Manchmal hasse ich meinen Beruf...
Fast jeder Beruf hat seine nervigen Seiten, von denen man vorher nichts ahnt. Hier berichten Profis über die Momente, die sie auf die Palme bringen.
Gesa Geller, 26, Kellnerin
»Der Zigarettenautomat nimmt auch Scheine.« - »Ich kann den Milchkaffee natürlich auch im Glas machen.« - »Selbstverständlich dürfen Sie die Tische zusammenschieben.« - »Wir nehmen keine Kreditkarten.« Hätte ich diese Antworten auf Kassette, mein Kellnerleben wäre um einiges einfacher. Und ich müsste nur noch lernen, mit den Müttern umzugehen. Erst parken sie ihre riesigen Kinderwagen mitten im Raum. Dann kriechen kleine Schreihälse aus diesen Trojanischen Pferden, die alle Sitzkissen von den Stühlen ziehen, um sich vor der Küchentür eine Kissenburg zu bauen. Die Mütter machen mit diesen Ungeheuern auch gerne direkt vor der Theke erste Gehversuche. Wie soll man da bitte vorbeikommen? Ansonsten nervt beim Kellnern sommerlicher Platzregen, weil 20 Leute von den Tischen draußen nach drinnen stürmen - und garantiert in dem Moment, wenn alles in der Kasse umbonniert ist, die Sonne wieder rauskommt. Ich persönlich habe außerdem ein Problem mit Kuchen. Ich verschätze mich fast immer, die Stücke werden riesig, die Gäste bekommen einen Schock und rufen ?Oh Gott?. Womit wir wieder bei den Müttern wären. Letztens saß hier eine Mutter mit ihrem Säugling an einem großen Tisch mit vier verschiedenen Parteien, die gerade aßen. Sie packt ihr Baby, riecht am Po, legt den Winzling mitten auf den Tisch, neben wildfremde Menschen, die gerade an ihrem Milchkaffee nippen, und wechselt die Windeln. Das ist hier ein Café, kein Wickeltisch. Und ich bin nicht Hebamme, sondern Kellnerin.«
Florian Keller, 37, DJ
»Das Schlimmste sind die Musikwünsche. Unpassende, unverständliche Wünsche von Gästen, die irgendwie nicht mitbekommen haben, dass sie sich nicht auf einer Privatparty, sondern in einem Club befinden. Britney- Spears-Anfragen an einem Abend mit Schrammelfunk. Oder Jungs, die ankommen, während die Hütte brennt, und ernsthaft zu dir sagen: ?Leg doch mal was zum Tanzen auf!? Manchmal sind DJ-Pults ungeschickt gebaut, das macht es noch schwieriger. Bierflaschen fallen um, und Mädels stoppen mit ihren Brüsten die Plattenteller, während sie versuchen, dir ihr Wunschlied zuzuflüstern. Menschen, die sich gern bewegen, finden wir DJs natürlich grundsätzlich super, denn es ist gar nicht so leicht, die Leute zum Tanzen zu bringen. Das geht dann oft so: Zwischen Aufsperren und einem brummenden Laden vergeht ?ne Menge Zeit. Langsam steigert sich die Stimmung, der Raum füllt sich, und man spürt, wie sich der Moment nähert, in dem das Eis bricht und die Ersten zu tanzen beginnen. Es nervt wahnsinnig, wenn in dieser gespannten Situation, kurz vor dem Durchbruch, ein paar Ausdruckstänzer in die Disko kommen, ihre Schuhe ausziehen und sich barfuß wie Dschungeltiere antanzen. Dann bleiben alle anderen erst mal wieder eine Weile sitzen. Die typischen DJLeiden sind übrigens nicht Hörprobleme, sondern Rücken- und Knieleiden vom vielen Plattentragen. Wir haben oft entzündete Finger, weil der Karton beim Plattenrausholen ins Nagelbett schneidet, und schwitzige Ohren von billigen Kopfhörern. Außerdem brauchen DJs viel Geld für große Wohnungen, um ihre riesige Plattensammlung unterzubringen.«
Klaus Brunner*, 28, Zahnarzt
»Mundgeruch. Logisch, daran gewöhnt man sich nie so richtig. Es gibt keinen anderen Beruf, in dem sich drei Menschen stundenlang so direkt anatmen wie beim Zahnarzt. Die Helferin, der Patient und ich, unsere Köpfe maximal 50 Zentimeter voneinander entfernt. Am schlimmsten sind Alkohol- und Zigarettengeruch auf nüchternen Magen, da zieh ich mir schon mal zwei Paar Handschuhe und drei Mundschutze übereinander an. Manchmal schlafen die Leute auf dem Stuhl sogar ein. Prinzipiell ist das ganz praktisch, weil mir niemand mehr reinredet. Wenn die Patienten allerdings unruhig träumen, bekomme ich Angst vor wilden Bissattacken. Natürlich nervt es als Zahnarzt auch, dass die Arbeitsfläce oft so schwer zugänglich ist. Wie soll man bei einem Opa, der seinen Kopf nicht mehr überstrecken kann, die oberen Backenzähne behandeln? Da muss man sich so verrenken, dass fast jeder Zahnarzt nach ein paar Monaten Rückenprobleme hat. Oder dicke Patienten mit riesigen Zungen, die alles verdecken! Eine Lupenbrille kann helfen, hinterlässt bei mir aber hartnäckige Druckstellen auf der Nase. Manchmal habe ich Angst, von den Mundschutzbändeln Schlappohren zu bekommen. Nach der Arbeit bleibt man als Zahnarzt trotzdem Mundfetischist. Ich will alle Leute ständig lachen sehen. Zähne sind wichtig, deshalb tut es auch so weh, wenn eine alte Frau mit der ?Gala« in die Praxis kommt, auf Claudia Schiffer zeigt und genau solche Zähne haben will. Das Stefan-Raab-Syndrom. Dass das ?ne Prothese ist, erkennt man aus einem Kilometer Entfernung.«
Thomas Kremser, 33, Taxifahrer
»Dass es tatsächlich ab und zu passiert, damit kann ich leben. Was viel mehr nervt, ist die andauernde Frage danach: ?Du Taxler, hat dir schon mal jemand ins Taxi gekotzt?? Dicht gefolgt von den anderen Nerv-Fragen: ?Wie viel verdienst ?n du?? und ?Du bist doch sicher auch ein arbeitsloser Student??. Reden im Taxi ist okay, Klischeefragen sind aber bescheuert. Genauso wie vorschnelle Äußerungen zum Generalverdacht, dass ein Taxi immer Umwege fährt. Und Ehestreits auf der Rückbank, die ich auch noch kommentieren soll. Oder übereinander herfallende Liebespaare, die so weit gehen, dass ich das Radio ganz laut stellen muss, um nicht vor lauter Schmatzgeräuschen peinlich berührt unter meiner Fußmatte zu versinken. Ob es tatsächlich schon mal jemand in meinem Taxi getrieben hat? Ich weiß es nicht, ich glaube schon, aber ich hab nicht geguckt. Als Anhalter muss man sich übrigens nicht mitten auf die Straße stellen und wild mit beiden Armen rudern. Ich erkenne Gäste sofort, auch wenn meine Windschutzscheibe ständig verschmiert - Taxiunternehmen kaufen immer die billigsten Wischerblätter. Außerdem nerven natürlich Baustellen, schleichende Parkplatzsucher, rote Ampeln und dieses eine schlecht geparkte weiße Auto, an dem man beim Gästesuchen in einer langweiligen Nacht zum achten Mal vorbeirangieren muss. Traurig ist Taxifahren auch, wenn man ein besonders nettes Mädchen im Auto hat und das dann mitten im Gespräch und natürlich viel zu früh wieder aussteigen lassen muss.«
Sandra Ballmann, 26, Friseurmeisterin
»Ich bin von Meg Ryan, Jennifer Aniston und David Beckham genervt, weil sie uns Friseuren die meisten Wannabe-Anfragen der letzten Jahre beschert haben. Bei Beckham war es am schlimmsten. Der blöde Iro war schon seit einem Jahr wieder out, da kommt Beckham - und plötzlich will jeder zweite Kunde einen langen Haarstreifen auf dem Kopf. Oder der Pony-Wahn. Mädels mit runden Gesichtern und niedriger Stirn, die anscheinend unbedingt wie Pfannkuchen aussehen wollen. Auch schwierig: der Kundentyp ?Gebeutelte Midlife- Crisis-Frau?, die ihr ?ganzes Leben ändern? will - und bei den Haaren anfängt. Die kann ich nur enttäuschen. Kunden, die Zeitung lesen, finde ich nicht nur ein bisschen unhöflich, es ist auch anstrengend, dass man den Kopf andauernd wieder aufrichten muss, der sackt beim Lesen nämlich immer wieder ab. Mich selbst sehe ich im verspiegelten Salon den ganzen Tag, zumindest aus dem Augenwinkel. Jedes Gramm zu viel ist die ganze Zeit im Spiegel zu sehen. Friseure erkennt man an ihrem steifen Nacken, weil wir die Arme immer oben halten müssen, an Schnittnarben zwischen Zeige- und Mittelfinger, an anständigen Wadeln vom vielen Stehen. Und an kurzen Schnitthaaren, überall. Die kriechen in den Ausschnitt, die Socken und manchmal sogar zu Hause unters Kopfkissen.«
Frank Höfer, 35, Steward
»Bei den Sicherheitsvorführungen fühle ich mich manchmal wie ein Clown. Ich stehe in der Mitte, alle schauen mich an, und jeder sieht es, wenn ich mich aus Versehen in der Schwimmweste verheddere oder die Sauerstoffmaske einem Gast auf den Kopf fällt. Passiert nicht oft, kommt aber vor. Immer zu kämpfen haben wir mit atmosphärischem Druck und den Extrakilos, die wir deshalb ständig tragen oder herumschieben dürfen. In der Luft ist alles rund ein Drittel schwerer als am Boden und ein 0,3 Bier, das man ausschenkt, wiegt mal eben ein halbes Kilo. Der Ofen, in dem das Essen heiß gemacht wird, ist auch tückisch. An den Gitterstäben verbrennt man sich bei Turbulenzen gerne. Es gibt zwar Handschuhe, aber große Männerhände passen da nicht rein. Lustig sind auch Flüge mit Gastarbeiterfamilien - da gibt es, sagen wir mal, oft erhöhtes Gepäckaufkommen. Da muss man quetschen, was die Klappfächer halten. Wir werden dann ziemlich erfinderisch: Ein Hochzeitskleid, während des Fluges auf dem Schoß des Gastes deponiert, landet für An- und Abflug schon mal in der Toilette. Ansonsten wird man als Steward eitel. Die Umgebung färbt ab - und auch als Hetero-Mann gibt man viel Geld für Lotions, Parfums und Sonnenbank aus. Die echte Sonne, und das ist eins der vielen tollen Dinge an diesem Beruf, sehe ich aus dem Fenster dafür jeden Tag.«
* Name der Redaktion geändert.
Tags: Berufswahl





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