Nummer sicher
Angst ist ein deutscher Dauerzustand. Ist sie auch ein guter Ratgeber, wenn es darum geht, was aus einem werden soll?
Täglich im Fernsehen mit Popstars herumblödeln, dabei berühmt werden und eine Menge Geld verdienen. Caroline Mayer-Berg wäre gerne Moderatorin geworden, »bei MTV oder so.« Eine Zukunft, die sie sich glamourös vorstellte und aufregend. Sie hat es nicht einmal versucht. Seit einem Jahr macht sie eine Banklehre. Das hält sie für sicherer.
Das Studium durchziehen, als Designerin durchstarten, mit Elan eine junge Karriere beginnen. Laura Oldenbourg würde sofort loslegen in dem Beruf, den sie gerade lernt. Doch jetzt überlegt sie, einen Master dranzuhängen und ihr Geld bis auf Weiteres mit Kellnern zu verdienen. Die Chancen, nach dem Abschluss eine Stelle zu bekommen, sind nicht besonders.
Häuser entwerfen, Visionen entwickeln und umsetzen in Beton, Glas und Stahl. Für einen Architekten mit Einserdiplom keine zu hoch gegriffenen Träume. Walther Schabmüller arbeitet derzeit wieder als Schreiner, da verdient er mehr als ein Anfänger in einem Architekturbüro – wenn es überhaupt Arbeit für ihn gäbe. Ist die Angst ein guter Berater?
Der Arbeitsmarkt in Deutschland stagniert seit Jahren; mit neuen Jobs ist in Deutschland nach den jüngsten Konjunkturprognosen frühestens im zweiten Halbjahr 2005 zu rechnen. Bei Akademikern, die sich lange auf der sicheren Seite sahen, ist die Lage noch deprimierender: Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stieg die Arbeitslosigkeit unter der am besten ausgebildeten Bevölkerungsgruppe in den letzten zwei Jahren um 40 Prozent an.
Seit im Spätsommer vor allem Langzeitarbeitslose und deren Fürsprecher gegen die Reformen der Bundesregierung auf die Straße gingen, weht in Deutschland ein kälterer Wind. Nicht nur durch die Arbeitsämter, die jetzt »JobCenter« heißen. Sondern auch durch Vorlesungsräume und Büroetagen. Denn von Hartz IV fühlt sich nicht nur zu Recht bedroht, wer jetzt schon kaum etwas hat. Am meisten ändert sich für jene, die bislang damit rechnen durften, ihr erreichtes Einkommensniveau nicht so leicht zu unterschreiten. Bislang konnten Angestellte hoffen, nach einem Jobverlust mit dem Arbeitslosengeld, das sich nach dem zuletzt verdienten Einkommen richtet, sich so lange über Wasser zu halten, bis sie etwas Neues gefunden hatten. Doch ab Januar kann ein Jobverlust den Sturz in die Nähe der Armutsschwelle bedeuten.
Selbst wer so viel verdient hat, dass er in Haus, Auto und Kind investierte, landet in Zukunft schnell auf dem heutigen Sozialhilfeniveau. Die Aussicht, mit ungelernten Arbeitern um einen Job im gerade entstehenden Billiglohnsektor kämpfen zu müssen, sorgt für schlechte Laune.
Die Angst vor wirtschaftlichem Misserfolg ist in Deutschland nichts Neues. Seit Jahren fürchten wir uns mehr davor, unseren Job zu verlieren als vor schweren Erkrankungen oder dem Verlust unserer Partner. Doch während in diesem Jahr nach der Umfrage »Die Ängste der Deutschen« das durchschnittliche Angstniveau leicht nach unten ging, stieg die Angst vor der Arbeitslosigkeit bei den Unter-40-Jährigen an.
»Die heutige Generation blickt wieder optimistisch in ihre persönliche Zukunft.« Das ist der erste Satz der letzten Shell-Jugendstudie aus dem Jahr 2002. Erleben wir gerade eine Trendwende? Wachsen wir zu einer Generation von Feiglingen, Sich-auf-der-sicheren-Seite Befindern, Duckmäusern und Die-Schäfleinim-Trockenen-Habern heran?
»Die Leute studieren noch immer in erster Linie nach ihren Interessen«, versichert Dr. Kurt Lehnstaedt von der Studienberatung der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität. »Das ist ja auch das einzig Sinnvolle.« Natürlich gebe es auch Anfragen, ob es möglich wäre, derzeit ein halbes Jahr Pause einzulegen. Er rate jedem zu, wegen der Lebenserfahrung, gerade wenn so eine Auszeit mit einem Auslandsaufenthalt verbunden sei.
Auch die Nachfrage nach Aufbaustudiengängen wird seit Jahren stärker. Sei es, um sich von den Mitbewerbern abzusetzen. Sei es, um noch ein bisschen in der subventionierten Warteschleife zu kreisen – bevor es losgeht mit dem Warten auf einen Weg aus der Arbeitslosigkeit. Noch deutlicher würde nur die Zahl der Promotionsanfragen ansteigen, sagt Dr. Lehnstaedt: »Da hoffen viele auf den Einstieg in die wissenschaftliche Karriere.«
Schließlich lockt die Verbeamtung – ein möglicher Grund auch dafür, dass der Ansturm auf Studiengänge mit angestrebter Lehramtsprüfung bundesweit wieder deutlich zunahm. Auch fern der Universität gibt es einen stabilen Run auf die langweiligsten Berufe: Während in der freien Wirtschaft Lehrstellen offen stehen, halten sich die vermittelten Ausbildungsverträge im Staatsdienst in den letzten Jahren außerordentlich stabil.
Was kann Angst aus uns machen, wenn unsere Zukunft plötzlich Gegenwart geworden ist, wenn die Ausbildung beendet ist oder die erste Stelle mit ihren Routinen zu nerven beginnt? Was passiert mit unserer Arbeitswelt, wenn sich alle Beteiligten darauf berufen können, dass auf jeden Arbeitsplatz eine Vielzahl von Bewerbern kommt, die den Job billiger und auch noch besser machen?
Zeitarbeitsfirmen verzeichnen einen großen Andrang auf ihre miserabel bezahlten Arbeitsverträge. Sozialhilfeempfänger, die mit Depressionen im Zimmer lagen oder in den Tag träumten, gehen plötzlich putzen oder bedienen eine Supermarktkasse. Vorauseilender Gehorsam, bevor Hartz IV im Januar eingeführt wird.
»In Abhängigkeit von der Dauer der Arbeitslosigkeit gehen immer mehr Leute in Bereiche, die sie eigentlich nicht interessieren.« Das versichert ein Ingenieur, der beim »Dachverband der Initiativen Akademiker und Arbeitswelt« am Telefon sitzt. Seinen Namen will er nicht gedruckt sehen. Anders als in den 90er Jahren, als zumindest seine Kollegen sich noch solidarisierten, sei man heute als Arbeitsloser stigmatisiert.
Die Angst, nie einen Job zu bekommen, kann zwei Extremreaktionen hervorrufen: totale Apathie und Lähmung, weil man sich ohnmächtig und hoffnungslos fühlt und ahnt, dass jegliche Aktivitäten zum Scheitern verurteilt sind und man deshalb schon zur Vermeidung von Misserfolgen nichts unternimmt. Angst kann aber auch mächtige Motivationenerzeugen, alles zu versuchen, doch noch einen Job zu bekommen.
Die Kräfteverhältnisse im Berufsleben sehen nicht viel anders aus. Angst am Arbeitsplatz kostet die deutsche Wirtschaft im Jahr bis zu 50 Milliarden Euro – Alkoholmissbrauch, Medikamente, Mobbing in Folge von Stress und Überreiztheit zählen zu den teuersten Einzelposten, die die Wirtschaftswissenschaftler Winfried Panse und Wolfgang Stegmann schon Mitte der 90er Jahre in ihrem Buch »Kostenfaktor Angst« ermittelten.
Heute weisen sie darauf hin, dass ein Quäntchen Angst die Arbeitsleistung bedeutend steigern kann. Arbeiten wir unter Druck glücklicher? »Der Ansporn«, bestätigt Schaper, Professor für Arbeitspsychologie in Paderborn, »kann dazu führen, dass junge Leute zielorientierter arbeiten, ihre Chancen und Risiken realistischer wahrnehmen.«
Gelingt es, der Angst ihr Drohpotenzial zu nehmen und sie in eine Herausforderung zu verwandeln, kann sie die beste Schule für eine Erwerbsbiografie sein, die nicht mehr linear sein wird. Die Tricks: sich ernsthaft fragen, was man erreichen will und auch kann. Dann alle Energie hineinstecken. Und sich parallel Alternativen offen halten, um sich aus der Abhängigkeit zu befreien, die Angst verursacht.
Caroline Mayer-Berg hat sich eine realistische Alternative überlegt. Laura Oldenbourg erhöht ihren Einsatz. Walther Schabmüller wartet erst gar nicht, bis der Druck unerträglich groß wird. Sind sie gebeutelt von der Krise, verbogen von einem Schicksal, das ihnen nicht wohlgesonnen ist? Vielleicht haben sie auch einfach erkannt, dass die Zukunft jenen gehört, die ihre Chancen genauso eiskalt kalkulieren, wie mit ihnen umgesprungen wird.
Tags: Leistungsdruck





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