vielleicht alles ganz spannend klingt ist für die betroffenen nur quälender Alltag. Aber so quälend ist der ja auch wieder nicht, nur anstrengend und immer das selbe Schemata...
    wirklich schön geschrieben!

    29.02.2008, 15:35 von tomisc
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