Aloisia 02.05.2007, 11:39 Uhr 79 24

Hartz IV oder was?

Ein Plädoyer für das Studium der Geisteswissenschaften

„Geschichte? Und wie willst du Geld verdienen? Du wirst doch eh in einem verstaubten Museum landen...falls du überhaupt einen Job findest!“ – Solche Sätze habe ich mir jahrelang angehört. Ähnlich war es, wenn die Sprache auf mein zweites Studienfach kam. „Amerikanistik? Das ist doch der direkte Weg in die Arbeitslosigkeit! Hartz IV, oder was stellst du dir da vor?“ - Manchmal habe ich meinem Gesprächspartner nur ein ironisches „Genau das!“ entgegengeworfen. Manchmal habe ich mich auf stundenlange Diskussionen eingelassen. Diskussionen darüber, warum ich nicht Jura oder BWL studiert habe – „damit kann man doch wenigstens was Richtiges machen!“

Ich habe Jura studiert. Allerdings nur zwei Semester lang. Ich behaupte auch nicht, dass es mich gelangweilt hätte. Staatsrecht beispielsweise fand ich sehr interessant. Dass es mich allerdings zehn Semester lang begeistern würde, mich ausreichend motivieren würde, um ein gutes Jahr lang von morgens bis abends am Schreibtisch zu sitzen, dass es mich immer noch begeistern würde, nachdem diverse Prüfer mir eine völlig willkürliche Note für meine Examenshausarbeit gedrückt haben würden – das konnte ich mir nicht vorstellen. Glücklicherweise wusste ich schon damals, dass ich außerdem nicht als Juristin würde arbeiten wollen. Journalistin klang viel spannender. Oder eben etwas ganz anderes.

Also informierte ich mich...über die Bedingungen für Fächer, die mich schon in der Schule interessiert hatten. Geschichte und Amerikanistik. Nicht nur Sprache, auch Kultur und Literatur interessierten mich. Dann verkündete ich meinen Eltern, dass ich mich den Geisteswissenschaften zuwenden würde. Meine Mutter, selbst Juristin, hat nie ein kontraproduktives Wort über mein Studium verloren. Im Gegenteil: Ähnlich wie mein Vater, der mit Medizin ebenfalls ein klassisches Fach studiert hat, zeigte sie immer Interesse und unterstützte mich. Nicht nur, als ich nach der Zwischenprüfung die Stadt wechselte, sondern auch, als ich für die Betreuung meiner Magisterarbeit erst einmal einen völlig unfähigen Professor erwischte und ein Semester verlor. Meine Eltern redeten mir gut zu und motivierten mich, mir einen anderen Professor zu suchen. Mir Stress wegen des verlorenen Semesters zu machen lag ihnen fern.

Mein Studium hat mir Spaß gemacht. Natürlich nicht immer, natürlich nicht jede Vorlesung. Manche waren sterbenslangweilig, beispielsweise die über den Königshof im frühen England, die ein Professor hielt, der sich vor allem dadurch auszeichnete, dass er sich selbst gern reden hörte. Auch in Amerikanistik habe ich gelegentlich Themenwahl oder Professoren verflucht. Meistens jedoch fand ich unter den zahlreichen angebotenen Seminaren welche, die mich ernsthaft interessierten. Geschichtsseminare über den Begriff des Dschihad damals und heute, Amerikanistikseminare über Michael Moores „Bowling for Columbine“ und dessen Wirkung auf die amerikanische Bevölkerung. Außerdem lernte ich, mich selbst zu organisieren, mir meinen Stundenplan, der die Seminare zwei verschiedener Fakultäten vereinen musste, zurechtzustückeln, mich rechtzeitig für Klausuren anzumelden, mir zwölf verschiedene Reader zu fünf verschiedenen Seminaren zusammenzukopieren – bei den geisteswissenschaftlichen Studiengängen wird einem nämlich nicht alles in die Hand gedrückt und es ist auch nicht immer online abrufbar.

In den Semesterferien machte ich verschiedene Praktika, die meisten bei Zeitungen oder Rundfunkanstalten. Durch Seminararbeiten wurde es für mich fast zur Normalität, längere Texte zu schreiben, sorgfältig zu formulieren, mir Fachliteratur zu besorgen, Gliederungen abzufassen. Nebenher jobbte ich in einem Verband und griff dort dem Pressereferenten bei der Öffentlichkeitsarbeit unter die Arme. Zur gleichen Zeit beobachtete ich mit Erstaunen, wie schwer es meinen BWL studierenden Freunden fiel, auch nur einen Absatz ihrer Diplomarbeit ohne sprachliche Schwierigkeiten zu Papier zu bringen und wie sich die Diskussionsfreude meiner Juristen-Freunde nach und nach von politischen, kulturellen, geschichtlichen und Alltags-Themen weg- und zu juristischen, juristischen und juristischen Problemen hinentwickelte.

„Man ist nur richtig gut in den Dingen, die einem Spaß machen“, hörte ich oft von meinem Großvater, der sich sehr für mein Geschichtsstudium interessierte und nie einen Zweifel daran äußerte, dass ich es mit meinem Magisterabschluss genauso weit bringen würde wie viele andere mit einem BWL-Diplom oder einem juristischen Staatsexamen. Meine meist vernünftigen Noten bestätigten seine Aussage. Auch an meiner Magisterarbeit, in der ich mich mit der Pressepolitik der Alliierten in den westlichen Zonen (1945-1949) beschäftigte, hatte ich Freude, und obwohl ich am allerliebsten ein Studium Generale, einen Mix aus Politik, Geschichte, Wirtschaft, Sprache und Kultur diverser Länder, Recht, Naturwissenschaften und Kunstgeschichte absolviert hätte, so hatte ich bei meinen beiden Fächern zumindest immer mal wieder das Gefühl, mich richtig entschieden zu haben.

Mitte Februar fand meine letzte Prüfung statt. In meinem letzten Semester hatte ich beschlossen, dass mich Unternehmenskommunikation beruflich am meisten interessieren würde. Mir gefiel die Mischung aus journalistischem Einsatz und wirtschaftlichen „Background“. Dass ich diesen noch nicht wirklich hatte, sah ich als geringeres Problem an. Eine Woche nach der letzten Prüfung begann ich, Bewerbungen loszuschicken. Einige gingen an Agenturen für Unternehmenskommunikation, andere an den Marketing- oder Kommunikationsbereich größerer Unternehmen. Dass viele von diesen in ihren Stellenanzeigen einen betriebswirtschaftlichen Abschluss voraussetzten, überging ich gelegentlich.

Sechs Wochen nach meiner letzten Prüfung erhielt ich das erste Angebot von einer Kommunikationsagentur, weitere vier Wochen später kam die Zusage meines „First Choice-Unternehmens“. Mitte Mai werde ich als Trainee bei einem erfolgreichen und großen deutschen Unternehmen beginnen – im Bereich Personalbetreuung Ausland. Ich habe weder im Personalbereich noch im wirtschaftlichen Bereich großer Unternehmen bisher Erfahrung. Ich habe weder BWL noch Jura studiert. Trotzdem habe ich erstaunlich schnell einen Job gefunden, der für mich sehr spannend klingt, der mir eine Karriere in einem vernünftigen Unternehmen oder ein wunderbares Sprungbrett verspricht. Ich steige ins Berufsleben ein – auf einem Weg, von dem ich bisher überhaupt keine Ahnung habe....und ich möchte alle Geisteswissenschaftler ermutigen, die sich immer wieder die „Was willst du denn DAMIT machen?“- und die „Damit kriegst du nie einen guten Job, schon gar nicht in der Wirtschaft-Diskussionen“ anhören müssen.

24

Diesen Text mochten auch

79 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Puh! Ich bin gerade so froh, dass ich diesen Artikel lese. In meinem Job bin ich nämlich sehr unglücklich und trage mich mit dem Gedanken, ab Wintersemester Germanistik und Philosophie zu studieren.
    Da gucken mich auch alle blöde an und das, obwohl ich sogar eine Ausbildung habe und drei Jahre Berufserfahrung.
    Mein Vater ist komplett kontraproduktiv und das bringt mich dermaßen aus der Bahn, dass ich mehr als unsicher bin.

    17.02.2011, 20:27 von JeansGirl
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Geisteswissenschaften liegen doch voll im Trend - allerdings zumeist in Kombination mit wirtschaflichen oder "kommunikationsnahen" Fächern. Ich habe auch Geisteswissenschaften in Kombi mit BWL studiert - damals (1998) eine Rarität.

    Heute machen das viele und landen bei Kommunikationsagenturen, Unternehmensberatungen oder bei den Medien. Dass es für viele doch eine brotlose Kunst ist, liegt wohl eher daran, dass in den meisten Entscheiderpositionen in Unternehmen typische "Businessleute" sitzen, die zwar 200.000 Euro pro Jahr kassieren, aber Postmoderne nicht von Pomodoro unterscheiden können.

    Für viele Personaler ist eben jeder, der NICHT BWL oder Jura studiert, von vorneherein ein Depp.

    17.12.2010, 19:49 von patrik777
    • Kommentar schreiben
  • 0

    HAMMER! Mein Studium verläuft ähnlich wie deins, erst Jura dann Geisteswissenschaft mit Ziel Journalismus und Co. DU MACHST MIR MUT! DANKE!

    24.09.2009, 00:29 von sunworld
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Oh ja, Papi Arzt, Mutti Juristin, da musstest du dir ja schon immer grosse Sorgen um deine finanzielle Zukunft machen. Und wenns mit der Magisterarbeit nicht klappt, dann ist natürlich der Betreuer schuld - hat ja auch Mutti so gesehen. Und oho, welch grossartige Fähigkeit, 12 Fachordner zu kopieren ud sich mit 20 einen eigenen Stundenplan zusammenzustellen. Und wozu studiert man Geisteswissenschaften, um sich nach dem Studium gleich in den Mainstream zu werfen? Wem musst du was beweisen?

    24.09.2008, 22:17 von Bundesbeer
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich hab meine Abschlussarbeit in Marketing zusammen mit vier BWLern geschrieben, ich selbst hab Kommunikationswissenschaft als Hauptfach studiert. Der Unterschied, den ich in dieser Zeit wahrnahm, machte Welten aus (und das obwohl ich allein die Zahlenspiele in unserem Team übernommen habe). Ich will hier keine Klischees hochkochen, aber die Art und Weise, wie man Probleme löst und wie man an Aufgaben herangeht ist GRUNDSÄTZLICH unterschiedlich, zumindest wenn beiden die Mittel zur Verfügung stehen, die ihnen das Studium mitgibt. Ich weiß, Kowi ist keine Geisteswissenschaft, aber gehört auch nicht zur klassischen Schwiegersohn Jura-BWL-Medizin-Kombo. Ich denke die Wirtschaft könnte es sich gar nicht leisten, nur auf Wirtschaftswissenschaftler zu setzen, weil dann eine Denkweise dominieren würde (genauso wie bei totaler Vorherrschaft jedes anderen Studiengangs). Von daher: Viva la Vielfalt!

    15.02.2008, 12:54 von Eldorado
    • 0

      @Eldorado Ich hab die Erfahrung auch gemacht - in einem Seminar BWLer, Historiker und Soziologen. Geisteswissenschaftler denken anders und kreativer - und sind kommunikativer und offener für Ideen. Ich hab im Job später unzählige Meetings erlebt, in denen der erste BWLer-Kommentar ("das ist doch Scheiße, etc...") das Meeting kaputt gemacht hat.

      17.12.2010, 19:55 von patrik777
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke! Das macht Mut ich muss mich nämlich auch bald entscheiden was ich studieren werde

    12.09.2007, 15:14 von Boosi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schöner Text, Glückwunsch zum Job!
    Der Text hat mich sehr nachdenklich gemacht, soll ich doch mein Wirtschaftsrecht Studium schmeißen und mich für Geschichte und Politik entscheiden?
    Bin mir nicht sicher...BWL und Jura sind ja auch interessant, aber ich denke mit Geschichte wäre ich glücklicher.
    Vieleicht schaffe ich es ja doch noch genug Mut für einen Wechsel aufzubringen, außerdem garantiert mir ja niemand nen tollen Job nur weil ich ein Wirtschaftsstudium absolviert habe.

    12.09.2007, 12:48 von Atnas
    • Kommentar schreiben
  • 0

    @ TST: Schade, daß Du so pessimistisch bist. Glück war es sicher auch....aber es gehören auch n bißchen Ehrgeiz und die Bereitschaft, sich umzusehen und Dinge zu versuchen, dazu! Sagt ja keiner, daß ich ewig in diesem Bereich bleiben will...aber ich lern da im Moment ne Menge und bin da sehr glücklich. Das Unternehmen ist außerdem groß genug, um mir auch Aufstiegschancen und andere Abteilungen zu bieten, die null mit Personal zu tun haben.

    30.06.2007, 17:54 von Aloisia
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Und nach dem Artikel wird es in 5 Jahren ein weiteres Duzend von arbeitslosen Frauen mit Studienabschluss geben.

    Du bist durch Glück in einen Bereich bei einer Firma reingerutscht, wo auch sonst nicht die wirklich Hochbegabten landen mit einem Anlernprogramm, auch "Trainee" genannt. Personal gehört zu den gering bezahlten Stellen bei den BWLern und besteht vor allem aus Arbeitsrecht. Meine so von wegen das dir Jura keinen Spaß macht.

    Die Erfahrung die ich mit meinen geisteswissenschaftlichen Bekannten gemacht habe ist, dass sie nach dem Studium folgende Arbeitsstellen gefunden haben:
    Kellnerin, Telefonistin, Call Center, kostenlos Praktikantin und für einen Dr. in Germanistik gab es doch tatsächlich schon Sekretärinnenjobs. Ein Mann hat es sogar geschafft eine Stelle als Lokalreporter einer Zeitung zu bekommen. Ein weiterer schreibt jetzt Artikel auf einer Internetseite für Immobilienfonds. Aufgabe: die Werbetexte der Firmen etwas umformulieren damit sie wie redaktionelle Beiträge aussehen. Spannend!
    Und die allermeisten nennen sich einfach "freie Journalistin", "Webdesignerin", "PR-Agentur" was man auch mit Arbeitslos gleichsetzen könnte.
    Kein Wunder, dass die allermeisten 2-3 Jahre nach dem Studium Kinder bekommen haben und nun auf Hausfrau machen. Aber natürlich nur weil sie von den bösen Männern im Allgemeinen und ihrem (gutverdienenden) Ehemann im besondern dazu genötigt wurden. :-(

    15.06.2007, 14:36 von TST
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 8

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare