AliceD 07.06.2011, 20:59 Uhr 16 19

Nein Mann, ich will noch nicht gehn...

Die zwei Seiten der Bar - zwischen Blut und Alkohol, Liebesschwüren und Beleidigungen.

Feierabend! Wochenende!!! Lasst uns feiern!
Startschuss zum Wochenende.
So treffen Freitag und Samstag abends Menschen aufeinander, die es sonst eher vermeiden würden, gemeinsam in einem Raum zu sitzen. Fröhliche, junge, feierwütige Hipster stylen sich auf, bringen sich mit Musik und Alkohol in die richtige Stimmung und strömen in Scharen in die Nachtclubs, Bars und Discotheken der Stadt. Das Wochenende muss im krassen Kontrast zum monotonen Alltag stehen. Professionelle Höflichkeit weicht ausschweifenden Selbstinszenierungen. Das schüchterne Muttersöhnchen wird zum Casanova, während die für gewöhnlich hochgeschlossene Jurastudentin plötzlich nur noch in durchsichtigen Dessous bekleidet, lasziv auf Tischen tanzt. Das Nachtleben dringt scheinbar in die schwärzesten Ecken eines jeden Charakters und bringt das hervor, was am Tage zu verbergen und am Morgen danach zu vergessen versucht wird.
Und dann gibt es noch die andere Seite des Geschehens. Die Barkeeper. Während die Anderen also "Feierabend" grölen, binden sie sich ihre Schürzen um und machen sich auf den Weg zur Arbeit. Sie tragen nicht nur dazu bei, dass die Feiermeute Spaß hat und sich gehen lassen kann, sie müssen es auch ertragen.
Zwei Gruppen, die nachts aufeinander prallen, getrennt nur durch einen Tresen. Sie bedingen sich gegenseitig, sie begründen die Daseinsberechtigung des anderen und ohne einander sind diese beiden nachtaktiven Gruppen nicht denkbar. Und doch weiss ich, wie gut es ist, dass es diesen besagten Tresen gibt, der sie voneinander trennt.

Man sagt, Menschen die in der Gastronomie arbeiten, bleiben dort hängen. Nun, ich hatte das nie vor, aus diesem Grund habe ich schliesslich Politik studiert, trotzdem arbeite ich seit acht Jahren immer wieder als Kellnerin, Bartender oder Küchenhilfe. Nicht weil ich es so gerne mag. Nicht weil ich mich berufen fühle, andere zu bedienen. Nicht weil ich es genieße, mich schamlos anbaggern zu lassen und schon gar nicht, weil ich all das auch noch mit einem Lächeln tun muss. Ich arbeite in der Gastronomie, weil ich es kann, denn entweder man ist dafür geschaffen, oder eben nicht. Das hat nichts mit Talent zu tun, sondern mit Belastbarkeit, Geduld, Durchhaltevermögen und Durchsetzungskraft. Das Nachtleben ist nichts für zarte Gemüter, hier wird niemand in Watte gepackt und auf Höflichkeiten wartet man vergebens. High Heels und Puderquaste kann man getrost zu Hause lassen, stattdessen empfehle ich Deo und Zigaretten.
Während die Einen also härter vorglühen, als die Anderen Party machen, ist beim Nächsten der Filmriss länger als die Schlange vorm Damenklo. Hat man alles schon gehört, hat man alles schon erlebt. Gründe zum Feiern gibt es unzählige - tanzen, trinken, flirten, den DJ bestaunen, die bestandene Prüfung, die Trennung vom Ex, den neuen Job, die Kündigung, Frust oder Lust - alles ist vertreten. Und sind wir ehrlich, wer braucht überhaupt einen Grund zum Feiern?

Die ersten Gäste bestellen ihre Getränke in freudiger Erwartung. Nüchtern sind sie immer wieder überrascht über die hohen Preise, die sich seit Jahren nicht verändert haben und knappsen beim Trinkgeld. Je länger der Abend jedoch wird, desto besser schmeckt das Bier, der Geldbeutel sitzt sowieso lockerer und die Freundin scheint ohnehin bereits mit Betreten des Clubs in Vergessenheit geraten zu sein. Auch die Sprüche werden im Verlauf des Abends weder origineller, noch überzeugender. "Einmal Luft rauslassen!" - in Verbindung mit diesem erwartungsvollen Glanz in den Augen, der offenbart, dass Mann sich an dieser Stelle nicht vorstellen kann, dass mir dieser Schenkelklopfer tatsächlich schonmal zu Ohren gekommen sein könnte. Andere Witzbolde, die mir gerne mal ihre leeren Gläser auf den Tresen donnern und äußerst lässig "Nochmal das Gleiche!" bestellen, bekommen von mir immer äußerst höflich, ein frisches, leeres Glas. Mit Strohhalm und einem Lächeln, versteht sich. Wobei ich grundsätzlich noch dankbar sein sollte, dass diese Gäste überhaupt noch so etwas wie einen Satz rausbringen. Andere verlassen sich nämlich gerne darauf, dass Barkeeper Gedanken lesen können und bemühen sich nicht einmal, den Mund auf zu machen, sondern ringen sich höchstenfalls mal ein Kopfnicken ab. Wer diesen Job macht, weiss, worauf er sich einlässt. Das heisst aber nicht, dass man sich alles gefallen lassen muss. "Ey!" und "Haaaaaallooooo" arbeiten schon lange nicht mehr bei uns an der Bar, und "Schatzi" und "Süße" blicken dir höchstenfalls tief in die Augen, Mausepups, und verweisen dich mit einem Lächeln darauf, dir 'ne Nummer zu ziehen. Achja, und Geldwedler sind natürlich meine allerbesten Freunde.

Am frühen Morgen dann wird das Geld ohnehin nur noch so über den Tresen geschmissen, ganz gleich, was das letzte Getränk kostet: "Baby, der Rest ist für dich!"
Wie zwei Getränke fünfzig Euro kosten konnten, wird deutlich, wenn Betrunkene, nicht mehr Herr ihrer Sinne, geschweige denn ihres Portemonnaies, bereit sind, ihr letztes Geld für einen Schnaps oder eine Telefonnummer herzugeben. Mein Gewissen hält mich davon ab diese Situation auszunutzen, mein Geduldsfaden hingegen ist regelmäßig kurz vorm Reißen, wenn um sechs Uhr morgens das Licht angeht und die Meute gemeinsam einstimmt: "Nein Mann, ich will noch nicht gehen." Der Mensch der dieses Lied geschrieben hat, war gewiss kein Barkeeper und wird sein Leben nun auch bestimmt nicht in der Gastronomie fristen müssen.

Seit fünf Jahren stehe ich nun also hinter der Bar eines Nachtclubs. Als Barkeeper ist man nicht nur Getränkeausschänker und Geldeintreiber, sondern auch Kummerkasten, Streitschlichter und Kuppler. Während ich in einem Augenblick die coolste Frau der Welt bin, weil ich ganz nebenbei mehrere Weizenbier gleichzeitig einschenke, ist diese Coolness so schnell auch wieder verflogen, wenn meine Hose reisst und ich bei jeder Drehung zum Kühlschrank meinen Schiesser-Slip präsentiere. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich bei gekonnten Charmeoffensiven rot werde und wie eine 16-Jährige zu kichern beginne, bis mein Gegenüber sich auf den Tresen übergibt. Dann kann ich mir endlich die Gummihandschuhe überstreifen und mir nicht nur das Grinsen aus dem Gesicht wischen, sondern mich auch des Erbrochen und meiner Naivität entledigen. Ich verstehe mich auch als Erzieher und Pädagoge, wenn ich Minderjährigen keinen Alkohol verkaufe, aber den Volljährigen dazu auffordere, die fünf Schnäpse direkt vor mir zu trinken, als Beweis, dass er sie ganz sicher nicht für seine vier minderjährigen Freunde bestellt hat. Den Gästen bleibt man wohl vor allem als Spaßverderber am Ende des Abends im Gedächtnis (falls etwas im Erinnerung bleibt). Wenn das Licht angeht und es heisst "Geht nach Hause!", kommt das feierwütige Partyvolk auf die dümmsten Ideen. Ich könnte inzwischen vermutlich ein kleines Vermögen angehäuft haben, mit dem Geld, das mir nach Ausschankschluss für "Nur noch ein letztes Bier" angeboten wurde. Ich könnte verheiratet sein, könnte einen kleinen Drogenhandel aufmachen, mit dem was mir Abend für Abend im Tausch gegen Alkohol angeboten wird. Könnte ganz groupielike in Tourbussen bekannter Bands schlafen und doch stehe ich Wochenende für Wochenende hinter meinem Tresen, drogenfrei, Single und alles andere - nur nicht wohlhabend.

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16 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Genialer Text-und genau auf den Punkt gebracht!

    14.09.2011, 19:23 von missnormal
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    Endlich jemand der den täglichen Wahnsinn auf den Punkt bringt. Ich hab mich grad spontan in dich verliebt!

    12.06.2011, 11:53 von Stippi
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    Danke für die lieben Kommentare und Empfehlungen. Geteiltes Leid ist bekanntlich nur halbes Leid ;)

    11.06.2011, 19:33 von AliceD
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    Du sprichts meinen Kollegen und mir aus der Seele! Danke...

    09.06.2011, 16:26 von Ankermaedchen
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    Einfach genial!!! Jetzt ist es soweit. Mein erster Beitrag auf dieser Seite. Dein Text ist einfach zu genial, um ihn unkommentiert zu lassen! Du triffst es total auf den Punkt. Sprichst mir von der Seele. Nur zu gut erinnere ich mich an Heiratsanträge, die mit dem suesslich, sauren Duft frischem Erbrochenen abgerundet werden... Mmmh! Jaja, die Bar und ihre Legenden!!! :)

    09.06.2011, 09:54 von LaailA
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    Toll, toll, toll. Sehr gut und vor allem wahnsinnig passend beschrieben. Ich verneige mich in Barkluft. Genau meine Erlebnisse. Vielen Dank :)

    08.06.2011, 22:49 von blaues_entchen
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Perfekt. Immer wenn ich von jetzt an "Ey, Chefin!" (gerade noch erträglich), "Hey Süße!" (Faust beginnt sich zu ballen) oder "Halloooooohooo? Ich warte hier schon ewig!" (Überfreundliches Lächeln verheißt nicht Gutes, lauf Gast lauf!) höre werde ich von jetzt an nicht nur die Ting Tings im Kopf haben sondern auch deinen Artikel!

    08.06.2011, 21:17 von goldbeeren
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  • 0

    Ich will das auch machen.
    Dein Artikel ist einfach super!
    Macht richtig lust drauf!!!!

    08.06.2011, 13:55 von sara90
    • 0

      @sara90 also wenn du dann auch noch schlaf für überbewertet hälst und freitags früh nach einer schicht, nach alkohol,schweiss und rauch stinkend, selbstbewusst in der bahn neben schulkindern und leuten auf dem weg zur arbeiten, sitzen kannst, weil du feierabend hast, wenn andere in den tag starten - dann bist du prädestiniert für den job. soll ich dich mal empfehlen? ;)

      08.06.2011, 21:27 von AliceD
    • 0

      @AliceD Das mit der Kotze wäre ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber mit dem Rest hätte ich keinerlei Probleme.
      Schlaf halte ich nicht für überbewertet, nur Nachts ist er von Nachteil, da es Nachts spannender ist als Tags über. :-D

      09.06.2011, 19:20 von sara90
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  • 0

    genialer text! du sprichst mir hier und da sowas von aus der seele. erst hatte ich in einem restaurant für einige jahre gearbeitet und da brauchte man auch schon viel geduld und ein dickes fell. jetzt bin ich seit ca einem jahr in einer recht guten cocktailbar, wo es dann auch mal bis 6 uhr morgens geht und da erlebt man echt alles...und irgendwann finde ich zumindest ist es alles nicht mehr interresant oder lustig, weil man einfach schon alles gesehn hat...
    gastronomie stumpft ab ist mein fazit

    genialer text!

    08.06.2011, 13:24 von krokodilia
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