Die Agentur
Der Zeitpunkt war gut. Sie hatten jetzt das Geld.
Sowieso hatte Anne immer schon Lektorin werden wollen und Julia hatte zumindest Buchwissenschaft studiert. Sie telefonierte ganz gern und konnte sich auch Presse oder Lizenzen vorstellen, unter Umständen sogar Social Media Manager. Bloß dass das dann in einem Verlag stattfand, war obligatorisch. Warum sie in einer Werbeagentur arbeiteten, wussten beide nicht so recht.
Wahrscheinlich waren sie nach der 192. Absage eines renommierten oder
Publikumsverlags müde geworden und Julia kannte jemand, der Dieter kannte.
Dieter, der immer „fitte Leute“ suchte, hatte ihnen Copytests geschickt. Wenig
später kamen die Verträge. Der Anblick eines festen Arbeitsvertrags hatte sie
dann so nachhaltig beeindruckt, dass sie sofort unterschrieben. Als sie wieder
anfingen zu denken, waren sie schon Texterinnen bei copywrite.
Schon bald ahnten sie, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Anne hatte als Erste ein schlechtes Gefühl. Regelmäßig musste sie schlucken, wenn sie „Hammer!“, „Günstig wie Sau“ oder „Hier lacht der Geldbeutel!“ unter Aufschnittbilder tippte. Sie glaubte kaum, dass ihr ausgeprägtes Sprachbewusstsein hier genügend respektiert wurde. Auch hasste sie es, wenn Auftraggeber – meist Besitzer von Nahrungsmittel- oder Möbelhausketten – derbe Witze machten und ihr dabei auf die Schultern schlugen. Davon bekam sie Kopfschmerzen. Überhaupt waren laute Männer vulgär. Das einzige, was sie an ihrem Job mochte, war, dass er ihr einen Vorwand dafür lieferte, nur noch schwarze Kleidung zu tragen. Schwarz stand ihr gut, aber sie musste raus. Es gab schließlich kein richtiges Leben im falschen.
Julia brauchte länger. Weil sie hübsch war, Sommersprossen hatte und gern mal eine rauchen ging, war sie bald beliebt. Dauernd kam jemand auf einen Kaffee vorbei und erzählte ihr, womit Dieter in der letzten Sitzung nach ihm geworfen hatte (meistens war es der Tesaabroller oder der Aschenbecher). Julia schaute dann entsetzt, manchmal langte sie dem Opfer auch mitfühlend an den Arm. Sagte der andere „Halb so schlimm“, lachte sie. Wie gesagt: Sie war beliebt. So machte es ihr auch nichts aus, über Schweinehälften oder „die mit dem roten Stuhl“ zu schreiben. Sie empfand sogar eine gewisse perverse Freunde dabei, sich hohle Testimonials für Bayernspieler auszudenken.
Nur Dieter konnte sie nicht ertragen. Er war einfach zu viel. Wenn er nur cholerisch gewesen und mit Dingen geworfen hätte, wäre es noch irgendwie gegangen. Aber er wurde dann mmer auch noch persönlich. „Übel, übel, ganz übel, das! Das kann meine dreijährige Tochter besser. Aber – mein Gott! – die ist ja auch keine Blondine.“, hatte er neulich geknarrt und: „Sie schreiben wirklich wie eine Kuh auf der Wiese scheißt.“ Das war zu viel. Denn Julia glaubte leider, was ihr Chef ihr sagte.
„Weißt du“, sagte sie zu Anne, „vielleicht ist Dieter, irgendwo drin einfach ein kleiner Junge, der spielen will. Und dann regt er sich auf, wenn es nicht glattgeht. Aber halt komplett asozial, weißt du?“ Anne hatte sie ungläubig angestarrt. „Dieter“, hatte sie geschnauft, „ist fünfzig Jahre alt. Er ist einfach ein Riesenarsch.“ Und dann noch schnell „Entschuldige meine Ausdrucksweise“ hinterher geschoben. „Du musst auch hier weg.“
In der nächsten Zeit redeten sie immer häufiger davon, wie es wohl wäre, tatsächlich in einem Verlag zu arbeiten. In einem Backsteinhaus mit hohen Räumen, Teeküchen mit Chinaporzellan und allem durchziehenden Geruch von Druckerschwärze und Leder. Es ginge gesitteter zu als bei Dieter, die Klientel wäre wohl etwas weniger hohl und es würde Bücher geben, nicht bloß Broschüren. Echte, lange Fließtexte. Wunderschön. Und Autoren. Hach!
Julia erzählte, dass einige ihrer Exfreunde geschrieben hatten (vermutlich taten sie das auch immer noch). Gedichte meistens, ziemlich übel, aber einer hatte sogar einen Roman bei einem kleinen Verlag untergebracht. Überraschenderweise verkaufte sich gut und war ein bisschen das Zugpferd dort. „Er ist aber nicht ganz einfach.“, sagte Julia. "Eigentlich ist er sogar ziemlich schwierig."
„Egal. Er ist zumindest ein sprachbewusster Mensch. Kannst du ihn fragen, ob er unser Zugpferd sein kann? Ich meine: Bei unserem Verlag?“






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