Oliver_Stolle 14.09.2007, 11:21 Uhr 0 0

Monkey Business

Die Tageszeitung »Chicago Sun Times« lässt einen AFFEN Aktien empfehlen. Er liegt bis zu 37 Prozent über dem Markt und schlägt damit viele Experten.

Adam Monk kann sich nicht entscheiden. Unentschlossen kauert er – beiges Hemd, beige Hose – auf einem Schreibtisch im Newsroom der »Chicago Sun Times«. Genauer: auf dem ausgebreiteten Kursteil der Zeitung von gestern. In der rechten Hand hält er einen Textmarker, doch er benutzt ihn nicht.

»Streich was an«, befiehlt Bill Hoffmann mit seiner tiefen, aus dem Bauch nachhallenden Stimme.
»Komm schon, streich was an!« Hoffmann, ein kräftiger 60-Jähriger mit Glatze, ist Monks Besitzer. Immer wieder versucht er, Adam zu animieren, endlich ein weiteres Kreuz zu setzen.

Doch Monk ist nervös. Mal starrt er gebannt in die Kamera, mal lässt er seinen Blick durch das Großraumbüro im neunten Stock wandern. Es ist Sonntagvormittag, normalerweise wird um diese Zeit fieberhaft an der Montagsausgabe gearbeitet, doch morgen ist Feiertag. Die Brücken über den Chicago River sind menschenleer, Wolkenkratzer ragen still in den weiten Himmel, der sich nach Westen bis über die Ebenen von Kansas und Iowa spannt.

Außer Monk und Hoffmann ist nur David Roeder im Büro, Wirtschaftskolumnist der »Sun Times« und Adam Monks betreuender Redakteur. Er hat Notdienst. Immer, wenn Roeder sich Monk nähert, greift dieser hektisch nach seiner Hand. »Er will, dass ich die Aktien auswähle«, sagt Roeder. »Aber ich bin nicht so gut wie er!«

In seinem Buch »A Random Walk Down Wall Street« behauptet Burton Malkiel, Professor für Wirtschaft an der renommierten Universität von Princeton, im Jahr 1973, es sei schlauer, einen Affen mit verbundenen Augen Dartpfeile auf die Börsenkurse des Tages werfen zu lassen, als einen professionellen Broker für Tipps zu bezahlen, die im Zweifelsfall schlechter seien. Der Professor wollte nicht einfach provozieren. In einem effizienten Markt, so seine These, seien alle Informationen über börsennotierte Unternehmen bereits in die Kurse eingeflossen, ebenso alle vorhersagbaren Ereignisse. Jede weitere Prognose sei also reine Spekulation, Erfolg an der Börse letztlich nichts als Glück. Prinzipiell sei eine zufällige Auswahl sogar sicherer als eine einseitige, nur vermeintlich gut begründete Zusammenstellung eines Portfolios durch einen Analysten.

Ein Aufschrei ging durch die Finanzwelt. Das »Wall Street Journal« nahm den Professor als Erstes beim Wort. In einem ersten Versuch pickten Redakteure mit verbundenen Augen einzelne Werte aus dem Kursteil der Zeitung – und schlugen die angetretenen Fondsmanager nach sechs Monaten deutlich. Andere Zeitungen machten den Test nach. Manchmal gewannen die als Affen auftretenden Journalisten, manchmal ihre hoch bezahlte Vergleichsgruppe. Das »Wall Street Journal« selbst wiederholte den Versuch insgesamt 142 Mal. In immerhin 40 Prozent aller Fälle siegten die »Affen«. Das Ergebnis bleibt dennoch seltsam diffus.

Bis Adam Monk eingreift – ein echter Affe, ein mit damals 30 Jahren bereits greiser Weißstirnkapuziner, der sein Leben bis dahin zu weiten Teilen auf einem Leierkasten verbracht hatte. »Wir hatten die Idee für diesen Wettbewerb«, erklärt Roeder. Die Leser der »Sun Times« sollten zu Jahresbeginn eine Aktie auswählen. Wer am Ende des Jahres am besten abschneiden würde, sollte einen Preis erhalten. Um Börsenanfängern die Hemmungen zu nehmen, holte Roeder Adam Monk ins Boot: Wenn selbst ein Affe Aktien zusammenstellen kann, das war die ganze beabsichtigte Botschaft, dann kannst du das auch!
Im ersten Jahr schlägt das Paket aus fünf Aktien, das Adam Monk im Januar markiert hat, die vergleichbaren Marktindizes um 37 Prozent. Im nächsten Jahr wählt Monk fünf neue Aktien. Am Jahresende liegt er 36 Prozent über dem Markt.

»Ich dachte, ich würde mich irgendwie für die Affennummer rechtfertigen müssen«, erinnert sich Roeder. »Aber wie sollte ich das erklären?« 2005, das dritte Jahr von Adam Monk, liegt er nur drei Prozent über den Vergleichsindizes, aber 2005, so Roeder, war insgesamt ein schwaches Jahr an den Börsen. Vergangenes Jahr schließt er – gewohnt souverän – wieder mit 36 Prozent plus.
Hätte man von Anfang an konsequent in die Aktien des Adam Monk investiert, man hätte seinen Einsatz bereits nach den ersten drei Jahre verdoppelt. Wer ist dieser Affe?

Die West Grand Avenue führt vom glasverkleideten, mit Dollarmillionen aus Spekulationsgeschäften in schwindelerregende Höhen ge bauten Zentrum von Chicago hinaus in die Vororte. Unter verrosteten Stahlbrücken hindurch, vorbei an verwitterten Backsteinbauten und brachliegenden Schotterflächen, wie sie im Film Mafiakiller benutzen, um Leichen zu vergraben.

Hinter der Tür von Nummer 5742 leben die Tiere von »Animal Rentals«. Horace, der afrikanische Zwergigel. Die Pythonschlange Julius Squeezer. Vinny, der Königsgeier. Ein Alligator, einige Riesenkakerlaken, Chinchillas, Enten, Gänse, sogar ein Truthahn, Vögel, Reptilien, Insekten über zwei Etagen. Adam Monks Käfig steht im Erdgeschoss.

»Er wurde im brasilianischen Amazonasbecken entführt und außer Landes geschafft, erzählt Hoffmann, der damals Affen an die Duke University lieferte. Monks Glück: »Er war Nummer 51 in einem 50-Affen-Versuch«. Hoffmann darf sich einen der Kapuzineraffen aussuchen. »Er biss, kratzte, kämpfte, es waren hunderte Stunden Training«, sagt Hoffmann, dessen Vater eine Zoohandlung besaß.

Bis der amerikanische Traum Adam Monk in die Redaktionsräume der »Sun Times« führt, durchläuft er einige Stationen. Monk bettelt um Münzen, er wirbt zusammen mit seinem Ausbilder in neuen Filialen für die Fast-Food- Kette McDonald’s, er tritt während Handelsmessen, später auch in Schulen und an Universitäten auf, wo er Hoffmann bei einem Vortrag über Primaten unterstützt.
»Tiere«, bilanziert Hoffmann, der bis heute keinen Cent in die Aktien seines Affen gesteckt hat, auf der Fahrt zum Redaktionsgebäude, »Tiere sind glücklicher, wenn sie arbeiten.« Von wegen. Eine gute Viertelstunde geht das jetzt schon so, und immer noch hat Adam Monk keine Markierungen auf der Börsenseite gemacht – außer einer schwer zu erkennenden Linie vor »Blount International«, einem Rasenmäherhersteller. Was hält sein Redakteur David Roeder, selbst seit Jahren professionell mit den Finanzmärkten beschäftigt, von der Random-Theorie des Burton Malkiel? Hat ihn Adam Monk überzeugt, dass man erfolgreich an der Börse investieren kann, ohne den geringsten Schimmer von den Mechanismen des Kapitalmarktes, den Bilanzen und Gewinnen der beteiligten Unternehmen zu haben?

»Untersuchungen zeigen, dass es gar nicht auf die einzelnen Aktien ankommt, sondern eher auf eine möglichst breite Zusammenstellung des Portfolios«, windet Roeder sich heraus. Tatsächlich schnitt laut dem Fondsanbieter »The Vanguard Group« die Mehrheit aller der Öffentlichkeit zugänglichen Fonds von 1972 bis 1998 schlechter ab als einer der breitesten Indizes des US-Kapitalmarktes. »Fondsmanager verfehlen regelmäßig ihre selbstgesetzten Ziele, wenn sie ihr eigenes Geld anlegen«, muss auch Roeder zugeben.

Monkey Business also? Die ganze Finanzbranche nichts als ein weltumspannender, milliardenschwerer Nepp? Und warum ist der Affe nicht nur genauso gut, sondern deutlich besser als seine allzu menschliche Konkurrenz? Beinahe hätte Adam Monk eine weitere Aktie angekreuzt. Vielleicht wieder etwas aus dem Biotechbereich? Oder eine Bank – zwei Branchen, die Adam Monk seit Jahren schätzt? »Streich was an!«, brummt Hoffmann. Der Affe zögert.

»Vielleicht ist er einfach nicht begeistert vom derzeitigen Aktienmarkt«, sagt Roeder. Seine offizielle Wahl für 2007 hat Monk bereits im Januar getroffen. »Anfang des Jahres war er wirklich enthusiastisch«, rätselt der Journalist weiter. »Aber im Moment ist der Markt ziemlich weit oben, vielleicht ist Zurückhaltung das Gebot der Stunde.«

Es ist Frühsommer, als wir Adam Monk treffen. Wenige Wochen später werden die Kurse auf Rekordhöhen steigen – bevor der Kurssturz in Folge der platzenden US-Immobilienblase an den Börsen über 3,8 Billionen Dollar vernichtet. David Roeder mustert Adam Monk. Er murmelt: »Der Affe verfügt über eine Weisheit jenseits aller Worte. Vielleicht sollte man im Moment ja eher verkaufen.« •

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