steffiffi05 21.12.2005, 16:47 Uhr 35 0

Gratwanderung in die Zukunft

Wie es ist, wenn man plötzlich am Abgrund steht, hinter sich die Schule und vor sich nurnoch die gähnende Leere

Die Schlange vor dem Arbeitsamt ist endlos. Während der Schnee mir um die Ohren fegt, stelle ich mich hinten an, um meinem von der Schule gestellten Berufsberater einen Besuch abzustatten, der sich hinter den noch geschlossenen Pforten des Amtes wahrscheinlich gerade die Hände an einer Tasse frischen Kaffees wärmt. Ich habe diesen Termin im August vereinbart, nun ist es Dezember. Nach einer halben Stunde gebe ich auf, meine Finger sind steif gefroren, meine Füße spüre ich schon seit einer Weile nicht mehr und noch immer ist das Arbeitsamt geschlossen. Man könnte denken, die Leute hier stehen für kostenlose Konzertkarten von Robbie Williams an.
Ich bin nun siebzehn Jahre alt, in wenigen Tagen werde ich mich in meine Abiturprüfungsfächer einwählen: Deutsch, Englisch, Biologie und Sozialkunde. Bis zum Abitur läuft mein Plan glatt. Aber irgendwie kommt danach eine Lücke. Und dieses Loch zwischen Schule und Karriere stört mich, irgendetwas muss da rein. Aber was?
Genau deshalb wollte ich zu besagtem Berufsberater, vielleicht hatte er ja irgendeine Idee, was ich mit meinen mittelmäßigen Noten und mir anfangen könnte. Natürlich hatte ich Träume – am Liebsten studieren, Psychologie oder Journalismus – aber die Realität sah weit unerreichbarer aus. Der Numerus Clausus steht mir leider im Weg, wie eine Barrikade, die ich nicht überwinden kann.
Und dann kommt der Abgrund. Was soll ich stattdessen machen? Eine Ausbildung, so wie meine Mutter es will? Oder einfach irgendetwas studieren, Hauptsache ich gehe zur Uni, weil ich sonst keine Chance im Beruf habe, wie meine Freundin immer sagt? Ich muss an den Spruch denken, der für unseren Abiturjahrgang zur Auswahl stand: „Abi 2006 – Arbeitslosigkeit 2007“. Ich weiß nicht, was ich will. Aber ich weiß, was ich nicht will. Ich will nicht arbeitslos sein, ich möchte eine Aufgabe, eine Zukunft.
Ich weiß, mir geht es im Moment wie vielen tausend Jugendlichen auch, trotzdem habe ich das Gefühl, alleingelassen zu sein. All meine Freunde haben ihre Pläne fertig, sie studieren Medizin oder gehen an die Berufsakademie oder zum Bund. Nur ich stehe irgendwie dazwischen, mit meiner Lücke und der Angst, dass es das war, dass mein Leben schon bald vorbei sein wird. In meinen Träumen sehe ich mich mit sieben Kindern auf dem Sofa in der Plattenbauwohnung liegen, neben mir mein vierter Ehemann mit einer Bierflasche in der Hand und im schicken Jogginganzug. Dann wache ich schweißgebadet auf und stelle mir vor, wie ich mich lieber sehe: In dem netten Haus, mit den zwei lieben Kindern, dem erfolgreichen Ehemann und der eigenen Karriere. Im Moment bin ich ersterem sehr viel näher und ich kann nicht gerade sagen, dass ich darüber glücklich bin. Irgendetwas muss sich ändern, und zwar ganz schnell.
Meine Mathelehrerin sagte einmal zu mir: „Mädchen, du bist jung, du hast was im Kopf, dir steht jede Tür offen, du hast alle Chancen, du musst sie nur ergreifen!“. Sie hat Recht, alle Türen stehen offen, doch sobald ich sie betreten will, werden sie mir vor der Nase zugeschlagen. Aber sollte nicht die Jugend auch eine Zeit der Leichtigkeit sein, eine Zeit des „Do what you want, as long as you do it!“? Irgendwie merke ich noch nichts davon, ich drehe mich nur immer wieder im Kreis, es geht weder vorwärts noch zurück.
Es fällt mir immer schwerer, diese schönste Zeit im Leben zu genießen, denn immer schwebt mir im Hinterkopf die Frage nach dem, was danach kommt, die Frage nach der Brücke über den Abgrund. Okay, ein Baum würde reichen, über den ich klettern kann. Hauptsache, ich bin auf der sicheren Seite angelangt.
Zu meinem Berufsberater werde ich nicht noch einmal gehen, ich gebe die Hoffnung auf, dass mir irgendwer helfen kann. Ich weiß jetzt, ich muss selbst die Initiative ergreifen, ich muss mir selbst helfen, am Ende heißt es doch nur jeder gegen jeden."Wichtige Links zu diesem Text"
Informationen und Hilfe zur Berufsorientierung

35 Antworten

Kommentare

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    Sehr schöner Artikel. Mir ging das nach dem Abi auch so. Ich hatte das Glück dann doch noch den richtigen Weg einzuschlagen...
    Gut geschrieben.

    19.01.2006, 23:41 von Pulmonalklappe
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    es wird auf jeden fall besser. diese pure panik vor der zukunft, die erkenntnis das man ab jetzt alles
    (fast) ganz alleine schaffen muss. das sind die besten vorraussetztungen für gezieltes nachdenken. ich hab erstmal ein freiwilliges jahr im museum gemacht und vorher praktikum in einer pressestelle, echt easy. und jetzt studiere ich das was mich interessiert hat. nächstes jahr muss ich studiengebühren zahlen, da wird man auch nachdenklich. aber ich warte erstmal ab. ich habe, wie du wahrscheinlich auch, weder 5 kinder noch laufende kredite und wenn ich etwas anderes machen will, denke ich darüber nach und tue es -oder eben nicht.

    18.01.2006, 15:33 von mondkind
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    Hallo all,

    ich denke, man sollte trotz allem zum Berufsberater gehen. Danach weiß man wenigstens was man nicht werden will ;-). Im Allgemeinen würde ich sagen, dass der Weg das Ziel ist. Ich wusst damals auch nicht so recht was ich machen sollte und habe dann erstmal als Basisausbildung gemacht. Eine Basis-Ausbildung kann z.B ein BWL-Studium sein oder eine Ausbildung zur Industrie-Kauffrau.

    13.01.2006, 21:26 von schmusekaterMuc
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    tja...ich würde sagen:weg hier.
    ich mag deutschland,aber ich liebe neusee-und irland.
    "verreisen"-mag das nicht jeder?
    ein jahr,anstatt zum bund zu gehen,einfach weg.
    ich weiß,das kostet,aber die erfahrungen,die sprachkentnisse und wahrscheinlich auch neue ideen fürs spätere leben sind es wert.
    (in neuseeland liegt die arbeitslosenquote bei 5%...weniger als in vielen anderen ländern...!)

    12.01.2006, 19:48 von snopstar
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      @snopstar moin snopstar,
      sicher liegt in nz die arbeitslosenquote bei 5%.
      6.2%, um genau zu sein. Das Land hat aber die Einwohnerzahl von Berlin und die Größe der Bundesrepublik. Die Jobs sind da auch nicht leichter zu bekommen. Habe gerade mehrere Vorstellungsgespräche als Ing. hinter mir.

      17.01.2006, 22:32 von navcon
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    hallo steffi,
    zunächst mal: ich kann verstehen, dass du angst vor der zukunft hast. ungewissheit kann angst machen,aber genau darin liegt doch auch eine chance! die chance, sich selbst besser kennenzulernen und auch die chance, entscheiden zu können. glaub mir, viele können das nicht! mach ein gutes abi, damit du eine bessere chance hast, deine ideen umzusetzen. schau dir nicht nur die klassischen studienfächer an (journalismus, psychologie), esgibt mittlerweile sehr viele spannende neue studiengänge. such dir einige gute sachen aus und schau dir auch die stadt an, wo das studium ist. sich dort wohlfühlen ist wichtiger wie jedes uniranking!!
    wenn du lust auf studieren hast dann mach das und geniesse die freiheit, die man wohl so im leben nicht mehr haben kann.
    freue dich auf die gelegenheit, in deinem leben selbst entscheiden zu können und versuche, deine angst und spannung und mut umzuwandeln.viel spass dabei!

    10.01.2006, 22:08 von simre
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    Ich hätte da mal ne Frage an alle, insbesondere vielleicht an "Brotbackautomat".
    Könnt ihr eine Auslandserfahrung, wie in Australien empfehlen?
    Wer hat sowas denn schon mal gemacht? Wenn ja über eine Organisation oder lieber auf eigene Faust?
    Ich selber bin am überlegen, ob ich nach meinem Abi gleich studieren möchte, oder erst mal ne Auszeit nehmen will!
    Vielleicht gibs ja hier auch Jemanden, der ähnliches plant!?
    Freue mich über jede Antwort!

    08.01.2006, 20:57 von capri19
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    Mensch, du bist erst 17, da kannst du dir deine Zukunftsängste bezüglich Jogginhosenehemann erst mal tief einbuddeln, es gibt soviel, womit seine Zeit überbrücken kann, bevor man das richtige findet, FSJ, FÖJ etc. Du solltest dir in aller Ruhe Gedanken machen und bloß nicht vorschnell dich für was entscheiden, das bereust du. Ich weiß, was ich sagen, hab 5 Semester Chemie studiert und habs abgebrochen, weil ich nicht lange genug drüber nachgedacht habe. Jetzt hast du noch die Zeit.

    08.01.2006, 13:23 von Milchblick
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    oh man! du gibst gleich schon am anfang auf! wie wäre es erstmal mit informieren (ich empfehle z.B. BerufeNET bei arbeitsagentur.de), probieren, nach dem abi ne auszeit nehmen (da gibt es so viele möglichkeiten: au pair, work&travel, evs, fsj, etc). wenn ich das richtig gelesen habe, bist du noch nicht mal in der 13, d.h. es ist noch nicht mal akut, richtig?
    und ich schließe mich nur an: das leben der anderen, die schon von vorne herein wissen, wo sie landen werden, ist doch langweilig.
    dran denken: happiness is a way of traveling, not a destination!

    08.01.2006, 02:14 von JANthoplog
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