AnnaEcke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 24 29

Knastklapsenkirmes - Teil 3

Letzte Station vor der minderjährigen Obdachlosigkeit.

In diesem Moment höre ich die Küchentür. Ich schmeiße die Haustür zu, drehe den Schlüssel im Zylinder und kann gerade noch ausweichen, als Lukas sich von innen vor die Haustür wirft.

„Anna, schließ auf. Ich muss da raus! EY, SCHLIEß AUF!“

Wortlos lasse ich Lukas stehen. Aus den Augenwinkeln sehe ich noch, dass Sven mit der Stirn vor die Glasscherbe donnert. Haustür-Headbanging. Blutfleck. Platzwunde.

Ich steuere auf die Bürotür zu. Da packt Lukas mein Handgelenk.

„Lass – mich – los.“

„Geb mir das Telefon.“

Lukas’ Körper bebt auf seiner Gesamtlänge von guten 1,80m, seine Stimme hingegen klingt klar und fest.

Ich denke nicht nach. Ich sehe mein Handgelenk in seiner Hand und aus dem spontanen Impuls heraus, nicht seine Faust in mein Gesicht rasen sehen zu wollen, ziehe ich das Telefon aus meiner Hosentasche und halte es ihm hin. Umgehend lässt Lukas mein Handgelenk los und kehrt mir den Rücken zu. Erst jetzt begreife ich, dass ich meine letzte Sicherheit aus der Hand gegeben habe. Ohne Telefon kann ich keine Unterstützung einfordern.

„Hier spricht Lukas Bucker. Wie der Bäcker nur mit U, klar? Ich wohn Einrichtung XY und ich war bis letztens noch inna Geschlossenen wegen versuchtem Totschlag und so. Ich bin hier grad kurz vorm Austicken, okay? Hier ist draußen so’n Hurensohn, der will sich mit mir anlegen. Ich schwör Ihnen, ich bring den um. Sie müssen jetzt kommen und sich um den Wichser da kümmern bevor ich mich um den kümmer, klar? Ja, XY Einrichtung, ja. Boah, hörense ma auf mich vollzutexten? Ich hab kein Bock auf so’n Gelaber. Schickense jetzt die Bullen oder klär ich den Scheiß hier jetzt auf meine Art? Gut. Tschüss.“

Mit den Worten „Wassn Spast“ hält Lukas mir das Telefon vor die Nase, tritt ans Fenster, vor dem Sven tobt, und flüstert: „Mach nur weiter. Mach nur weiter.“

„Lukas?“
„Was?“
„Das war super.“
„Hä?“
„Dass du die Polizei angerufen hast. Das war richtig gut!“
„Na, anderthalb Jahre Geschlossene. Meinste da hab ich gar nix gelernt?“
„Auf die Aktion kannst Du richtig stolz sein. Ganz im Ernst.“

Lukas dreht dem Fenster den Rücken zu, lehnt sich an die Fensterbank und guckt mich geradewegs an. Er wirkt plötzlich völlig ruhig.

„Sorry, dass ich Dich angepackt hab.“
„Ist okay.“

Ich stehe auf, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen, denn seit einigen Sekunden hört man von draußen keinen Mucks mehr.

„Ist er weg?“
„Ich würd ihm nicht raten, sich verpisst zu haben. Der soll sich lieber von den Bullen eine einfangen als von mir. Wenn die Bullen sich den nich richtig vorknöpfen, echt Mann, dann hol ich das nach, das sag ich Dir!“
„Siehst Du ihn noch?“

Ich knuffe Lukas meinen Ellebogen in die Seite und nicke mit dem Kopf in Richtung Straße, woraufhin er sich zum Fenster wendet. Gemeinsam starren wir in die Dunkelheit, suchen Schatten und Ecken nach Svens Gestalt ab.

Mit den Worten „Ich würd sagen der Wichser hat sich verpisst“ dreht Lukas sich um und hockt sich mit angezogenen Beinen auf die tiefe Fensterbank. „Ich wills hoffen“ murmle ich und setze mich neben ihn.

„Wo sind denn die anderen?“
„Die sind breit. Bestimmt am Pennen. Kifferschläfchen.“

„Ey, laber doch kein Scheiß, Alter! Ich bin nich am Pennen!“ mault Kenan vom Nebenzimmer zu uns rüber.

„Aber breit bisse!“ ruft Lukas mit einem Lachen nach nebenan.
„Was geht Dich das an, ey?!“ Kenan klingt nicht sonderlich zugekifft.
„Halt doch einfach Dein Scheißmaul, ja?!“

Mit „EY! Ruhe jetzt!“ gehe ich dazwischen, damit sich die Stimmung nicht auch noch zwischen den beiden aufkocht.

„Hat einer von Euch Bock auf ein Eis?“

Ich höre es bevor ich es sehe.

Es macht einen Knall. Hinter mir. An mir. Um mich herum. Für vielleicht zwei oder drei Sekunden ist das Geräusch überall und in meinem Kopf passiert rein gar nichts. Trotzdem bewege ich mich.
Aus Reflex. Zum Glück.

Ich werfe mich vom Fenster weg in den Raum hinein.

Für einen kurzen Moment setze ich nicht um, was ich da sehe. Dann schlagen die Bilder ein und ergeben Sinn, verknüpfen sich und verlangen nach irgendetwas, nach einer Reaktion.

Ich verstehe was ich sehe. Ich weiß auch, dass ich handeln muss. Das ist mein Dienst. Ich bin in meinem Dienst der Chef. Ich bin in meinem Dienst alleine. Da lässt sich nichts abwälzen. Das muss ich jetzt regeln. Irgendwie.

Lukas brüllt. Wie ein Irrer kloppt er mit der Faust immer wieder vor die Wand.

„Du Stück Scheiße! Ich krieg Dich! Du bist tot! Du bist sooo tot.“

Er steht in einem Scherbenmeer. Ich sitze mit Schockblick in der Mitte der Küche auf dem Boden.

„Lukas, komm runter.“

„Tot, der ist tot! Frauen macht man keine Angst! Der hat dir Angst gemacht, der Wichser! Bei meiner Mutter hab ich das gelernt. Frauen sind heilig! Frauen tut man nix! Den mach ich fertig, Anna. Das schwör ich dir!“

„Lukas, du MUSST JETZT RUNTERKOMMEN!“

Ich stehe auf, gehe die paar Schritte auf ihn zu.

„Pass auf, ich muss jetzt telefonieren. Das geht nicht, wenn Du so brüllst.“

„KRAAASS, was gehtn hier ab ey?“

Kenan steht in der Küchentür und gafft sich fast seine kleinen Kifferäuglein raus.

Lukas springt auf mich zu. Wieder kann ich nicht denken. Kann nicht greifen, was da auf mich zukommt. Kann nicht einsortieren, ob es ein Angriff ist. Es geht zu schnell. Ich kann nur sehen. Und ich sehe, dass er mich vom Fenster weg- und zur Wand hinschleudert. Wie im Film steht er breitbeinig vor mir, breitet die Arme aus und dreht mir dann in genau dieser Haltung den Rücken zu.

„Kenan, Alter, wir müssen die Anna beschützen. Die isn Weib, ey!“

„Was gehtn ab? Was gehtn bei Euch ab? Krass, Alter. Fett krass!“

Ich muss lachen.

„Lukas?“

Ich klopfe ihm von hinten auf die Schulter.

„Lukas! Hallo? Kannst Du mal diese A-Team-Nummer lassen?“
„A-Team? Wasn das fürn Scheiß?“

„Egal. Aber dürfte ich bitte einen Schritt von der Wand wegtreten? Das wäre recht zuvorkommend.“

Mit den Worten „Aber Du bist vorsichtig, ne?“ geht Lukas einen Schritt zur Seite.

Handeln. Ich muss immer noch handeln.

Telefon.

„Ecke mein Name, Einrichtung XY. Guten Abend. Einer unserer Jugendlichen hatte sich vorhin schon bei Ihnen gemeldet und Unterstützung eingefordert, weil es hier zu einem Eklat mit einem unserer Ehemaligen gekommen ist. Sie wollten einen Wagen schicken. Inzwischen hat sich die Situation hier verschärft und ich bitte Sie mir, DRINGEND…“

„Halt, die Fresse, Anna!“

Sven brüllt aus dem Off.

Lukas ist mit einem Satz am Fenster.

„…DRINGEND und SCHNELL Hilfe zu schicken. Der ehemalige Bewohner hat mit einem großen Blumenkübel die Küchenfenster eingeworfen. Er ist noch draußen und provoziert den jungen Mann, der vorhin schon Unterstützung angefordert hatte.“

Es fliegen Steine in die Küche. Äste. Dreck.

„Ihr Ficker! Ich mach Euch fertig! Holt doch die Scheißbullen! Die mach ich auch fertig! Ich mach Euch alle fertig.“

Lukas dreht sich zu mir um. Mit ruhiger Stimme und ruhigem Blick sagt er:

„Ey, Anna. Sorry. Ich halt das nicht mehr aus. Ich klopp den jetzt kaputt. Geht nicht anders.“

Und mit einem Satz ist er durch das kaputte Doppelfenster auf der Straße. Ich höre kein Geschrei. Ich höre sie rennen. Alle beide.

„Hallo? Hören Sie mich? Ich brauche JETZT Hilfe. Die Situation hier eskaliert immer weiter. Schicken Sie mit bitte SOFORT Hilfe.“

Während ich spreche füllt sich die Küche.

Kenan hat Jens, Kai und Leon aus den Betten gezogen, damit ihnen der Actionstreifen für lau nicht durch die Lappen geht und spielt jetzt den Moderator.

„Also, fett krass, ey. Pass auf, ich chill da so im Wohnzimmer, weisse? Anna fragt noch, wer n Eis will. Yo, denk ich mir. Eis wär geil. Und will aufstehen, um zu gucken, was fürn Eis da is, ne? Und dann voll der fette Krach. Ey, ich sach Dir, Alter, ich hab gedacht, jetzt is Krieg. Ich hab gedacht, gleich bisse tot. Also ich. Ich hab gedacht, gleich bin ich tot. Wir alle, ne, is klar. Ey, ich hab voll nich gerafft, was da abging. Zu krass, Alter. Zu krass!“

Just in dem Moment, in dem ich das Telefonat beende, geht Kai auf das Scherbenmeer zu und steckt den Kopf aus dem Fenster.

„Kai, geh da weg.“

Kai geht da nicht weg.

„Kai, das ist mein Ernst. Geh. Da. Weg.“

„Boah, scheiß mich mal nich an. Ich guck doch nur.“

„Ja, ich guck auch nur. Und weißt Du was ich sehe? Dass da oben im Fensterrahmen noch ein paar dicke Scherbensplitter stecken. Und ich sehe sie vor meinem inneren Auge in Deine Birne wummsen. Also: ZIEH DEN KOPP AUSM FENSTER!“

Betont lässig wirft Kai einen Blick nach oben, checkt, dass ich nicht ganz Unrecht haben könnte und tritt vom Fenster weg. Er bückt sich. Besieht das große Scherbenchaos auf dem Boden. Große Industrie-Altbau-Doppelfenster = Großes Scherbenmeer.

Bevor er es tut, weiß ich es.

„Nicht anfassen.“

Aber doch, klar, Kai schnappt sich eine Riesenscherbe, hält sie wie ein Lichtschwert vor sich, klimpert träge mit seinen Kifferäuglein und wendet sich Kenan, Leon und Jens zu.

„Ich bin Dein VAAAATEEEER!“

Ich stehe im Kifferkicherwald. Den kenne ich schon. Da hilft nur Brüllen.

Kenan, Leon und Jens wanken zu Darth Kai rüber und machen sich an den Scherben zu schaffen.

„RAUS!“

Keine Reaktion. Sie spielen „Wer findet das mächtigste Scherbenschwert.“ Ich spiele „Ich werd gleich bekloppt.“

„Jeder, der hier jetzt noch irgendetwas anpackt, fliegt raus. Nicht für heute Abend. Nicht für morgen. Sondern für die ganze Scheißwoche. Und wenn Ihr da draußen einfriert…das ist mir so was von egal! Ihr macht mir hier jetzt nicht noch ne fette Blutsause. IST DAS KLAR?“

Leon und Jens scheren sich nicht groß um meine Ansage und Kai kriegt sich nicht mehr ein vor Freude über sein Superschwert. Lediglich Kenan hält inne und scheint das, was ich gebrüllt habe, in irgendeiner Form abzuwägen.

„Ey, Leute. Das meint die ernst. Die macht das. Echt, jetzt. Ich hab keinen Bock, bei dem Wetter auffe Straße zu stehen. Lass ma abhauen.“

„Na gut, dann fress ich jetzt was. Ich glaub, ich hab gleich voll den harten Fresskick.“

Leon steuert auf den Kühlschrank zu, Kai erwacht aus der Schwerttrance „Essen? Geil!“ und lässt sein Schwert zu Boden gehen. Es bricht nicht.

„Halt! Raus. ALLE RAUS! Ich will hier jetzt keinen in der Küche haben.“

„Boah, Anna! Mach ma locker, ey!“

„Locker mach ich später. Und später könnt ihr den Kühlschrank meinetwegen geschenkt haben. Aber JETZT marschiert ihr hier zur Tür raus.“

Ein paar Momente später hängen alle vier vorm Fernseher.

Als ich die Küchentür hinter mir schließe, merke ich, dass ich am ganzen Körper zittere. Vielleicht hab ich schon die ganze Zeit gezittert, aber erst jetzt fällt es mir auf. Adrenalin pur.

Ich wähle die Nummer des Arbeitskollegen, dem ich am meisten vertraue, rede erst wirres Zeug und fasse die Situation dann haspelig zusammen.

„Was mache ich denn jetzt? Hier ist jetzt Tag des offenen Fensters. Hier kann jeder rein und raus wie er will. Was mache ich denn jetzt? Ich kann mich doch nicht die ganze Nacht hier hinstellen und bewachen, dass keiner reinhopst und uns die Bude leer klaut.“

Ich bekomme den Tipp, unseren Chef anzurufen.

„Der wohnt um die Ecke. In Notfällen kommt der auch vorbei, wenn man ihn fragt. Frag ihn einfach.“

Also frage ich ihn einfach.

Und er sagt einfach „nein“. Er sei auf einer Feier, könne da nicht weg, ich solle am nächsten Tag den Glaser anrufen und über Nacht das Fenster tapen.

Mit Gaffaband tapen. Klar.

Da ist mehr Loch als Fenster. Da tape ich NIX!

Die Polizei trifft nach einer Stunde ein. Nach einer Stunde, in der mir zum ersten Mal bewusst wird, dass ich einen Job mache, in dem ich, wenn es hart auf hart kommt, NICHT darauf zählen kann, dass ich zeitnah Unterstützung bekomme. Zwar verstreichen die Minuten bis zu ihrem Eintreffen vollkommen ereignislos, aber so etwas kann sich ja durchaus auch mal anders ergeben. Zum ersten Mal mischt sich an diesem Abend leise eine Idee von wirklicher Angst in mein Arbeitsverhältnis.

Nachdem mein Arbeitskollege um einiges später die Fenster mit Brettern vernagelt hat und ich mich im Bereitschaftszimmer ins Bett lege, versuche ich diese Idee zu verdrängen. Denn wo Angst, da Schwäche. Und in meinem Job kann ich mir eine Menge leisten. Schwäche gehört nicht dazu.

Als ich am Morgen aufwache, fühle ich mich gut. Der Verdrängungsapparat hat ganze Arbeit geleistet.

„Gut. Das war einfach nur ein harter Dienst. Gehört dazu“ sage ich mir. Ohne zu wissen, dass dies nur der Auftakt war."Wichtige Links zu diesem Text"
Knastklapsenkirmes - Teil 3

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24 Antworten

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    bin auch gerade erst auf die drei teile gestoßen und finde sie wunderbar echt geschrieben. wird es einen 4.teil geben?

    14.12.2010, 12:57 von Snow.
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    Ich habe gerade die ersten drei Teile innerhalb weniger Minuten gelesen und muss das erst einmal etwas verdauen, da diese Geschehnisse einfach so unglaublich sind. Gleichzeitig aber auch so real.

    Gibt es einen 4. Teil?

    23.11.2010, 14:04 von MmeMaxine
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    Hauehaueha.

    27.07.2010, 17:03 von mixtapeape
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    Authentisch. Fast wünsche ich mir `ne Atempause und etwas Reflexion / Flashback / Tempowechsel.

    18.05.2010, 12:25 von udo_hoeppner
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    Hochachtung, Frau Ecke!

    20.04.2010, 21:04 von Ozelotte
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    Schweißperlen auf der Stirn...
    Schnallt Euch an, die nächste Fahrt geht rückwärts.

    Anna, machs nicht so spannend und schreib weiter.

    13.04.2010, 22:33 von WombatMan
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    Ganz großes Kompliment zu dieser Reihe!

    30.03.2010, 18:09 von Unresting
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    puuhhh...gemischte Gefühle...einerseits meine Fresse wie spannend...andererseits..ach du sajze ey...puuhhh...also ich könnts nicht, sagen wirs ma so.
    man man man ich geh erstma eine rauchen.

    26.03.2010, 09:03 von Daner
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    Atem(be)raubend gut geschrieben!
    Da brauch man keinen Krimi mehr, wenn man deine Knastklapsenkirmes-Teile liest.
    Juhuuu, freu mich auf Teil 4! :)

    23.03.2010, 15:12 von Bender018
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