Luc in der Straßenbahn
Luc ist ein kleiner, trauriger Mann, sehr dünn und sehr höflich.
In seiner Heimat war er Zollbeamter, aber irgendein afrikanischer Bürgerkrieg hat ihn zur Flucht gezwungen.
Oft sieht man Luc mit der Straßenbahn fahren, von einer Endhaltestelle zur anderen und wieder zurück. Neben ihm sitzt ein siebenjähriger Junge und starrt vor sich hin: sein Sohn Louis. Louis ist Autist. Niemand weiß, was in seinem Kopf vorgeht. Normalerweise ist er ein stilles Kind, und manchmal lacht er sogar. Manchmal aber fängt er auch zu schreien an, und es gibt nur eine einzige Sache, die ihn dann beruhigen kann: Straßenbahn fahren, und das mindestens eine Stunde lang, sonst fängt er beim Aussteigen sofort wieder an zu schreien. Waschen, anziehen und füttern lässt sich Louis nur von seinem Vater, seine Mutter ignoriert er. Bei ihren Landsleuten in der Exilgemeinde sind Louis und Luc nicht willkommen. In ihrer Heimat werden Kinder wie Louis aus dem Dorf gejagt und mit Macheten zerstückelt. Ich liebe meinen Sohn über alles, sagt Luc.
Eigentlich müsste Luc nicht arbeiten. Als Betreuungsperson eines schwerbehinderten Kindes könnte er zu Hause bleiben. Besser für Louis wäre es, sagt er. Aber er hat Angst vor Anfeindungen, wenn er als Ausländer dem Staat auf der Tasche liegt. Also teilen er und seine Frau den Tag zwischen sich auf; Luc arbeitet abends und nachts um tagsüber für Louis da zu sein, seine Frau putzt tagsüber in einem Krankenhaus. Bis vor vier Monaten hat Luc für eine Gebäudereinigungsfirma nachts Schulen saubergemacht. Das war ok, sagt er, er war der einzige Ausländer, aber die Kollegen waren nett. Die Firma ging pleite, Luc meldete sich arbeitslos. Beim Termin auf dem Arbeitsamt fragte er die Sachbearbeiterin, ob er nicht eine Fortbildung im Bereich Zoll und Lager machen könne, um wieder in seinem alten Beruf arbeiten zu können. Die Sachbearbeiterin glaubte nicht, dass sie einem Ausländer so etwas Kostenintensives genehmigen müsse. Aber sie gab ihm eine Adresse, bei der er sich vorstellen solle. Alle Afrikaner arbeiten da, sagte sie.
Lucs neuer Arbeitsort ist eine Großschlachtanlage. Sie liegt 50 Kilometer von seinem Wohnort entfernt, dank schlecht ausgebautem Personennahverkehr dauert eine Strecke fast 90 Minuten. Gibt man den Namen von Lucs Arbeitgeber bei Google ein, stößt man ziemlich schnell auf Begriffe wie Fleischmafia und Dumpinglöhne. Ein großes Nachrichtenblatt hat schon darüber berichtet. Luc sagt, dass es schlimmer ist, als in der Zeitung steht. Der Samstag ist der einzige freie Tag. Arbeiten muss er von 18 Uhr abends bis 8 Uhr morgens. So ist es jedenfalls vorgesehen. Es kommt auch vor, dass zwischen Arbeitsende und Arbeitsanfang weniger als vier Stunden liegen. Dann legen sich Luc und seine Kollegen, die auch nicht am Ort wohnen, in einem Park auf die Bänke, um wenigstens ein bisschen zu schlafen. Aus der Bahnhofsvorhalle hat sie das dortige Personal schon oft vertrieben. Luc verdient weniger als fünf Euro in der Stunde. Kein einziger Deutscher arbeitet in der Schlachtanlage.
Luc sagt, dass er kein Fleisch mehr isst, jetzt wo er weiß, wie es in einer Schlachtanlage zugeht. Mal muss er den Schlachtsaal von Blut und Kot reinigen, dann muss er das zerlegte Fleisch in die durchsichtigen Verpackungen einschweißen, in denen es an der Supermarktkühltheke angeboten wird. Eine Pause dazwischen gibt es nicht. Wenn er Fleisch verpackt, kleben Blut und Kot noch an seinen Schuhen.
Luc ist noch dünner geworden, denn auch Essenspausen gibt es nicht. Louis schreit in letzter Zeit viel. Die Reittherapie musste er abbrechen, weil niemand mehr Zeit hat, ihn zum Reiterhof zu bringen. Einfach kündigen kann Luc nicht. Die Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt hat ihm gedroht, dass e dann keinen Euro mehr bekommen würde. Außerdem hat Luc Angst, seine Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Also fährt er weiter zur Schlachtanlage, jeden Tag außer Samstag. Sein Arbeitgeber hat eine Steigerung der Schlachtrate angekündigt, Überstunden könnten anfallen.






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