BTownBlondie 16.06.2009, 11:01 Uhr 46 5

Eigentlich wollte ich die Welt retten.

Stattdessen sitze ich in einem coolen Büro und biete meine Kreativität jedem, der zahlt.

Der Tag beginnt nett wie immer. Ich betrete das Büro, Guten Morgen! Hey, guten Morgen, wie geht’s? Und auch dir einen guten Morgen! Sind noch Erdbeeren da? Glück gehabt, am Frühstückbuffet gibt es tatsächlich noch Erdbeeren! Mit ein bisschen Joghurt und Müsli, hm, ein guter Start in den Tag. Beim ersten Kaffee reden alle noch durcheinander, zumindest die, die schon da sind. Wir sind ja eher flexibel und kommen nicht alle pünktlich. Wenn ich mit meinem Kaffee fertig bin, kommt meistens erst mein Kollege. Vorbei an den Apple-Bildschirmen und den Designerlampen plaudern wir noch ein wenig, bevor es losgeht, hauen wir noch ein paar Sprüche raus.

Mit dem ersten Anruf meines Kunden beginnt dann wirklich der Tag. Mein Tag ist länger als bei den meisten meiner Freunde, aber da muss man durch. Da muss man durch, wenn man sich für ein Leben in der Agentur entschlossen hat. Ich begrüße meinen Kunden freundlich, wir überfliegen die Medienberichterstattung und beschäftigen uns dann mit dem laufenden Projekt. Das Projekt lebt von meinen Ideen und von den Brainstorming-Runden mit den Kollegen. Wir alle tragen Ideen zusammen, überzeugen den Kunden, eine gewisse Meinung zu haben und überzeugen danach die Öffentlichkeit von der Meinung des Kunden. Es ist nicht meine Meinung.

Ursprünglich wollte ich mich doch für die Ärzte ohne Grenzen einsetzen, gemeinsam mit Amnesty International für die Menschenrechte kämpfen und im nächsten Greenpeace Boot sitzen, das sich gegen den Walfang stellt. Mein eigenes Waisenheim in Indien habe ich auch noch nicht aufgebaut und noch nicht mal die monatliche Überweisung an UNICEF habe ich bisher auf die Reihe gekriegt. Ich meine, gut, es ist ja noch Zeit, das kommt ja alles noch, eine Agentur ist ja meistens nur ein Sprungbrett, danach mach ich alles richtig und überhaupt. Und überhaupt, haben wir noch Bier im Kühlschrank? Inzwischen ist es acht Uhr abends, bevor ich meine letzten Emails schreibe, öffne ich mit meinen Kollegen noch schnell ein Becks und rauche eine Zigarette.

Das war ein langer Abend, gegen neun Uhr bin ich zuhause, der Fernseher geht an, ich bin erledigt, noch ein zwei Krimiserien und dann reicht es auch. Morgen geht es weiter – Strategie, Idee, Umsetzung. Ich entwerfe jedem eine Strategie, der dafür bezahlt. Leider bekomme ich nicht viel ab von dem Geld, denn mein eigener Lohn ist eher niedrig. Ich lehne mich zurück und jetzt, wo all die Anspannung des Tages von mir abfällt, in dem Moment, bevor ich die Augen schließe, in dem Moment, in dem alles relativ und umkehrbar erscheint, da öffnet sich mein Geist und der Idealist in mir meldet sich zurück. Wann habe ich begonnen, meine Überzeugung gegen Erdbeeren zum Frühstück einzutauschen?


Tags: Geld verdienen
5

Diesen Text mochten auch

46 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    och komm.. immer die werber..beschweren sich über ihren job und in wirklichkeit finden sie es total cool teil der community zu sein und während der arbeit saufen zu können.(hat man sich ja dann auch verdient nach 20 praktika!) . kündige doch einfach.. oder haste angst, dass dir jemand dein sprungbrett unter den füssen wegzieht.

    12.07.2009, 18:25 von jahmirraman
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Nach diesem Text meint man ja, dass dir indische Waisenkinder in Sachen Lebensfreude mehr helfen könnten, als du ihnen. Die große Erkenntnis, dass dein Job am Ende aller Tage keinen weltbewegenden Sinn hatte, wirst du überwinden. Und eine ernstgemeinte Ideologie hinsichtlich der aktiven Rettung von Mensch und Tier kann man beim besten Willen nicht herauslesen. Also ist viel wichtiger zu hinterfragen, was du sonst mit deinem Leben anfangen willst und was dich glücklich macht.

    04.07.2009, 18:52 von Mickey
    • Kommentar schreiben
  • 0

    vielleicht sind die Überzeugungen Eintagsfliegen? Ich meine Gewissen, Gutmenschambitionen und Fernweh in allen ehren, aber sowas klingt meist viel romantischer als es ist, und ist viel egoistischer als es klingt.

    03.07.2009, 17:57 von Jebens
    • Kommentar schreiben
  • 0

    gut

    28.06.2009, 14:45 von Dina-Lisa
    • Kommentar schreiben
  • 0

    du sprichst mir aus der seele.

    27.06.2009, 23:43 von maengelmensch
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    DA HAT MAN ECHT KEINE LUST MEHR ABENDS DEN FERNSEHER EINZUSCHALTEN!!

    23.06.2009, 18:57 von Mikuruk
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich finde den text direkt. gerade heraus..aus dem nächtlichen idealismus..und bevor der agenturalltag einen wieder und immermehr aufsaugt und noch mehr erdbeeren die alten ansprüche verdrängen, online- gestellt... mh ein weckruf an das eigene unterbewusstsein? bleib wach! lerne das leben kennen- es ist noch so lang!
    oder hast du mich geblendet? ist es doch nur phantasterei und bitterer blick auf das leben anderer?

    21.06.2009, 19:48 von krwm
    • Kommentar schreiben
  • 0

    thematik top, umsetzung flop

    21.06.2009, 12:22 von cats82
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schöner Text mit viel Wahrheit - wie ist die Lösung?

    20.06.2009, 19:26 von goethesgaul
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5

Das Magazin

Die nächste Ausgabe:
13. Februar 2012

Neueste Artikel-Kommentare