Lügen lernen!
Ein Alptraum des Berufslebens: Opfer einer Intrige zu werden. Es kann jeden erwischen, aber es gibt Anzeichen. Und Gegenmaßnahmen.
Schaut man mal genauer hin, kann man eine grundlegende Wahrheit erkennen: Die Intrige kommt schon in den ältesten Epen der Menschheit vor, die nordischen Götter praktizierten sie ebenso wie die griechischen Olympier bei Homer. In Shakespeare-Dramen ist sie unverzichtbar, und auch im modernen Entertainment treibt sie oft die Handlung voran. Was sagt uns das? Die Intrige muss wohl, über alle Zeiten und Gesellschaften hinweg, fester Bestandteil der menschlichen Existenz sein. Vielleicht brauchen wir sie sogar, wie der Unternehmensberater Gustav Adolf Pourroy sagt, als eine Art »Katalysator für Veränderungen«.
Außerdem folgt die Intrige bestimmten Regeln und Mustern, die sich seit Jahrtausenden wiederholen. Wer sie kennt, ist gewappnet: Er kann Intriganten leichter durchschauen, fiese Machenschaften rechtzeitig erkennen, beliebte Fallen vermeiden. Fünf bekannte und bewährte Formen der Intrige auf dem Prüfstand.
DAS GERÜCHT
Die Strategie: Jemand, der dir Böses will, verbreitet eine schädliche Nachricht über dich, die noch dazu unwahr ist. Möglicherweise mit großem Empfängerkreis, im schlimmsten Fall weiß es die ganze Firma. Beliebt sind sexuelle Vorlieben oder Eskapaden, die es nie gegeben hat – oder der Hinweis, dass dein Stuhl bereits bedenklich wackelt. Eine häufige, unangenehme, aber nicht gefährliche Form der Intrige.
Warnzeichen: Keine. Diese Intrige trifft immer aus dem Nichts.
Sofortige Gegenmaßnahmen: Das Wichtigste ist es jetzt, schnell mit deinen Chefs und deinen Mitarbeitern über das Gerücht zu reden. Wer schweigt, gerät in eine unglückliche Position. Wer dagegen in die Offensive geht, hat nichts zu verbergen und kann in vielen Fällen schnell klar machen, dass an der Sache nichts dran ist. Diese Aufgabe ist auf jeden Fall wichtiger als die Jagd nach dem Täter, denn nur so kann die Intrige schnell gestoppt werden.
Aggressive Gegenstrategie: Mach irgendjemanden, von dem du weißt, dass er das Gerücht weitergegeben hat, als Quelle verantwortlich und drohe ihm mit den finstersten Konsequenzen. In der Regel wird derjenige sich dann beeilen, die Schuld auf seinen wahren Informanten abzuwälzen. Du folgst dieser Spur der Feigheit, bis du den Urheber am Wickel hast.
Langfristige Vorbeugung: Die Quelle des Gerüchts zu lokalisieren und Rache zu nehmen, ist oft nicht ganz einfach. Ersatzweise hilft es, unauffällig gute Kontakte zu den wichtigen Kommunikatoren zu halten, die jeder braucht, um ein Gerücht über dich zu verbreiten. Im Idealfall warnen sie dich schon, wenn ein Problem im Anmarsch ist, und dann kannst du die Intrige im Keim ersticken.
Selber machen: Wenn du ein intrigantes Gerücht in die Welt setzen willst, muss klar sein, dass du nie – wiederhole: niemals – als Quelle identifiziert werden kannst. Will heißen: Dein erster Ansprechpartner, den du mit Munition versorgst, darf deinen Namen selbst unter Folter nicht preisgeben. Falls du dir bei ihm nicht sicher bist, lass es lieber sein. Oder: Erwähne jemand anders, von dem du das Gerücht angeblich bereits gehört hast.
DIE MARIONETTE
Die Strategie: Nur als Beispiel: Jemand spielt dir auf eine Weise, die planmäßig oder völlig zufällig wirken kann, brisantes Wissen über einen Kollegen zu. Das kann sogar völlig anonym erfolgen. Dieses Wissen, das siehst du gleich, würde es dir erlauben, den Betroffenen übel fertig zu machen, wenn nicht sogar für immer loszuwerden. Du sagst dir: Bingo! Und rennst damit zum Chef. Prompt bist du einer sehr gefährlichen Form der Intrige aufgesessen.
Warnzeichen: Das hältst du gerade in Händen, Trottel. Warum, denkst du, hat man dir brisantes Wissen zugespielt? Der Grund ist einfach: Du sollst für den Intriganten Marionette spielen und dich freudig in die Schlacht werfen, während der Strippenzieher im Hintergrund wartet, wie das Gemetzel ausgeht. Falls du verlierst, weiß er natürlich von gar nichts. Frag dich mal, warum er nicht selber angreift.
Sofortige Gegenmaßnahmen: Mach erst einmal gar nichts. Daraus kann dir nie ein Strick gedreht werden. Beseitige außerdem alle Spuren, die beweisen könnten, dass du die Informationen je bekommen hast.
Aggressive Gegenstrategie: Du kannst versuchen, den Kollegen, gegen den du als Marionette eingesetzt werden sollst, in aller Stille zu warnen. Er wird danach so tief in deiner Schuld stehen, dass du ihn später erpressen kannst.
Langfristige Vorbeugung: Nicht nötig, solange du dich nicht zur Marionette machen lässt.
Selber machen: Bei heiklen Missionen, deren Ausgang unsicher ist, kann es in der Tat eine gute Idee sein, eine Marionette vorzuschieben. Sie muss aber gut ausgewählt sein. Folgender Typ ist optimal: jung, dynamisch, aggressiv, unsicher – und sie darf nicht mit dem Opfer, das du im Auge hast, befreundet sein.
DIE ACHILLESFERSE
Die Strategie: Jemand, der dir nichts Gutes will, hat dich schon länger beobachtet und deinen größten Schwachpunkt herausgefunden – möglicherweise die einzige Stelle, an der du wirklich verwundbar bist. Beim antiken Kämpfer Achilles war das bekanntlich die Ferse, die später zum Synonym für Verwundbarkeit schlechthin wurde. Also überleg mal: Warst du in deiner Jugend vielleicht Pornodarsteller? Oder eine Ecke realistischer: Hast du bei deiner Bewerbung gelogen, mit Kenntnissen geprahlt, die du gar nicht hast, einen großen Misserfolg verschwiegen? Stimmen deine letzten Abrechnungen wenigstens ungefähr?
Warnzeichen: Meist keine. Wenn dein Gegner dich erpressen will, wird er dich unter vier Augen ansprechen, seine Beweise erwähnen und erklären, was er jetzt von dir will. Wenn er dich einfach loswerden will, rennt er schnurstracks zum Chef. Oder, wenn du prominent bist, zur Bild-Zeitung.
Sofortige Gegenmaßnahmen: Keine. Du bist, leider Gottes, erwischt worden. Eigentlich bleibt dir nur die Wahl, die Sache entweder durchzustehen (»Okay, ich habe mal Pornos gedreht. Na und?«) oder dir ganz woanders eine neue Existenz aufzubauen. Wenn du dich allerdings erpressen lässt, wirst du nie wieder frei sein…
Aggressive Gegenstrategie: Du kennst auch die Achillesferse deines Widersachers und stellst so eine Pattsituation her, in der ihr euch gegenseitig in Schach haltet. Das geht aber a) nur bei Erpressungsversuchen, und b) müsste es schon großer Zufall sein, dass du das nötige Geheimwissen just in diesem Moment parat hast.
Langfristige Vorbeugung: Ist hier wirklich die Rettung. Viele Achillesfersen sind nicht mehr tödlich, wenn du sie selbst aus dem Weg räumst. Und zwar bevor jemand anders dahinter kommt. Rechtzeitig mit dem Geständnis zum Chef zu gehen, einmal Pornodarsteller gewesen zu sein, ist zwar unangenehm, kostet dich aber in der Regel nicht den Kopf. Es sei denn, du arbeitest für Emma.
Selber machen: Die Achillesfersen deiner Kollegen oder sogar deiner Vorgesetzten zu kennen, kann keinesfalls schaden. Halte also die Augen offen. Als nobler Charakter wirst du dein Wissen ja nicht unbedingt anwenden. Außer vielleicht in Notwehr. Mit großer Macht, sagt schon Spidermans Onkel Ben, kommt große Verantwortung.
DAS OFFENE MESSER
Die Strategie: Jemand will dich fertig machen, ist aber selbst zu schwach oder zu feige dazu. Also sorgt er dafür, dass du mit einem viel stärkeren Gegner zusammenstößt – und hinterher sammelt er grinsend deine Einzelteile auf. Eine extrem gefährliche Form der Intrige, falls du zu Selbstüberschätzung neigst.
Warnzeichen: Hat dir ein Kollege in letzter Zeit erzählt, der angeblich so mächtige Mayer sei in Wirklichkeit eine Flasche, stehe dir nur im Weg und sei leicht kaltzustellen? Und hat dir derselbe Kollege anschließend berichtet, Mayer rede nur das Schlechteste über dich und plane etwas ganz Furchtbares, um dich fertig zu machen? Dann kannst du sicher sein: Hier hat ein Intrigant sein Messer ausgeklappt…
Sofortige Gegenmaßnahmen: Sehr einfach. Du lässt Mayer schlichtweg in Ruhe und schaltest die Ohren auf Durchzug. Das sollte kein Problem sein – es sei denn, du bist ein angriffslustiger, größenwahnsinniger Bastard.
Aggressive Gegenstrategie: Nein, eben nicht. Die aggressivste Gegenstrategie ist es in diesem Fall, deine Aggressionen ganz schnell in den Griff zu kriegen. Denn eines ist klar: Mayer würde dich zum Frühstück verspeisen.
Langfristige Gegenmaßnahmen: Entwickle ein Gefühl dafür, wer in deiner Umgebung wirklich Macht hat und wer nicht. Das ist oft komplexer, als man denkt, und der Augenschein kann trügen. Je besser dein Blick dafür ist, desto immuner bist du gegen Einflüsterungen von Intriganten.
Selber machen: Ein angriffslustiger, größenwahnsinniger junger Bastard nervt in deiner Umgebung? Kein Problem. Gib ihm ein paar Ratschläge für die Palastrevolution – und schon bald nervt er woanders.
DIE FALLE
Die Strategie: Jemand will dir, sorgfältig geplant, die Rolle des Sündenbocks bzw. Versagers zuschieben. Das kann sehr unauffällig geschehen: Bei einem bestimmten Kunden sollst du »nur mal kurz aushelfen«; eine auf den ersten Blick harmlose Aufgabe könntest du »schnell mal erledigen«; und es wäre furchtbar nett, wenn du dieses oder jenes »dem Chef kommunizieren« könntest.
Warnzeichen: Schwer zu entdecken. Genau in der offensichtlichen Beiläufigkeit liegt der Haken. Sobald du mitspielst, bist du in die Falle getappt. Denn die Aufträge klappen natürlich nicht. Plötzlich hast du beim Kunden »versagt«, dein Teilprojekt »gegen die Wand gefahren« – und der Chef reißt dir den Kopf ab, weil du auch noch zum Überbringer schlechter Nachrichten wirst. Du beteuerst, dass du mit dem Katastrophenprojekt eigentlich gar nichts zu tun hast – aber alle Beweise sprechen gegen dich. Ja, plötzlich wirst du als Hauptverantwortlicher hingestellt.
Sofortige Gegenmaßnahmen: Schnellstens Beweise sammeln, die zeigen, dass du eben nicht der Sündenbock bist. Da der Intrigant sein Vorgehen aber offensichtlich gut geplant hat, dürfte das schwierig werden.
Aggressive Gegenstrategie: Du kannst nur mit einer anderen Intrige reagieren. Der dich zum Sündenbock machen will, sollte besser keine Achillesferse haben. Sonst ist er dran.
Langfristige Vorbeugung: Nimm keine Aufgaben an, die dir irgendwie komisch vorkommen, weil du auf die Schnelle mit einsteigen sollst. Informiere dich lieber vorher, ob das Projekt nicht bereits unrettbar verloren ist.
Selber machen: Das Gute ist: Wenn bei deinen eigenen Projekten etwas richtig aus dem Ruder läuft, bist du der Erste, der das mitbekommt. Zeit genug, um noch irgendeinen Deppen mit in den Schlamassel hineinzuziehen.
Tags: Mobbing





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