Oliver_Stolle 14.11.2008, 11:27 Uhr 0 2

Der beste Chef der Welt

In einem Büro in Barcelona können alle machen, was sie wollen – mit Erfolg

Die Gestreifte da vorne!« Javier winkt einer jungen Frau im Ringel-T-Shirt zu. »Ein Wahnsinn. « »Und das Tierchen daneben.« Jetzt guckt er verschwörerisch. »Alba eins - Alba zwei habt ihr ja schon kennen gelernt. Sie ist Programmiererin! Eine Frau! Normalerweise sind das Typen, und zwar solche, die den ganzen Tag zwei Sätze sagen: Guten Morgen. Und: Auf Wiedersehen.« Eine fünfzehn Meter lange Tafel im Halbschatten, von Efeu umrankt. Auf dem Tisch halb volle Weingläser. Eine gut gelaunte Kellnerin trägt Suppen- und Salatteller weg. Danach gibt es drei Hauptgerichte zur Auswahl, eine Pasta, deftigen Linseneintopf oder geschmortes Hühnchen, zum Nachtisch Melonen, es ist ein mediterranes Mittagessen, wie man es selbst in Barcelona in wenigen Restaurants bekommt - geschweige denn in einer Kantine.

Es ist halb drei, der Chef, zwischen zwei Kunden aus Madrid und den Praktikanten, stellt seine Mitarbeiter vor. Die Gestreifte und das Tierchen lachen - über den alten Zausel und seine zotigen Komplimente, die sie ihm einfach nicht übel nehmen können. »Wenn ihr richtig gutes Gras rauchen wollt«, fährt Javier fort, »haltet euch an Ricardo.« »Hey, Ricardo«, ruft er, »komm doch mal rüber, hierher!« »Willst du dich mit mir unterhalten, Chavi?« Ricardo rollt sein ledernes Tabakmäppchen zusammen. »Oder willst du einfach nur einen rauchen?« Den womöglich besten Arbeitgeber der Welt zu erreichen, war nicht einfach. Wochenlang wurde kein Anruf entgegengenommen, nicht einmal ein Anrufbeantworter gab Hinweise darauf, ob das bekannteste Designbüro Spaniens überhaupt noch arbeitet.

Javier Mariscal, Erfinder von »Cobi«, dem Maskottchen der Olympischen Spiele in Barcelona 1992, und »Twipsy«, dem Maskottchen der Weltausstellung »Expo 2000« in Hannover, so - wie Chef des 30-köpfigen »Estudio Mariscal«, hatte sich im »Spiegel« zitieren lassen: Bei ihm könnten die Mitarbeiter kommen und gehen, wann sie wollten. Zwei Monate Urlaub seien willkommen. Wer ein Baby bekomme, egal ob Mann oder Frau, dürfe gerne neun Monate zu Hause bleiben. Und ein Nickerchen während der Arbeitszeit sei genauso üblich wie gemeinsame Gelage. Dann endlich, Anfang September, eine tiefe Frauenstimme, die auch von Penélope Cruz stammen könnte. Es tue ihr schrecklich leid, aber das »Estudio« habe gerade einen Monat geschlossen gehabt, Sommerferien.

Bis wir tatsächlich in »Palo Alto« stehen, einer von blühenden Bougainvillea überwucherten Fabrik aus rotem Backstein in der Nähe des olympischen Hafens von Barcelona, ein paar Schritte vom Stadtstrand entfernt, sind noch einmal Umbuchungen zu erledigen: Der erste Termin platzt, weil das »Estudio« schon wieder vier Tage frei macht, ein verlängertes Wochenende eine Woche nach den Sommerferien, »ein Feiertag«, wie sich die Frau mit der Penélope-Cruz-Stimme per E-Mail entschuldigt.

Der Ort, an dem man Gerüchten zufolge wie ein Gott arbeitet, ist eine vielleicht sechzig Meter lange Halle. An den Fenstern, die bis an die Decke reichen, stehen Doppelschreibtische und bunte Beistelltischchen. Dazwischen Sofas auf dunklem Parkett, von der dunkelblauen Decke hängen Ventilatoren. Man erkennt in Stühlen und Sesseln Designs von Mariscal, auch in den walfischförmigen Lampen, die die Konferenzzonen vor der sich über die gesamte Längsseite erstreckenden Bibliothek beleuchten. Es ist halb zehn. Alba Delgado, 27, die zwar nicht wie Penélope Cruz aussieht, aber ein bisschen wie ihre kleine Schwester, hatte uns für zehn bestellt, doch die Hälfte der Stühle ist bereits besetzt.

Aus versteckten Lautsprechern donnert »Crazy« von Aerosmith, die Leute gehen sichtbar gut gelaunt in ihren Arbeitstag, hier entsteht was, das merkt man gleich, hier wird was geschaffen. Nur »Chavi«, wie sie ihren Chef alle nennen, ist laut Alba noch nicht so recht in Form. Verschiedene Grafiker bereiten gerade eine Ausstellung von Mariscal-Stücken vor, hier arbeiten Industrial Designer an neuen Entwürfen für die Möbelmesse in Mailand, dort wird über Farbwelten für eine Katalanisch- Website diskutiert. Zu den Kunden von Mariscal gehören Hotels, Bekleidungsketten, Städte. Vieles kommt einem bekannt vor, vieles allzu bekannt - nach dem Erfolg Mariscals in den 80er und 90er Jahren wurde sein Stil kopiert, oft schlecht kopiert, irgendwann sprach man von »mariscalismo«, es gibt viele junge Designer, die sagen, dass Mariscal nicht mehr zeitgemäß sei - aber darum soll es hier nicht gehen. Jeder fünfte Mann in Deutschland und mehr als die Hälfte der Frauen haben Probleme mit der Work-Life-Balance.

Die 38-Stunden- Woche weicht mehr und mehr und mehr einer 45-Stunden-Woche, auch bei ganz normalen Angestellten; in Spanien arbeitet man im Schnitt noch länger. Doch nicht nur der Traum von einem entspannteren Arbeitsalltag will einfach nicht Wirklichkeit werden: Der Wunsch nach großzügigeren Urlaubszeiten scheint in so weite Ferne gerückt zu sein, dass er nur noch von halb so vielen Be - fragten geäußert wird wie in den 90er Jahren. Die Mehrheit der Arbeitnehmer arbeitet noch immer in einem starren Bürorhythmus, in dem vor allem abgesessene Zeit bezahlt wird. Und die Mehrheit ist damit nicht besonders glücklich:

Es fehlt an Vertrauen, an Motivation, an Freiheit. Schafft der Designer Javier Mariscal tatsächlich, was sonst kaum jemandem gelingt? Javier gibt uns eine schlaffe Hand, der Vormittag ist nicht seine Zeit, zumindest nicht heute. Sein Gesicht wirkt seltsam konturlos, verschwommen. Er ist misstrauisch. Javier, ist dieses Studio ein besonderer Arbeitsplatz? »Das müsst ihr Santi fragen, meinen Bruder, der ist hier der Manager, der ist der Boss.« Er ruft Santiago. »Ich glaube schon, dass wir ein besonderes Büro sind«, sagt Santiago. »Vielleicht nicht mehr so besonders wie vor zwanzig Jahren. Aber immer noch besonders.« »Was ist schon dabei?«, fällt ihm Javier ins Wort. »Morgens mal ausschlafen, ausreichend Ferien - wollen wir das nicht alle?«

Mariscal fing als Comiczeichner an, Mitte der 70er Jahre feierte und arbeitete er in einem Bauernhaus auf Ibiza, später bekam er viel Geld für seine Zeichnungen und Bilder. Wahrscheinlich hat er nie damit gerechnet, einmal eine Firma zu besitzen. »Mit achtzehn war ich Kommunist und Hippie. Wenn du erst mal erwachsen bist, haben meine Eltern immer gesagt, wirst du ganz anders denken. Jetzt bin ich fast sechzig, und ich habe immer noch die gleichen Werte und pflege sie in dieser Firma.« Er blickt aus dem Fenster: »Der Garten, die Kantine, die großen Fenster. Wir haben uns das ganz schön was kosten lassen. Mein Gott, das ist der Platz, an dem wir arbeiten, ein viertel, ein halbes, was weiß ich, ein ganzes Leben! Wir leben hier! Das muss doch ein Ort sein, an dem die Leute sich wohlfühlen!« »Wir müssen eine viertel Million Euro Umsatz im Monat machen, damit der Laden läuft«, übernimmt Santiago. »Und wir halten uns seit Jahren erfolgreich auf dem Markt. Dabei bezahlen wir unsere Mitarbeiter gut, die leitenden Angestellten kriegen bis zu 60 000 Euro im Jahr. Es ist alles eine Frage der Organisation. Solange die Arbeit erledigt wird - und die anderen Beteiligten eines Projekts mit Respekt behandelt werden -, ist es mir völlig egal, wie lange die Leute hier sind. Wir ar beiten schließlich nicht am Fließband. Für diese Art von Jobs hat man heute Maschinen. Die sollten auch besser Maschinen machen.«

Ein Monat Sommerferien ist in spanischen Firmen tatsächlich nicht unüblich. Doch bei Mariscal ist auch über Weihnachten der Laden dicht, zwei Wochen lang. Zusätzlich zwei Wo - chen über Ostern, plus alle Brückentage. »Fe - rien sind wichtig«, sagt Santiago. »Wir kriegen unsere Arbeit auch so hin, warum sollten wir also weniger Urlaub machen?« Wenn jemand außerhalb der Büroferien freinehmen möchte, versucht Santiago, auch das zu ermöglichen. »Wenn jemand übertreibt«, sagt er, »greift der soziale Druck. Wenn man den Leuten Freiheit lässt, verhalten sie sich auch verantwortungsbewusst. Das ist unsere Erfahrung.« Gutes Geld für traumhafte Arbeitsbedingungen. Sagen die Chefs. Und die Angestellten? Federico Alfonso, Mitte dreißig, Architekt aus Padua, ist seit fünf Jahren bei Mariscal.

»Ich kriege 2000 im Monat, das ist okay. Und doppelt so viel Urlaub wie in Italien.« Warum, glaubst du, machen die das, Federico? »Die Chefs haben alle Kinder. Die haben einfach selbst noch was anderes als Arbeit im Kopf.« Loles Durán, 57, Kuratorin, bei Mariscal für Produktion und Ausstellungen verantwortlich, lächelt vornehm: »Ich habe meinen Preis.« Stimmt das wirklich, dass jeder kommen und gehen kann, wann er will? »Na ja, interessanter ist doch, dass hier nicht die ganze Zeit über Effizienz gesprochen wird. Manchmal geht es zu wie auf einem Jahrmarkt. Aber wenn es ernst wird, packen alle an.« Im ersten Stock zeichnet Bojan Pantevic, 41, an verschiedenen Perspektiven einer Tänzerin für »Chico y Rita«, den Zeichentrickfilm, an dem Javier Mariscal zusammen mit Tono, einem weiteren seiner elf Geschwister, und dem Regisseur Fernando Trueba arbeitet. Bojan ist nicht fest bei Mariscal angestellt, er schreibt jeden Monat eine Rechnung über 3000 Euro. Doch solange er hier arbeitet, gelten Mariscal-Konditionen. »Wenn ich mein Pensum erledigt habe, gehe ich«, schwört er. »Nach drei Stunden? Kein Problem. Wenn zu Hause mal was zu erledigen ist? Alles klar. Kind krank? In Ordnung. Schlechte Laune? Lieber zu Hau se bleiben. Wenn dann mal was dringend fertig werden muss, macht man dafür eben mal eine Nacht durch oder auch ein Wochenende.« Viertel vor vier. Die Melonen sind verspeist, Kaffee getrunken.

Ricardo Solá, 30, hat sein Tabakmäppchen weggepackt, jetzt liegt er auf einem der Sofas und blättert im »New Yorker «. Während eine »Nationale Kommission für die Rationalisierung der Arbeitszeiten in Spanien« immer erfolgreicher versucht, die Siesta abzuschaffen, pflegt man bei Mariscal ziemlich geschlossen die zweistündige Mittagspause. Mit dem Unterschied, dass kein Mensch bis acht oder neun arbeitet, was in etwa dem klassischen spanischen Rhythmus entspräche.

»Man nennt uns Milleuronistas. So ist das eben«, sagt Ricardo, der Industrial Design studiert hat und seit vier Jahren bei Mariscal arbeitet. »Mir bleiben ein bisschen mehr als tausend Euro im Monat. Ich habe Freunde, die zahlen so viel für ihre Miete, aber die programmieren irgendeinen Stumpfsinn für große Unternehmen. Ich würde nie gegen einen anderen Job tauschen, der einfach nur besser bezahlt ist. Die Atmosphäre hier ist einfach unschlagbar.« Ist das Laissez-faire am Ende doch nur ein Trick? Diese Werbeagenturnummer mit frisch gepresstem Orangensaft, Fitnessstudiogutschein für die Mittagspause und bezahlten Taxis nach Hause, wenn einer bis Mitternacht arbeitet? In Deutschland sind Entspannungsangebote zur Auflockerung grauer Arbeitstage mittlerweile eine eigene Wirtschaftsbranche geworden sind.

Der Autor Markus Albers bezeichnet sie in seinem gerade erschienenen Buch »Morgen komm ich später rein« als »Narkotika «, eine »Wellnesskonstruktion effizienzsteigernder Arbeitgeberperfidie«. »Es macht natürlich auch ökonomisch Sinn, motivierte Mitarbeiter zu haben«, gesteht Santiago Mariscal. »Aber wenn der ökonomische Anreiz im Vordergrund steht, ist das falsch. Die Leute sind schlau. Die merken, wenn du sie reinlegen willst. Uns geht es hier wirklich nicht darum, möglichst viele Dinge für möglichst wenig Geld herzustellen. Letztlich versuchen wir, ein für alle möglichst glückliches Leben zu organisieren. Als Manager dieses Unternehmens frage ich mich jeden Tag, wie man das Leben managt.« Seit einigen Jahren statten immer mehr Unternehmen ihre Angestellten mit Laptops und Blackberrys aus. Das sieht auf den ersten Blick nach Freiheit und Flexibilität aus. Doch die Mitarbeiter bezahlen ihre gewonnene Freiheit mit ständiger Erreichbarkeit, letztlich verschmelzen Arbeit und Freizeit zu einem einzigen Brei.

Bei Mariscal dagegen scheint es um eine echte Utopie zu gehen. Man arbeitet zusammen, es ist ein bisschen wie in Warhols »Factory« mit überschaubaren Arbeitszeiten. Die Flexibilität des modernen Ich-Unternehmers plus die Sicherheit und Vorhersehbarkeit einer Festanstellung. Javier und Santiago jedenfalls sind an diesem Abend die Letzten, als sie gemeinsam das Büro verlassen. Am nächsten Morgen ist Alba nicht so gut drauf. Wir haben sie gestern abend noch beim Trinken getroffen, sie war dann noch länger aus, mit einem guten Freund, es ging um Trennungen, solche Sachen. Jetzt schaut sie durch ihren Bildschirm ins Leere. Javier streichelt ihr über die Backe: »Was ist los?« Man spürt ehrliche Anteilnahme. »Herzensdinge?« Kein Kommentar. Aber gleichzeitig ist völlig klar, dass Alba heute entschuldigt ist. Eine halbe Stunde später hat sie sich auf der Couch zusammengerollt, den Kapuzenpulli über den Kopf gezogen. Büroschlaf wegen Liebeskummers.

Im ersten Stock schwört Javier mit Bruder Tono die gesamte Trickfilmbelegschaft auf die hektische Phase der Produktion ein. Sie sprechen von Animation und Kunst, von Persönlichkeit und übergeordneten Ideen, für die sich der Einzelne zurücknehmen müsse. Natürlich gibt es einen Einzelnen, der genau das Gegenteil tut. »Das hier ist eine ästhetische Diktatur«, hat Javier gestern freimütig zugegeben. »Ich gebe den Stil vor. Wenn du dein eigenes Ding entwickeln willst, musst du woanders hingehen.« Für die meisten Mitarbeiter des »Estudio Mariscal« scheint das kein Problem zu sein, immerhin hängen sie den Brüdern nach einer Dreiviertelstunde Ansprache immer noch an den Lippen. »Er wollte nie so ein Boss werden wie die Bosse, die er hasste«, sagt Ricardo, der gerade dabei ist, Zeichnungen von Javier auf ein faltbares Kinderspielhaus zu applizieren.

Tatsächlich weht durch Mariscals Studio der Geist eines lebenswerten Sozialismus. Wenn man genau hinsieht, geht es jedoch eher zu wie in einem Königreich - mit einem guten König. »Solange du das akzeptierst, ist es hier prächtig«, sagt Ricardo, der manchmal am Abend noch an seinen eigenen Dingen arbeitet, elektronische Musikinstrumente aus altem Spielzeug. »Einen besseren Job als hier bei Mariscal gibt es nicht«, sinniert er, »danach kannst du dich eigentlich nur noch selbstständig machen.«

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