Jan_Wirschal 30.11.-0001, 00:00 Uhr 1 0

Ihr könnt nach Hause gehen!

Markus Albers, Autor von „Morgen komm ich später rein“, erklärt, warum wir alle mehr frei haben sollten. Und wie wir das dem Chef beibringen.

Wenn es nach Ihnen geht, ist das Büro der schlechteste Ort, um zu arbeiten. Was stört Sie am klassischen "9 to 5"-Job?
Im Büro werden wir ständig abgelenkt. Ein moderner Wissensarbeiter kann sich gerade mal elf Minuten auf eine Aufgabe konzentrieren, bevor die nächste Ablenkung kommt: eine E-Mail, der Chef will was, ein Kollege kommt rein, ein Meeting steht an. Das ist natürlich eine viel zu kurze Zeitspanne, um richtig zu arbeiten. Danach braucht man fast 25 Minuten, bis man sich wieder der alten Aufgabe widmen kann. Wir verbummeln mehr als zwei Stunden pro Tag nur durch Ablenkung.

Und wenn ich zuhause bleibe, bin ich weniger abgelenkt?
Das wichtigste ist, dass man Herr über seine eigene Zeit wird und genau dann arbeiten kann, wenn man sich am Produktivsten fühlt. Wenn ich morgens erstmal eine Waschmaschine anstellen, einkaufen gehen oder Sport machen will, ist das kein Problem. Dann arbeite ich einfach abends eine Stunde länger. Ich werde viel produktiver und schaffe die Arbeit von neun Stunden plötzlich in fünf. Und der Rest ist frei.

Angenommen, ich will meinem Chef vorschlagen, künftig auch mal von zuhause aus zu arbeiten. Wie kann ich ihn von dieser Idee überzeugen?
Ich würde versuchen, es ihm als vernünftige unternehmerische Entscheidung nahezubringen. Es gibt ja ganz klare Vorteile für sein Unternehmen: zum einen zufriedenere und produktivere Mitarbeiter, die nachweislich seltener kündigen und zudem innovativer und kreativer sind. Wenn man nach eigenen Regeln arbeitet, hat man eher die Muße, auf neue Gedanken zu kommen. Und er spart Geld: Wenn man nicht mehr jeden Tag ins Büro geht, werden Büroflächen frei. Die Unternehmen können so zwischen 20 und 50 Prozent an Immobilienkosten sparen. Am Besten ist es, man bietet seinem Chef eine Art Probezeit an. Also zum Beispiel erstmal jeden Freitag von zuhause aus arbeiten. Wenn man dann nachweisen kann, dass man sogar mehr geschafft hat als sonst, kann man einen Schritt weitergehen. Für viele wäre das bereits ein Riesengewinn. Drei Tage im Büro und zwei Tage woanders sind ja schon ganz nett.

Was kann ich guten Gewissens von meinem Chef fordern, und wo ist die Grenze erreicht?
Das hängt ganz von der Firma und dem Chef ab. Wenn man in einem eher konservativen Unternehmen arbeitet, dann würde ich es nicht übertreiben. Da sind zwei Tage die Woche schon in Ordnung. Auf der anderen Seite kann man dem Chef auch Experimente vorschlagen und sagen: Wie wäre es, wenn ich einmal im Jahr eine Woche lang von Mallorca aus arbeite? Ich bleibe über das Internet mit der Firma verbunden und bin immer per Handy erreichbar. Der Chef ist ja meist selbst derjenige, der 12 Stunden im Büro sitzt und nie aus der Tretmühle rauskommt. Von daher kann es auch für ihn interessant sein, wenn er merkt, dass er nicht mehr ununterbrochen im Büro sein muss, um auf seine Schäfchen aufzupassen.

Ohne gleich den radikalen Schritt zu tun und zuhause zu bleiben: Was kann ich noch tun, um meine Arbeit effizienter zu gestalten?
Der größte Zeitkiller ist die E-Mail. Also: Nicht auf jede E-Mail sofort antworten, es reicht, wenn man dreimal am Tag die E-Mails checkt. Morgens erstmal die Dinge machen, die man schon länger vor sich herschiebt. Das sind dann meistens auch die wichtigsten Aufgaben. Wenn man die erledigt hat, geht es einem schon besser.

Aber im Büro kann es doch auch schön sein. Einige Chefs spendieren ihren Mitarbeitern Massagen, stellen Kicker oder sogar Swimming-Pools zur Verfügung. Sie bezeichnen diese Maßnahmen in ihrem Buch als "Narkotika".
Natürlich ist es schön, wenn ich im Büro einen frisch gepressten Saft bekomme, eine tolle Kaffeemaschine da ist oder ich die Möglichkeit habe, Sport zu machen. Dahinter steckt aber das Kalkül, dass die Mitarbeiter das Büro gar nicht mehr verlassen müssen. Man kennt das aus Agenturen und kreativen Berufen. Da hat man es zwar einerseits sehr gut, aber dafür sitzt man auch 12 Stunden im Büro. Und plötzlich sind die Kollegen die einzigen Freunde, man hat kein Privatleben mehr. Das ist eine Fehlentwicklung.

Besteht diese Gefahr nicht auch bei ihrem Arbeitsmodell? Wenn man Arbeit und Freizeit verbindet und ständig erreichbar ist, hat man dann nicht im Endeffekt das Gefühl, immer nur zu arbeiten?
Die Gefahr ist da und in der Tat groß. Da muss der Festangestellte lernen, wie ein Freiberufler zu denken und verantwortungsvoll mit der eigenen Zeit umzugehen. Man muss klare Regeln aufstellen, wann man wie erreichbar ist. Wenn man sich selbst Deadlines setzt und sich vorstellt, was man alles Schönes machen könnte, wenn man fertig ist, gewinnt man viel persönliche Freiheit. Ein guter Trick ist es auch, sich private Aktivitäten wie Job-Termine in den Kalender einzutragen.

Warum hat man nicht schon früher so gearbeitet?
Zu Zeiten der New Economy, also Anfang 2000, wurde bereits mit flexiblen Arbeitsformen experimentiert. Aber die Technik war noch nicht so weit. Es gab kein weit verbreitetes schnelles Internet, keine Handys, die E-Mails empfangen können oder Software, die kollaboratives Arbeiten ermöglicht. Das ist heute anders. Diese Möglichkeiten müssen wir nutzen. Und erstaunliche 18 Prozent aller deutschen Firmen, wie die Deutsche Bank, bieten mobiles Arbeiten auch schon an.

Sie müssten eigentlich der glücklichste Arbeitnehmer Deutschlands sein. Verzweifeln Sie auch mal an manchen Dingen?
Natürlich habe ich auch Tage, an denen ich merke: Mensch, jetzt hast du nur unproduktiv am Computer rumgesessen und eigentlich nichts auf die Reihe gekriegt. Dann wäre es bequem, irgendwo hinzugehen, wo einem jemand sagt, was es zu tun gibt. Aber ich merke eben, dass die Vorteile die Nachteile bei weitem überwiegen. Man muss darauf achten, dass man sich die schönen Sachen auch wirklich rauszieht. Ich versuche, regelmäßig im Ausland zu sein. Und sei es nur ein Wochenende. Das sehe ich dann nicht als Urlaub, ich arbeite dort. Man gewinnt eine enorme persönliche Freiheit. Oft sind es auch nur Kleinigkeiten. Wenn ich mittags merke, dass ich gerade nicht weiterkomme mit der Arbeit. Dann ziehe ich die Laufschuhe an, gehe joggen und habe danach den Kopf wieder frei. Das ist schon ein ganz großer Luxus. Im Büro konnte ich das nie.

Markus Albers, 39, lebt als freier Autor in Berlin. Er ist Journalist und Politologe, schrieb u.a. für stern und Spiegel und war geschäftsführender Redakteur der deutschen Vanity Fair. Sein Buch "Morgen komm ich später rein - Für mehr Freiheit in der Festanstellung" ist 2008 im Campus-Verlag erschienen.

1 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    GÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄHN !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    21.11.2008, 20:55 von MosBar
    • Kommentar schreiben

NEON im Netz

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare