Mann an Bord
„Alter, da liegt eine Leiche im Weg! Da kannst du nicht einfach drüber steigen!“ Nein, wir haben niemanden gerade erschossen.
"Alter, da liegt eine Leiche im Weg! Da kannst du nicht einfach drüber steigen!" Nein, wir haben niemanden gerade erschossen und wir waren auch nicht in sonstige Machenschaften verwickelt. Dieser Satz fiel bei einer Sicherheitsübung auf hoher See. Das alles hatten wir zwar bereits vor Antritt der Reise drei Tage lang geübt, aber wie heißt es so schön, das waren nur Trockenübungen. Trocken ist es diesmal auch - nur eben auf hoher See. Und während ich mich noch frage, was meine Begleitung denn sonst tun würde, außer im Notfall über die Leiche zu steigen, bemerke ich, dass er die Plastikpuppe liebevoll zur Seite schiebt. Ja, bringt unheimlich viel, wenn das Schiff gleich untergeht. Oder es theoretisch tun würde.
"Den restlichen Weg müssen wir auf dem Bauch liegend robben! Da ist überall Qualm, da kannst du nicht durchspazieren!" Jetzt bin ich entnervt. Da ist gar kein Qualm. Er will es nur "richtig machen". Er will also üben, auf dem Bauch liegend durch den Flur zu robben, während ich ein Deck über mir eilig laufende Menschen höre. Wer robbt freiwillig, wenn er laufen kann? Dieses ganze Drama begann schon beim Sirenen zählen. Wir beide ahnungslos auf unseren Klappbetten sitzend, hören Sirenen. Wir wissen, wir müssen sie zählen. Es ist unglaublich, wieviel Sirenengeheul so ein Schiff machen kann. Wir zählen still vor uns hin, schauen uns an und diskutieren, ob wir beide jetzt richtig gezählt haben und das nun eine Feuerübung ist. Ich weiß noch, wie ich bei dem Einweisungskurs lachen musste, als uns erklärt wurde, dass Feuer die größte Gefahr an Bord ist. Ich dachte an das viele Wasser drumherum und musste irgendwie lachen. Für mich bleib das Wasser die größte Gefahr. Ich musste wieder grinsen und wir holten die Schwimmwesten heraus. Wie ging das nochmal?
Etwas ratlos diskutierten wir hin und her; diese Diskussion führte dazu, dass besagter Begleiter nun meinte, wenn schon Feueralarm, dann müssen wir auch alles richtig machen. Nachdem er sich nun im Bad frisch gemacht hatte, einigten wir uns darauf, es einfach zu wagen und an Deck zu gehen. Fragt nicht mich, warum er sich frisch machen musste, man lernt, gewisse Fragen an Bord nicht zu stellen. Kaum im Flur ging die Diskussion los, ob wir im Notfall wohl den Aufzug des Servicepersonals benutzen dürften, bis wir uns einigten, dass das bei Feuer ohnehin nicht das Gelbe vom Ei ist. Er wollte es ja richtig machen. Schließlich stolperten wir eben über benannte Leiche im Flur, und nun sollte ich robben, obwohl weit und breit weder Qualm noch Menschen zu sehen waren. Bin ich irre?
Ja, das musste ich gewesen sein. So ein bisschen irre. Ein bisschen wahnsinnig. Und nicht seekrank. Nicht tätowiert. Ich musste mir die Haare abschneiden lassen und ich muss Glitzersakkos und Hemden aus den 70ern und Hosen tragen, die wirklich potenzgefährdend sind. Super, die Welt sehen und dafür bezahlt werden. Englisch üben und Musik machen, jemand, der für dich kocht, jemand, der deine Wäsche macht und überdurchschnittlich gute Bezahlung. Und nachdem ich mit meinen Flausen im Kopf an dem Monstrum an Schiff hochgeblickt und mich des Lebens gefreut hatte, schließlich einen Lageplan ergattert und meine Bordkarte erhalten und den Irrsinn halbwegs überblickt hatte, öffnete ich schließlich die Tür zu meiner Kabine. Und noch bevor ich das Zimmer betreten, geschweige denn, irgendwen gesehen hatte, schallte mir ein "Ich sage es dir nur einmal, wenn du dir einen runterholen willst, dreh dich zur Wand oder stell eine Kerze vor die Tür!" entgegen. Ah, rauer Umgangston an Bord. Ok, hatte ich von gehört und ich bin nicht aus Zucker, und Kerzen mag ich auch. Ging also.
Die Kabine ging eher weniger. 12 qm. Später erfuhr ich, dass wir es noch gut hätten. Die meisten haben 8 qm. Ich hatte meine Kabine auf Deck 4, bei der Wäscherei. Gurgelnde Waschmachinenlaute den ganzen Tag lang. Aber gut. Kein Bullauge. Immerhin kann man durch ein Bullauge vorbeischwimmenden Fische beobachten. Später fand ich heraus, dass erstens nur alle Jubeljahre ein Fisch vorbeischwimmt, zweitens ist er dann meist so klein, dass man ihn mit bloßem Auge ohnehin nicht wirklich erkennt und dritten sehen die meisten nicht mal exotisch aus, sondern eher so heringsmäßig. Dennoch ging zwei Wochen lang nichts ohne Lageplan und wehe, du hast in der Kabine etwas vergessen!
Einige Crewmitglieder lernte ich nie kennen. Die Schichten ging meist 10 Stunden lang, manchmal wie zu Silvester, Weihnachten, aber auch bei Krankmeldungen und Verletzungen auch mal 16 oder 18 Stunden. Einmal gab es aufgrund der Zeitzonenverschiebung einen 25- Stunden-Bereitschaftsdienst. Die meisten Crewmitglieder bekam ich sehr selten zu Gesicht und wenn, dann traf man sich in den Mannschaftsräumen. Zu den Mannschaftsräumen gehört der Speiseraum. Wir durften essen, was man uns zuteilte. Sie kontrollieren deine Fitness und selbstverständlich auch deine Ernährung. Aber niemand klärt dich darüber auf, wo du kostenlos Wasser bekommst. Bis ich das rausgefunden hatte, habe ich unendlich viel für Getränke bezahlt. Und es gab eine Art Gemeinschaftsraum. Eine Mischung aus schlechter Disco, Billardsalon, Bar und Striptease. Dort wurde hauptsächlich getrunken. Oder es ging um Pornos oder Drogen. Aber dort wurde auch wirklich gefeiert, vollkommen unbeschwert und auch laut, aber um einiges hemmungsloser und vielleicht deshalb manchmal echter als oben an Deck. Für die Crew war das der einzige wirkliche Rückzugsort außerhalb der Kabine.
Auf Deck 1, ganz unten im Maschinenraum, lag das Bordell. Drei Prostituierte für geschätzte 500 Männer. Das nenne ich Knochenjob. Ganz oben wiederum, auf Deck 12, da lagen die FKKler. Auch eher unangenehm, wenn man nichts ahnend dort strandet. Wir hatten uns nicht unter die zahlenden Gäste zu mischen. Wir hatten ein eigenes Sonnendeck und sollten uns nach Möglichkeit nur von den Mannschaftsräumen weg begeben, wenn wir unseren Jobs nachgingen. Aber für sechs Besatzungsmitglieder galt das nicht. Drei Männer und drei Frauen waren dafür zuständig, die zahlenden Gäste möglichst dezent zu animieren und zu unterhalten. Damit meine ich keine Bingo Gewinnspiele, sondern die Begleitung während eines Abendessens oder in eine Show. Spannender Job. Noch engere Hemden und Hosen, noch weniger Freizeit. Offene Nutte mit geschlossener Hose. Aber dafür auch ordentliches Trinkgeld, von dem die meisten an Bord ihre Landgänge und anderes während des Aufenthalts bezahlten. Denn bei Landgängen mussten wir eine Art Pfand hinterlegen. Eine Kaution der Sicherheit, dass die Crew wiederkommt.
Es gab auch weitaus deutlichere Angebote, auf die man es nicht mal sonderlich hätte anlegen müssen. Das Klischee entspricht einfach auch den Tatsachen und wenn man einen anderen Ort als die eigene Kabine findet, deren Erotikfaktor gleich null ist, und wahlweise auf Minderjährige oder eher betagtere Damen steht, muss man sich meist keine Gedanken um ein unerfülltes Sexleben machen. Wird einem alles nicht im Fernsehen erzählt, das wäre nicht sonderlich gut für das Image.
Anfangs war das alles neu, es sah so frisch aus und fühlte sich gut an. Irgendwann, und das ging sehr schnell, setzte der Alltag ein. Der bestand daraus zu arbeiten, zu schlafen oder zu essen. Mehr als einmal haben wir im Hafen noch überlegt, ob wir an Land gehen oder einfach nur schlafen. Diejenigen, die sehr oft mit dem Schiff unterwegs waren, blieben meist. Ich stellte schnell fest, dass die meisten von ihnen ganz andere Pläne hatten, die sie noch finanzieren mussten oder einfach nur des Geldes wegen unterwegs waren. Ich habe so gut wie niemanden an Bord kennengelernt, der Ahnung von der Seefahrt hatte. Und ich hatte ständig Angst, eine Sehnenscheidenentzündung zu bekommen. Sechs Monate später wußte ich, dass Kreuzfahrten schöne neue Welten ohne Kummer, Armut oder Sorgen sind und dir zeitgleich ein Abbild einer Gesellschaft karikieren, dass einem im ersten Moment schwindlig wird, bis du gezwungen wirst, daran teilzunehmen. Ab diesem Moment erscheint dir alles, was an Bord passiert, normal.
Bis ich in Berlin gelandet bin und mir bewusst wurde, dass man nur einen bestimmten Teil von sich mit an Bord nehmen kann und sich dann selbst ganz schön vermisst.






Kommentare
fands nen recht interessanten Bericht, mir war aber schon vorher klar, dass mich nichts auf nen Kreuzfahrer bringt.
21.01.2010, 00:11 von Dy3undhalb Monate an Bord einer Passagierfähre haben mir zu der Ansicht verholfen, dass es unbedingt Cargo sein muss.
Über die Situation der Crew an Bord würde ich gerne noch mehr erfahren, man hört da ja so einiges..
Das Leid der Feuer- und Rettungsbootsübungen kennt man natürlich, gerade mit Hotelleriepersonal (weiß nich wies aufm richtigen Kreuzfahrer heißt, ich meine alles außer Deck- und Maschinendepartment) habe ich da aber leider die Erfahrung gemacht, dass es sie generell nich wirklich interessiert wie das Schiff oder bestimmte Anlagen eigentlich funktionieren. Im Ernstfall ist allerdings eh so, dass die Hälfte der Leute den Kopf verlieren wird und nur wenig automatisch richtig laufen wird. Aber das is überall so.. nich nur in der Seefahrt.
@[Benutzer gelöscht] lustig
15.01.2010, 12:49 von rolfradolfskiSchade, dass du am Schluss den Bogen zu der Übung nicht mehr geschlossen hast.
14.01.2010, 16:11 von frl_smillaDass der sich noch im Bad erst fertig machen muss – super!
Tja. Und jetzt noch weiterhin viel Spaß in meinem großen Lieblingsapfel!
Schmunzel, nun ja, bald komme ich ja selbst in den genuss der Schifffahrt..
14.01.2010, 15:27 von Mouton86In welcher funktion warst du letztendlich eingestellt?
Zudem denke ich mal, dass du den Beruf Refa/Hofa gelernt hast?
Ein Puff. Eine Arbeits-Disko. Viel Geld. Hört sich ja alles in allem doch nicht so verkehrt an...wie ist es nun: Weiter zu Empfehlen?
14.01.2010, 15:05 von Junger_Faustwar zwischendrin echt lustig. die begebenheit mit dem feueralarm dürfte einigen sehr bekannt vorkommen:-D
14.01.2010, 14:58 von energiebuendelEcht gut. Wenn mans geschafft hat, ihn zu lesen. Mit ein paar mehr Absätzen wär er noch deutlich besser!
14.01.2010, 14:27 von coronaria@coronaria Das mit den Absätzen denk ich auch. Habs deshalb noch nicht geschafft.
14.01.2010, 14:30 von TaneaDer erste Absatz ist etwas ausschweifend, aber ansonsten liest es sich gut.
12.01.2010, 21:43 von SonglineDass man Teile von sich selbst vermissen kann, kenne ich. Nur, dass das auch auf einem Kreuzfahrschiff passiert, war mir neu.