Friederike_Knuepling 12.09.2008, 14:53 Uhr 0 0

Mehr Verantwortung im Job

Wer sich nach zwei Jahren am neuen Arbeitsplatz immer noch mit schüchternem Augenaufschlag für einen Kopierjob bedankt, braucht sich zu Hause nicht über sein Einsteigergehalt zu beschweren. Denn den ROLLENWECHSEL vom Anfänger zum Profi muss man sich vor allem selbst glauben.

Laura will viel mehr Geld verdienen. Sie will schon bald nicht mehr im Affenkäfig (dem Großraumbüro) sitzen, sondern in einem der Feng-Shui- Einzelzimmer konzentriert und à point arbeiten. Ihr neuer Posten soll richtig interessant sein, und Herr Hinrichs, dieser Streber, grün vor Neid werden. So denkt Laura an die Zukunft: schneller Aufstieg und mehr Verantwortung. Man will den Laden ja nicht einfach den Affen überlassen.

Doch dann steht plötzlich die Chefin vor ihr, und ohne sich darüber klar zu sein, tut Laura etwas, das sie noch ein ganzes Weilchen hier festnageln wird ? im Großraumbüro, auf ihrem Einstiegsgehalt. »Der Herr Hinrichs ist heute krank«, sagt die Chefin. »Ich würde Sie gerne bitten, ihn um 16 Uhr in der Luisenstraße zu vertreten.« »Wie jetzt, ich?« Laura strahlt und errötet zugleich. Es wäre das erste Mal, dass sie die Firma alleine vor einem Kunden vertreten würde. »Ja, also, wenn Sie mir das zutrauen ? Ich könnte es vielleicht mal versuchen!?«

Was so schlimm an Lauras Verhalten sein soll? Wo sie doch so nett und bescheiden bleibt, ob - wohl ihr der Vertrauensvorschuss den Bauch von innen ölt wie ein Liebesbrief? Nun, hätte Laura nicht die anhaltende Idee, eines Tages wichtig und einflussreich zu sein, wäre ihr Verhalten völlig okay. Da sie aber zu jenen 68 Prozent der unter 30-Jährigen in Deutschland gehört, die Erfolg im Beruf für »wichtig im Leben« halten, ist es bedauerlich für sie, dass sie sich soeben selbst einen Stein in jenen Weg gelegt hat, der raus aus dem Affenkäfig und rein ins Feng-Shui-Büro führt: Sie hat sich gefühlt und gegeben wie eine Anfängerin, ob - wohl sie keine mehr ist. Sie hat sich unwichtiger gemacht ? und wahrscheinlich auch selbst so gesehen ?, als sie sein könnte. Sie hat die Rolle des kleinen, schüchternen Mädchens gespielt, das sich eigentlich noch nicht sicher ist, ob es überhaupt etwas kann.

Ein Denkfehler, der besonders in den ersten Ausbildungs- und Berufsjahren leicht passiert: Theoretisch wünscht man sich mehr Gestaltungsspielraum, mehr Verantwortung, mehr Wichtigkeit. Aber wenn einem die Chance dazu dann plötzlich vor der Nase baumelt, bekommt man Herzrasen vor Überraschung, weil der Stress und die höheren Aufgaben auf einmal Praxis werden sollen. Jetzt schon? Ohne viel Zeit zur Vorbereitung? Was hat man denn schon gelernt in den paar Jahren? Die Verlockung zurückzuscheuen und noch ein wenig länger in der sicheren und warmen Rolle des Anfängers zu verharren, ist groß. Man bekommt sekundenschnell schlimmere Höhenangst als auf einer Indiana-Jones-Hängebrücke.

Karriereführer und Berufsratgeber sind deshalb vollgestopft mit Tipps wie »Keine falsche Bescheidenheit im Job!«, »Nehmen Sie Herausforderungen an!« oder »Stressfreies Leben? Vergessen Sie?s!«. Wirft man all diese Befehle auf einen Haufen, zeichnet sich deutlich ein gemeinsamer Subtext ab: »Schluss mit den Trockenübungen! Ihr seid weit genug, ab ins große Becken! Und keine Angst vor den anderen: Die kochen doch auch nur mit Wasser!« Das Ziel dabei: Rollenwechsel. Raus aus den Klamotten des Anfängers, der unsicher und hilflos dasteht, rein in die neue Stelle, die Tatkraft und ein gutes Frühstück verlangt.

Worum es dabei nicht geht, ist die Frage, wie man am besten blufft und mit ein bisschen geschickter Rhetorik wettmacht, dass man eigentlich vollkommen inkompetent ist. Ob in der Uni, in der Liebe oder im Beruf: In den ersten Semestern, Monaten oder Praktika ist ein scheues Anfängerverhalten meistens schlicht und ergreifend angebracht. Man weiß noch nichts. Man findet den Namen des anderen noch fremd. Man hat noch nicht mal einen eigenen Computer, solange der andere Praktikant nicht endlich seinen Abschiedskuchen vom Tisch räumt. Zu bedeutend mehr als spielerischen Erstversuchen, vielen Fragen und überfordertem Lächeln wäre man jetzt gar nicht in der Lage. Doch das ändert sich. Es kommt ein Stadium, ab dem wir eigentlich genug begriffen haben, um zu tun, was wir ohnehin (in einer nicht näher bestimmten Zukunft) tun wollen: loslegen. Verantwortung übernehmen, inklusive Risiko.

Doch weil der richtige Moment zum Gasgeben nicht eindeutig erkennbar ist, verharren viele nach außen auch dann noch lange in der Rolle des netten, fleißigen, aber leider für höhere Aufgaben noch nicht einsetzbaren Anfängers, wenn sie eigentlich schon beschlossen haben, bereit für den nächsten Schritt zu sein. Der eine meldet sich freiwillig für das Jahresupdate der Kundenadressdatei, obwohl der erste eigene Auftrag nur noch eine Frage des Zugreifens wäre. Der andere belegt noch mal einen Fremdsprachenkurs, bevor er beim Chef nach einer ernst zu nehmenden Mission fragt. Und der Dritte zögert doch tatsächlich, sich auf die frei werdende Art-Direktoren- Stelle zu bewerben, obwohl er seit vier Jahren im Büro sitzt und die Abteilung eigentlich jetzt schon alleine schmeißt.

Doch woran liegt es, dass es oft so schwer fällt, die eigene berufliche Kompetenz richtig einzuschätzen und sie dann auch so nach außen zu vertreten? Christophe André und François Lelord gehen in ihrem Buch »Die Kunst der Selbstachtung« davon aus, dass gerade fortgeschrittene Berufsanfänger oft die Angst vor dem sogenannten »Hochstaplersyndrom « ereilt: Sie fürchten sich davor, für besser gehalten zu werden, als sie vermutlich sind. Sie haben Angst, dass sich der Druck und die Erfolgserwartungen auf ihre Arbeit weiter erhöhen, wenn sie mehr Verantwortung einfordern. Und dass sie diesem Druck am Ende doch noch nicht gewachsen sein werden. »Im Allgemeinen handelt es sich um Individuen, deren Selbstachtung nicht genau so schnell gewachsen ist wie ihre Kompetenzen. Selbst wenn sie längst Spezialisten geworden sind, sehen sie sich noch als Anfänger«, schreiben André und Lelord. Der Psychoanalytiker und Unternehmensberater Manfred Kets de Vries erklärt sogar, dass Geschichten von tatsächlichen Hochstaplern genau deshalb so populär sind, weil sie einen allgemeinen Wiedererkennungswert haben: Wir alle fühlen uns manchmal wie Blender, denn wir alle spielen Rollen ? und sind uns zwischendrin immer wieder nicht ganz sicher, welche gerade die richtige ist. Gerade Menschen, die zum Tiefstapeln neigen, raten Experten deshalb, die Zweifel im Kopf auszuschalten und das Ganze etwas spielerischer anzugehen. Nur wer wagt, gewinnt ? und verliert auch ab und an. Scheitern gehört zum Arbeiten genauso dazu wie die Freude, etwas wirklich gut hinbekommen zu haben.

Denn ? mal ohne Hysterie: Was genau soll eigentlich passieren? Nehmen wir ein Worstcase- Beispiel: Jonas, 30, vor drei Jahren zum festen Agenturmitglied aufgestiegen, hat seinen Chefs vor drei Monaten vorgeschlagen, einen neuen Standort in Bern aufzuziehen. Er hat den Job bekommen, ist nach Bern gezogen ? und bereute seinen Vorstoß bereits nach zwei Wochen als unverzeihlichen Anfall von Größenwahn. Denn die Aufgabe war komplexer als erwartet, er arbeitete viel, bekam die To-do-Liste trotzdem nie voll in den Griff und wusste irgendwann gar nicht mehr, wo er weitermachen soll. Nachts schüttelten ihn Alpträume von peinlichsten Abmahnungen aus dem Schlaf: Montagvormittag, große Konferenz, der Boss hat perfekt geföhntes Haar und sagt: »Sagen Sie, Jonas, wie haben Sie Nichtskönner sich eigentlich all die Monate gefühlt, während Sie Bern in den Sand setzten?« Irrtümlicherweise dachte Jonas nicht nur, die Agenturleitung erwarte den perfekten Plan von ihm. Sondern er glaubte auch, dass diese erste große Chance seine einzige wäre.

Tatsächlich trug Jonas nur ein paar kleine Blamagen (»Von den Stellen, die Sie im Namen der Agentur ausgeschrieben haben, hätten wir gerne nicht erst aus der Zeitung erfahren!«), aber keine ernsthaften Blessuren aus dieser ersten größten Aufgabe davon. Denn nach fünf Wochen in Bern, in denen ihm das Wasser langsam bis zum Hals hochstieg, zog er selbst die Notbremse, fuhr zu seinen Chefs und gab zu: »Bern ist schwieriger als erwartet. Ich brauche Unterstützung.« Am Ende staunte Jonas: Just die Erfahrungen, dass Tadel vor allen Kollegen nicht gleich tödlich wirkt und dass um Hilfe bitten auch dann noch möglich ist, wenn man sich vorher aus dem Fenster gelehnt hat, ließen ihn um fünf Zentimeter wachsen. Nachdem ein halbes Jahr später in Bern tatsächlich fast alles so umgesetzt war, wie Jonas es sich ausgedacht hatte, kam ihm die Einsicht, dass es im Arbeitsleben selten um Genie und Perfektion geht, sondern um praktikable Vorschläge.

Das Bild, das Personaler von einem leistungsfähigen und produktiven Mitarbeiter haben, ist nicht das von Leuten, die in Bermudashorts oder Babydoll-Kleidern Sätze wie »Das traue ich mir noch nicht zu« sagen. Zu dem, was Personalentscheider als Leistungspotenzial deuten, zählen laut einer sozialpsychologischen Untersuchung aus dem Jahr 2007 stattdessen Attribute wie die sichtbare Motivation, Verantwortung zu übernehmen, und eine »schrankenlose Verfügbarkeit der Person «. Denn die meisten Vorgesetzten wollen Verantwortung abgeben. Wenn sonst alle den Schwanz einziehen, müssen sie im entscheidenden Moment auf den angeberischen neuen Praktikanten mit neongelbem Schlips und Schleimspuren um das Kinn zurückgreifen. Und denen sollte man das Feld nun wirklich nicht überlassen.

Auch Laura ist es schließlich mit ein bisschen Mut gelungen, ihren ungeschickten Auftritt vor der Chefin wieder wettzumachen. Sie setzte sich in die Büroküche, atmete zehnmal tief durch, fuhr in die Luisenstraße und schnappte sich den Kunden. Es lief nicht perfekt, aber hinterher ging sie zu ihrer Chefin und fragte, ob sie jetzt häufiger Kundentreffen übernehmen dürfe. Die Chefin freute sich ? und Laura sitzt jetzt wieder im Affenkäfig und träumt: mehr Geld, Feng-Shui, Hinrichs, grün vor Neid. Nur eins hat sich verändert: Sie weiß jetzt auch, was sie dafür tun muss.

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