Eine Klinik in Berlin
06.24 Uhr: Die ersten OP-Patienten für diesen Tag stehen auf dem langen leeren Flur und warten darauf, in Empfang genommen zu werden.
Ich schreibe nicht gut, möchte euch dennoch einen Alltag schildern, der zum Nachdenken bringen soll.
Wir befinden uns auf einer Visceral-Chirurgie. Um nicht zu googlen, hier werden z.B. Blinddärme, Gallen, Leisten-, Narben-, Nabelbrüche und Abszesse operiert.
Die Patienten, die früh morgens für 7.00 Uhr bestellt werden, stehen teilweise erst für 10.30 Uhr auf dem OP-Plan.
Der Patient, der schon halb Sieben auf der Station erscheint, steht vor verschlossener Tür. Das grüne Lämpchen über dem Schwestern-Aufenthaltsraum leuchtet. Doch woher soll ein Mensch, der nur um sich operieren zu lassen, das Krankenhaus betritt, wissen, dass das das Anwesenheitslicht ist und sich hinter der verschlossenen Tür alle Schwestern befinden, da gerade der Nachtdienst dem Frühdienst Übergabe macht?
Er müsste klopfen. Nein, er wartet also bis die Krankenschwestern um kurz nach halb Sieben fertig mit ihrem morgendlichen Kaffee sind und heraus trotten um mit der Bettenrunde zu beginnen.
Er wird kurz begrüßt. Je nach Schwester, stellt sie sich dem Patienten vor. Dann wird ihm die Akte aus der Hand gerissen und er wird vorerst in den Aufenthaltsraum verwiesen, da so früh noch keine Patienten entlassen wurden, die die Betten für die neuen OP-Patienten frei machen.
In der Zwischenzeit beginnt die Bettenrunde.
Bettenrunde heißt in diesem Fall, zu dritt in jedes Patienten-Zimmer zu stürmen, die meist offensichtlich schlafenden Menschen für 1 Minute aus dem Bett zu schmeißen, um dieses links und rechts, manchmal auch noch oben und unten glatt zu ziehen (meist sieht es nachher wie vorher aus).
Blutdruck-, Puls- und Temperaturmessungen?
Die hat die Nachtschwester schon durchgeführt. Das reicht für den ganzen Tag, solange der Patient sich nicht selbst mit Unwohlsein äußert oder Vitalzeichenüberwachung in höherem Umfang vom Arzt nicht angeordnet sind.
Ja, wir befinden uns hier auf einer chirurgischen Station, auf der Patienten nach OP Überwachung benötigen.
Das "Bettenrunde-Team" muss sich beeilen. Es wird von der "Visitenrunde" gejagt. Die Ärzte beginnen auf dieser Station schon sehr früh mit der Visite. Sie sprechen an jedem Bett 3 Sätze und somit sind sie uns ständig auf den Fersen.
Der kaum wache Patient ist vor 7.00 Uhr schon vielen Anforderungen ausgesetzt.
Ist die Bettenrunde beendet, werden in der Küche schon die ersten Schoko-Suppen aufgewärmt, die es zum Frühstück gibt, für Frisch-Operierte. Die Küche ist ein völlig eigener Bereich auf dieser großen Station und wird von einer examinierten Krankenschwester mit 3jähriger Ausbildung im Frühdienst geführt. Manchmal hat die Station das Glück, eine Schulpraktikantin in die anspruchsvolle Küchenarbeit einweisen zu können.
Gegen kurz nach Sieben wird mit dem Frühstück austeilen begonnen. Es kann nichts schiefgehen mit den verschiedenen Kostformen bei verschiedenen Operationen, sowie post-OP-Tagen, da es zu jeder Mahlzeit einen aktualisierten Kostformen-Plan gibt, der von der Stationsleitung in der Visite mitgeschrieben wird. Sie ist übrigens die einzige Schwester der Station, die die Neuigkeiten der Patienten am Krankenbett erfährt.
Wenn die Patienten fertig mit frühstücken sind, beginnen die Schwestern im zuständigen Bereich mit der Visitenausarbeitung. Anordnungen vom Arzt werden umgesetzt. Das können zusätzliche Medikamente, veränderte Medikamente, Untersuchungen und auch Verbände sein. Wenn "Verband Dr." in den Anordnungen steht, bedeutet dies, dass der Arzt die Wunde/Naht sehen möchte. Aber damit ist nicht garantiert, dass die Wunde auch von ihm wieder neu verschlossen wird. Meist findet man die offene Naht zufällig (der Patient hat sich in der Zwischenzeit angezogen) und muss sie selbst verbinden. Denn es sagt kein Arzt bescheid, dass die Wunde offen liegt..
Wenn überhaupt jemand spricht, ist das die Stationsleitung, die Anweisungen gibt und selbst völlig überfordert scheint.. dem überlauten, völlig unangemessenem Ton nach zu urteilen.
Ein Patient klingelt weil die Infusion durch gelaufen ist. Die Schwester kommt ins Zimmer und weist ihn, nachdem die Infusion ab ist, darauf hin, sich wegen so einer Sache nicht zu melden (Ich muss zugeben, dass ich dem Patienten den Rat gegeben hatte, sich zu melden, wenn er von der leeren Infusion befreit werden möchte).
Ein weiterer Patient meldet sich, weil er Schmerzen hat. Er erhält Schmerztropfen oral.
Ich werde nie den Satz am Patientenbett vergessen von einer Schwester, die den Patienten aus dem Aufwachraum (Überwachungsraum nach Operationen) abholte, gegenüber der Anästhesie-Pflegerin:
"Wir geben keine Infusionen nach Operationen!"
Die Anästhesie-Schwester wollte nur informieren, was er jetzt auf Stationen gegen Schmerzen weiter haben dürfte.
Der Vormittag nimmt seinen Lauf. Die pflegebedürftigen Patienten sind mehr oder weniger gewaschen. Manch ein Patient, der die vorletzte Nacht zu unruhig war, verschläft den heutigen Tag, da er in der letzten Nacht Schlafmittel bekommen hat, damit die Nachtschwester, die nachts alleine ist, nicht zu viel Arbeit hat. Gefährlich ist dies bei ihm nur, da er Diabetes hat, mit Insulin gespritzt wird und durch die Schläfrigkeit die Nahrungsaufnahme nicht gesichert ist.
Ich halte den Patienten an, zumindest einen süßen Keks zu kauen. Er möchte nichts vom Mittagessen.
Patienten, die seit morgens, teilweise noch ohne Bett, im Aufenthaltsraum auf ihre Operation warteten, haben mittlerweile alle ein Bett zugewiesen bekommen. Das Zimmer, in dem der Patient im Bett liegt, kann sich jedoch jederzeit ändern, da auf dieser Station die Durchlauf-Quote sehr hoch ist und je nach männlich oder weiblichen Neu-Aufnahmen hin und her geschoben wird, bis sich neue Männer- bzw. Frauen-Zimmer ergeben.
So kann es vorkommen, dass ein Patient an 2 Tagen 3 Mal das Zimmer wechselt.
Das ist wahnsinnig unangenehm mit anzusehen und peinlich, ist aber so.
Der Spätdienst beginnt offiziell um 14.00 Uhr.
Offiziell. Denn zehn vor 2 beginnen die Schwestern vom Frühdienst schon mit der Übergabe. Wer also erst pünktlich zum Dienst erscheint, erfährt nicht von jedem Patienten die aktuellen Neuigkeiten.
Im Schwestern-Aufenthaltsraum ist es laut. Die erzählende Schwester kämpft gegen das Radio und die Privatgespräche an. Zur Erinnerung: Es ist Übergabe.
Im Stations-Flur ist übrigens wieder Stille. Wie morgens. Nur das grüne Licht über dem Schwestern-Zimmer deutet auf Hoffnung hin, sollte draußen jemand Hilfe benötigen.
Die anstrengende Übergabe ist vorbei. Niemand traut sich aufzustehen um seinen Dienst zu beenden. Es wird längst Zeit. Ich bin die erste die aufsteht. Nachdem die Stationsleitung in diesem Moment ruft: "Schönen Feierabend!", stehen auch die anderen auf. :)
Fragen, die sich für mich ergeben:
Wodurch kann sich so eine unorganisierte, unfreundliche und veraltete Station halten?
Wer belässt so eine schlechte Organisation?
Hat ein Patient eigentlich noch Rechte, sobald er sich in ein Patienten-Zimmer schieben lässt?
Warum ändert niemand etwas??
Man sollte sich bewusst machen, dass in einem Krankenhaus Menschen betreut werden, von Menschen/Teams, die miteinander auskommen müssen, da dies ihr Arbeitsplatz ist und gefühlt ihr halbes Leben einnimmt.
Jeder Patient benötigt individuelle Betreuung, wie jeder Mitarbeiter individuell behandelt werden sollte, da jedes Individuum anders fühlt und andere Prioritäten setzt.
Jeder sollte vor dem anderen Gegenüber einen gewissen Respekt voraussetzen. Das ist die Basis für Verständnis und einen guten Umgang, der beide Parteien zufrieden stellt. Dies gilt für Mitarbeiter im Umgang mit ihren Patienten, wie auch untereinander.






Kommentare
traurig...aber leider wahr!
19.05.2011, 20:24 von Chaosqueen87besonders,das mit den Wunden finde ich ätzend, vorallem wenn man sie zufällig entdeckt und das dann meist im größten Durcheinander, wo ein VW schon allein zeittechnisch eine Herausforderung wird. Kein Problem dann wird halt an der Hygiene gespart^^