DIE ZUGFAHRT - Ein ganz normaler Arbeitstag...
… geht zu Ende. „START“++„AUSSCHALTEN“++„HERUNTERFAHREN“ >So, jetzt nur noch die Schreibtischlampe aus und ab in den Feierabend.
Doch mit dem Druck auf den Schreibtischlampenschalter bewegte sich die Türklinke nach unten.
Und praktisch wie auf `s Stichwort: Licht aus und Chef rein!! Betrat ER auch schon das Büro. Innerlich stand die RESTSECHSMITARBEITERBÜROBESATZUNG still und salutierte, als ob gerade der Generalinspekteur der Bundeswehr persönlich eine Stube von Wehrpflichtigen in der Grundausbildung betreten hätte. Ich meinte sogar fast, man konnte einen imaginären Hackenschlag hören. Dass der STUBENÄLTESTE nicht hektisch aufgesprungen ist und Meldung gemacht hat, war glaube, ich Alles.
Der Generalinspekteur, -äh-, ich meinen unser Chef, der mit , ich schätze, Anfang 30, eigentlich ein sehr guter, total netter, fairer und eigentlich überhaupt nicht militärischer Vorgesetzter ist, aber dennoch diese Art militärischen Respekt hervorruft, kam an meinen Platz, wo ich gerade meine Tasche packte.
>Oh! Sie machen auch schon Feierabend?<
Ich dachte nur sarkastisch: >> Klar, ich bin zwar erst seit `ner halben Stunde (plusminus zehn Stunden da), aber wer zählt das schon. << aber sagte dann: >Ähh, ja, hatte ich vor.<
Der Chef im gewöhnlichen, offensichtlich fragenden, aber von mir dann doch eher als Befehl interpretierten Ton: > Hätten sie denn eventuell noch einige Minuten Zeit? <
> Ja, sicher. < entgegnete ich.
> Dann kommen se mal mit in mein Büro, ich möchte folgendes zunächst nur unter zwei Augen besprechen.>
Ich sagte: >Äh, ja. < und folgte ihm verunsichert durch den immer länger werdenden Gang zu seinem Büro und dachte: >> Oh, Scheiße!! Jetzt krieg ich was auf `n Deckel!! Aber ich hab` doch nur einmal, ein einziges, klitzekleines Malchen, eine einzige private Email abgerufen. Oh, nein!! Jetzt fliege ich raus!! Ich bin doch noch in der Probezeit. <<
> Schließen sie bitte die Tür hinter sich und setzten sich!!<
>>Oh, nein!! Er wird schreien. << befürchtete ich. Doch dann…
>Gut, ich mach’ s kurz. In ihrer Personalakte steht sie sprechen französisch und wären durchaus bereit für uns auf Dienstreise zu gehen?<
>Äh, sprechen würde ich nicht sagen. < stotterte ich, sagen wir, ich habe Kenntnisse und ja, Dienstreisen könnte ich mir vorstellen. <
>Gut, dann haben sie in drei Tagen ein Gespräch in Augsburg, wo man ihnen alles weitere erklären wird. Ich gebe im Sekretariat Bescheid, sie sollen sich um ihren Flug kümmern. Man wird sich bei Ihnen melden. Einen schönen Feierabend wünsche ich ihnen“ sagte er und wies mir die Tür.
>Äh, ja danke.< sagte ich völlig verdutzt und total überrollt und wandelte zurück durch den jetzt doch viel kürzer erscheinenden Flur zu meinem Platz einige Räume weiter.
>> Augsburg!? Das ist doch im Süden! In Bayern! Irgendwo hinter Osnabrück! Und gibt’s da nicht diese Puuhpsburger Augenkiste? << dachte ich, als wieder an meinen Platz kam. Die anderen waren, bis auf Peter, mittlerweile auch schon gegangen.
> Und, was wollte er? < fragte Peter neugierig.
> Ich muss nach Augsburg, zu ner Art Vorstellungsgespräch bei nem Kunden. Ich soll wohl für diesen Kunden irgendwie im, wohl französischsprachigen Ausland ein Arbeitspaket bearbeiten. Keine Ahnung, was genau. < schilderte ich Peter die Story.
> Na denn mal Glückwunsch! Der Chef hält was von dir.< sagte Peter beeindruckt.
>Aber ich bin doch noch in der Probezeit! < entgegnete ich.
> Ja eben! Wenn der Chef nicht der Meinung wäre, dass du das könntest, würde er dich nicht zum Kunden schicken. Er meint, du wärst der Richtige, um den neuen Kunden an Deck zu hieven.< versuchte er mich zu überzeugen.
> Na ja, ich mach jetzt erstmal Feierabend und lass mir alles durch den Kopf gehen. Bis morgen und schönen Feierabend wünsche ich. < verabschiedete ich mich von Peter, nahm meine Tasche und meine Jacke und ging Richtung Stempeluhr und dachte: >>mmhh, immerhin hab’ ich ordentlich Überstunden sammeln können und nen Spazierflug bekommste auch noch gesponsert. <<
Am nächsten Morgen hatte ich um sieben schon die erste eMail vom Sekretariat im Postkorb. Ich solle mich doch bitte mal vorne melden. >> Alles klar! << dachte ich, sprang auf und „cruiste“ über den Flur nach vorn. >>Sehr gern. So viele hübsche Frauen in einem Raum lässt man doch nicht warten. <<
>Guten morgen die Damen. Sie haben nach mir geläutet< begrüßte ich die Mädels.
> Ja, guten Morgen Christian! Es geht um deine Dienstreise nach Augsburg. < begrüßte mich Daniela.
> Dachte ich mir. < entgegnete ich.
> Und zwar um den Flug. Es gibt Probleme. Du wirst wohl auf dem Boden der Tatsachen bleiben müssen. < sagte Daniela.
>> Wir buchen nen Flug, ja, nee iss klar, machen wir mal Zug draus. <<
>Von wo aus möchtest du fahren? < fragte Daniela, als sie die Nummer des Buchungsservice wählt.
> Äh, Vechta. < antwortete ich.
> Nichtraucher? <
> Jap. <
> Mit Tisch? <
> Egal. <
> Gut, hier ist dein Ticket. < sagte Daniela, legte auf, drückte mir einen Notizzettel mit einer Zahl drauf in die Hand und grinste. Ich schaute sie an und grinste zurück.
> Netter Versuch, aber verarschen kann ich mich alleine. < erwiderte ich und legte den Zettel auf den Schreibtisch.
Daniela lachte. > Nein, du musst diese Nummer am Kartenautomaten im Bahnhof eingeben, dann bekommst du deine Tickets. Keine Angst, sie sind auch bezahlt. <
> Ok!? Und wann geht’s los? < fragte ich.
> Ach ja! Moment ich druck s dir eben aus. Also, es geht am Donnerstag um 4:23 in Vechta Richtung Bremen los. Dann musst um 5:48 in den ICE Richtung München einsteigen und in Augsburg nach einigen Stunden aussteigen.>
> OK, alles klar. Danke. < sagte ich und ging den Reiseplan studierend den Gang zu meinem Büro hinunter.
Am Donnerstagmorgen bin ich früh aufgestanden, sehr früh, um genau zu sein um 3:30 Uhr, also verdammt früh dafür, dass ich es erst gegen 23:40 Uhr in die Koje geschafft hab’. Noch total tüddelich und schlaftrunken schlug ich auf den Wecker und schleppte mich ins Badezimmer, um mich frisch geduscht in den feinen Zwirn zu fummeln. Ich bin ein Frühstücksmuffel, ich frühstücke fast nie, also verließ ich auch an diesem Donnerstagmorgen mein Haus nüchtern in Richtung Bahnhof. Es war kalt, sehr kalt und dummerweise bin ich sehr sehr überpünktlich und auch dieses Mal war ich ca. 25 Minuten vor Abfahrt der Nordwestbahn nach Bremen am Bahnhof. Ein Bahnhof, der von der Deutschen Bahn schon längst so ziemlich aufgegeben wurde. Die Wartehalle ist fast immer abgeschlossen und Tickets kann man nur an einem, so ziemlich gar nicht idiotensicheren Automaten bekommen. Also konnte man, wenn man so bescheuert wie ich war und so früh aufgestanden ist, mich ca. 20 Minuten lang am Bahnsteig 2 auf- und abhüpfen und bibbern sehen. Als dann endlich der Zug kam, bin ich wie vom Affen gebissen in den Zug gestürmt und hab mich „ganzkörpertechnisch“ an die Heizung geklemmt und bin komplett weggeratzt. ZZZZZZZZzzzzzzzZZZZZZZ. Zum Glück ist Bremen für diesen Zug Endstation, was auch laut genug vorher durchgesagt wurde, sodass ich mich rechtzeitig von der Heizung wieder abschälen und mir noch vor dem Aussteigen die Krawatte richten konnte.
>>Wow!! Meine erste ICE-Fahrt. << dachte ich beim Einsteigen.
Als ich dann drin war, dachte ich nur noch: >>Schei…!! Wat für ‘n Ranzkarren!!<<
Es war wohl ein ICE der ersten Generation. Total ranzig, kaputt, versifft.
>>Wow, über 8 Stunden im Siff verbringen für nur 220,00€. Ich mag Zugfahren.<<
Zum Glück durfte ich sitzen, weil man vorausschauenderweise einen Platz reserviert hatte. Kaum saß ich am so genannten „Businessplatz“ geht dann auch schon der große Krawatten- und Handyvergleichswettkampf zwischen den anderen „Businessplatzbesetzern“ los.
>Mein Handy hat dies und das…. Und mein Palm kann das und dies… meine Frau hat mir ne neue Krawatte…. blablabla…. < Es hat zumindest nicht lange gedauert, bis ich dann vom eintönigen blabla wieder weggeratzt bin. Zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz.
>Entschuldigung? Ihre Fahrkarte bitte! < klang es liebevoll in meinem Ohr.
>Was?! Wieso?! Schrak ich auf und blickte in wunderschöne, rehbraune Augen, die zu einer wunderschönen, brünetten Schaffnerin gehörten. Sie lächelte mich an.
> Ihr Fahrkarte bitte! <
>Ach so, ja. Entschuldigung, hier! < ich lächelte noch leicht verschlafen zurück.
>Danke. Bis Augsburg sind’ s noch etwa zwei Stunden. Nicht verschlafen! < zwinkerte sie mir zu und ging weiter in den nächsten Wagon. Immer noch recht verzückt nickte ich mit einem Lächeln auf dem Gesicht wieder ein. Zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz.
**Nächster Halt, Augsburg!!**
Ich rappelte mich auf, richtete mir die Krawatte und die von der Scheibe geplättete Frisur, schnappte mir meinen Koffer und meine Jacke und geh Richtung Tür. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr kam die Schaffnerin aus ihrem Abteil und lächelte mir noch einmal zu, bevor ich ausstieg.
Am Bahnhof schnappte ich mir sofort das Taxi und drückte dem Taxifahrer den Zettel mit der Adresse in die Hand. >Dahin bitte.<
>Okay, Scheffe, ich fahren. <
Das Taxi fuhr einmal auf Firmenkosten um die Ecke, an der Puuhpsburger Augenkiste vorbei. >Guckst du hier, Kistenpuppen. <
Fünfhundert Meter später waren wir da.
>Kann ich ne Quittung bekommen? <
>Quittung nix problem.< Er kritzelte auf seinem Quittungsblock herum und drückte mir die Quittung in die Hand und ich ihm 10,00€.
>Stimmt so.<
>Danke. Schöne Tag no’. < Verabschiedete er sich.
>Jau, ok so!<
Es folgte geschäftliches.
Auszugsweise: bla bla bla, blablabla, bla…. Frankreich…. Bla bla bla….Saint Nazaire…. Blablabla…. ohne den Namen zu nennen für einen großen europäischen Luftfahrtzeughersteller …blabla…..ab Montag fürn halbes Jahr…. Blablabla.
>> Montag!!!??? Halbes Jahr!!!???<<
> Nöö, zu kurzfristig< sagte ich energisch.
>Ähh, ok, zwei Wochen später vielleicht??< leicht bettelnd.
>OK.<
… geschäftliches blabla…
>Auf Wiedersehen Herr L….., wir melden uns dann, wenn wir mit den anderen Bewerbern gesprochen haben. Gute fahrt dann noch. <
> Danke und auf Wiedersehen. Ach, könnten sie mir ein Taxi rufen?
> Ja sicher, ich bestelle es zum Haupttor. Servus!<
>Danke.<
Das Taxi, fuhr dieses mal um eine andere Ecke zurück zum Bahnhof. *Knurrrr* >>Jetzt erstmal was essen. Happa bei Subway. (Genau das richtige für ne Dienstreise.) Und dann schwups in den Zug gen Heimat.<<
Natürlich wieder standesgemäß für Dienstreisende ein ICE, aber diesmal gar nicht so ranzig und relativ neu.
Mit affenartiger Geschwindigkeit ging’s gen Heimat. Naja, manchmal. So weit ich weiß hat der ICE III eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 300km/h. Die auf dieser Strecke erreichte Höchstgeschwindigkeit lag bei 250km/h, was natürlich auch affenartig schnell ist, aber für insgesamt 30 Min einer Fahrt von knapp 4 Stunden ist das ja wohl n Puhhps. Statt die Strecke von knapp 800km mit 280km/h von Süden nach Norden zu pflügen, tingelten wir ganz gemütlich quer durch Bayern, Hessen, Nordrheinwestfalen und Niedersachen bis nach Bremen und hielten an jeder größeren Milchkanne.
>>Na ja, ankommen werd’ ich trotzdem. Zumindest kann ich mich noch ausbreiten. Sitzt ja keiner neben mir. >>
In Nürnberg stieg dann eine junge Frau mit ihrem Kleinkind ein.
>Entschuldigung, ist hier noch frei?
Bevor ich antworten konnte, (Ja klar. Soll ich ihnen den Kinderwagen rein tragen?) drückte sie mir ihr Kind in die Hand.
>Könnten sie das Kind nehmen? Ich hole eben den Kinderwagen in den Zug.>
Und dann saß ich da mit dem kleinen, vergnügt grinsenden, zum Glück anscheinend frisch gewickelten Knirps auf dem Schoß und schwups, schossen mir bisher unbekannte Gefühle und Gedanken in den Kopf.
>> Der Kleine ist aber süß. Wie es wohl wäre Vater zu sein? Andere in meinem Alter sind schon lange verheiratet und haben Kinder. Aber ich? Jetzt? Am Anfang meiner Karriere? Nee, das geht jetzt nicht. Keine Zeit, keine Geduld, kein Geld und nicht mal ’ne Freundin. Und außerdem kann ich mir nicht mal Guppies in `nem Aquarium halten. (Eiskalt überfüttert, wenn ich wusste, dass ich in den nächsten Tagen nicht zu Hause bin.)<<
>Danke für’s Halten. Ich glaub’ Tobi mag sie, sonst kreischt er immer sofort los, wenn ich ihn kurz alleine lasse. Sind sie Vater?<
>Ich?! Neeeee, aber die gleiche Wirkung hab’ ich auf Hunde. <
>Oh, dann sind sie also ein Naturtalent als Vater und Herrchen. Oh, Tobi ist eingeschlafen. Sie sind ein echtes Naturtalent. Vergeuden sie es nicht und warten sie mit der Familie nicht zu lange. <
> Na ja, mal sehen, was die Zukunft so bringt.<
Da Tobi schon schlief und seine Mutter sich auch ein wenig die Ruhe gönnte, razzte ich auch wieder schnell ein. Bis ein sehr „geselliger“ und sehr redseliger Mitarbeiter einer großen Motoren- und Anlagenfabrik aus Nürnberg, ich nehme an er ist im Vertrieb tätig, den Wagon betrat und anscheinend versuchte, dem ganzen Wagon ’nen 20Zylinder Schiffsdiesel zu verkaufen, (Diesel …blabla… gehohnte Zylinder…blabla…Nockenwelle hier und da und gaanz wichtig. Mein Handy kann das und das…blablablaaaa) wurd’ ich dann auch mal wieder wach. Ich versuchte mich zu orientieren. Ich hab’ anscheinend diesmal etwas länger geschlafen. Tobi und seine Mutter sind schon ausgestiegen und man konnte der Landschaft, na ja, viel mehr den immer hübscher werdenden Kühen entnehmen, dass wir schon zwischen Hannover und Bremen im tiefsten Niedersachen sein mussten.
>> Okidoki. In Bremen noch einmal umsteigen und dann müsste ich gegen 23:30 endlich zu Hause sein. Mal sehen, was mein Chef morgen sagt.<<
** Zur Info**
Zum Zeitpunkt als ich diesen kleinen „Dienstreisebericht“ verfasst hab’, befand ich mich bereits seit 5 Monaten in Frankreich und war kurz davor, das o.g. Arbeitspaket für den Kunden, einem großen, namhaften, europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern, abzuschließen. Ich weiß zwar immer noch nicht wirklich, was mich bewegt hat über diese Erfahrungen, die ich damals gemacht habe zu berichten, aber ich weiß, dass mich dieser „ganz normale Arbeitstag“ auf der mit manchmal sehr viel Kot beschissenen Hühnerleiter, manche nennen sie auch Karriereleiter, um einige"Wichtige Links zu diesem Text"
Bahn - Tix - Abholung vorbestellter Fahrscheine am Ticketautomaten.
Offizielle Seite der Augsburger Puppenkiste.






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