Lieber Arbeitgeber,
Nach langer Überlegung, zahlreichen schlaflosen Nächten und zermürbendem Hin und Her bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das mit uns nichts wird.
Vielleicht bist du eine Nummer zu groß für mich mit deinen Großraumbüros, deinen Hunderten von Angestellten und deinem weltweiten Aktionsfeld. Vielleicht bist du aber, ganz tief drin, auch eine Nummer zu klein mit deiner mangelnden Kompromissbereitschaft, der Dorfmentalität, deiner Vetternwirtschaft und der laxen Organisation.
Am Anfang war alles rosarot, du hast mir die Sterne vom Himmel versprochen, aber schon bei der ersten Gehaltsneuverhandlung hast du alles vergessen. Zu Beginn durfte ich mich entfalten, sobald du dir meiner sicher warst, hast du mich jedoch angekettet in dieser meiner Abteilung, die ich außerhalb deiner Wände nur mehr „die Geschlossene“ nenne. Manchmal würde ich gerne alles mit einer Kamera festhalten, weil mir das niemand glauben würde. Betritt man die Abteilung, trifft man auf vier Sekretärinnen, von denen zwei nicht miteinander reden, weil sie zerstritten sind, und die anderen beiden auf keinen Besucher und kein Telefonat reagieren, weil sie ja die Stöpsel ihres i-Pods im Ohr haben. Radio ist nicht mehr erlaubt, weil Kollege Dieter ausflippt, sobald in normaler Stimmlage geredet wird. Ich habe ihn schon Bombendrohungen murmeln hören, ohne Witze.
Dafür, dass Kollege Herbert ein Psychopath ist, kannst du ja nichts. Na gut, du hättest ihn nicht einstellen müssen. Aber es war vielleicht die Gewohnheit, und er hat der Firma ja jahrelang gute Dienste geleistet. Du kannst dich schlecht von Altem trennen, typisch. Als wir aufeinander trafen, war es der Reiz des Neuen, der dich an mir faszinierte. Mittlerweile ist er verflogen, und ich bin dir zu anstrengend geworden, zu fordernd, zu idealistisch und zu offen.
Es sind oft die Kleinigkeiten, an denen Beziehungen scheitern. Und ich weiß, sie sind vielleicht nicht der Rede wert, aber in den kleinen Dingen hast du mich sehr enttäuscht. Ich war nicht gefasst auf stinkende Klos aus dem Sechziger Jahren ohne Unterscheidung in Damen- und Herrentoilette, auf zwei Quadratmeter „Raucherraum“ mit mangelhafter Belüftung, ständig überquellenden Aschenbechern und vollgesudelten Wänden. Auch nicht auf das frauenfeindliche Arbeitsklima, welches mir in diesem erschreckenden Ausmaß noch nicht untergekommen ist.
Und dann dein entsetzlicher Geiz. Alles rechnest du mir vor, dabei verrechnest du dich nur allzu oft und gerne zu deinen Gunsten. Großzügig habe ich bis jetzt darüber hinweg gesehen, aber nachdem du mir das vereinbarte Gehalt verweigert hast, nur ein Drittel des viel gepriesenen 14. Monatsgehalts auszahlst und das Geburtstagsgeld um fast die Hälfte gestrichen wurd, bin ich doch etwas sauer. Dafür, dass ich mich manchmal als dein Mädchen für Alles fühle, weil du mich mit allen möglichen niederen Arbeiten betraust, für die ich eigentlich nicht zuständig bin, nur weil niemand Anderer dazu imstande ist, revanchierst du dich nur selten. Und wenn, dann auf die falsche Art. Von einem Schulterklopfen kann ich meine Miete nicht zahlen, und Anerkennung und Lob – sei mir nicht böse, aber dafür habe ich Freunde.
Sei nicht traurig, es liegt bestimmt nicht an dir. Es liegt an mir. Ich bin nicht arbeitsscheu, aber Büroarbeit liegt mir nun mal nicht so. Ich habe es dir gleich zu Beginn erklärt, du hast aber anscheinend nicht richtig zugehört in deinem Eifer, mich zu erobern.
Es gibt auch keinen Anderen. Wirklich nicht. Also gut, vielleicht habe ich da jemanden im Auge, aber ich möchte nicht warten, bis es mit dem klappt, um mich von dir zu trennen. Mach mir jetzt bitte keine Szene. Früher oder später hätte ich dich wahrscheinlich betrogen. Die Versuchung ist ja ständig da, so wenig, wie du dich um mich kümmerst.
Außerdem ist so eine Fernbeziehung natürlich auch etwas anstrengend. Du bekommst davon ja nichts mit, die gestiegenen Benzinpreise berühren dich nur minimal. Ich bin diejenige, welche jeden Tag ins Auto steigt, um zu dir zu kommen, und du, du hast nicht einmal einen Parkplatz für mich. Als ich einmal falsch parkte und dein Hausmeister daraufhin etwas aggressiv wurde, war ich zu geschockt um zu reagieren. Es fällt mir manchmal schwer, das Benehmen der übrigen Angestellten nachzuvollziehen. Aber du wirst schon wissen, was du tust.
Vielleicht können wir ja Freunde bleiben. Immerhin bin ich um einige Erfahrungen reicher – von denen ich auf die meisten verzichten hätte können, aber immerhin. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber ich muss jetzt an mich denken. In dieser Beziehung habe ich den Kürzeren gezogen. Und beim nächsten Mal werde ich vorsichtiger sein. Ich wünsche dir viel Glück.
Und dass du jemanden findest, der besser zu dir passt.






Kommentare
Jetzt les ich den Artikel erst und weiß ganz genau, wie es dir geht.
30.07.2008, 10:40 von kleinesbiestkenn den Laden ja... Komm zu mir, komm zu mir!!!!!!!!!!!!
Weißte ja eh.
Ich hab mich zum Glück rechtzeitig getrennt. und nun bist du an der Reihe, jemanden zu finden, der dich zu schätzen weiß und dir das gibt, was du brauchst und ddir zu steht...
schreibst Du Deine vielenvielen Artikel nicht während der Arbeitszeit?
30.07.2008, 01:23 von KocmonabtHatte dann nicht alles auch was gutes?
VG K
sind wir kollegen?
25.07.2008, 12:48 von Bardielnaja bald wohl nicht mehr... hab heute gekündigt ....
Das klingt ja übelst. Kein Wunder, dass du dich trennst ...
25.07.2008, 10:10 von Honigmelonedu arbeitest aber nicht bei siemens? da ist mir nämlich fast das selbe passiert.... ;-)
25.07.2008, 08:49 von ramazotti-orange@ramazotti-orange also gut, dann fällt siemens auch weg als potentieller zukünftiger arbeitgeber... *grrr*
25.07.2008, 10:11 von misspringlefabelhaft.
24.07.2008, 23:26 von zuckerpuppeGrandios!!!
24.07.2008, 12:56 von AnnaEcke.. einfach köstlich ... ich grinse immer noch ... ;)))
24.07.2008, 12:21 von ilofi