frl_smilla 30.11.-0001, 00:00 Uhr 35 16

Mary

Mary ist eine große schwarze Frau. Eine Big Mama.

Sie trägt ein großgeblümtes Oberteil aus einem der Stoffe, die Anfang der Neunziger mal Vorlage für die Strandkleider unserer Mütter und Tanten waren und ihr mächtiges Dekolleté schwebt über der riesigen Schüssel, in der sie das Popcorn umrührt, das rechts und links aus den Klappen herausquillt.
Nebenan stehen Gulaschkanonen, Glühweinwärmer und riesige Kaffeekannen für Sonderveranstaltungen. Rechts daneben der Ofen für die Brezeln. Ich kenne das schon. Hab' ich früher an der Tankstelle auch immer gemacht. Brezeln gebacken.

Mary hat in der Popcornküche Tisch und Stuhl, kommt aber eher selten dazu, sich mal hinzusetzen. Ich hocke verstohlen auf der Tischkante und warte auf meine 15 Brezeln. Ich habe keine Lust, nach vorne zu gehen und weiter zu kassieren. Zu viele Kinder, zu viele Leute, die nicht wissen, wie sie vier verschiedene Getränkegrößen interpretieren sollen und prophylaktisch grundsätzlich "mittel" bestellen.

Mary hat Rückenschmerzen. Es ist kurz nach Neujahr.
Weihnachten und Silvester und die Ferien – das ist Hochkonjunktur für das Filmbusiness und die Snack-Industrie. Sogar Heilig Abend haben die Leute nachmittags nichts besseres im Sinn, als ihre Kinder mit der Leinwandversion der Wilden Kerle zu beschäftigen anstatt mit ihnen vor die Tür in den Schnee zu gehen. Jede dritte Tüte süßes oder salziges Popcorn, die über die Theke geht, ist ein eingelöster Geschenkegutschein.
Mary macht Popcornsonderschichten.

Ich werde gerufen. Komm nach vorne. Mach deine Kasse auf, im großen Saal ist gerade Pause. Ich lasse die Brezeln weiter backen und bediene mit einem Verkaufs-Standard-Repertoire von ungefähr zehn Sätzen Menschen, die sich nach einem Liter Cola und einem 6-Liter-Eimer Popcorn anscheinend nicht satt genug fühlen und das gleiche noch mal für die zweite Hälfte des Films ordern.
"Wie frisch ist denn dieses Popcorn eigentlich?"
Es ist immer frisch. Die gesetzlichen Vorgaben erlauben eine Einlagerung von 7 Tagen. So lange gilt Popcorn als frisch. Momentan ist es besonders frisch, Mary kommt manchmal kaum hinterher.
Die Kollegen hechten mit den Eiskörben in den Saal um auch die Sitzenbleiber zum Naschen zu bewegen. Zweimal 24 Eiskonfekt für 1001 Gäste. Werden sicher alle verkauft.
Kino ist anstrengend.

Bis der letzte Pausengänger bedient ist, hat der Film schon längst wieder angefangen. Ich hechte zu meinen Brezeln. Sicher verbrannt jetzt. Aber Mary war so nett, alle vorher herauszunehmen. Sie hat sich das Radio angemacht. Weihnachten ist endlich vorbei, ich habe es tatsächlich geschafft, kein einziges Mal dieses schreckliche Lied von Wham! ertragen zu müssen, dafür kann ich das Lied aus der Eiswerbung vor den Filmen mittlerweile auswendig.
Ich lege Mary eine Brezel beiseite und sage ihr, sie solle sich für ihre Schuhe Gelsohlen kaufen. Das ist besser für den Rücken. Sie setzt sich endlich mal hin, winkt mit der Brezel und bedankt sich für den Tipp.

Alle, die sich freiwillig für die Schichten zwischen den Tagen und zwischen den Jahren einteilen ließen, sind in den ersten Tagen des neuen Jahres entsetzlich wortkarg geworden. Wir können nicht mehr in ganzen Sätzen mit den Gästen sprechen, wie wir es eigentlich sollten. Wir wollen es auch nicht mehr. Wozu freundlich sein. Die Leute flippen aus, weil eine bestimmte Sorte Eis ausverkauft ist. Oder weil die Fanta leer ist. Familienväter drücken ihren Kindern einen Liter Cola in die Hand und beschweren sich dann bei uns über die Preise. Wir zucken mit den Schultern.
Nach Feierabend liege ich auf der Massagebank einer Kollegin, die im richtigen Leben Physiotherapeutin ist und die eine Stunde auf meinem Rücken spazierengeht, weil bei mir jegliche Art von Spezialsohle nichts mehr hilft.
Ich frage mich, ob Mary sich mittlerweile Gelsohlen gekauft hat.

"Fanta!"
Eine Frau in den mittleren Jahren herrscht mich an.
"Bitte, wie?"
"Fanta!"
Es sind die letzten Ferientage. Die Geschenkgutscheine werden weniger, die Scheine kleiner, die Gäste aggressiver – wir haben total abgeschaltet und arbeiten wie ferngesteuert.
In Kino 3 geht mitten während der Vorstellung kurz nach der Pause der Brenner kaputt. Totaler Bildausfall. Schluss. Vorstellung wird nicht fortgesetzt.
300 empörte Leute sammeln sich im Foyer und wollen ihr Geld zurück. Fast unberührte Popcorntüten werden auf die Theke gestellt. "Wir möchten das zurückgeben. Brauchen wir ja jetzt nicht mehr." Wir werden angeschrien, weil wir die Kinokarten nicht ausbezahlen dürfen. Wir bekommen den Vogel gezeigt, weil wir die technischen Probleme nicht erklären können. Auf der anderen Seite des Foyers warten mehrere hundert Menschen darauf, dass sie in Saal 1 dürfen. Als ich zum achtzigsten Mal an diesem Tag frage, ob der Gast süßes oder salziges Popcorn möchte und zum achten Mal "normales" als Antwort bekomme, mache ich meine Kasse zu und gehe ins Büro und kündige.
Mary steht in der Küche und macht Popcorn.

Am letzten Tag, die letzten Vorstellungen laufen schon, es ist gleich Mitternacht, ich bin auf der Suche nach Putzeimern und lande in der Popcornküche. Mary ist wieder in großgeblümt, aber nicht mehr im Arbeitskittel. Sie hat Feierabend. Wahrscheinlich das erste Mal in diesem Jahr überhaupt. Ich frage sie, ob sie sich jetzt Gelsohlen gekauft hat.
Ein Strahlen läuft ihr über das Gesicht. Ja, eine Bekannte hätte ihr welche besorgt, ihr Rücken wäre viel besser jetzt, woher ich denn sowas wisse. Ich zucke mit den Schultern, ich weiß es nicht mehr.

Ich wünsche ihr viel Spaß mit den Sohlen und gehe, um ein letztes Mal den Getränketower zu putzen und nie mehr "normales" Popcorn über die Theke zu reichen."Wichtige Links zu diesem Text"
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35 Antworten

Kommentare

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    wirklich amüsant zu lesen! Arbeite selbst nebenbei als Filmvorführer und muss sagen, auch wenn ich in einem Independent-Kino arbeite...es ist nicht anders....
    da muss man erstmal einer Person erklären das auch in den besten Kinos...ein 35mm-Format reissen kann (halt analooooog)

    Der beste Anschiss einer Besucherin in unserem Kino: Es läuft ein 4 Stunden-Film(!!!) Nach einer Stunde reisst der Film. Sie kommt schnaufend raus und meint das es nicht verkraftbar sei, weil das gerade die wichtigste Szene im ganzen Film war. xD

    aber echt starker text.. vorallem soo straight zu kündigen...oha!

    10.02.2010, 07:31 von seelen_striptease
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    Well done!!!

    04.02.2010, 22:22 von DarenBRens
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    auf jeden Fall interessant,weil ich jetzt auch schon seit über einem Jahr im Kino arbeite und genau das kenne..
    witzig,die situationen nachzulesen,weiß nur nicht,ob es genauso interessant wäre,wenn ich dem Job nicht nachginge ..

    03.02.2010, 10:12 von sauphie
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    Oh wie bekannt mir das doch vorkommt... Die Feiertage und Neujahr waren bei uns im Kino richtig ätzend. Gekündigt habe ich trotzdem noch nicht ;-)

    Es scheint wirklich überall das selbe zu sein... und über die Leute kann ich mittlerweile nur noch den Kopf schütteln.

    23.01.2010, 12:52 von JeannX
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    Einfach zu lesen und wunderbarer Stil.
    Kurz: Super Text!

    19.01.2010, 18:14 von laphz
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    laber rhabarber...endlose Kommentarstränge pflasterten ihren Weg. Der Text ist unterhaltsam, das Thema gut beobachtet und Big Mama macht wahrscheinlich heute noch Popcorn. The end.

    14.01.2010, 13:40 von cosmokatze
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    Es gelingt der Autorin in diesem, wie in allen anderen Stücken, die ich von ihr gelesen habe, eine ganz eigene Athmosphere aufzubauen. Dabei gelingt ihr die, wie ich meine, schwierigste Aufgabe in der Schreibe überhaupt, nahezu perfekt.
    Diese besteht nach meiner Auffassung in dem Kunststück folgende, für die Qualität maßgeblichen Parameter mit einander in Verbindung zu bringen und im richtigen Verhältnis gemischt, ineinander "verfließen zu lassen, sodass sie zu einem authentischen Ganzen werden.

    1. Aufbau, Erfindung, Konstruktion und vor Allem mental-sensualer Transport des entworfenen Sets aus dem geschrieben Wort in die dafür vorgesehenen Wahrnehmungssynapsen des Gehirns: Der Text RIECHT nach Popkorn und Bretzeln, er riecht und schmeckt richtiggehend nach aufgeregten Kindern, nach Mamas, Papas, nach Einzelgängern und Pärchen, nach Menschen. Der Text klingt wie Kino. Ich bin tatsächlich im Kino. Das muss man erst mal bringen! Abgefahren!!

    2. Story, Spannung und Darsteller: Ich habe sofort das Gefühl, die Erzählerin der "Nachtgedanken" wiederzutreffen. Sie ist mir bereits begegnet. Sie muss nicht neu aufgebaut werden. Die Autorin weiß das, denke ich. Sie bleibt dezent, unaufgeregt, strahlt für mich etwas mehr resignative Coolness und Erfahrung aus. Etwas weniger Profil und Kontur, was aber der Notwendigkeit geschuldet ist, dass sie nicht die eigentliche Hauptrolle spielt. Sie teilt sie sich diesmal. Big Mama ist greifbarer. Um sie mache ich mir Sorgen. Mit ihr habe voyeuristisches Mitleid. Um die Erzählerin mache ich mir keine Sorgenfalten. Nicht aktuell. Sie spult ihr Programm ab. Die Autorin dreht für mich in der Schilderung auch den Ton leiser, damit er mich nicht ablenkt, dennoch im Ohr bleibt und den Set im Hintergrund leben lässt. Ich weiß zwar schon jetzt aufgrund des Spannungsbogens, der sich für mich aufbaut, es wird hier noch was passieren, aber ich bin sicher die Erzählerin wird nicht den abgesägten Schroter aus dem Rucksack holen (obwohl sie mir vermittelt, dass sie das nur deshalb nicht tut, weil hier nicht der Ort und der Zeitpunkt ist). Die Eskalation und damit die Auflösung geschieht dann ja auch leise und unaufgeregt. Niemand nimmt Schaden.
    Wunderbar: menschliche Züge, "töchterliche" Fürsorge der Erzählerin zum Ende. Alltagspanzerung kurz einen Spalt auf, dann wieder zu. Ich meine, sie wird draußen den Player einstöpseln. Ich wünsche den urbanen Arschlöchern, ihr auf dem Heimweg nicht auf den Sack zu gehen.

    3. Stil, Wiedererkennungswert der Autorin: Ihre Texte haben ein Branding. Der Stil zieht sich von Anfang bis Ende durch. Ich habe den Eindruck, sie ist zu 99% transparent. Das eine Prozent ist aber immer merklich, aber angemessen und unaufdringlich. Niemals im Vordergrund. Ich bin dennoch froh, dass sie da ist. Ich fühle mich gut aufgehoben in ihrer Nähe. Nur für den Fall, dass doch noch der Schroter zum Vorschein kommt...

    Für mich: WOW !! Ganz starkes Kino. Ab heute bin ich Fan

    @Crowd: Sorry, ich kann nicht kurz..

    13.01.2010, 17:33 von Kokomiko
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      @Kokomiko Ich hatte in der Schule eine Lehrerin, die unter meine Texte immer geschrieben hat: "Inhalt: sehr gut. Aufbau: Sehr gut. Länge: zu lang. Gesamtnote: zwei". Damals hab ich sie gehasst. heute weiß ich: Sie hatte recht.

      Aber: Inhalt: Sehr gut (bis zu dem Punkt, wo ich aufgehört hab zu lesen...)

      13.01.2010, 17:45 von coronaria
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      @coronaria Mag ja sein, dass ich hier auf der falschen Plattform rumtanze...aber steht irgendwo im Disclaimer: Vorsicht! Ihre Texte dürfen die Länge von 2 SMS nicht überschreiten. Sie überfordern uns hier das Publikum.
      Das hab ich dann überlesen.

      13.01.2010, 18:03 von Kokomiko
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      @Kokomiko Du hast es provoziert: "Ich kann nicht kurz" hab ich meiner Lehrerin auch immer gesagt... ;-)

      13.01.2010, 18:12 von coronaria
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    Hab mich so in dem Text wiedererkannt. Dieses tierisch angekotzte Gefühl, wenn die Schicht immer länger und die Gäste immer dümmer werden, kommt für mich echt gut raus.
    Und Mary als Aufhänger find ich auch total super. Recht viel mehr wissen wir ja leider wirklich nich über sie...
    Klasse, ich glaub, heute muss ich krank feiern, ich hab garkeine Lust mehr reinzufahren ^^

    13.01.2010, 16:25 von Undee
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