Leonx 30.11.-0001, 00:00 Uhr 40 9

„Danke, der Nächste bitte!“

Es waren aufregende Tage. Ich war in eine fremde Stadt gekommen und hatte mir nichts mehr gewünscht, als diesmal bleiben zu dürfen. Als Schauspielschüler

Seit gut einem Jahr toure ich durch Deutschland, die Schweiz und Österreich, um meinem Berufsziel ein Stück näher zu kommen: die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule zu bestehen. Wo, das wäre mir egal. Von Zürich bis Rostock, von Bochum bis Leipzig, von Hannover bis Wien, kreuz und quer in alle Himmelsrichtungen habe ich den deutschen Sprachraum durchmessen auf der Suche nach einem Lehrer, der mein Talent erkennt und fördern will, nach einer Schule, die mich aufnimmt und zu dem macht, was ich in diesem Leben werden will: zu einem Schauspieler.

Die ersten Ernüchterungen prallten an meinem sorgfältig aufpolierten Ego ab: „Schließlich gibt es so viele Schulen. Dass wir Sie ablehnen sollte Sie nicht entmutigen. Talent haben Sie ja, aber an einem erstklassigen Institut wie dem unseren...“ Nur scheint es in ganz Deutschland ausschließlich erstklassige Institute zu geben. In Provinzkäffern wie Stuttgart oder Essen würdigte man mich keines genaueren Blickes als die großen Kollegen von den berühmten Schulen in Berlin oder München.
Dann, als ich es fast schon aufgeben wollte, erschien mir ein Silberstreif in Gestalt dieses einen Prüfers, ein strenger alter Hase, dem man nichts vormachen konnte und der niemandem etwas durchgehen ließ. So war denn auch der Katalog mit Kritikpunkten, die er mir in der Nachbesprechung meines Vorspiels ans Herz legte, entsprechend lang. Ich wappnete mich schon für eine erneute Absage, da trafen mich aus heiterem Himmel die Worte: „Trotzdem wollen wir es mit Ihnen versuchen.“
„Sppringe vor Freude,“ schrieb ich in einer SMS an meine Freundin, unfähig die Tasten richtig zu treffen. Ich durfte also – und das war für mich das erste Mal – nach bestandenem Eignungstest zur eigentlichen Aufnahmeprüfung wiederkommen.
Die Nacht vor der Prüfung schlief ich überhaupt nicht. Waren die Eignungstests und Vorrunden schon nervenaufreibend gewesen – das war noch ein ganz anderes Kaliber. Und wenn ich morgens so in die Runde sah, wurde mir bewusst, dass es kaum einem meiner Mitstreiter – oder waren es da eigentlich schon Konkurrenten? – anders erging. Tiefe Augenringe, ebenso tiefe Zahnabdrücke in Unterlippen und aschfahle Wangen zeugten überall von der vergangenen Nacht.
Katrin hätte sich gar nicht als unsere Betreuerin vorstellen müssen, sie wirkte viel zu ausgeschlafen, um für eine Bewerberin gehalten zu werden. Sie führt mich und acht weitere Kandidaten in den ersten Prüfungsraum. Umziehen zur ersten Rolle, damit die Prüfer sich vorab schon mal ein Bild machen können. Dieses Vorspiel ist ratzfatz vorbei und weiter gehts zum nächsten Test. Sportklamotten anziehen, bitte schnell, dann: ganz zwanglos zur Musik bewegen. Keine Vorgaben. Und keine Ahnung, ob das was ich so mache gerade große Scheiße oder schlichtweg genial ist.
Die Aufgaben werden immer komplexer, immer mehr müssen wir gleichzeitig machen, der Schweiß läuft, der fensterlose Raum verwandelt sich in ein Feuchtbiotop. Ein Mädchen klappt zusammen. Ihr werden die Prüfer später sagen, dass sie für diesen Beruf nicht belastbar genug ist. Sie wird schon mittags nach Hause geschickt, fünf andere auch.
Wir Übriggebliebenen beginnen den Nachmittag mit Vorsingen. Der Typ vor mir trifft kaum einen Ton. Ich beglückwünsche mich insgeheim, dass ich so gut vorbereitet bin – ich könnte mein Lied bei Bedarf im Tiefschlaf singen. Denke ich so. Und dann kommt natürlich alles anders.
Die Prüfer wollen, dass ich das Lied singe wie ein strammer Unteroffizier zur Erbauung seiner Kameraden. Zum ersten Mal bereue ich, dass ich nicht beim Bund war. Als nächstes soll ich wie ein Fünfjähriger vor den versammelten Onkels und Tanten singen. Ich hänge mich voll rein und ernte ein Schmunzeln von einer Prüferin. Merke mir die Richtung, in die ich künftige Charme-Attacken plane.

Am späten Nachmittag sollen wir alle eine zweite Rolle vorspielen. Nach drei Sätzen werde ich unterbrochen, bekomme eine Partnerin. Dann soll ich sie mit meinem Text abwechselnd beschimpfen, umschmeicheln, erheitern, anklagen und ihr meine Liebe gestehen. Sie muss lachen über dieses absurde Wechselspiel, ich kann nicht anders und lache mit. „Danke, der Nächste bitte.“
Die Nächste spielt eine Brunnenszene, in der sie ihrem Wasserkrug ihr Herz ausschüttet. „Gehst du mal dazu und spielst den Krug.“ Ein Krug, ich? Wie zum Henker spielt man einen Wasserkrug? Und bin ich jetzt eigentlich leer oder voll?
Schließlich ziehen die Prüfer sich zur Beratung zurück, drei Stunden lassen sie uns schmoren. Am Ende des Tags nehmen sie nur eine aus unserer Gruppe. Mir sagen sie, ich hätte teilweise nicht genug auf ihre Eingaben reagiert. Und beim Singen hätte mir die richtige Energie gefehlt.
Ich fühle gar nichts. Vor ein paar Minuten war ich wenigstens noch hungrig und müde, jetzt ist da nur noch diese Taubheit und das stumpfe Empfinden nicht zu wissen wohin mit mir. Katrin lächelt mich schwach an. „Mach bloß weiter. Du schaffst das schon noch. Tu dir jetzt erst mal was Gutes.“ Ich nicke unter großer Kraftanstrengung. Ich sage nichts, weil ich keine Worte habe. Ich wüsste auch nichts zu sagen. Und was mir jetzt gut tun würde – mir fällt einfach nichts ein.

9

Diesen Text mochten auch

40 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    scheiße.... das ess schwer ist war mir immer bewusst. dass es so schwer ist nicht.
    danke für deinen realistischen erfahrungsbericht ;)

    07.11.2008, 15:22 von frauprompelmeier
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Mann, wie gut ich das nachvollziehen kann.
    Reinster Psychoterror, diese Aufnahmeprüfungen.
    lg

    12.10.2008, 13:34 von Aornis
    • Kommentar schreiben
  • 0

    du bist nicht alleine! traum leben und durchhalten, werd ich mir auch noch oft genug sagen müssen, die nächsten wochen!

    01.02.2008, 10:35 von monkine
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wirklich gut eingefangen. So sieht man mal, wie es bei so einer Aufnahmeprüfung wirklich abgeht. Und wie schwer es sein kann, seinen Traum zu leben. Viel Glück weiterhin!

    22.10.2007, 11:00 von scrambled.egg
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Nur das machen was man wirklich will!

    28.05.2007, 23:50 von SchachFroschQueen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Danke! Sehr netter informativer Text.
    Er fiel mir gerade wie gerufen in den Schoß.
    Gestern hab ich mich endgültig dazu entschlossen,die Sache anzugehen.Ein bisschen Angst hab ich jetzt -auch nach all den Kommentaren- schon,aber ich werds wohl versuchen.Bald gehts dann ab nach Köln,allerdings erstmal nur zum Schnupperkurs.Falls jemand Erfahrungen bezüglich Köln hat:Ich würde mich über Infos freuen.

    24.05.2007, 08:51 von -pennylane-
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schön ehrlich. Nicht dieses übliche 'Scheitern mit Happy End'-Wischi-Waschi, das wohl irgendwie die verlorenen Seelen dort draußen motivieren soll, aber eigentlich ein unbestimmtes Gefühl von: Wieso hats der geschafft und ich nicht" verbreitet.
    Auch einfach mal damit zu schließen, dass einem gerade einfach nichts einfällt, ohne gleich die nächsten Zukunftspläne aus dem Hut zu zaubern. Es herrscht sonst nämlich immer so ein kollektiver Rechtfertigungszwang...dabei fällt uns doch in Wirklichkeit allen nichts ein...

    15.05.2007, 11:44 von Wolkenkuckucksheim
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare