Glen 30.11.-0001, 00:00 Uhr 45 35

Im Himmel ist viel Glück

Morgens um viertel vor sieben schließe ich die Tür auf und schließe sie sofort sorgfältig wieder zu.

Morgens um viertel vor sieben schließe ich die Tür auf und schließe sie sofort sorgfältig wieder zu.


Dieses kontrolliere ich immer, indem ich die Türklinke mindestens einmal herunter drücke und zu meinem Körper ziehe. Nie habe ich diese Tür offen gelassen, und jeden Morgen wiederholt sich diese schon zwanghafte Kontrolle. Denn schließlich darf hier nur jemand rein, der einen Schlüssel hat. Alle anderen bleiben drin. Ohne Ausnahme.

Ich betrete die Wohngruppe, und verlasse mein altes Ich. Mein normales Leben liegt wahrscheinlich noch zu Hause im warmen Bett und schläft.
Die Bewohner schlafen noch fast alle, nur ein paar arme Seelen huschen durch die Gänge und murmeln mir unverständliche Worte zu. Einen guten Morgen wird mir von diesen Männern sicherlich keiner wünschen. Es gibt Nettere, aber die sind jetzt frühmorgens nicht unter ihnen.

Ich schließe das Dienstzimmer auf, begrüße meinen Kollegen und lege die Brötchen fürs Frühstück auf den Tisch.
Nun werde ich darüber aufgeklärt, was in der vergangenen Nacht alles passiert ist. Elena, die völlig übermüdete Nachtschwester berichtet: "Herr A. hat sich mit Herrn S. geprügelt. Es ging um zwei Zigarettenstummel aus dem Raucherraum. Herr P. hat wiederholt damit gedroht sich umzubringen, ich habe ihn schließlich ins Dienstzimmer geholt."
Elena guckt uns verlegen und trotzig an. Bewohner nimmt man nur wenn es nötig ist ins Dienstzimmer, und als Frau alleine, und dazu noch mitten in der Nacht, schon gar nicht. Mein älterer Kollege brummt grimmig und stampft wütend in die Küche. Er hat schon 30 Jahre Erfahrung hinter sich, und zwar in der geschlossenen Psychiatrie.

Hier findet sich alles wieder. Vom stinkreichen Geschäftsmann, der durch einen Gehirntumor psychisch und geistig behindert ist, von Dealern, Strichern, Mördern, Vergewaltigern, Kinderschändern, Männern, die Sex mit toten Menschen und Tieren haben und und und. Es kommt jeder hier hin, den die Gesellschaft nicht haben will. Selbst die Familie wendet sich ab.

Natürlich, manche haben es verdient. Aber erst muss ich Elena verabschieden und dann meinen älteren Kollegen beschwichtigen. Schließlich koche ich Kaffee, den ich im Anschluss sofort verteile. Es warten auch schon mehrere Bewohner, denn Kaffee ist ein Grund aufzustehen. Die Männer und Frauen haben sich größtenteils schon ihre Kaffeebecher genommen und fangen vor Ungeduld damit an zu klappern. Dieses Geräusch macht mich heute Morgen wahnsinnig, denn die Art und Weise wie man den Becher gegen die Wand oder den Stuhl klappern lässt, kann nett und böse sein. Und größtenteils ist das Klappern heute Morgen böse. Ich gebe trotzdem nonverbal ein fröhliches 'Guten Morgen' in die Runde, was soll ich auch anderes tun.

Als ich schließlich den Kaffee austeile, habe ich sehr verschiedene Menschen vor mir stehen. Und dann wird es schwierig, ich gebe es ehrlich zu.

Wenn ein 24-jähriger Mann vier Jungen dazu zwingt, ihn oral zu befriedigen, könnte ich ihm jeden Morgen den heißen Kaffee ins Gesicht schütten. Und dann sehe ich ihn vor Schmerzen schreiend auf den Boden liegen. Mein Kopf schwirrt, am liebsten würde ich noch dreimal rein treten. Aber man tritt niemanden, der auf dem Boden liegt, also lächeln und weiter geht's.

Danach steht Herr A. in der Reihe. Die Schlägerei in der Nacht hat Spuren hinterlassen. Sein rechtes Auge glänzt dunkelgrün und violett. Ich grinse ihn an und frage ob es weh tut. Er winkt seufzend ab.
Herr A. hat Sport und Mathe studiert, schon im Studium hat er getrunken um mit dem Stress und dem Druck umgehen zu können. Beim Alkohol blieb es nicht, er griff zu immer härteren Drogen. Nach einer Zeit ging ihm das Geld aus, und er raubte immer und immer wieder Geschäfte und Tankstellen aus. Jetzt ist er hier.

Nun steht Herr N. vor mir. Breit und mächtig, reckt er mir seinen Kaffeebecher entgegen. Bei ihm muss ich immer an dem Film "Einer flog übers Kuckucksnest" denken. Nur an eine Horrorversion. Herr N. ist ein braves Lamm, wenn er seinen Kaffee und seine Zigaretten bekommt. Und danach braucht er Ruhe, bis der nächste Tag beginnt. Eine Krankenschwester in der Ausbildung war ihm wohl zu fröhlich und zu munter. Sie bat ihn, die dreckige Wäsche vom Boden aufzuheben. Da sah Herr N. rot und schlug sie halb tot.
Die Ärzte sagen, Herr N. habe keine Schuld, seine Psychose sei sehr stark ausgeprägt. Die bleibenden Schäden der jungen Krankenschwester auch.

So zieht sich die Reihe von Bewohnern durch. Im Hintergrund höre ich sie miteinander reden: "Die Fotze kann keinen Kaffe kochen, diese scheiß Plörre hier!" Wut steigt ihn mir hoch, ich habe heute nämlich zwei Extra-Löffel in den Kaffe getan, da ich ja weiß, dass Kaffee für die Bewohner wie ein guter Kinobesuch für mich ist: Lebenselixier.

Als ich neuen Kaffee hole, blicke ich aus dem Fenster. Ich sehe ein Eichhörnchen zwischen den Bäumen herumflitzen. Ein paar von den Bewohnern sehen es auch, und sie seufzen tieftraurig. Das Eichhörnchen kann kommen und gehen, wann und wohin es will. Ich auch. Und sie eben nicht.

Ich zähle die Wochen, die ich noch hier verbringen muss. Noch fünf Wochen. Danach ist mein Arbeitseinsatz fertig.

Nachdem ich den Kaffee endlich umgefüllt habe, wende ich mich wieder an die restlichen Männer. Sie sind jeden Morgen die letzen, wie im normalen Leben gibt es eine Rangordnung. Hier in der Wohngruppe ist sie sehr deutlich.

Da ist zum Beispiel Markus. Markus, 37 Jahre alt, geistig und psychisch erkrankt, lächelt mich zahnlos an. Markus duze ich. In seinem Kopf ist er immer Kind geblieben. Hier in der Wohngruppe ist er leider hoffnungslos verloren, was soll so jemand zwischen richtig harten und miesen Typen?

Das Personal versucht immer, ihn auf eine andere Station zu bringen, aber die Ärzte sind sich einig, dass diese Wohngruppe genau das Richtige für Markus sei. Genau, und auch diese Unterbelegung ist genau das Richtige, vor allem mit dieser Klientel, und erst recht die Bezahlung, dafür lohnt sich diese Arbeit auch.
Ich merke, wie mir der heiße Kaffee über die Hand rinnt. Innerlich fluche ich die schlimmsten Schimpfwörter vor mich hin, so dass selbst einige von meinen Bewohnern sich abwenden würden.

Einen Laufburschen muss es ja immer geben, schwirrt es mir durch den Kopf und ich seufze. Ich blicke auf meine Armbanduhr. Es ist zwanzig Minuten nach Sieben, und ich habe eigentlich schon für den gesamten Tag geseufzt.

Markus blickt mich fragend und zweifelnd an, sieht das Eichhörnchen am Fenster vorbei flitzen, grinst mich an und ruft: "Im Himmel ist viel Glück!"
Erschrocken dreht er sich um und blickt ängstlich in die Runde seiner Mitbewohner. Ein Schrank von einem Mann steht auf und geht auf ihn zu. Ich stehe in Startposition. Doch der Mann klopft Markus nur auf die Schulter, blickt wehmütig nach draußen und sagt: "Gottverdammt ja, im Himmel ist viel Glück!"

Schweigend gehe ich zurück in die Küche und räume auf. Ich weiß, dass der heutige Arbeitstag doch nicht so schlimm enden wird, wie er begonnen hat.

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45 Antworten

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    Den Alltag aus dieser Perspektive kenne ich gut. Aber "nur eine Pflegekraft im Nachtdienst auf einer geschlossenen Abteilung" - das höre/lese ich zum ersten Mal. Wo gibts denn sowas? Ist doch gar nicht vertretbar.

    10.03.2014, 18:16 von Tora
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    Schön!

    06.02.2010, 14:00 von bizarette
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    wie ich schon sagte, ergreifend.
    finde den schreibstil passend, da nicht kitschig, verniedlichend oder ähnliches.
    und wer sich von rechtschreibfehlern die texte vermiesen lässt, ist selbst schuld!

    06.02.2010, 00:06 von franzelfant
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    guter text, glen! schön beschrieben und mit der wahrheit nicht gespart :)

    18.07.2009, 21:13 von meles
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    Wunderschön!

    03.07.2009, 08:13 von kulturtussi
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    wow. mit viel h.

    01.07.2009, 21:26 von juliskind
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    Ich finde deinen Text klasse. Gut geschrieben.. ist wie ne Tür aufmachen, kurz reingucken und Tür wieder schließen. Empfehlung!

    In puncto Geldverteilungspolitik der Regierung bin ich auch deiner Meinung! Kann nicht sein, dass Täter therapiert werden und Opfer sich jedes bisschen Hilfe erstreiten müssen... und wenn der weiße Ring nicht wäre, dann mal gute Nacht!

    Oder die vielen Rentnerrinnen, die nach dem Krieg die Trümmer weg geschafft und nebenbei die Kinder alleine groß gezogen haben. Dafür heute aber keine Rente bekommen, weil Erziehungszeiten erst ab den Siebzigern angerechnet werden. Und die heute von einer kleinen Witwenrente leben müssen, die zum leben nicht reicht.

    Da krieg ich 200 Puls!

    30.06.2009, 21:20 von Batida72
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    hat mir gefallen. die athmo kommt gut rüber. warum arbeitest du dort

    30.06.2009, 16:05 von Intelligenzbestie
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