Grütters Entgleisung
DIE BAHN war für den Schweizer Otto Grütter das Ein und Alles. Bis sie ihn entließ. Und Grütter sich rächte.
.Herr Grütter sitzt am Tisch, eine Tasse Kaffee vor sich, und sagt aus heißem Gesicht, sein Traum sei jetzt die Post und nicht mehr die Bahn, sein Ziel sei jetzt die Post, noch dreißig schöne Jahre lang - im Übrigen, sagt Otto Grütter (Name geändert), falle ihm auf die Frage nichts ein.
Und irgendwann Kinder?
Wer weiß, sagt Herr Grütter, 33, und blickt zu Therese, 22.
Therese Grütter, neben ihrem Mann, legt den Kopf auf seine Schulter und gurrt.
Alles zu seiner Zeit, haucht er.
Oder?, fragt er.
Beide haben wir ja blaue Augen, sagt die Frau, du noch blauere als ich.
Herr Grütter schiebt eine Hand unter die andere, Hände wie Schaufeln, Trauer unter den Nägeln.
Fragen Sie nur!, sagt Otto Grütter.
Was ist das Beste in Ihrem Leben?
Das Beste in meinem Leben? - Er fährt die Unterlippe aus und schweigt. Im Schrank glänzt ein Stück Eisenbahnschiene, Modelllokomotiven stehen daneben, rote, grüne, Grütter hat 56 davon. An der Wand eine Uhr, das Zifferblatt aus Linde, Otto Grütter, eine Ewigkeit her, versah es einst mit zarten schwarzen Zahlen, seine letzte Arbeit als Schüler der Sonderschule Willisau im Schweizer Durchschnittsland, Grütters Meisterwerk, bevor er, gemacht fürs Handfeste, zur Bahn ging, am 5. August 1991, Montag, Grütter war sechzehn.
Das Beste im Leben?, sagt er - fällt mir grad nicht ein.
Ihre Hochzeit vielleicht?
Nicht unbedingt, sagt er und dreht sich zur Frau.
Nicht unbedingt, sagt die Frau und kichert.
An der Hochzeit, im vergangenen Juli, sei abverreckt, was nur habe abverrecken können, die Blumen faul, der Champagner warm, die Fotos verwackelt, die Bahn auf den Uetliberg überfüllt, gepresst wie Sardinen habe man darin stehen müssen, Therese im weiten weißen Brautkleid, begafft von chinesischen Touristen, an unserer Hochzeit ist abverreckt, was nur abverrecken konnte.
Herr Grütter sucht zu lächeln.
Und das Schlechteste?
Otto Grütter stand am Fenster, 28. Dezember 2006, und sah hinab auf die Gleise. Fast die Hälfte seiner Jahre war er bei der Bahn gewesen, Rangierer aus Leidenschaft, hatte Güterwagen zu neuen Kompositionen geformt und sorgsam von Gleis zu Gleis geschoben, zuerst für die Vereinigten Huttwil-Bahnen, dann für die Regionalverkehr Mittelland AG, schließlich für die BLS, Bern-Lötschberg-Simplon, immer hatte die Größere die Kleinere übernommen, Grütter hielt aus.
Seit einem Jahr, ein seltenes Glück, wohnte er nun im Bahnhof des Dorfes M., Schwellenhöhe 599,33 müM, und konnte den Zügen nicht näher sein, er hörte sie kommen und bremsen, am Tag und in der Nacht, er erkannte sie an ihrem Rauschen und Locken, ein RBDe, auch NPZ genannt, klingt einfach anders als ein GTW, eine Ae 6/6 macht anders als eine Re 4/4, genannt BoBo.
Otto Grütter stand am Fenster, 28. Dezember 2006, arbeitslos seit 28 Tagen, entlassen, weggespart. Fünfzehn Jahre war er bei der Bahn gewesen, am Morgen der Erste, am Abend der Letzte, bei Sonne, Regen, Schnee, einmal, 1994, war ihm die Tür eines Güterwagens an den Kopf geknallt, Grütter erwachte im Spital zu Wolhusen, Hirntrauma, nach zwei Wochen durfte er nach Hause, sollte liegen und warten, Otto Grütter aber, jenseits der Geduld, setzte sich in den Zug und reiste durch die Schweiz, tat, was er auf all seinen Reisen tat, fotografierte Lokomotiven, notierte ihre Nummern, Namen, Wappen, wie eine große lange Liebe ist das, tausend Lokomotiven gibt es in der Schweiz, jede habe ich schon gesehen, es gibt keinen Meter Gleis in der Schweiz, über den ich nicht schon rollte, von Genf bis St. Gallen, von Basel bis Chiasso. Seine Uniform, lobt Therese Grütter, hängt noch im Schrank. Er stand am Fenster, ohne Hunger und Trost seit 28 Tagen, Weihnachten hatte er allein verbracht, Grütter war nicht, wie die Jahre zuvor, bei den Eltern gewesen, er zitterte und wusste nicht weshalb - dachte an die fünf Kessel wagen, die er gestern, als er in seinem Auto grund los durch die Hügel fuhr, neben dem Spanplattenwerk gesehen hatte, fünf Wagen der VTG Schweiz, Vereinigte Tanklager und Transportmittel GmbH, darin Leim aus Ludwigshafen, BASF, Leim für die Spanplattenfabrik, Gleis 113, sagt Grütter, achtzig Tonnen in jedem Kessel, 5 x 80 = 400 Tonnen.
Und seit 28 Tagen tun Deutsche die Arbeit, die mir gehört ?
Ich sah hinab auf die Gleise, ich dachte, wenn die mich nicht mehr wollen ?
Sogar auf dem Zivilstandsamt trug er seine Uniform, lacht Therese.
Vielleicht, sagt jetzt Otto Grütter am Wohnzimmertisch, gab es noch Schlechteres in meinem Leben.
Wenn der Vater besoffen nach Hause kam, sagt er leise. Wenn er wieder auf die Mutter losging und sie schlug. Bis ich eines Tages tapfer genug war, um mich gegen ihn zu stellen. Und den Vater an die Wand drückte. Das war vielleicht, flüstert Herr Grütter, noch schlimmer als die Entgleisung.
Therese legt den Kopf auf die Schulter ihres Mannes. Bist ein Lieber, seufzt sie.
Wie haben Sie sich kennen gelernt?
Bei PartnerWinner, Chat 609, sagt Otto Grütter, und zwei Wochen später, am 30. April 2007, besuchte ich sie zum ersten Mal.
Der Otti blieb die ganze Nacht, sagt sie, weitet froh die Augen und lacht mit heller Stimme.
Aber was der Otti angestellt hatte, hier in M., das erzählte er mir erst vor der Heirat.
Und dann, sagt Herr Grütter, dann sagtest du: Das hätte ich an deiner Stelle auch getan! Bravo, Otti!, sagtest du.
Er habe sich, traurig am Fenster stehend, irgendwie leer, irgendwie wütend, ohne Hunger seit Wochen, durch die vielen Alben geblättert, acht oder neun Fotoalben, darin die Bilder aller Schweizer Lokomotiven, jede mit ihrer Nummer, mit ihrem Wappen, er habe sich, um sich abzulenken, hingesetzt, um nicht mehr aus dem Fenster zu schauen, hinab auf die Gleise, auch Bahnunfälle habe ich fotografiert, bin manchmal, wenn ich frei hatte, sofort an den Unfallort gefahren und habe fotografiert, hier, zum Beispiel, ein Rangierunfall in Zell, 18.11.02, 23:15 Uhr, oder hier, Zürich-Oerlikon, 24.10.03, 17:40, der Schnellzug Zürich- Schaffhausen stieß mit dem RegioExpress Konstanz-Zürich zusammen, ein Toter und 32 Verletzte, Re 4/4, Jahrgang 1967, Nummer 1113, zum zweiten Mal revidiert am 5.2.03, sagt Grütter, oder hier, Speisewagenbrand in Aigle, Streifkollision in Dietlikon.
Aber das macht er jetzt nicht mehr, sagt Frau Grütter.
Korrekt, sagt Herr Grütter, Unfälle fotografiere ich nicht mehr.
Nur noch Lokomotiven?
Das kann man mir nicht nehmen, knurrt er und gießt Kaffee in die hohen Tassen.
Kurz nach sieben Uhr abends verließ Otto Grütter, im zweiunddreißigsten Jahr seines Lebens, verstoßen von seiner ersten und großen Liebe, der Bahn, die Wohnung im Bahnhof von M., Schwellenhöhe 599,33 müM, 28. Dezember 2006, er setzte sich in sein Auto und fuhr zur Spanplattenfabrik, wo die fünf Leimwagen standen, es war kalt und dunkel. Nervös war ich nicht.
Er stellte das Auto ab, wartete, stieg aus und schlich zu Gleis 113, löste zuerst am dritten Wagen die Handbremse, prüfte dann, ob alle Wagen miteinander verbunden waren, entfernte beim fünften Wagen den roten Hemmschuh.
Da sei ihm, sagt Grütter, plötzlich eingefallen, dass noch ein Regionalzug ausstehe, Abfahrt in M. um 19:21, Ankunft in Willisau um 19:27, also habe er gewartet, bis der passierte, habe dann an allen fünf Kesselwagen die Luftbehälter entleert, sei schließlich auf den ersten Wagen gestiegen, um die Handbremse zu lösen, ja, und dann begann der Zug halt zu rollen, 400 Tonnen Leim, der Zug wurde immer schneller, ich sprang ab, rannte einige Meter neben ihm her, hetzte dann auf einen Hügel. Grütter sah den Zug in der Dunkelheit verschwinden, er hörte die Komposition singen und zirpen - dann hörte er nichts mehr, und es ging mir saugut, irgendwie, es ging mir besser als zuvor, schon lange war es mir nicht mehr so gut gegangen. Und ich zitterte nicht mehr.
Therese Grütter: Hätte er das nicht getan, wäre er jetzt kaputt.
Sie legt ihre Hand auf seinen Arm und schaut zum Fenster.
Hätte er das nicht getan, hätten wir uns nie gefunden, gell? Dann wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, eine Frau zu suchen, irgendwie, sagt Otto Grütter.
Er sitzt am Tisch im Bahnhof von M. und spielt mit den Fingern: Ich dachte halt, der Zug käme in der Wiese zu stehen, ich dachte nicht, dass der kippt, schon gar nicht dort, wo der kippte, ausgerechnet beim Bahnübergang, Scheißdreck!, eine Viertelmillion Franken Schaden. Er ging zu seinem Auto, war leicht und floh. An die Kamera, die über dem Parkplatz der Fabrik hing, hatte Otto Grütter nicht gedacht. Fragen Sie nur!, sagt er aus frohem Gesicht.
Bereuen Sie?
Ich bin entgleist, haucht er.
Dafür kann er jetzt hier wieder aus dem Fenster schauen, sagt Therese, und es tut ihm nicht weh.
Exakt!, sagt er.
Es tut nicht mehr weh, wenn ich hier aus dem Fenster schaue und die Gleise sehe, die Güterzüge mit Holz, Leim, Spanplatten. Ich kenne ja jeden Meter Schiene hier, jede Schwelle, jede Schraube ?
Einmal, vor Jahren, einmal und nie wieder sei er mit Bahnkollegen im Nachtzug nach Berlin gereist, aber viel gesehen habe er nicht, es sei Nacht gewesen, und in Berlin, na ja, er sei halt, als die Kollegen abends in diverse Kneipen ausschwärmten, im Hotel geblieben, allein in seinem Zimmer, er sei, sagt Grütter, nicht so der Nachttyp, schon gar nicht im Ausland.
Ich bin, sagt er, ich bin halt, wie sagt man, ich bin halt nicht so, jetzt fällt mir das Wort nicht ein, ich bin halt nicht so fürs Ausland gemacht.
In M. ist Ihnen wohl?
Exakt, sagt Otto Grütter. Jetzt hat er ja mich, sagt Therese und streichelt sein rotes Gesicht.
Grütter floh Richtung Willisau, wo er Kind gewesen war, Hügel links, Hügel rechts, und drehte sein Auto auf halber Strecke, fuhr nach M. zurück. Polizisten standen neben dem Zug, zwei Wagen waren gekippt, drei entgleist, die Barriere zerstört. Grütter fragte, was geschehen sei, er sah den Polizisten zu, fragte schließlich, ob er fotografieren dürfe. Er fuhr nach Hau se zum Bahnhof von M., erster Stock, holte den Fotoapparat.
Hier, sagt Grütter und schiebt ein gelbes Album über den Tisch.
Hier der Kran, wie er die zwei Wagen lupft, 33857932223-5 und 33807933573-7, hier sieht man, wie der Leim abgepumpt wird, stell dir vor, der Leim wäre ausgelaufen.
Otto Grütter, um nichts zu verpassen, blieb und fotografierte, bis es hell war.
Am Morgen des 9. Januar 2007 standen zwei Polizisten vor der Tür, Grütter öffnete, ich gestand sofort, ich log nicht, sie nahmen mich mit und sagten, ich dürfe am Abend wieder nach Hause, aber dann brachten sie mich nach Luzern in den Großhof, und dann hieß es plötzlich, ich müsste bleiben, Verdunkelungsgefahr, und dann, ich weiß nicht wieso, dann musste ich plötzlich heulen, einfach nur heulen.
Zwar, sagt Otto Grütter, habe es ihm im Gefängnis nicht schlecht gefallen, er habe, sagt er und grinst, einen eigenen Schlüssel zur Zelle gehabt, er habe die Zelle verlassen können, wann immer er wollte, mit Kollegen habe er sich in der Mensa getroffen, sein Frühstück, tatsachwahr, habe er neben dem Bankräuber von Nottwil gegessen, kein Unmensch, ein Holländer, alles habe er dort gesehen, Bankräuber, Drogenhändler, andere Räuber.
Der Haft entkommen, am Vormittag des 30. Januar 2007, nahm er den Zug nach M. und betete, dass niemand ihn erkenne. Otto Grütter sperrte sich in seinen Bahnhof, erster Stock, sah, vom Vorhang geschützt, auf die Gleise hinab, ich dachte, nun hassen die mich, alle Bähnler der Schweiz hassen mich, weil ich das getan habe, diesen Scheißdreck da unten bei der Spanplattenfabrik, aber es ist nicht so, dass man mich hasst, im Gegenteil, auch heute noch, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin, laden die Lokomotivführer mich in den Führerstand ein, komm, sagen die, Otti, komm ein bisschen zu uns, niemand hasst mich, glaube ich.
Ich liebe dich, sagt Therese und legt ihren Kopf auf Grütters Schulter.
Ich dich auch, flüstert er.
Ehrlich?, fragt sie.
Ehrlicher als ehrlich!
Weil er jetzt diese seine liebe Therese habe, sagt Otto Grütter, und weil er nun bei der Paketpost sei, wo er Pakete sortiere, 54 Poststellen, den ganzen Kanton Luzern, den ganzen Kanton Uri und noch Teile des Kantons Zug, deshalb seien die Richter vernünftig gewesen.
Das Kriminalgericht des Kantons Luzern verbot Otto Grütter, gewesener Rangierer, am 26. September 2008 die Freiheit für die Dauer von fünfzehn Monaten, bedingt vollziehbar bei einer Probezeit von zwei Jahren. Otto Grütter sei der qualifizierten Sachbeschädigung nach Artikel 144, Absatz 3 des Strafgesetzbuches schuldig sowie der Störung des Eisenbahnverkehrs nach Artikel 238, Absatz 1. Grütters Schuldfähigkeit, vermuteten die drei Richter, sei im mittleren Grade vermindert.
Irgendetwas wollte ich noch sagen, murrt er.
Dann sag es mir, Schatz, sagt Frau Grütter. Es fällt mir nicht mehr ein.
Grütter, Hände wie Schaufeln, Trauer unter den Nägeln, stapelt die Alben, das kleine gelbe zuoberst, darin die Bilder seiner Befreiung. Jetzt weiß ich es wieder, sagt er und klopft auf den Tisch.
Sie wollten doch wissen, was das Beste ist, das wollen Sie doch wissen?
Herr Grütter holt Luft.
Das Beste ist, dass ich jetzt, wie soll ich sagen, dass ich keine Schienen mehr brauche.
Das verstehe ich nicht, sagt Therese.
Dass ich nun, irgendwie, weil ich entgleist bin, kein Gleis mehr brauche.
Verstehe ich noch immer nicht, sagt Therese und küsst Otto auf den feuchten Mund.




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