Siegel-7 22.12.2011, 13:34 Uhr 0 8

Ich bin ein glücklicher Mensch

Ich habe die Auswahl,

mittags in meinem Zimmer sitzen zu bleiben, mit den Kollegen in der Kantinenküche zu essen, was es dort zu essen gibt, oder hinaus zu gehen in die Stadt oder in den Park. Natürlich gab es auch noch andere Sachen, die ich an anderen Orten in dieser Stunde tun konnte. Das erschien mir aber nicht mehr ratsam. Einmal dachte ich, ich könnte eine Stunde lang einen Handstand auf dem Parkplatz machen. Nach ein paar Minuten bin ich dann umgefallen. Danach war ich krank und mein Kopf hat geblutet. Sie haben den Arzt gerufen und ich musste zuhause bleiben. Erstmal. Ein anderes Mal wollte ich jeden Tag auf der Wiese vor meinem Büro ein großes S laufen. Immer hin und her. Immer ein großes S. Und am Ende des S bin ich dann gehüpft. Immer auf denselben Punkt. Es sollte ein Fragezeichen werden. Ich dachte, ich muss das nur lange genug und oft genug machen, dann hört das Gras in dem S und dem Punkt auf, dauernd nachzuwachsen, weil es sich merkt, dass ich auf ihm rumlaufe und springe. Dann wäre es auf den Rest der Wiese ausgewichen, hätte sich aus meinem S und meinem Punkt verabschiedet und sich zu dem anderen Gras auf der Wiese irgendwo dazwischen gedrängelt. Das hatte ich mal gesehen auf dem Abkürzungsweg zum Parkplatz. Eigentlich muss man da um eine Ecke laufen auf dem Weg. Das machen viele nicht. Sie gehen über die Wiese. Da ist dann irgendwann ein neuer Weg gewesen. Den alten, den richtigen Weg gibt es auch noch. Aber die meisten gehen jetzt über den neuen Weg.

4 mal habe ich das gemacht in meiner Pause. Am nächsten Tag stand da ein Schild. Ein kleines Schild, auf dem stand ‚Betreten verboten’. Erst dachte ich, ‚Hei fein! Das unterstützt mich’. Wenn das Gras das liest und es ist ein gutes deutsches Gras, dann gehorcht es dem Schild und es dauert nicht gar so lange, bis in meinem S und dem Punkt darunter nichts mehr wächst und ich ein schönes Fragezeichen aus nacktem Boden zum Angucken vor dem Fenster habe. Das hätte ich dann weiß oder rot oder grün anmalen können. Oder schöne Steine hineinlegen. Einfach so, damit es schön zum Anschauen ist. Das Schild war aber für mich. Nur allein ganz für mich ein eigenes Schild. Das sei eine Ehre erklärte mir der dicke Mann, der in seinem blauen Anzug immer auf einem Kindertraktor über die Wiese hin und her fuhr und ich mich schon fragte, warum ein dicker Mann den ganzen Tag solchen Kinderkram machen konnte. Auf der Straße durfte er mit dem kleinen Traktor wohl nicht fahren. Das verstand ich. Und auf dem Spielplatz im Park war zuwenig Platz. Er sagte, sein Chef, der auch meiner ist, hätte ihm das Schild gekauft und es sei nun für mich.

Noch ein anderes Mal sollte ich in den Keller gehen. Neue Buntstifte holen. Mein Blau war alle und mein Orange. Eine Apfelsine malen ohne orangen Buntstift funktioniert nicht. Also schlecht. Erst wollte ich sie grün malen, aber das sah aus, wie ein komischer Apfel mit Pickeln. Als ich vor der Türe zu dem Zimmer angekommen war, in dem es Buntstifte zu holen gab, wie man mir gesagt hatte, stand dort angeschrieben auf einem Schild ‚Lager’. Was sind ‚Lager’? fragte ich mich und überlegte, warum da nicht ‚Buntstifte’ an der Türe stand. Also ging ich den Weg wieder zurück. Die Treppe nach oben hatte genau 50 Stufen. Da ich die Zahl schon immer mochte, mich schon beim hochgehen und mitzählen freute, dass es vielleicht genau 50 sein könnten und es dann auch so war, bin ich gleich wieder runter gegangen. Runter sind es auch 50 gewesen. Eine Weile bin ich dann rauf und runter gegangen und habe immer gezählt und mich auf die letzte gefreut. Irgendwann war ich dann aber doch müde und bin auf der Treppe eingeschlafen, obwohl ich nur kurz ausruhen wollte. Sie hatten mich dann ganz vergessen und irgendjemand hatte auch die Tür zugeschlossen sodass ich nicht mehr heraus kam. Weil ich ausgeschlafen war, bin ich einfach die ganze Nacht rauf und runter gegangen. Am nächsten Tag bekam ich meine Buntstifte und konnte die Apfelsine malen. Ich gehe jetzt, wenn Pause ist, immer in den Park. Komische Leute trifft man da. Aber bei meiner Arbeit sind sie auch komisch. Und nett. Ich bekomme Geld, wenn ich etwas gemalt habe. Sie legen mir einen kleinen Zettel hin, auf dem ein Wort steht und das male ich dann. Oft muss ich auch Wege malen. In verschiedenen Farben. Die sehe ich manchmal im Bus wieder. Oder an der Haltestelle. Und ich muss nicht meine eigenen Buntstifte mitbringen.

Eine schöne alte Frau treffe ich jetzt immer im Park. Sie sitzt den ganzen Tag auf einer grünen Bank und erzählt vor sich hin. Was sie erzählt, verstehe ich nicht und sie schenkt mir immer die Hälfte von ihrem Käsebrot. Gestern hat sie gesagt:

„Gehe ich mal in dieses Leben? Oder doch lieber doch in dieses? Gibt es ein richtiges für mich, oder werde ich nur hineinverirrt? Fragenfragenfragen. Wusste denn der heilige Jesus, was er tut? Dürfen wir es wissen, wenn wir doch sein Ebenbild sein sollen? Fragenfragenfragenfragen. Ich muss mehr fragen. Aber nur die Fragen ohne Antwort. Ohne richtige Antwort. Sonst darf es doch die Frage nicht mehr geben. Nicht mehr geben. Nicht mehr geben. Nicht MEHR geben. Nicht mehr als was? Fragen kostet nichts. ‚’Wer nicht fragt, bleibt dumm’ haben die Kinder in diesem kleinen Kasten mit Fenster gesungen. Wer viel fragt, WIRD dumm. Wussten sie das?"

Ich habe ihr die Geschichte vom Fragezeichen erzählt und dass ich eigentlich nie frage, weil ich schon alles gesagt bekomme, was ich wissen muss. Da hat sie gesagt:

„ Sie sind ein glücklicher Mensch."

8

Diesen Text mochten auch

0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •  

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare