manao 07.07.2010, 11:54 Uhr 1 1

Eine lange, ungewöhnliche Nacht

Menschen laufen weinend aus dem Tunnel. Einer stüzt den anderen. Ein schlimmes Szenario

Es ist nach Mitternacht. Die blauen Blinklichter auf dem Dach stören die Dunkelheit der Nacht. Wir fahren mit vier Fahrzeugen, ich sitze im letzten und beobachte die anderen. Vor uns liegen gut 20 Minuten Fahrt.
In dem ICE-Tunnel, der noch in unserem Aufgabengebiet liegt, ist ein Zug entgleist.
Wir fahren ziemlich schnell, es ist kaum ein anderes Auto unterwegs. Das Martinshorn müssen wir nur an einer großen Kreuzung anstellen.
Vielleicht werden davon Menschen wach. Sie werden sich aufregen, wie denn die Feuerwehr nachts nur so einen Lärm machen kann.

Als wir an dem Rettungsplatz ankommen, ist schon alles in vollem Gange. Unsere Fahrzeuge werden plaziert, wir steigen aus.
Das Deutsche Rote Kreuz baut Zelte und Liegen auf, die Einsatzleitwagen bereiten sich auf einen chaotischen Funkverkehr vor.
Auch ein Verpflegungszelt wird eingerichtet, damit wir uns stärken können, was sich später aber als Reinfall rausstellen wird.

Unser Maschinist fährt den Lichtmast aus, um den Platz auszuleuchten, im Moment bilden die Scheinwerfer und blauen Blitzlichter die einzigen Lichtquellen.
Zwei andere Kameraden laufen zum Tunnel. Sie müssen die Oberleitung erden, damit wir die Gefahr des Stromes ausschließen können.
Mein Kamerad und ich stellen in der Zeit einen weiteren Lichtmast auf, den wir auf die Schienen richten.

Auf dem Weg zum Tunneleingang, aus dem es stark qualmt, hören wir die ersten, verzweifelten Rufe nach Hilfe. Vom Roten Kreuz haben wir Karten bekommen, die wir ausfüllen und an den Opfern, die selber laufen können befestigen.
Wir nehmen die ersten Menschen in Empfang. Sie weinen, humpeln, stützen sich gegenseitig. Sie erzählen, teilweise unverständlich durch das Schluchzen, dass ihre Angehörigen im Zug sind, aber nicht laufen können.
Die Schwerverletzten müssen auf den Rettungszug warten. Dieser wurde schon alarmiert und ist auf dem Weg. Es wird eine Weile dauern, bis der dieselbetriebene Retter ankommt.

Nachdem die Karten ausgefüllt sind, führen wir sie auf dem schmalen Weg, neben den Gleisen auf denen sie eben noch mit einer enormen Geschwindigkeit gefahren sind, zurück zum Rettungsplatz. Dort übergeben wir sie dem Roten Kreuz.
Per Funk spricht uns ein Kamerad an, der am Tunneleingang steht. Es kommen immer mehr Leute aus dem Tunnel. Er kann das Erdungsset nicht einfach so hängen lassen und sie herbringen, da die Gefahr besteht, dass sich ein Opfer daran zu schaffen macht, während er weg ist. Man würde denken, dass in so einer Situation kein Mensch so etwas machen würde, doch man kann in keinen Kopf hineinschauen.
Das würde für alle im Tunnel Lebensgefahr bedeuten.
Also begeben wir uns mit etwas Verstärkung zurück zum Unglücksort.

Während wir die Verletzten zum Platz bringen trifft der Rettungszug ein.
Er besteht aus zwei Transportwagen, einem Gerätewagen, einen Löschwagen und einem Sanitätswagen. Einsatzkräfte steigen ein, um in den Tunnel zu fahren. Am ganzen Zug entlang sind Lichtröhren angebracht. Als der Zug langsam an uns vorbei fährt, bekomme ich ein komisches Gefühl. Es ist Angst und noch etwas. Aber was, weiß ich nicht.

Nach zwei Stunden kann ich Pause machen. An unserem Einsatzleitwagen hole ich mir einen heißen Tee und tausche mich mit Kameraden aus.
Gemeinsam mit einem von ihnen mache ich mich auf den Weg zum Verpflegungszelt. Immer wieder fahren Krankenwagen vom und auf den Platz.
Im Zelt angekommen, ist die Enttäuschung groß: Schokoriegel und Kaffee. Mehr gibt es nicht. Kaffee trinke ich nicht, also nehm ich mir nur eine Hand voll Schokolade mit. Ein belegtes Brötchen wär mir lieber gewesen.

Nach 10 Minuten ist meine Pause rum. Jetzt kümmer ich mich um die Verletzten aus dem Rettungszug, die zum Platz gefahren werden. Doch das war die letzte Fahrt, sodass ich mich zurück zu unserem Fahrzeug begebe. Meine anderen Kameraden sind inzwischen auch eingetroffen. Wir können einpacken, der Einsatz ist vorbei. Die letzten Patienten werden betreut und transportfertig gemacht, dann kann auch das Rote Kreuz abbauen.
So lange warten wir noch, da sie sonst im dunkeln stehen würden.

Auf der Heimfahrt funktioniere ich meine dicke Jacke zu einem Kissen um und versuche es mir bequem zu machen. Wirklich gemütlich ist es nicht, doch das schaukeln unseres Fahrzeuges schafft es doch noch, mich einnicken zu lassen.

Im Stützpunkt angekommen, machen wir unseren Fuhrpark wieder einsatzbereit und melden das der Leitstelle.
Wir sitzen noch auf ein Bier zusammen und lassen alles Revue passieren.
Alle sind sich einig: es war zu chaotisch. Gut, dass es nur eine Übung war, im Ernstfall hätte es Probleme gegeben.

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Kommentare

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    Das sieht man, wie wichtig die Übungen sind.

    Wir hatten in diesem Jahr eine "tolle" Übung, wo wir nach 40min "schon" den ersten Lagebericht hatten.

    Schöner Text.

    08.12.2010, 09:03 von Jingeling89
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