Das Monster
Es war einmal ein Monster. Es war ein hässliches Monster. Sicher, alle Monster sind hässlich, aber dieses hier hatte wirklich ein Problem.
Seit es in einer hellen Vollmondnacht einen wüsten Schub bekommen hatte, hörte es einfach nicht mehr auf, grusliger zu werden.
Das Monster wollte das erst selbst gar nicht richtig wahrhaben. Ungläubig starrte es auf das grüne Horn, das ihm über Nacht aus der Stirn gewachsen war und fasste es vorsichtig an. Es war hart. Das Monster machte die Augen zu, als es sie wieder aufmachte, war das Horn noch immer da. Sollte das Monster sich vielleicht krankmelden? Nein, zischte es ungeduldig, das kommt nicht infrage. Als Paradebeispiel für vorbildliche Ungeheuerintegration kann ich mir solche Zimperlichkeiten nun wirklich nicht erlauben. Also legte das Monster seine lila Schuppen gerade, packte Gurkenscheiben in die Brotzeitbox und deckte das Horn notdürftig ab. Dann radelte es zum Finanzamt.
Auf dem Finanzamt glotzten sie. Natürlich glotzten sie, das taten sie immer. Das Monster war es zwar gewohnt, von der Kundschaft begafft zu werden, und wusste, wie es damit umzugehen hatte. Es packte dann einfach etwas Gebäckmischung auf einen Teller und meinte, bei dem Fön heute hätte es endlich wieder einmal die Zugspitze sehen können. Das sei ja das Schöne an München, die Berge gleich um die Ecke und alles. Wussten die Kunden schon, dass die Kantine hier eine Zumutung war? Speziell die Königsberger Klopse seien grau-en-haft. Es selber sei ganz schnell Vegetarier geworden, als es hier angefangen habe. Wie gesagt, alles kein Problem.
Dass diesmal auch Frau Auerhammer aus der FiBu III glotzte, verunsicherte das Monster jedoch ziemlich. Als es sie liebenswürdig anlächelte, kam es ihm vor, als ob sie die Zähne bleckte, zumindest lächelte sie deutlich krampfhaft zurück. Später ertappte es sie beim Tuscheln mit der ebenfalls glotzenden Frau Oberhuber. Verunsichert beschloss das Monster, sich heute lieber nicht am allgemeinen Babygequatsche zu beteiligen. Bisher hatten es alle immer rührend gefunden, wenn es verkündete, es wünsche sich irgendwann mal einen Monsterjungen, der aber weich, lieb und sensibel sein müsse. „Aber die Wahrscheinlichkeit ist ja ziemlich groß“, sagte das Monster immer, „Der Kleine wäre ja schließlich mit mir verwandt.“ Heute war das Monster sich nicht sicher. Es machte pünktlich Feierabend.
Am nächsten Tag wuchsen dem Monster schon zwei Zähne aus den Backen. Hastig trug es matt orangenen Nagellack auf seine Krallen auf, doch es ahnte nichts Gutes. In der Woche kamen noch ein Buckel, Stacheln auf dem Rücken und eine Riesennase. Dann Tentakel, Fühler und schleimige Hautflächen. Auf dem Finanzamt wurde das Monster bald ins Archiv versetzt. Alleine stempelte es dort vor sich hin, dabei liebte es an seinem Beruf doch besonders den Kundenkontakt! Als das Monster schließlich kündigte, waren alle erleichtert.
Zu Hause wusste das Monster wenig mit sich anzufangen – es hatte ja immer gearbeitet. Ratlos schaute es drei Tage lang schlechte Serien und weinte leise. Dann fing es an, rastlos durch die Wohnung zu tigern. Es musste dringend raus hier. Irgendwie. Also schrieb es Bewerbungen, 127 Stück, aber keiner wollte das Monster. „Sorry, so hardcore sind wir dann doch nicht“, stand in der Absage zum Erschreckerjob in der Geisterbahn. Als es das las, fluchte das Monster zum ersten Mal in seinem Leben. „Schweine!“, brüllte es und: „Schaut doch einfach mal selber in den Spiegel!“ Kein Wunder, dass das Probearbeiten als Verhauer im S/M-Fetisch-Studio lief ziemlich gut lief. Bestimmt hätte das Monster den Job bekommen, hätte es nicht mittendrin begonnen, unkontrolliert zu schwefeln.
Der Schwefel. Der Schwefel war wohl der Knackpunkt. Er war einfach zu viel für das Monster. Jetzt, wo es nicht nur hässlich war, sondern auch noch unerträglich stank, traute es sich gar nicht mehr die Wohnung zu verlassen. Zuerst hatte es sich die Zeit noch mit einem Fashion- und einem Eulen-Blog vertrieben, doch irgendwann saß es nur noch auf der Couch und schaute „Bauer sucht Frau“. Ab und zu fraß es einen Briefträger, meistens glotzte es nur depressiv vor sich hin. Das Monster fragte sich ernsthaft, warum es noch am Leben war. Ernsthaft.
Am nächsten Tag wachte das Monster auf und war eine Prinzessin.





Kommentare
durch den wind, aber angenehm zu lesen!
29.07.2012, 17:47 von nebelmaedchen