fraukopfsalat 30.11.-0001, 00:00 Uhr 29 6

Hey Kollege, langweilig?

Ich bin arbeitslos. Um Missverständnissen direkt entgegenzuwirken: Ich bin nicht joblos.

Ich bin arbeitslos. Um Missverständnissen direkt entgegenzuwirken: ich bin nicht joblos. Ein gültiger Arbeitsvertrag trägt meine Unterschrift, ich verfüge über ein Büro, in das ich jeden Morgen gehe und ich darf mich über regelmäßige Gehaltseingänge auf meinem Konto freuen.

Ich habe einen Job, aber keine Arbeit.

Jeden Morgen nach dem Starten des Computers überprüfe ich zuerst mein privates E-Mail-Fach auf neu eingegangene Nachrichten. Es folgt das ausgiebige Studieren der Nachrichten aus aller Welt, und im Anschluss sagt mir die Uhr meistens schon, dass ich glücklich die Frühstückspause erreicht habe.

Der weitere Tagesverlauf variiert nur wenig - die nächste offizielle Arbeitsunterbrechung heißt Mittagspause -, allerdings gelingt die Gestaltung der quälend langsam verstreichenden Bürostunden immer weniger mühelos. Die wahre Herausforderung besteht schließlich darin, beim Vertreiben der Tristesse den Anschein zu erwecken, von dienstlichen Dingen gänzlich in Beschlag genommen zu sein, als sei das Ersinnen von Möglichkeiten der Beschäftigung, welche die Zeit ein wenig schneller vorbeiziehen lassen könnten, nicht Herausforderung genug. Fatalerweise könnte ein Offensichtlichwerden meiner "Arbeitslosigkeit" mich zudem joblos machen, was ich nicht als attraktiv betrachte.

Mittlerweile weiß ich zumindest, dass ich kein Einzelfall bin. Krankmachende Langeweile und Unterforderung im Job, in der Regel gepaart mit unterschiedlichen Strategien zur Vortäuschung von Beschäftigung und Vermeidung neuer, langweiliger Aufgaben ist als Bore - Out Syndrom in der Literatur zu finden und immerhin einzelnen Mitmenschen schon ein Begriff.

Nun ist dieses Thema noch nicht besonders gesellschaftsfähig. Es ist ein wenig heikel, Kollegen offen darauf anzusprechen, ob sie nicht vielleicht auch Bore - Out haben. Also konnte ich mich vorerst nur auf das leise Beobachten zurückziehen, und was ich sah und hörte ließ nur den Schluss zu, dass genau die gleiche Tätigkeit unter den exakt selben Arbeitsbedingungen mich zu konkreten Fluchtplänen inspiriert, für meine Kollegen aber eine ernstzunehmende Berufstätigkeit darstellt. Wo ich Trivialität, Tristesse und die Entbehrung jeglichen sittlichen Mehrwertes spüre, plant meine Kollegin ihre weitere Berufslaufbahn und richtet ihr Büro ein, als wolle sie auf ewig darin verweilen.

Einmal zu dieser Erkenntnis gelangt, komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Berufsalltag der meisten Kollegen aus meinem Büro ist eine Aneinanderreihung von Unterhaltungen im Türrahmen, Raucherpausen, Essenspausen, weiteren Gesprächen in einem anderen Türrahmen und Klagen über die stets wachsende Arbeitsbelastung.

Haben sie sich zufrieden gegeben? Hatten sie nie Ansprüche an ihre Arbeit? Sehen sie ihre Tätigkeit wirklich durch eine ganz andere Brille als ich?

Ich werde es nicht mehr evaluieren können. Ich bin auf Jobsuche. Arbeitslos sein ist die Hölle.

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29 Antworten

Kommentare

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    Ja, ich kann da nur zustimmen. Arbeitslos sein ist die Hölle. Vor allem, wenn jemand hinter einem sitzt und die ganze Zeit darauf achtet, dass man auch arbeitet.
    Habe in 5 Jahren (Ausbildung und Job) nicht einen Monat lang durchgehend gearbeitet.
    Und dann ist es einem auch noch peinlich, Geld dafür zu bekommen.
    Im letzten Monat (also nach 3 Jahren in der Abteilung) sagt dann mein Chef zu mir, dass er meine Arbeit nicht fair beurteilen könnte. Wie auch.

    Jedenfalls denke ich über einen Wechsel an die Uni nach, was vielleicht finanziell dramatisch wird, aber mich wenigstens dahin bringt, wo ich hinwill.

    17.02.2011, 20:15 von JeansGirl
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    HA!

    Unglaublich!

    Mir geht es absolut genauso!
    Ich mich allerdings dazu entschlossen mein Arbeitsverhältniss auf Grund der Tatsache in ein paar Monaten zu beenden....

    Das ständige Nichtstun ist einfach nicht auszuhalten!
    Jeder Job sollte doch zumindestens einen gewissen Grad an Herausforderung beinhalten.

    Am anstrengensten daran ist aber tasächlich das "beschäftigt wirken"....hab ich mir vorher auch nicht so nervenaufreibend vorgestellt....und auf die Dauer findet man auch keine Ersatzbeschäftigungen mehr...

    Hab aber sowohl Bore-Out als Burn-Out kennengelernt und bin immer noch auf der Suche nach einem perfekten Mittelding.....noch hab ich die Hoffnung nicht aufgegeben...

    18.01.2011, 16:00 von zackenbarsch
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    so wird man zum Weltmeister im Zeitverschwenden. . .
    sehr schöne Bestandsaufnahme.

    viel Erfolg bei der Jobsuche

    (bzw. viel Spass beim Verschenden von Zeit)

    18.01.2011, 12:16 von Dr.Brot
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    Wahnsinn, es scheint ja doch einige Leute zu geben, denen es genau so geht. Lustig. Rumgammeln und der Stress alles könnte auffliegen. Aber warum dann nicht doch zur Abwechslung mal was wirklich machen?

    16.01.2011, 22:42 von Aerosmiths-Fan
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    hey hey, kontorverse Kommentare werden gelöscht um ja keine Diskussion zuzulassen. Ganz schwache Vorstellung fraukopfsalat!

    14.01.2011, 13:45 von djbohl
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      @djbohl kontrovers : [einander] entgegengesetzt, gegensätzlich, in sich uneins, widersprüchlich, zwiespältig. b) anfechtbar, angreifbar, beanstandbar, bestreitbar
      Synonyme laut Duden.

      Biete etwas kontroverses an - ich liebe Diskussionen.
      Beleidigungen werden von mir gelöscht.

      14.01.2011, 17:06 von fraukopfsalat
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      @fraukopfsalat kontorvers daher, weil er sich nicht mit euren in Selbstmitleid ertrinkenden Ansichten deckt. Ich wiederhole, wer nicht den Mumm hat sich 'nen besseren Job zu suchen, hat es halt nicht besser verdient und braucht sich garnicht erst beschweren.

      14.01.2011, 17:37 von djbohl
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Bore-Out?? Das ist doch nur so 'ne Szene-Alibi-"Krankheit" die erfunden wurde für Leute dir ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen. Dann habt halt die Eier und sucht euch 'nen neuen Job ihr Feiglinge. Oder zu viel Pipi im Auge um die Zeitung zu lesen?

    13.01.2011, 18:28 von djbohl
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    bei mir ist es grad genau so.

    13.01.2011, 15:40 von wat
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    Mir gehts oft genau so.
    In meinem aktuellen Job (Behörde) bin ich oft nicht ausgelastet. Mein wöchentliches Arbeitspensum reicht bei mir von Montag bis vielleicht Mittwoch - und Donnerstag und Freitag sitz ich rum. Die Kollegen schaffen es (irgendwie), mit dem gleichen (oder auch geringeren) Pensum die ganze Woche zu füllen UND über zu viel Arbeit zu klagen.
    Vielleicht liegt es daran, dass ich noch jünger und leistungsfähiger bin, kein Plan. Aber diese Tage, an denen man rumsitzt und NICHTS zu tun hat... GANZ GANZ schlimm.
    Ich habe mir angewöhnt, meine Arbeitslosigkeit ganz offen zu kommunizieren, auch wenn das offensichtlich nicht gewünscht ist. Ich hab nur keine Lust, so zu werden, wie Kollegen, die ich aus anderen Bereichen kenne: GAR nix zu tun und den ganzen Tag NUUUUUR stress.
    Anosnten danke für den Text!

    13.01.2011, 09:05 von Dunnagh
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    Zur Frage, in welchen Jobs das vorkommt habe ich schon etwas geschrieben:
    Meiner Ansicht nach kann es in nahezu allen Branchen vorkommen. Ich persönlich kenne es aus Großunternehmen (z.B. Personalabteilung und Rechtabteilung), sozialen Berufen (bei Bildungsträgern ganz extrem) und Ämtern.

    Entscheidend ist aber wirklich nicht die Branche, sondern die zugrunde liegenden Strukturen eines Arbeitsplatzes, die Hierarchien, der Vorgesetzte und und und.

    13.01.2011, 08:34 von fraukopfsalat
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    hey klar kenn ich das. in meinem letzten job ging es in unserer kompletten abteilung so zu. manchmal war es grauenhaft acht stunden abzusitzen und so zu tun als wäre man beschäftigt. jedoch ging das bei uns (zu meinem glück muss ich sagen) nicht lange gut. die kündigung kam natürlich irgendwann... jetzt hab ich einen job wo ich so viel zu tun habe, dass ich mir wünschen würde, dass der tag mehr als 24 stunden haben könnte...
    ich wünsche dir arbeit!

    12.01.2011, 21:42 von Faraduna
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