Jakob_Schrenk 14.01.2010, 12:16 Uhr 0 3

Der Chefversteher

»Neulich hat er schon wieder?«, »Nie sagt er Danke«, »Der schikaniert mich aus Spaß«. Der HASS AUF DEN CHEF eint Millionen Angestellte. Aber gibt es wirklich so viele schlechte Chefs in Deutschland? Oder haben die Deutschen nur zu viel »Stromberg« gesehen?

Nie zuvor in meinem Leben habe ich mich mit einem einzigen Satz so unbeliebt gemacht. Und natürlich wäre es geschickter gewesen, einfach die Klappe zu halten an diesem Freitagabend, an dem meine Freunde nicht nur Rotwein tranken, sondern sich mit dem gleichen kennerhaften Genuss auch am Hass berauschten. Als handelte es sich um ein bekanntes Trinkritual trug einer nach dem anderen eine Anekdote vor, die immer denselben Protagonisten hatte (»Mein Chef...«) und dasselbe Fazit (»... ist ein Arschloch«).

Als dann Verena, die in der Personalabteilung eines Pharmaunternehmens arbeitet, berichtete, wie sie ihr Vorgesetzter vor dem ganzen Team runtergemacht habe, »nur weil ich zehn Minuten zu spät gekommen bin«, fiel ich endgültig aus der Rolle des empörten Mitleidspenders und fragte: »Hast du schon darüber nachgedacht, dass der auch einfach Recht haben könnte?« Hätte ich gesagt: »Bis auf die Autobahnen hat Hitler alles richtig gemacht«, wäre das Feedback kaum anders ausgefallen (»Blödsinn«, »Quatsch«, »Hör nicht auf den, der will nur provozieren! «).

Keine Ahnung, warum ich Verenas Chef verteidigt hatte. Natürlich habe auch ich schon schlechte Erfahrungen mit Vorgesetzten gemacht. Vielleicht nervte mich das aggressive Selbstmitleid meiner Freunde oder ich hielt es für statistisch unwahrscheinlich, dass wirklich jeder von ihnen den schlechtesten Chef der Welt hatte. Warum ist es selbstverständlich, den Vorgesetzten nicht ausstehen zu können? Ist es sinnvoll, sich in den Hass auf eine Person zu steigern, der man kaum entkommen kann? (Es gibt nur 4,4 Millionen Selbstständige in Deutschland, und sogar die haben ihre ganz persönlichen Chefs: die Kunden.) Ich will lernen, den Hass auf die Chefs zu verstehen. Und die Chefs gleich mit. Eine erste Internetrecherche ergibt, dass laut dem Münchener Geva-Institut neun von zehn Mitarbeitern ihren Chef als »schwierig« einschätzen, jeder Fünfte hasst ihn. Laut stern lästern deutsche Angestellte pro Woche vier Stunden (!) über ihren Vorgesetzten. Als ich mich in einer Buchhandlung nach Literatur zum Thema erkundige, führt mich eine Angestellte mit verschwörerischem Lächeln zu einem Regal mit Titeln wie »Das Chefhasser- Buch«, »Mein Chef ist ein Arschloch - Ihrer auch?«, »Und morgen bringe ich ihn um! Als Chefsekretärin im Top-Management«.

Nach vier Stunden Lektüre habe ich drei Spiegelstriche des Hasses identifiziert:
- Der Chef nimmt sich keine Zeit für mich. Und Danke sagt er auch nie.
- Der Chef gibt mir keine Freiräume.
- Der Chef ist total inkompetent (gibt das aber nicht zu).
Erst kurz vor Geschäftsschluss finde ich ganz unten im Regal das Buch, »Ohne Chef ist auch keine Lösung«, geschrieben von Volker Kitz und Manuel Tusch. Die Botschaft: »Wenn Sie merken, dass Ihr Vorgesetzter gar kein Tyrann ist, werden Sie mit Ihrer Arbeit wesentlich zufriedener sein!« Meine allererste Chefin habe ich bestimmt für eine Tyrannin gehalten. Damals beriet ich als Zivi in Marseille Flüchtlinge und Sans Papiers.

Ich war zwanzig Jahre alt, hatte keine Ahnung von Ausländergesetzen und sprach schlecht französisch. Um die Aufenthaltsgenehmigungen abgelehnter Asylbewerber zu verlängern, musste ich permanent mit Beamten telefonieren, die keine Lust auf Menschlichkeit oder Langsamsprechen hatten. Aber immer wenn ich meine Vorgesetzte Françoise Rocheteau um Rat fragte, starrte sie mich durch ihre dicken Brillengläser an (mit denen sie scheinbar direkt in mein Gehirn blicken und meine mangelhaften zerebralen Aktivitäten analysieren konnte) und sagte: »Du siehst doch, ich hab viel zu tun, warum machst du dich nicht einfach selbst schlau!« Wenn ich wirklich zum Chefversteher werden will, muss ich bei Françoise Rocheteau anfangen - und mit ihr sprechen. Schon beim Tippen der Ländervorwahl 0033 fühle ich mich wieder klein und verbal gehandicapt. Françoise hebt sofort ab. »Écoute«, unterbricht sie mein Stammeln, »ich musste mich ja nicht nur um dich kümmern, sondern auch noch um acht andere Angestellte und vielleicht dreißig Freiwillige. Und wir waren doch ohnehin sehr zufrieden mit dir.« - »Was du mir aber auch nie gesagt hast!« - »Na ja, vielleicht hatte ich keine Zeit, zehn Minuten am Tag dein Selbstbewusstsein zu streicheln.«

Als ich auflege, glaube ich immer noch nicht, dass Françoise eine brillante Chefin ist, aber ein Gedanke leuchtet mir ein. Jeder Angestellte hat nur einen Vorgesetzten. Jeder Vorgesetzte aber viele Angestellte. Manchmal mehrere hundert. Wenn sich so ein Chef zweimal die Woche Zeit nimmt für ein Problemgespräch, glaubt er, sich gut gekümmert zu haben. Tatsächlich bekommt aber jeder Angestellte nur alle drei Jahre eine Extraportion Aufmerksamkeit. Sicher zu wenig. Wahrscheinlich sind aber auch unsere Aufmerksamkeitserwartungen unrealistisch hoch.

Als ich Verena, die nicht will, dass ich ihren Nachnamen erwähne, stolz meine ersten Rechercheergebnisse mitteile, entgegnet sie mir: »Dein Problem war, dass dich deine Chefin allein gelassen hat. Ich werde aber immer kontrolliert.« Verena erzählt von ihrem Vorschlag, für ein Firmenseminar einen Familientherapeuten zu engagieren, so eine Abteilung sei ja auch wie eine Familie. In der Antwortmail schrieb ihr Chef hinter Verenas sorgfältig formulierte Sätze nur ein rotes »Nein!«. Weil Verena aus Unzufriedenheit nach einem neuen Job sucht, stapeln sich auf ihrem Küchentisch die Stellenmärkte von »SZ« und »FAZ« und »Junge Karriere«. Auf den Arbeitsannoncen sind die üblichen Farbfotos begeisterter Bürobewohner zu sehen.

»More Business. More Ambition. More Global. More Passion. Tauchen Sie ein in eine spannende Welt voller Leidenschaft «, wirbt L'Oréal. »Wir wissen noch nicht mal, wie man Langewaile schreibt«, behauptet der Versicherer Generali Deutschland. Die Anzeigen wirken wie Reisebüroreklame für exotische Destinationen. Sie locken in eine Welt, wo der Mensch seine Träume und Ideen verfolgen kann, in eine eigene Wirklichkeit oder L'Oréalität. Kein Wunder, dass Verena enttäuscht ist, wenn es in ihrer dunklen Achtquadratmeterbürozelle mit Blick auf einen Discounterparkplatz nicht zugeht wie an einem Karibik strand.

»Es ist in Deutschland in Mode gekommen, den Chef als eine Art Guru zu sehen, der Lebenssinn und Selbstverwirklichungschancen verteilt «, erklärt Manuel Tusch, der Autor von »Ohne Chef ist auch keine Lösung«. »Aber das ist Unsinn. Arbeit ist oft mühsam und langweilig. « Tusch glaubt, dass man immer einen eingeschränkten Entscheidungsspielraum haben wird, sobald man in festen Strukturen und mit Vorgesetzten oder Kollegen zusammenarbeitet, die ihre eigenen Ideen haben. »Nur wenn man ganz für sich alleine hinwerkelt, am besten auch noch ohne Kunden, kann man alles alleine entscheiden. Dann interessiert es allerdings auch keinen.« Ich rede mit Manuel Tusch noch über die Pro- Sieben-Serie »Stromberg«, die er lustig findet und ich eher langweilig, weil sie auf einer einzelnen Botschaft aufgebaut ist: »Der Chef checkt nichts.« Offensichtlich eine identifikatorische Information.

Laut einer DGB-Studie hält jeder zweite Angestellte seinen Vorgesetzten für »fachlich überfordert« und das »Peter- Prinzip« des kanadischen Pädagogen Laurence Peter besagt, dass jeder Angestellte in der Unternehmenshierarchie so weit aufsteigt, bis er die Stufe seiner Unfähigkeit erreicht hat. Aber ist diese Beobachtung wirklich mehr als eine gute Pointe? Da ich nicht erwarte, von Josef Ackermann eine ehrliche Antwort zu bekommen, rufe ich den einzigen meiner Freunde an, der bereits Personalverantwortung hat. Florian Röhrig hat lange Zeit bei einer großen Hotelkette gearbeitet, jetzt ist er Geschäftsführer eines Restaurants. »Natürlich mache ich Fehler«, meint Florian, »aber ich werde auch für Dinge verantwortlich gemacht, für die ich nichts kann.« Florian erzählt, wie er einmal auf einer Firmenparty die Einteilung der Schichten übernahm. »Die Party sollte bis 24 Uhr dauern. Um Mitternacht hat mir der Kunde gesagt, dass sie noch bis fünf Uhr morgens feiern wollen. Meine Leute hatten schon zwölf Stunden am Stück gearbeitet. Die haben mich gehasst. Und mir vorgeworfen, ich hätte nicht richtig geplant.«

»Der Sündenbock ist kein Herdentier«, hat Erwin Huber gesagt. Huber trat nach der Niederlage bei den Bayernwahlen vom CSU-Vorsitz zurück, weil die Partei ein symbolisches Opfer verlangte. Im Büroalltag ist das ähnlich. Zum Beispiel hat fast jeder Vorgesetzte einen Vorgesetzten: Vielleicht ist ja dieser Chefchef auf die Idee gekommen, das Weihnachtsgeld durch ein Prämienmodell zu ersetzen, und der Chef muss diese Entscheidung begründen, auch wenn er gar nichts von ihr hält. Und wenn der Abteilungsleiter entscheidet, die Kundenkommunikation auf E-Mail umzustellen, drei Monate später aber wieder Briefpapier einführt, dann kann man seine Inkompetenz kritisieren - oder den Mut loben, eine falsche Entscheidung auch zurückzunehmen. Mir ist schon klar, dass ich mir kein ganz einfaches Verständnisobjekt ausgesucht habe. Und natürlich lese auch ich Zeitung und weiß, dass man in Deutschland gekündigt werden kann, wenn man sich zum falschen Zeitpunkt eine Frikadelle vom Büfett nimmt.

Angeblich sollen Psychopathen in Vorstandsetagen achtmal so oft vorkommen wie in der Gesamtbevölkerung (Die Freunde des schlechten Spruchs sind sogar noch häufiger vertreten, wie man unserem Kasten oben entnehmen kann). Aber verstehen heißt ja nicht entschuldigen. Wenn ich begreife, dass meine beiden Chefs bei NEON mehr zu tun haben, als mir täglich mitzuteilen, wie schön die Zusammenarbeit ist, weiß ich ein seltenes Lob besser zu schätzen. Und kann bei Bedarf ein Feedback einfordern, statt stumm vor Wut über eine missverständliche Vorgesetztenbemerkung mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren und zu schwören, nie wieder zurückzukehren nach Berg am Laim in München.

Wenn ich nüchtern dokumentiere, was ich geleistet habe und was ich in Zukunft mehr tun will (»zum Beispiel nicht immer Essays aus der Arbeitswelt schreiben«), sind meine Erfolgsaussichten besser, als wenn ich in Tränen ausbreche und rufe: »Ihr traut mir gar nichts zu.« Es geht darum zu erkennen, wann es sich zu kämpfen lohnt und wann man nur seine Kraft vergeudet. Verena hat mich unter dem Namen »Chefgroupie « in ihrem Handy (und ihrem Gehirn) abgespeichert. Dabei wäre das eigentlich die passende Bezeichnung für sie. Wie eine Rosamunde- Pilcher-Leserin von der perfekten Beziehung träumt Verena vom perfekten Chef, der klug ist, immer Zeit hat und alle ihre Vorschläge berücksichtigt. Verena nimmt ihren Chef viel ernster als ich meine, weil sie jede Begrüßungsfloskel und geknurrte Bemerkung auf negative Vibes abhört - anstatt einfach mal »Hä?« oder »Fuck you!« zu denken. Sie leidet unter einer permanenten Erwartungsenttäuschung. Wie Millionen Deutsche will sie einen Chef zum Verlieben. Dabei reicht schon einer, mit dem man irgendwie auskommt.

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