Mariki 13.09.2007, 22:09 Uhr 18 7

Fünf-Sterne-Interview

Für eine Zeitschrift soll ich mein erstes Interview machen. Mit der Herausgeberin fahre ich im Cabrio in ein Nobelhotel - in eine fremde Welt.

Waren Sie denn noch nie im ArabellaSheraton?, fragt sie mich, als wir die riesige, von der Klimaanlage unterkühlte und absolut geruchsfreie Hotelhalle betreten. Ich antworte nicht, was soll ich, ich bin beschäftigt mit Schauen, und sie eilt mir bereits voraus - die Haare frisch geföhnt, die Nägel lackiert, ein Lächeln ins Gesicht getackert, für den großen Auftritt braucht sie Schwung. Nein, ich wurde noch nie in einem Porsche-Cabrio zu einem Fünf-Sterne-Hotel kutschiert, und nein, drin war ich auch noch nie. Alle Gäste, die ich im weitläufigen Foyer, das mit glänzenden Oldtimern und Cartier-Vitrinen vollgestellt ist, sehe, sind Araber in fließenden Gewändern, die Männer weiß, die Frauen schwarz und von Kopf bis Fuß eingehüllt. Hier sind alle reich, das liegt in der Luft. Ich trage Rock und T-Shirt von H&M und Ballerinas. Das wird heiter.

Die Herausgeberin ist eine gute Bekannte, natürlich, von fast jedem. Mir ist kalt, meine Kontaktlinsen brennen, und es fällt mir schwer, nicht wie eine Zeichentrickfigur zu grinsen, die Situation ist absurd, ich bin der Elefant im Louis-Vuitton-Laden. Der Hoteldirektor und seine PR-Managerin schreiten auf uns zu, Bussi, Bussi, Vielen Dank für die Einladung, Es ist ja so ein schönes Heft, Das letzte Mal war ich bei der Sommerparty hier, sind wir nicht toll, wie weit wir es gebracht haben. Wir setzen uns, der Tisch, die Blumen, die Stoffbezüge der Stühle, alles ist edel, die Kellnerin ist so alt wie ich und krümmt ihren Körper wie ein Diener.

Die Fragen für das erste Interview meines Lebens habe ich eine halbe Stunde zuvor bekommen und auf der Cabrio-Fahrt gelesen, meine Vorgängerin hat sie sich ausgedacht, ich weiß nichts über das Hotel, über den Direktor, über den Sinn des Gesprächs. So muss Journalismus sein, so macht man eine gute Zeitschrift, egal, der Stundenlohn ist gut. Die Herausgeberin hat ein altes Diktiergerät dabei, ein echtes, mit einer winzigen Kassette drin, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Bei der ersten Frage höre ich an meiner Stimme, dass ich das Lachen unterdrücke, alle drei starren mich an und nippen am Luxuswasser, die PR-Managerin ist eine nervöse Frau mit der Ausstrahlung eines zappelnden Goldfischs.

Der Hoteldirektor spricht gern, ein Glück, er redet, mehr zum Diktiergerät als zu mir, als wäre ich nur Dekoration, im Vergleich zur restlichen allerdings eine recht billige. Das Hotel soll umgebaut und umbenannt werden, es tropfen Worte wie Oberes Luxus-Segment, Wachsende Reiseströme und Schlafen im Heavenly Bed durch den Lautsprecher auf die Mini-Kassette, meine Aufmerksamkeit schweift zu den arabischen Männern am Nebentisch ab, ich frage mich, was sie in München machen und ob sie die Einzigen sind, die es sich leisten können, hier zu übernachten. Ich nicke und platziere Füllwörter an den geeigneten Stellen, frage, was mir gerade so einfällt, mache kleine Witzchen – und überlege mir, jemand zu sein, der hierher passt, in dieses Hotel, in diese Gesellschaft, in diese Klasse. Ich komme aus einem Bergdorf, spreche eigentlich österreichischen Dialekt und renne gerne barfuß eine steile Wiese hinunter. Der Hoteldirektor merkt das nicht, zu sehr ist er auf sich bedacht, die PR-Frau vielleicht, ich weiß es nicht, ihr Blick ist zu hektisch.

Innerhalb eines Augenblicks verliere ich die Lust an dieser Farce, eben noch gefiel mir die Komik der Situation, jetzt finde ich es anstrengend und will wieder hinaus in die Sonne. Was interessiert es mich, wie weich und gemütlich die Hotelbetten sind, wenn ich nie drin schlafen werde? Ich stelle persönliche Fragen, die Herausgeberin räuspert mich an, die PR-Managerin fällt dem Direktor ins Wort, das soll er wohl nicht beantworten, schade. Sie belobhudeln sich gegenseitig noch ein bisschen, versprechen einander gute PR und eine bald geschaltete Anzeige, ich darf meine Utensilien einpacken und versuchen, mich wie eine echte Reporterin zu fühlen. Wäre die Klimaanlage nicht so kühl, vielleicht würde es mir gelingen.

Die Herausgeberin lässt mich hinter sich her zum Cabrio dackeln, ich soll noch mit nach draußen fahren, wahrscheinlich, damit man uns sieht, ist ja auch ein schönes Auto. Die Ledersitze sind zu glatt und richtig hässlich, die Farbe sieht aus wie Hundekotze. Nächste Woche habe ich ein Interview mit den Inhaberinnen einer Schauspielagentur. Kein Problem, jetzt habe ich ja Erfahrung. Nicht im Interviewen, mehr im Schicki-Micki-Sein. Das war doch ein nettes Gespräch, Sie waren sehr charmant, sagt sie, ich wundere mich, Ein ganz wichtiger Kunde. Mit Anfahrt und anschließendem Ausformulieren des Interviews komme ich bestimmt auf drei Stunden, macht 45 Euro. Als wir um die Ecke des Hotels gebogen sind, lässt sie mich aussteigen. Ich darf zu Fuß zur U-Bahn gehen.

7

Diesen Text mochten auch

18 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    ....obwohl es doch keine Klassengesellschaften mehr gibt!! Wir sind doch alle eins....

    29.12.2007, 18:11 von ninchen-lu
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "ich darf meine Utensilien einpacken und versuchen, mich wie eine echte Reporterin zu fühlen"

    mein Verständnis von Journalismus war bislang ein anderes. mein fehler...

    17.09.2007, 01:17 von sabbelwasser
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Du hast deinen eigenen Wert an Äusserlichkeiten festgemacht, die du an denjenigen gesehen hast die du sehen wolltest, und mit denen du dich leider promt verglichen hast. Mit der Kellerin in deinem Alter aber hattest du dich nicht verglichen. Fuer dich war nur sehens- und erwähnenswert was es darauf anlegt selbsternannte graue Mäuschen an der Nase herumzufuehren.

    15.09.2007, 20:27 von aiko
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Lol ist sie nicht niedlich, die upper class ... Schön wie hier mal wieder die sinnlosigkeit und profane der dekadenz herausseziert wurden.

    15.09.2007, 19:42 von Mewkew
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Also Mädel, Du verkaufst Deine Arbeit zu billig. So wird das nie was mit der eigenen Bergwiese und so. :)

    15.09.2007, 12:13 von chessige
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Was habt ihr denn alle für ein Problem mit 5-Sterne-Hotels? ich find das super.
    es sind auch nicht nur reiche luxusarschlöcher dort zu finden - die meisten sind wahrscheinlich geschäftsreisende, außerdem zahlt da auch fast keiner den normalen zimmerpreis.
    ich war im august im hilton in helsinki, doppelzimmer im executive floor für 100 euro die nacht. find ich nicht komplett übertrieben und gönne ich mir total gerne für das, was ich kriege. ich bin da übrigens auch mit jeans, flipflops und riesen-backback eingecheckt, hat auch niemanden gestört. warum auch? so elitär ist das doch alles längst nicht mehr.

    14.09.2007, 15:45 von dieJudith
    • 0

      @dieJudith ich hab übrigens auch mal länger im housekeeping im atlantic in hamburg gearbeitet, am arrogantesten waren da meine vorgesetzten. die gäste, mit denen man in berührung kam, waren meistens total nett und normal. also bitte am besten mal ein bisschen weiter und weniger voreingenommen unter die oberste schicht gucken, dann entlarvt man vielleicht auch mal ein paar nicht stimmende klischees. ist für journalisten sicher auch ganz hilfreich...

      14.09.2007, 15:49 von dieJudith
    • 0

      @dieJudith Da hast du mit Sicherheit Recht. Von mir aus kann auch jeder gern im Luxushotel schlafen, ist ja auch superschön. Es war nur diese Situation so klischeehaft, dieses Bussi-Bussi und Ich fühl mich hier zuhause von der Herausgeberin, das war halt total aufgesetzt. Der Direktor und die PR-Managerin waren schon sehr eingebildet und stolz auf ihre Posten. Mit den Gästen hatte ich ja nichts zu tun. Zum Glück, denn ich spreche kein Arabisch *GRINS*

      14.09.2007, 15:54 von Mariki
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schöner bericht!dieses oberflächliche getue "besserer" menschen ist tatsächlich "billig". noch besser, wenn man sich dessen kalr wird, die kochen auch nur mit wasser.Aber schade, es scheint so, als würdest du es wirklich nur wegen dem geld machen!schön geschrieben"

    14.09.2007, 14:27 von GulliGuu
    • 0

      @GulliGuu Naja, was heißt, nur wegen dem Geld, ich konnte ja vorher nicht ahnen, wie das wird. Bei den anderen Interviews, die ich danach gemacht habe, ist die Herausgeberin nicht mitgekommen, das war dann entspannter, und ich hatte mehr Freiheiten. Aber dieses Erlebnis in dem Hotel, das war für mich einfach nur absurd, und das wollte ich irgendwie so rüberbringen. Damit will ich diese "Luxusmenschen" aber nicht als schlecht darstellen, sondern einfach nur beschreiben, wie fremd mir diese Welt ist und wie ich mich da gefühlt hab.

      14.09.2007, 14:37 von Mariki
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Willkommen in der Welt der Eitelkeiten :-)
    Sehr interessanter Text, über die doch so vielen Parallelwelten die ja anscheindend exisiteren und den leuten die anscheindend nicht merken in einer solche zu leben....

    14.09.2007, 13:45 von fossa
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
14. Mai 2012

NEON-Apps für iOS und Android

Neueste Artikel-Kommentare