lallef 21.08.2005, 01:33 Uhr 10 1

Das Prinzip Supermarkt

Der Supermarkt ist eine sonderbare Welt. Drinnen gibt es keine Vornamen. Und trotzdem duzt man sich ganz ungeniert.

Vor einigen Wochen geriet ich mit meinem Einkaufswagen an die Ecke einer Palette mit Gurkengläsern. Erst krachte es, dann klirrte es, dann verteilten sich Dutzende ungarischer Gewürzgurken zwischen Scherben auf den Zebrafliesen und unter den Regalreihen. Während ich, mitten im Gurkensaft stehend, überlegte, welche Reaktion auf dieses Missgeschick angemessen wäre, lernte ich Frau Pilz kennen.

Von der Wurst- und Käsetheke aus eilte sie mir zur Hilfe. Blitzschnell und mit einer Eindringlichkeit, die man sonst nur von kreischenden Beos kennt, bedeutete sie ihrer Kollegin: "Frau Rösner, holst du mal eben den Aufnehmer." Ich war schwer erleichtert, denn irgendjemand hatte irgendetwas getan. Gleichzeitig fiel mir in diesem Moment auf, was ich schon oft gehört, aber noch nie registriert hatte: "Du, Frau Rösner..."

Mit einem Besen und wenigen geübten Armbewegungen schob Frau Pilz die Gurken auf ein Kehrblech. Frau Rösner assistierte mit dem Aufnehmer. Ich stand hilflos dankend daneben. An der Kasse sprach ich Frau Rösner abermals mein Bedauern aus. Mit Frau Pilz verbindet mich seit diesem Tag eine lockere Smalltalk-Bekanntschaft. Wenn ich Käse kaufe, erzählt sie mir, dass sie morgens mit dem Rad viel schneller ist als mit dem Bus. Und wenn sie ihre Kollegin ruft, wundere ich mich, warum sie nicht einfach "Martha" oder "Uta" oder was auch immer sagt. Aber sie sagt: "Du, Frau Rösner..."

Mindestens seit drei Jahren beginnen die beiden Frauen morgens gemeinsam ihren Dienst. So lange wohne ich in diesem Stadtviertel und so lange kaufe ich dort ein. Wahrscheinlich aber kennen sie sich schon länger. Die Vierzig haben beide schon lange überschritten, auch wenn Frau Rösner sich mit grellen Grün- und Pinktönen gerne den Anschein einer koketten Mittdreißigerin gibt. Frau Pilz wird auch in zwanzig Jahren noch die gleiche Kurzhaarfrisur tragen. In Mode war so etwas noch nie. Hinter der Käsetheke ist ihr das aber offenbar egal. Wenn die ungeduldige Warteschlange sich wieder einmal bis zum Tiefkühlregal staut, raunzt Frau Rösner ganz unerwartet mit dem Elan eines leiernden Kassettenrekorders: "Frau Pilz, machst du mal bitte die Zwei auf."

Zum ersten Mal auf dem Heimweg nach dem Gurkenmalheur habe ich versucht, mir das Kuriosum zu erklären. "Bestimmt der Firmenkodex", dachte ich. "Paragraf eins: Vornamen sind während der Arbeitszeit tabu." Der Gedanke dahinter: Wer zum Nachnamen wechselt, landet automatisch beim förmlichen "Sie". In der Regel ist das tatsächlich so. Umgekehrt dagegen funktioniert das schon lange nicht mehr. Wer zum Vornamen wechselt, kann machen, was er will. Interviews mit Boris Becker zeigen das. Oft gehört: "Boris, Sie sind wieder solo?" Kaum vorstellbar dagegen: "Herr Becker, du hast eine neue Freundin?"

Frau Pilz und Frau Rösner sind Freibeuter der Sprachkonventionen, dachte ich. Sie segeln mit ihrer Jolle über die Untiefen des guten Geschmacks und entern dort, wo es keiner merkt. Außer mir - war der nächste Gedanke. Aber das brachte mein Konstrukt zum Einstürzen. Die nächste Idee ließ Tage auf sich warten. Ich kramte im Fundus der Allgemeinplätze und wurde fündig. "Die haben es nicht anders gelernt", hatte meine Mutter früher in steter Regelmäßigkeit über die frechen Nachbarskinder geurteilt. Den Gedanken aber auf Frau Rösner und die nette Frau Pilz zu übertragen, verbat ich mir. Denn das schien mir äußerst unwahrscheinlich. Schon allein, weil die Sitte in allen Supermärkten vorherrscht - was mich zurück zum Firmenkodex führte.

Plötzlich war ich mir sicher: Es kann kein Zufall sein. Ich stellte mir ein geheimes Treffen der Supermarkt-Manager vor und dachte mir ein Fachwort aus. Es muss eine "Kollusion" gewesen sein. Man trifft sich einer dunklen Kaschemme, einigt sich auf hohe Preise, ersinnt gemeinsam die Prämien für alle Payback-Karten und irgendwann sagt einer: "Vornamen sind verboten. Aber es bleibt beim 'du'." Mit einem Händedruck besiegelt man die Abmachung. Eine Art sprachkulturelles Alleinstellungsmerkmal aller Bediensteten im Lebensmitteleinzelhandel, dachte ich. Als Bonus für die schlechte Bezahlung. Ich bemerkte, dass ich betrunken bin und schlief ein.

Am nächsten Morgen wachte ich benommen auf und wagte einen Blick in den Kühlschrank. Ich fand nichts Essbares, also zog ich mich an. Als ich wenig später die automatische Schiebetür im Supermarkt durchschritt, gab eine fremde Frau an der Kasse gerade das Wechselgeld heraus. "Frau Rösner hat Magen-Darm", erklärte Frau Pilz lapidar an der Käsetheke, während ich mein Frühstück zusammenstellte. Ganz kurzfristig sei eine Kollegin aus einer entfernten Filiale eingesprungen. Obwohl ihr Auto in der Werkstatt sei. "Die zehn Kilometer ist sie mit dem Rad gefahren", fügte Frau Rösner ganz ungefragt an. Ich wartete auf den Hinweis: "Mit dem Bus wäre sie schneller gewesen." Doch der kam nicht. Dafür gab sie mir flüsternd zu verstehen, dass die Kollegin "schlecht drauf" sei.

Sie hätte es gar nicht sagen müssen. An der Kasse zog ich einen Fünfziger aus der Hosentasche und wurde schroff dafür abgestraft. "Ham'ses nicht kleiner? Ich kann das nicht wechseln. Dann müssen se zur Bank gehen." Ganz kurz nur dachte ich darüber nach, wer hier Kunde und wer König ist. Dann begriff ich das Prinzip "Supermarkt" augenblicklich in all seinen Facetten: Es gibt nichts zu verstehen. Du gehst rechts rein, kommst links wieder raus. Und drinnen passieren komische Dinge.

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10 Antworten

Kommentare

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    Stimmt. Ich hab auch im Supermarkt gejobbt und bei uns hieß es auch "Du, Frau..." Das war auf jeden Fall nicht vom Chef vorgegeben, das kam von ganz allein. Vielleicht klingt's professioneller?

    15.09.2005, 21:59 von nannibal
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    Schön auch: "Du, Frau Lehrer,..."

    01.09.2005, 18:51 von elaine
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    Oh ja. Herrlich. Ich zum Beispiel liebe ja Mr. "Slowhand" Yoo, im Supermarkt an der Kasse.

    01.09.2005, 17:06 von elaine
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    Danke- ich musste lachen. Vor allem bei der Stelle mit Boris Becker.
    Mir ist das auch schon manchmal aufgefallen und wie Amica es geschrieben hat: In Dresden (oder allgemein in Sachsen, meine ich doch) hört man das wirklich öfter.
    Froh bin ich aber wirklich, dass ich weder im Kindergarten noch in der Grundschule (Und die Grundschule war in Sachsen- ein Widerspruch an sich?) "Du, Frau..." sagen sollte (durfte?!) sondern immer schon "Frau...können SIE mal bitte..." lernte.

    Liebe Grüße,
    Augenblick.

    29.08.2005, 00:24 von Augenblick
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ich kenn das noch aus der grundschule, da hieß das auch "du, herr schumacher..." ?, und natürlich aus der valensinawerbung.

    23.08.2005, 14:27 von hape
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    Ja , das ist mir auch schon aufgefallen...Jetzt wo du das so genau wiedergibst!
    Das ist wirklich überall so...Nur in Bielefeld (wo ich jetzt ein Jahr studiert habe) da habe ich das noch nie gehört. Da habe ich eher das Gefühl, da redet Keiner mit Keinem...
    Aber in Dresden kann man das ständig beobachten. Wirklich witzig...:-)

    Und dein Text - mal wieder wunderbar zu lesen!!!!
    Immer wieder eine Freude!
    Grüssle- Katja

    23.08.2005, 14:02 von Amica
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    Interessant. Dieses Gesellschaftsphänomen ist so gelernt, dass einem "Du, Frau Rösler" gar nicht als so ungewühnlich auffällt. Dabei ist es ungwöhnlich. Und wenn ich so darüber nachdenke: bei älteren Menschen ist das normal und überhaupt nicht ungewöhnlich. Denn da geht es nicht um das Kundenbefinden oder die Eitelkeit sondern einfach nur um Höflichkeit. Denn wer hat im Bus schon mal mit älteren Damen ein Vierersitz geteilt. Ihre Gespräche sind sehr persönlich. Es wird über Krankheiten gesprochen, über früher, den längst verstorbenen Ehemann, dass er ja jetzt schon über 15 Jahre tot ist und der gleichen. Sie scheinen sich allesamt gut und lange zu kennen. Kein Zweifel. Trotzdem sind sie nicht Annemie, Gerlinde und Meta. Sondern Frau Homberg, Frau Siedermann und Frau Richter. Sonderbar.

    22.08.2005, 16:02 von Konditor
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    Sehr schöner Artikel! *grins*

    Als Schüler hab ich im Einzelhandel gejobbt und auch den "Vornamen"-Fehler gemacht: "Nina, haben wir die blauen T-Shirts noch in Größe 38???"
    Worauf mir erklärt wurde, daß vor den Kunden Vornamen tabu sind. Die brauchen ja nicht zu wissen, wie man heißt. Auf dem Namensschild steht ja auch nur der Nachname...

    Ok, dann hieß es halt in Zukunft: "Du, Frau Schmidt ich bin mal 42 ! (Übersetzung: auf der Toilette... :-) )" (kein scherz!)

    22.08.2005, 14:13 von kath13
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    Die Frau heißt echt "Pilz"???

    Ansonsten weiß ich jetzt endlich, was es mit dem "Nachnamen du" auf sich hat... ;)

    22.08.2005, 13:18 von Seesternchen
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