atzepeng 11.06.2010, 15:22 Uhr 1 0

Hildegard

Hildegard ist 91 Jahre, und lebt im Altersheim.

Sicherlich mag man nun sagen "91 Jahre ist doch ein schönes Alter". Natürlich ist es das, zwar wird man immer älter, doch die 9 zu überschreiten ist schon etwas

Eigentlich ist sie eine eher unauffällige Person. Etwas untersetzt (wer ist das in dem Alter nicht?), ruhig, zurückhaltend und selten sagt sie etwas. Wenn sie etwas sagt klingt stets eine fromme Bescheidenheit durch. Sie ist nicht die Person, die sich gerne in den Mittelpunkt stellt. Sie klingelt nicht oft da sie weiß, dass der Beruf Stress ist, und stellte sich damit ein ums andere Mal zurück.
Im Spätdienst ging ich immer zuletzt zu ihr. Die Gespräche holten einen zurück auf den Boden, und sobald man das Zimmer betrat und die Türe schloss, sperrte man damit auch den Stress, den Lärm und die Hektik aus, welche auf den langen Fluren herrschen.
Oft saß ich bis um 20.30 Uhr in ihrem Zimmer und unterhielt mich mit ihr, obgleich ich eigentlich um 20 Uhr Feierabend gehabt hätte und bereits um 19.45 Uhr bei ihr war.

Sicherlich, es kommt einem nicht lange vor, was sind schon 45 Minuten?
Natürlich ist es nicht lange, aber es ist etwas. Etwas mehr, als man eigentlich investieren darf. Ich wünschte mir nur, ich hätte das häufiger machen können oder auch einfach nur gemacht.
2006 hatte sie einen Augeninfarkt, der ihre Sehfähigkeit auf 10% reduzierte, und zudem einen Schenkelhalsbruch, der sie lange Zeit ans Bett fesselte.
Diese beiden Ereignisse nahmen sie schwer mit. Sie konnte keine Zeitung mehr lesen, Spaziergänge an der frischen Luft, die sie bei schönem Wetter stets unternahm waren passé, und diese Tatsachen drückten ihr aufs Gemüt.
Oft genug sagte sie zu mir, dass sie nicht mehr möchte, keine Kraft und auch keine Lust mehr habe, ihr Leben auf diese Art und Weise weiter zu leben.
Es ging nicht lange, da lachte sie nur noch selten, dann gar nicht mehr.

Ich nahm es mir persönlich zur Aufgabe, sie zum Lachen zu bringen und sagte ihr dies auch. Wie erwartet war ihre Antwort pessimistisch, sie glaube nicht dass ich das schaffen würde. Irgendwie und irgendwann habe ich es allerdings doch geschafft, keine Ahnung wie, doch ihre Mundwinkel zogen sich leicht nach oben. Auch darauf habe ich sie natürlich gleich aufmerksam gemacht, und mit der Zeit kam ihr fröhliches Wesen wieder zum Vorschein. Sicherlich nicht auf die Art und Weise, wie es vor den beiden Einschnitten war, aber immerhin ein wenig.

Dann kam der Wohnbereichswechsel und obwohl der neue Wohnbereich nur ein Stockwerk über dem Alten lag, verloren wir uns aus den Augen.

Vor 2 oder 3 Wochen sah ich sie in der Sonne auf einer Bank vor dem Altersheim sitzen. Ich setzte mich zu ihr auf die Bank, lehnte mich zurück und meinte "Es ist schön wenn wieder einmal die Sonne scheint, nicht war Frau S.?".
Und irgendwie war es dann wieder wie früher. Wir unterhielten uns (nach einer stürmischen Begrüßung ihrerseits) und die Zeit verging wieder einmal viel zu schnell. Sie bekam Besuch und ich ging nach Hause, nachdem ich gesagt hatte, dass ich sie wieder mal besuchen komme.

Gestern ist sie im Alter von 91 Jahren gestorben.

Weswegen ich das hier geschrieben habe?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht weil ich es ihr schuldig bin, vielleicht weil ich Schuldgefühle habe da ich es nicht geschafft habe, sie nochmals zu besuchen oder vielleicht auch einfach nur, um es einigermaßen verdauen zu können.
Natürlich sitze ich nun nicht hier und weine. Ich trauere auch nicht in dem üblichen Sinne. Ich weiß nicht, irgendwas ist da, etwas, das geschrieben werden möchte. Sicherlich wäre es schöner, so etwas erzählen zu können, in artikulierten, gesprochenen Worten. In Ermangelung einer Person die zuhört und der ich es erzählen möchte, und wohl auch in Ermangelung, meine Gedanken verbal ordentlich auszudrücken, schreibe ich es nun.

Immer wieder bekommt man in der Altenpflege gesagt, man dürfe die Bewohner nicht so nahe an sich heran lassen. Manche entwickeln daraus ein teilnahmsloses Verhältnis zu den Themen Sterben und Tod.

In manchen Fällen kann man es jedoch nicht so leicht verdauen, wie man es gerne hätte.

1 Antworten

Kommentare

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    schön, dass du es aufgeschrieben hast.
    und noch schöner, dass du es nicht leicht verdauen kannst.
    ziel kann nicht immer sein, dingen möglichst neutral zu begegnen. auch wenn zombiehafte gute laune und unbedingtes durchhaltevermögen überall propagiert werden, verhindern sie doch ein echtes teilnehmen an tiefen und irgendwann auch an höhen.
    also mach es bloß immer wieder so, wenn du echtes interesse an einer person verspürst, genau das wird gebraucht.

    31.07.2010, 00:12 von A2N2
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