Lisa_Zimmermann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 0 0

Gib´s ihnen

In deutschen Büros wird nicht zu viel, sondern zu wenig KRITISIERT. Besonders Berufsanfänger tun sich schwer damit. Trotzdem der Rat: ausprobieren.

Gesprächsfetzen beim Feierabendbier, eine kleine Sammlung: »Ich muss schon wieder alle Infos für die nächste Präsentation allein zusammensuchen.« »Sandra lässt jeden Tag um sechs den Stift fallen, und ich erledige dann ihren liegengebliebenen Kram.« »Martin war in der Konferenz heute wieder so unangenehm. Labert immer dazwischen, jeder ist genervt und er kapiert’s einfach nicht …« Sich bei Freunden über den Job auszuheulen, tut gut und ist wichtig, um Frust abzuladen. Sie werden sich das Geschimpfe anhören, beraten und beschwichtigen. Selbst wenn es sie eigentlich nicht interessiert. So lang, bis ihnen der Kragen platzt: »Wenn dich Martins Gequatsche so nervt, warum sagst du es ihm nicht einfach mal, anstatt ständig mich damit vollzujammern?«

Ja, warum eigentlich nicht? Warum fällt es so schwer zu kritisieren, selbst wenn die Kritik noch so berechtigt ist? Im Job und an der Uni ist immer Konfliktpotenzial vorhanden, das gehört zum Alltag. Kollegen machen Fehler, ignorieren Abmachungen, sind unzuverlässig: ganz normal. Nicht normal: Die Hemmung gerade junger Berufstätiger, Probleme anzusprechen. Dabei schadet nicht geäußerte Kritik auf Dauer – und zwar nicht nur dem Gemüt. Laut einer Studie der Akademie für die Führungskräfte der Wirtschaft wird die Leistung im Job vor allem dann blockiert, wenn zu wenig kommuniziert wird, Arbeitsanweisungen unklar bleiben oder schwelende Konflikte weder angesprochen noch ausgetragen werden. Auch das Klima und die Motivation der Mitarbeiter leiden da runter, wenn nicht angesprochen wird, was erwartet wird und wo etwas falsch läuft.

Eva B., 28, schreibt ihre Doktorarbeit an einem Institut für Biophysik und ärgert sich oft über sich selbst, wenn sie wieder ihre Wut heruntergeschluckt hat, anstatt klar zu sagen, was sie stört: »Bei uns im Büro herrscht ziemlicher Zickenterror. Wenn jemand wieder meine Zellkulturen aus dem Kühlschrank genommen hat und nichts nachbestellt, denke ich später, da hätte ich jetzt mal ordentlich auf den Tisch hauen sollen. Aber ich möchte nicht, dass sich jemand unnötig auf den Schlips getreten fühlt.« Ein typischer Fall, sagt Heinrich Wottawa, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Bochum: »Viele junge Berufstätige haben nie gelernt, Routine im Umgang mit nega tivem Feedback zu bekommen.« Wann macht sich schon mal ein Dozent die Mühe, eine schlechte Hausarbeit ausführlich zu besprechen? Den Schein gibt es im Prüfungsamt, Ende. Weil man in der Ausbildung keinen Umgang mit Kritik lernt, fällt es später im Job schwer, ein gesundes Verhältnis zum Kritisieren aufzubauen. Man lernt nur, dass es sich nicht schön anfühlt, kritisiert zu werden – und hat Hemmungen, andere zu kritisieren. Seminare für Feedback oder Konfliktmanagement sind teuer, sie richten sich meist nur an Führungskräfte.

Es liegt auch an veränderten Arbeitsbedingungen, dass Kritisieren so schwerfällt. Die Hierarchien in den Büros sind flacher geworden: In vielen Unternehmen herrscht ein kumpelhafter Umgangston, die Kollegen sind oft auch Freunde, die abends gemeinsam ein Bier trinken gehen – oder zumindest zusammen über YouTube-Videos lachen. Der Chef wird geduzt, Praktikanten sind im gleichen Alter, auch junge Mitarbeiter bekommen schnell Verantwortung. Berufsanfänger kommen also öfter in die Situation, kritisieren zu müssen, andererseits fällt es umso schwerer, dies bei befreundeten Kollegen zu tun. Keiner will arrogant und besserwisserisch wirken oder jemanden verletzen. Man sollte sich klarmachen, dass gerade Kritik an befreundeten Kollegen etwas durchweg Positives ist, sagt der Coach Carsten Schäper. »Kritik zu üben, ist ein großes Beziehungssignal und ein Zeichen von Wertschätzung, denn Kritisieren kostet Mühe und Energie.« Susanna Scherer, 33, Verantwortliche in der Filiale einer Bekleidungskette, sagt: »Die nettesten und besten Mitarbeiter kritisieren zu müssen, ist besonders ätzend.« Doch gerade weil sie ihre Kolleginnen schätzt, ist es ihr wichtig, behutsam, aber offen zu sagen, was nicht gut läuft: »Für mich ist es beim Kritisieren total wichtig, dass ich den Kolleginnen klarmache, dass wir in einem Boot sitzen. Nur so werden alle immer besser und können sich gemeinsam über Erfolge freuen.«

Wer einem ihm nahe stehenden Kollegen ohne Vorwürfe erklärt, was sein Verhalten für ihn und andere Kollegen bedeutet (»Ich musste das noch mal zwei Stunden über arbeiten«), der sorgt natürlich erst mal für einen Dämpfer – auf lange Sicht wird es der Zusammenarbeit guttun.

Der Psychologieprofessor Wottawa sagt: »Gerade bei Berufsanfängern fehlt es oft an der notwendigen Reflexion darüber, warum sie etwas sagen. Sie konzentrieren sich vor allem auf das Naheliegende: Was will ich kritisieren? Viel wichtiger aber ist die Frage: Was bewirke ich damit? Und wenn man im Berufsleben nur deshalb Kritik äußert, weil man sich über etwas geärgert hat und sich abreagieren will, ist das alles andere als produktiv.« Soll heißen: In vielen Situationen macht man sich überhaupt nicht bewusst, was das Ziel einer Kritik sein soll (zum Beispiel: Die ständig quatschende Kollegin soll mal andere in der Konferenz zu Wort kommen lassen), sondern gibt einen Stand der Dinge bezüglich der eigenen Gefühlslage ab (»Das nervt!«). Das aber kann bewirken, dass die Kollegin gekränkt und sauer auf einen ist.

Die Lieblingsempfehlung jedes Kommunikationsratgebers ist deshalb die sogenannte »Ich-Botschaft«: »Ich habe das Gefühl, dass du einen sehr hohen Redeanteil in den Konferenzen hast.« Fraglich, ob das wirklich zu weniger Verstimmung bei der Kollegin führt. Der Bezug auf die eigene Wahrnehmung (»Ich finde …«) mag objektiv besser sein als eine pauschale Beschuldigung. Es muss aber nicht heißen, dass die Kritik deshalb erträglicher wird. Vielleicht macht es alles nur schlimmer: Die Binse mit den »Ich-Botschaften« dürfte sich schon so weit herumgesprochen haben, dass sie auch die Kollegin kennt. Und die ärgert sich dann vielleicht erst recht, dass man ihr, anstatt klipp und klar zu sagen, was einem nicht passt, mit pseudodiplomatischem Geschleime kommt. Am besten sagt man konkret, worum es geht, und macht einen Vorschlag, was in der Zukunft anders werden soll. (»Es wäre fair, wenn jeder in der Konferenz die gleiche Zeit hat, seine Themen vorzustellen.«)

Kritik sollte immer unter vier Augen und nicht zwischen Tür und Angel stattfinden. Lieber einen Termin ausmachen oder im Büro vorbeikommen, wenn es günstig ist. Vermeiden sollte man übrigens die Sandwichkritik, die viele für den Königsweg halten. »Die Strategie, Kritik durch gleichzeitiges Lob in Watte zu verpacken, führt eher dazu, dass der Kritisierte sich manipuliert fühlt«, sagt der Psychologe Peter M. Muck, der an der Universität Bielefeld zu Feedbackmethoden forscht. Der Kritisierte wird überzeugt sein, dass das Lob nicht ernst gemeint ist, sondern nur dazu dient, die Kritik nicht allzu harsch erscheinen zu lassen.

Auch wer richtig sauer ist, sollte sich nicht dazu hinreißen lassen, seinem Ärger einfach Luft zu machen. Wenn Menschen sich aufregen, setzt der sogenannte Regressionseffekt ein: Sie reduzieren die Komplexität der Gehirnleistung und schalten auf drei Primitivreaktionen herunter: Flucht, Angriff oder Totstellen. »Und ich gehe doch nicht mit einer verringerten Gehirnleistung in eine schwierige Kommunikationssituation «, sagt Wottawa. Es kann reichen, in der Konferenz erst mal einen Schluck Wasser zu nehmen.

Es gibt aber Situationen, so Wottawa, in denen mit dem Holzhammer gearbeitet werden darf. »Wenn man nicht lange zusammenarbeiten muss oder wenn einem das Ende der Beziehung zum anderen im Zweifel angenehmer ist als die Fortsetzung des aktuellen Zustands, dann lässt es sich auch gut mit Druck oder Sanktionen arbeiten.« So wie Daniel, 32, der als Marketingchef oft mit Werbeagenturen zusammenarbeitet: »Wenn eine Agentur einen Kampagnenentwurf abliefert, der überhaupt nicht dem entspricht, was wir besprochen hatten, dann sage ich, das ist kompletter Mist, so nehme ich es nicht, noch mal von vorn!« Wenn er die Zusammenarbeit nach dem Projekt eh beenden will, kann es ihm egal sein, wenn der Draht zu der Agentur nach dem Gepolter ruiniert ist.

Mit Verzweiflung, Ärger, Dünnhäutigkeit, Schmollen als erste Reaktion muss nach einer Kritik gerechnet werden. Aber lieber für kurze Zeit schlechte Stimmung aushalten, als immer Ärger runterschlucken. Nur so wird sich langfristig etwas ändern. Zum Beispiel die Gespräche beim Feierabendbier.


Janina Freundt, 27
Studentin, Nebenjob Kellnerin, Kiel »Das Wesentliche in meinem Job ist: Klappe halten und rennen. Das Schlimmste für mich ist dabei, dass die Kritikfähigkeit neuer Mitarbeiter in Richtung null tendiert. Kollegen, die schon lange dabei sind, werden als Mobber bezeichnet, weil sie sagen, wo’s langgeht. Ich kann bei dem Stress niemanden mit Samthandschuhen anfassen – bei manchen Jobs muss man einfach ein dickes Fell haben. Ich bemühe mich, beim Kritisieren nie persönlich zu werden, dann kapieren die meisten, dass ich einfach will, dass alles zack, zack geht.«


Ludwig Martin, 29
Stadtplanungsstudent, Cottbus »Ich bin ziemlich ehrgeizig. Wenn einer nicht mitzieht, dann sage ich mir eher: Ach komm, ich erledige das, geht schneller. Das bedeutet aber eben oft, dass ich mir sehr viel Zusatzarbeit aufhalse. An der Uni bin ich in meinen Referatsgruppen manchmal schier verzweifelt. Da war einmal dieser Typ im Seminar, der in meiner Gruppe landete. Der hat überhaupt nichts kapiert, kam jedes Mal komplett unvorbereitet zu den Gruppentreffen, irgendwann haben wir gedroht ihn rauszuschmeißen. Am Ende hat er immerhin seinen Teil des Referats selbst gehalten.«


Anna M. Lehmann, 26
Mitarbeiterin einer Personalabteilung, Bautzen »Ich muss öfters Mitarbeiter zu mir zitieren, kritisieren, manchmal sogar Abmahnungen verteilen. Die meisten sind viel älter als ich. Am Anfang haben sie mir großspurig Geschichten aufgetischt, nach dem Motto ›Die Kleine rafft das eh nicht‹. Es ist sehr wichtig auszustrahlen, dass ich genau weiß, was ich da tue, und klipp und klar zu sagen, was ich missbillige und was ich in der Zukunft erwarte. Und vor allem: immer ruhig bleiben. Cholerisch rumbrüllen bringt gar nichts, da machen die Leute komplett zu.

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