„Dessous – für den besonderen Moment“
Auf Motivsuche...
Anstatt schon vor dem Mittagessen in rasendem Zorn seine halbe Mitarbeiterschaft auf die Straße zu setzen, hatte sich Piet eine Kamera geschnappt und war zum Berliner Dom gefahren.
Es war zum Teufel noch mal nicht sein Job wie ein Tourist durch die Stadt zu laufen und Kirchenräume zu fotografieren. Er war der Chef von einem Dutzend ADs, die genügend Scouts an der Hand hatten, von denen keiner dazu in der Lage gewesen war, ihm in den vergangenen Tagen ein brauchbares Motiv zu liefern. Sie waren ihm mit Freitreppen und Kirchentüren gekommen, aber Piet wollte ein Brautpaar vor dem Altar, das sich das Ja-Wort gab: einen Bräutigam im Frack und eine Braut in Dessous; er lässig, sie sexy und verführerisch; in der prächtigsten Kirche der Stadt – sie würde keine billige Sexbombe sein, sondern das begehrteste Pariser Prêt-à-Porter-Küken der Saison, schließlich war der Kunde der Marktführer auf dem Kontinent und nicht irgendeine Unterwäschefirma aus Sachsen, der die trübe Außenansicht einer brandenburgischen Dorfkapelle genügt hätte.
Als Piet vor der Treppe des Domes aus seinem Wagen stieg, wurde er von einem Mann durch das heruntergelassene Beifahrerfenster eines verbeulten Fiat-Punto mit ausländischen Nummernschildern angesprochen. Er sei Römer und er müsse zurück nach Rom. Den folgenden Redefluss unterbrach Piet mit einer Geste, die dem Temperament des hitzigen Römers entsprach.
„Ja wasse? Willst du miche beleidige?“, fragte der Italiener in einer Heftigkeit, die Piet überraschte. Er dachte nach, wann er das letzte Mal so angeschnauzt worden war, sah dem Kerl ratlos in die Augen und verneinte mit einer kontrollierten Kopfbewegung.
„Ich bin eine Modemann und ich habe gestern eine Kollektione im Kadewe präsentiert“, trällerte er, wobei er mit einem KaDeWe-Prospekt einen eleganten Bogen durch die Luft machte“, die ganze Nachte habe ich im Kasino gesessen, bis zu die Morgen“, er deutete auf ein Prospekt vom Spielcasino, „und jetzt, ich fahre zurück nach Roma und ich möchte dir schenken due Mäntel aus meine Kollektione.“
„Was will ich mit deinen Mänteln?“
„Weil ich fahre über die Grenze und die Beamte wollen sehe Papiere – aber leider das sind Mäntel aus der Kollektione, ich musse sie lasse in Berlino.“
Piet kannte das von seinen verkoksten Kollegen, auf eine drittklassige Betrugsmasche würde er sicher nicht reinfallen. Um aber zu verhindern, dass er am Ende nicht das Geschenk von zwei exquisiten Mänteln ausschlagen würde, fixierte er auf der verschlissenen Rückbank des Wagens eine makellose schwarze Tüte mit dem silbernen Aufdruck EMPORIO collection.
Erleichtert und beinah besänftigt reichte der Italiener Piet die Tüte, der sich erst lässig aufrichten musste, um sie wie einen überquellenden Staubsaugerbeutel durch das Beifahrerfenster zu zwängen. Er warf einen Blick hinein und sah zwei nagelneue Mäntel, an denen Etikette baumelten:
REPORTAGE R.G.A.
NEW COLLECTION
2007/2008
„Mille grazie i buon viaggio, ragazzi“, sagte Piet, drehte sich auf dem Absatz um und lief belustigt mit der Tüte davon. Der Italiener stieg aus und hüpfte hinter ihm her.
„Bitte, bitte, meine Geschenke an dich, und nun höre bitte, bitte, in der Nachte in der Kasino ich habe verspielt meine ganze Geld. Und jetzt ich habe keine Benzine für die Reise nach Roma… “
Nun zog Piet einen der Mäntel aus der Tüte und befühlte das Leder. Ohne Zweifel waren es billige Fälschungen! Er warf die Mäntel auf den Boden und spielte zugleich mit dem Gedanken, den Kerl zumindest mit einem Schein zu belohnen, denn dieser Auftritt war besser gewesen als so mancher pitch seiner Kollegen in der Agentur.
„Du Höllenkind, du Sohn von einer läufigen Hündin“, rief der Mann voller Verzweiflung und Wut. „Möge Mutter Maria dir die Gedärme aus dem Arsch ziehen.“
Piet verwarf seinen mildtätigen Gedanken, lachte dreckig und verschwand hinter einer Säule.
Weil er sich nicht lange aufhalten wollte in dieser Kirche, die man auch den „Vatikan des Protestantismus“ nannte, nahm er den direkten Weg zum Altar. Zugleich schritt ein Geistlicher in seine Richtung. Noch bevor dieser Prediger an seinem Arbeitsplatz loslegen würde, wollte Piet die Fotos geschossen haben. Kein anderer Kirchenraum in Berlin strahlte eine solche Dekadenz aus - das war das, was er suchte. Der Geistliche war nicht gewillt, sein würdevolles Schreiten zu unterbrechen, er starrte streng und eindringlich auf die Kamera von Piet, der breitbeinig vor dem Altar stand und eine Serie verknipste. Piet schenkte ihm ein triumphierendes Lächeln, kehrte um und ging.
Vor der Kirche sah Piet den Italiener, der nun geschmeidig auf ein älteres Touristenpaar einredete. Piet setzte sich auf die Treppe und gönnte sich eine Zigarette. Sollten sich die Stümper in der Agentur später beim Bischof persönlich die Zähne ausbeißen, wenn es sein müsste, könnte man auch in der Nacht schießen. Piet würde keine Ausflüchte gelten lassen, er wollte dieses Motiv und kein anderes.
Eine Frau, vielleicht Anfang Dreißig, etwas verhuscht, aber eigentlich ganz hübsch, setzte sich neben ihn und bat ihn um eine Zigarette. Er reichte ihr eine, gab ihr Feuer und sie sah ihm dabei vertrauensselig in die Augen.
„Darf ich dir was erzählen?“, fragte sie in einem Tonfall, der nichts Gutes erwarten ließ. Piet nickte stumm. „Mein Exfreund hat in der Nacht die Polizei gerufen und die Polizei hat meine Tür aufgebrochen und ein neues Schloss eingebaut – und jetzt komm ich nicht mehr in meine Wohnung.“
Piet zog es vor zu schweigen und abzuwarten, was ihm das arme Ding noch erzählen würde, im Schatten dieser Kirche, der perfekten Kulisse für seine Kampagne.






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