Für die Menschen
In der Arbeitsgruppe stinkt es.
Ich bekomme kaum noch Luft. Kein Wunder bei den anderen 10 Menschen, von denen einige das Wort Hygiene schon im Ansatz nicht verstehen wollen.
Ich reiße verzweifelt ein Fenster auf, und drehe mich um. Das hätte ich nicht tun dürfen.
Denn sonst hätte ich sehen können, dass Max aggressiv aus seinem Stuhl raus springt und mich schlägt. Richtig feste auf dem Oberarm. Anscheinend ist frische Luft nicht sein Ding.
Mein Montagmorgen fängt super an.
Ich blicke mich um. Es hat von den Kollegen noch niemals einer mitbekommen, dass ich geschlagen worden bin.
Kein Wunder, denn heute gibt es viel zu viel zu tun. Wie jeden Tag.
Ich schenke Max meinen grimmigsten Blick, und schicke ihn aus der Arbeitsgruppe hinaus.
Dann muss ich die anderen Mitarbeiter beruhigen, die mehr Angst haben als ich.
Ich darf keine Angst haben, ich muss immer stark sein und nie die Kontrolle und den Überblick verlieren.
Ich arbeite in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen.
Größtenteils sind hier aber Menschen tätig, die eine psychische Behinderung haben. Männer mit schlimmen Straftaten, wie Tötung und Misshandlung von Kindern. Versuchter Totschlag, Raub und Erpressung. Die Liste ist lang.
Und zwischen ihnen eine Frau mit Down-Syndrom und Menschen mit kognitiven Einschränkungen.
Eine explosive Mischung.
Menschen mit einer geistigen Behinderung gibt es hier nicht mehr so oft. Angeblich ziehen diese mehr in die Familienpflege und in das Betreute Wohnen.
Die Wahrheit sieht anders aus. Die meisten von ihnen werden heutzutage abgetrieben, und die typischen „Werkstätten für Behinderte“ gibt es nicht mehr. Nicht mehr hier, wo ich bin.
Gearbeitet wird für eine große deutsche Firma. Verpackungsarbeiten. Die Kartons aus Polen und Russland müssen die Mitarbeiter und ich umpacken, in andere Kartons. Natürlich versehen mit dem bekannten Logo der Marke. Wie einfach es ist, Geld zu sparen, und billige Produkte teuer zu verkaufen.
Das denkt sich auch mein Chef.
Er nimmt sich gerne Praktikanten. Besser noch sind ihm die Hilfsarbeiter. Die sind nämlich noch billiger. Diese haben zwar keine Ahnung von Pädagogik und Psychiatrie, sind zwar sehr nett zu den Mitarbeitern, aber gelernte Empathie und Gesprächsführung wären schon nötig und angebracht, wenn ein bulliger Mann vor einem steht und brüllt: „Ich finde heraus wo du wohnst, und dann mache ich dich kalt!“
Im Zweifelsfall heißt es dann eigentlich wegrennen. Zum Glück ist der schlimmste Fall noch nie eingetreten.
Denn jemanden zum helfen hätte ich nicht. Wir sind im Team generell unterbesetzt. Gerade jetzt bräuchte ich einen Kollegen.
Claus schmeißt wutentbrannt sein Arbeitsmaterial auf dem Tisch und schreit seine Tischnachbarin an:
„Ich habe dir gesagt, du sollst deinen Mund halten wenn ich arbeite, du mieses Stück Scheiße!“
Wütend und bedrohlich baut er sich vor der ängstlichen Frau auf.
Alle blicken mich an, jetzt wäre mein Auftritt.
Ich schaue noch einmal durch die Halle und sehe natürlich niemanden von den Kollegen. Ich höre Schreie aus der Nebengruppe, anscheint geht es dort radikaler zu.
Ich atme tief durch, und sage laut und deutlich:
„Claus, geh sofort von Helena weg, sonst kannst du dich auf was gefasst machen!“
„Okay, das hörte sich wenigstens bedrohlich genug an“, dachte ich mir noch, als Claus mich lächelnd ansah und mich fragte, ob ich denn wisse warum er hier ist.
Oh ja, das weiß ich ganz genau. Claus war 20 Jahre in der Forensik. Er hatte seine Frau im Suff mit einer Spitzhacke erschlagen. Zur Resozialisierung arbeitet er hier nun.
Die Situation kippt. Was kann ich dem Mann schon? Er hat nichts mehr zu verlieren. Er ist 45 und ich bin Anfang 20. Körperlich ist er mir überlegen, ich bin es ihm nur kognitiv. Doch das kümmert ihn wenig.
Ich merke das schreckliche Flattern in meiner Lunge. Vor Wut.
Endlich kommt ein männlicher Kollege herbei geeilt.
So was passiert hier ständig. Bei der Vergangenheit der meisten Mitarbeiter sollten wir uns wundern, wenn es nicht so wäre.
Die Arbeit muss trotz solcher Situationen fort gesetzt werden, denn sie werden am Abend wieder abgeholt. Das heißt für uns Mitarbeiter, dass wir fast jeden Tag 1,5 Überstunden machen.
Ich hab noch keine einzige Überstunde abgebaut, zurzeit ist das aussichtslos. Für dieArbeit, die ich tue, bekomme ich kaum Geld, und muss zusätzlich manchmal samstags und sonntags arbeiten, damit wir im Team, die Arbeit die liegen geblieben ist, verarbeiten können.
Einmal haben wir eine Woche lang um 6 Uhr morgens angefangen und um 18 Uhr aufgehört.
Dem Chef ist das egal, hauptsache seine Gelder stimmen.
Es kommt kein Lob, keine Anerkennung, nichts.
Meine Freunde fragen mich immer, warum ich diesen Job eigentlich mache.
Die miese Bezahlung, der doofe Chef, die körperliche Arbeit, sowie die enorme psychische Belastung, nur Kurzzeitverträge, keine Hoffnung auf den Festvertrag, denn die nächsten billigen Praktikanten stehen in den Startlöchern. Und und und. Diese Liste könnte lang werden.
Ich denke mir geht es wie all den anderen Männern und Frauen, die in Pflegeberufen tätig sind, die meistens Schichtdienst haben, die jedes Jahr wieder den verzweifelte Kampf mit den Kollegen haben, wer Heiligabend den Spätdienst schieben muss, oder all diejenigen, die schreckliche Rückenschmerzen haben, einen Burnout erleiden, und mehr mit den Kindern im Kindergarten verbringen, als mit den einigen daheim.
Eine richtige Erklärungen haben die meisten eigentlich nicht, aber eines haben wir gemeinsam: Wir tun das alles für die Menschen.
Für unsere Mitmenschen, die unsere Hilfe benötigen.
Wenn ich mir das vor Augen halte, fange ich wieder an meinen Job zu lieben."Wichtige Links zu diesem Text"
Der Beruf






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