ShutterIsland 03.02.2013, 14:14 Uhr 2 0

Ich arbeite in einem Irrenhaus - buchstaeblich

Aus dem Leben eines Mental Illness Recovery Workers. Aka Babysitter der Verrueckten.

Die lange Suche nach einem nicht-kapitalistischen Job wo man gefaelligst aus Steinen Profit pressen soll oder dem Vertragsende entgegen sieht, fand kuerzlich ein Ende. Nach einem 3-monatigen intensiven Hintergrund Check und der Unterfertigung einiger verdaechtig aussehender Dokumente, getitelt: What to do with money and benefits resulting from accidental death on the job” and “My last wishes”, hab ich mich voll ins Charity-Life geworfen.

Es kam mir schon ein bisschen seltsam vor, als ich die Hauptzentrale dieser Charity betrat, guenstig gelegen im selben Gebaeude wie MI6, in der Mitte von London.

Gut, die Job Beschreibung hat total gelogen ("Administrator for Charity Housing Projects!") und waehrend des Interviews hab ich mich nur gedacht Shit, wo bin ich da nur gelandet, ich hab keine Ahnung was da eigentlich abgeht. <?xml:namespace prefix = o ns = "urn:schemas-microsoft-com:office:office" />

Aber nun bin ich hier und mein Leben ist ein verrueckter Mix aus Shutter Island und Gute Zeiten, Schlechte Zeiten.

Ich arbeite in einem Halfway House fuer Mental Kranke, die gerade aus der “Intensivstation” des Krankenhauses entlassen wurden, aka aus dem Irrenhaus, und idealerweise sollten unsere Hausbewohner brav ihre Medikamente nehmen und sich in die "Welt da draussen" integrieren. Job Suche, Wohnungssuche, etc.

Die Realitaet sieht anders aus.

 

Heut sitze ich im Buero – allein, mit Pfefferspray bewaffnet und die Messer von der Kueche in meiner Schublade versteckt, man weiss ja nie – beim Mittagessen, da wankelt Herr M. vorbei. Weil wir zum Aufpassen da sind (die Erfolgsrate unseres Projekts haengt scheinbar von der Suizidrate ab), sollte die Buerotuer immer offen sein und mein kleines kaltes Zimmerchen ist direkt neben der Haustuer und dem Stiegenaufgang, sodass jeder, der irgendwo hin geht in diesem Haus am Buero vorbei muss.

Mein duftender Mittagstisch, Indische Nudeln, sitzt vor mir und ich bin gerade dabei, mir das reinzuschaufeln, als Herr M. sich am Tuerrahmen festhaelt und sehr offensichtlich einen gekuenstelten geschlagenen-Hund-Blick aufsetzt.

“Oh, bist du gerade auf Mittag...” sagt er, geschwaechelt, in seinem starken Burmesischen Akzent den kaum jemand versteht obwohl er eigentlich in England geboren ist und seine Eltern Akademiker sind.

Ich seufze.

“Ich habe gerade auf die gesamte Kueche gekotzt, ueberall, das Spuelbecken, der Herd, der Ofen....”

Ich seufze wieder, mein Appetit reduziert sich.

“Na dann putz es weg”. Mitgefuehl? Ich? Das ist ein erwachsener Mann, er muss mal lernen, wie man Dinge selber anpackt.

“Aber da ist so viel Essen, ueberall, die Stuecke sind so gross und es stinkt... so gelb und gruen...”

Na toll. Ich beaeugle meinen Teller mit gelben Nudeln und gruenen Bohnen.

“Nimm dir einen Eimer, Fetzen, Waschlappen, Wasser, Spuelmittel und ab gehts” sag ich, mit einem aergerlichen Blick.

“Aber.....”

“Nix aber! Geh und putz deine Kotze auf Mensch!”

Herr M laesst den Kopf haengen und murmelt etwas unverstaendliches von wegen er muss zuerst dies und das machen und gott weiss was, niemanden interessierts.

Egal.

 

Eine Minute spaeter kriecht Herr M die Stiegen herunter und ich hoere die Haustuer ins Schloss fallen. Na toll. Typisch Herr M., hat noch nie im Leben einen Putzfetzen in der Hand gehabt.

Ich werd sicher nix dagegen machen, mein Job Titel ist weder Putzfrau noch Babysitter fuer Erwachsene. Obwohl.

 

Ich wende mich wieder meinem Computer zu, wo ich mich ueber die Symptome und Management von mentalen Krankheiten wie Schizophrenie informieren muss, per Order des Chefs. Schliesslich sind die meisten unserer Hausbewohner Schizophrene, da die Doktoren nicht wissen, womit man sie sonst diagnostizieren koennte.

Immerhin gibts staendig total interessante Selbstgespraeche zu belauschen.

Noch drei Stunden.

Frau K., im Zimmer ober mir, stampft laut auf und ab. Jetzt faengt sie an, schwere Dinge herum zu schmeissen. Ihren Kleiderkasten? Kuehlschrank? Frau K. ist diagnostiziert mit Persoenlichkeits-Disorder und versucht staendig, Aufmerksamkeit zu erregen. Wie letzte Woche, wo sie wieder mal versucht hat, sich umzubringen, und dabei das ganze Zimmer mit Blut verschmiert hat. Jetzt riechts dort nach Blut und Urin. Aber das ist eine Geschichte fuer einen anderen Tag.

Und mein Hunger ist verschwunden.


Tags: Irrenhaus, Krankehhaus, mental health, Psychopath
2 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    die sprache des textes wirkt niedlich - vermutlich aufgrund der bilingualen kenntnisse. das thema des inhalts hingegen finde ich persönlich wichtig. den zustand der gegensetzlichkeit im text finde ich mehr als grenzwertig. es gibt menschen, die vor schizophrenen mitmenschen angst haben, weil sie niemanden mit der störung kennen oder sich generell noch nicht damit auseinander gesetzt haben/sich damit auseinander setzen mussten. ich finde die vermittlung der emotionen des protagonisten nachlässig. der protagonist zeigt keinerlei verständnis, eher gleichgültigkeit und ein gewisses maß an überreiztheit. es ist nicht so, dass sich darüber lustig gemacht wird, aber ich empfinde es als eine art anklage. berichtige mich, wenn es nicht so gemeint ist.

    04.02.2013, 11:40 von mo_chroi
    • 0

      worauf ich hinaus wollte, als ich meinte, dass es menschen gibt, die diese störung nicht kennen, war: diesen text empfinde ich nicht als hilfreich dabei, jemandem das thema näher zu bringen.

      zu hülf, tante edit.

      04.02.2013, 11:49 von mo_chroi
    • Kommentar schreiben
  • Links der Woche #35

    Diesmal u.a. mit dem bestangezogensten Obdachlosen, kiffenden Omas und jeder Menge fotogener Füchse in der Arktis.

  • Die Vorlebestunde

    Millionen Fans verfolgen den Alltag von Youtube-Stars wie einen Blockbuster. Die Heftgeschichte aus der November-Ausgabe lest ihr jetzt auch im Blog.

  • Wie siehst du das, Kathrin Spirk?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

Neu: NEON für dein iPad!

Neueste Artikel-Kommentare