FrauSettergren 08.10.2010, 10:29 Uhr 28 19

Büro oh oh.

Wir hören die schwere Eisentür der Tiefgarage zu knallen. Er kommt. Wir schenken uns einen mitleidigen Blick und da schwingt sie auf, die Bürotür.

Heute hat er einen guten Tag. Die Art, wie er Türen öffnet, ist ein Indikator für seine Laune. Ein Stimmungsbarometer. Die Schwinger bedeuten, dass man innerhalb der nächsten 30 Minuten mit keinem cholerischen Anfall oder verbalen Angriff rechnen muss. Dass gute Laune aber für sein Umfeld fast genauso schlimm ist wie schlechte Laune, macht die Sache nicht besser. "Na Mädels! Wo ist mein Kaffee?" Meine Kollegin springt vom Stuhl, um ihm seinen Extrawurst-Latte-Macchiato zu machen. Mit Schokolade IM Kaffee und Zimt AUF dem Milchschaum. Und umrühren, bitte. Das bitte habe ich dazu erfunden, dieses kleine Wörtchen existiert in seinem Sprachgebrauch nicht. Meine Kollegin macht das schon seit 5 Jahren und ich frage mich, ob oder wie oft sie ihm schon in den Kaffee gespuckt hat. Ich schon 2x. Und ich bin erst zwei Monate hier.

Er klatscht in die Hände. Eine unnötige, lächerliche Motivationsgeste, die irgendwann in der ganzen Chakka-we-can-do-it-Ära entstanden und Führungskräften eingeimpft worden sein muss. Ich schenke ihm einen desinteressierten Blick. "Na Frau Settergren, was haben Sie denn da wieder an?" Ach schön. So beginnen wir also den Tag. Ich trage ein Boho-Blümchenkleid mit Cowboystiefeln und einen Blazer. Ich bin mir der Coolness meines perfekten Outfits bewusst und hebe nur müde die linke Augenbraue. Dieses Spielchen hat am Anfang funktioniert, aber seit dem ich weiß, dass der Chef sich nur und ausschließlich in der Farbe schwarz zeigt, diskutiere ich nicht mehr über Mode. Das wäre wie Perlen vor die Säue. Ein mal habe ich ihm gesagt: "Wissen Sie, Herr Chef, wenn man so wenig Ahnung von Mode hat, ist es nur natürlich, sich jeden Tag schwarz anzuziehen." Er hörte auf zu lächeln und was ich die nächsten drei Tage erleben musste, war kein Konter der Welt wert. Besser man schweigt. Und ist dankbar.

"Was Sie hier lernen, das ist unbezahlbar. Eigentlich müssten Sie mich bezahlen!" sagt er, während er mir zum tausendsten Mal die Amatur seines Cayennes erklärt. Ich könnte jetzt nicht nur als Porsche Elektrik-Fachmann arbeiten, nein. Ich könnte auch zum Militär und rein theoretisch eine F-22 Raptor fliegen. Oder ein U-Boot der Los Angeles Klasse steuern. Dass ich mich, seit dem ich für ihn arbeite, täglich im Defcon 3-Modus befinde, ist ihm egal. Merkt er gar nicht. Was andere Menschen über ihn denken könnten, interessiert ihn so sehr wie der Nervenzusammenbruch meiner Kollegin auf der Toilette. "Sie glauben doch wohl nicht, wenn ich auch nur zu irgendjemandem nett wäre, dass ich all das hätte, das ich jetzt habe? Ich bin zu niemandem nett, nicht mal zu meinen Eltern!" Ich empfinde tiefes Mitleid. Nicht für ihn, sondern für seine Mutter, die bei der Geburt dieses Höllenschweines sicherlich unerträgliche Qualen erlitten hat und bestimmt heute noch das dringende Bedürfnis verspürt, ihn wieder zurück zu stopfen. In die Tiefen ihres Leibes oder sogar zurück in den Hoden ihres Mannes.

Apropos Hoden, eine Freundin hat dieser Mensch auch. Ich habe mal den Versuch gestartet, etwas liebenswertes an ihm zu finden. Nach 2 Stunden habe ich aufgegeben. Es wäre eine Doktorarbeit, die mehrere Tage beanspruchen würde. Ein Mann, der von innen genauso hässlich ist wie von außen, der keine Hemmnungen hat, auf Socken durchs Büro zu laufen, weil er juckende, nässende Stellen unter den Füßen hat - und dieses auch ungefragt seiner Umwelt mitteilt - und prinzipiell alles anschreit was weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist, darf nicht geliebt werden. Die Freundin schreibt ihm liebe E-Mails in die Agentur. E-Mails, die wir alle lesen können. Wenn ich ihn anspreche, lacht er und sagt: "Die ist so doof, ich hab der das schon tausend Mal gesagt. Dann soll sie sich doch zum Affen machen, mir ist das egal." Letztens hat er auf einem Boot eine andere Frau kennengelernt. Eine Frau, mit der er augenscheinlich schlafen möchte. Um an dieses Ziel zu kommen, braucht er einen Komplizen. Der bin unfreiwilligerweise ich. Meine Aufgabe, ihr eine lustige Flirt-Email zu schreiben, die nicht zu anrüchig sein darf, lehne ich ab. Er fragt noch mal nach, ob er mich richtig verstanden hätte. Nicht ohne theatralisch mit seinem Finger vor meinem Gesicht herumzufuchteln. Ich bejahe. Und es geht los. Er zielt mit seinem verbalen MG3 auf mich und drückt ab. Ich denke an Menschen, die ich liebe und an die Kinder in Afrika. Die haben nämlich keine Arbeit. Ich atme ein. Und aus. Breathe in with anger. Breathe out with love.

Nach 25 Minuten habe ich es überstanden. Ich bin mehrere Nerven leichter und einen Tinnitus reicher, denn von einem natürlichen Abstand zu anderen Personen hat er noch nie etwas gehört. Ich schreibe diese Scheiß-E-Mail. Bewußt übertrieben freundlich, so dass die Dame nach 3 Minuten in seiner Anwesenheit spüren muss: Dieser Mann hat einen Ghostwriter. Ich überlege noch kurz, ob ich abschließend ein: "Und rasier dir bitte die Muschi" einbaue, verwerfe den Gedanken allerdings. Erneutes Gebrülle lässt mich aufhorchen. Meine Kollegin liegt nun auf dem Opfertisch. Ich kann beide nicht sehen, aber ich weiß, dass sie verschüchtert wie ein Mäuschen vor ihm sitzt, während er mit hochrotem Kopf und spuckend vor Zorn auf sie einschlägt. Verbal. Ich schnappe mir mein Handy und nehme den unkontrollierten Gefühlsausbruch auf. Mutig wage ich mich direkt an die Tür, während diese aufgerissen wird. Verhaltensgestörter Kaspar-Hauser-Chef rennt in mich hinein. "WAS MACHEN SIE DENN HIER?" Er wartet gar keine Antwort ab und dampft in die Toilette. Bestimmt zieht er jetzt 'ne Line oder heult in seinen Ärmel.

Vier Tage später sitzt er neben mir. Weil ich 1x (ein einziges Mal) in einen falschen Ordner klicke, schreit er mich an. Dieses Mal sind es keine 25 Minuten, sondern 40. Tränen steigen mir in die Augen und ich kneife mir unauffällig in die Hand. Du fängst jetzt nicht an zu heulen, auf keinen Fall fängst du vor diesem Typen an zu heulen. Ich schaffe es. Er lässt von mir ab, steht auf. Ich sitze regungslos vor dem Bildschirm. Blicke auf meine Kollegin, die Tränen in den Augen hat. Sehe, wie müde und alt sie aussieht, obwohl sie in meinem Alter ist. Und da wird mir klar, was ich zu tun habe. Ich will keine chauvinistischen Sprüche mehr, keine sexuellen Anspielungen, keine Wutanfälle, keine schlechten Witze, kein Ego-Gestreichel, keine Hand auf meiner,wenn ich die Maus bediene, keine Sklaverei und erst recht will ich nicht mehr täglich sehen müssen, wie er andere Menschen behandelt. Ich öffne ein Word-Dokument und schreibe. Er kommt zurück ins Büro. Hat sich beruhigt. Macht wieder einen auf Friede, Freude, Eierkuchen. Ich drehe mich zu ihm und sage: "Herr Chef, haben Sie einen kurzen Moment?" Er lächelt mich an, völlig schizophren. Und liest mein Schreiben. Lächelt nicht mehr. Er will etwas sagen, ich merke, wie sich sein unkontrollierbarer Ärger einen Weg nach außen bahnen will. Aber ich lasse ihn nicht. Stehe wortlos auf, umarme meine Kollegin und verlasse die Geisterbahn. Dies war meine letzte Fahrt mit dem Verrückten.

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28 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Tja, irgendwie fällt mir zum Thema unangenehme Chefs noch dieses Liedchen ein:
    http://www.youtube.com/watch?v=trD8ZbCnNcQ&feature=more_related
    (für alle mit Nerven aus Stahl, einer Gasmaske und keiner Alternative zum Job :-/ )

    11.10.2010, 20:36 von Cyro
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    @MissKelly "...dass man fair und nett behandelt wird wenn man überheblich daher kommt und dem Chef sagt er kann sich nicht vernünftig anziehen. Überflüssige Provokation und auch ein Stück weit dumm." Da muß ich dir 100% Recht geben! Diese Reaktion schien mir auch total ungeschickt und nicht gerade vorausschauend. Zumal der Typ tatsächlich weder was dafür kann wenn er sich nicht besser anzuziehen weiß, noch hat wäre so ein Hinweis im Büroleben generell angemessen. Da wurde gleiches mit gleichem vergolten und sich dann gewundert...

    11.10.2010, 17:05 von NormaGee
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    ist das nen praktikum? sorry, aber im normalen arbeitsleben kannst du weder mit blümchenkleid und cowboystiefeln ins büro gehen, noch dem chef nach 2 Monaten sagen, dass er keinen Sinn für Mode hat. Du kannst natürlich so ins Büro gehen wenn es sich um die Modebranche handelt, dann wäre die Aussage ggü dem Chef allerdings noch tödlicher...

    11.10.2010, 12:38 von MissKellyMojo
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      @MissKellyMojo Was ist denn schon 'normales Arbeitsleben'? Je 'kreativer' die Branche, desto egaler das Outfit. Das wird wiederum mit steigenden Budgets und Größe der Kunden wieder relativiert. »noch dem chef nach 2 Monaten sagen, dass er keinen Sinn für Mode hat.« Wieso denn eigentlich nicht?

      11.10.2010, 13:07 von sailor
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      @sailor Weil Büro auch heißt "Leben und Leben lassen". Mal ganz davon abgesehen davon, dass man nicht davon ausgehen braucht, dass man fair und nett behandelt wird wenn man überheblich daher kommt und dem Chef sagt er kann sich nicht vernünftig anziehen. Überflüssige Provokation und auch ein Stück weit dumm. Ich meine warum sollte ich demjenigen der mein Gehalt zahlt oder verantwortet was blödes sagen? Birgt das irgeneinen Vorteil? Nein! Im Gegenteil. Aber das lernt man halt erst nach ner Zeit.

      11.10.2010, 15:29 von MissKellyMojo
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      @MissKellyMojo Ich bin ja der grundsätzlichen Überzeugung, das eine Geisteshaltung, wie du sie beschreibst (ohne Dir unterstellen zu wollen, das Du sie hast), zu solchen Ausfällen führt, wie ich sie oben beschrieben habe. Das auf einmal irgendwelche Vollidioten (resp. Vorgesetzten) Dankbarkeit erwarten, weil man ja arbeiten dürfe und so weiter. Man kann sich 'vernüftig' anziehen, ohne einen blassen Dunst von Mode oder Geschmack zu haben... Schwarze Jacketts zu Blue Jeans beispielsweise gelegentlich bei Leuten, die meinen das sie damit unfallfrei durchs Arbeitsleben kommen... Ob die Provokation überflüssig war oder nicht, erschließt sich mir nicht aus dem Text, jedenfalls steht ja im Anschluss an besagten Satz: »Er hörte auf zu lächeln und was ich die nächsten drei Tage erleben musste, war kein Konter der Welt wert. Besser man schweigt.« Ich persönlich finde btw. eine hochgezogene Augenbraue auf überflüssiges maliziöses beschreiben des Outfits eine angemessene Reaktion.

      11.10.2010, 15:48 von sailor
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      @sailor ich finde jedenfalls nicht, dass es dazu führt. das gehört einfach zum gesellschaftlichen einleben dazu. ich hab halt schon in der schule gelernt, dass es herzlich wenig bringt den lehrer ein arschloch zu schimpfen. aber muss ja nicht jeder die meinung haben - ich versuche da jedenfalls das credo "die gedanken sind frei" zu beherzigen und halte mich lieber ob meines vorteils zurück.

      11.10.2010, 23:39 von MissKellyMojo
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      @MissKellyMojo Nur weil er ein Lehrer ist und er (in bestimmten Dingen) an einem längeren Hebel sitzt? Ich neige auch da zum differenzieren.

      12.10.2010, 08:58 von sailor
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    Klasse geschrieben ! Aber bei dem Gedanken das es die Realität ist, bin ich für Einführung der Todesstrafe für cholerische Arschgeigen !

    11.10.2010, 10:50 von Julez_80
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      @Julez_80 "chef" und "kompetenz" liegen in den meisten fällen - immerhin ein bisschen differenz - lichtjahre auseinander. mein bruder hat ein ca. 15 jahre jüngeres dickes und "vernerdetes" jüngelchen vor die nase gesetzt bekommen. der ist chef geworden, weil er zwei semester e-technik in tokio studiert hat. und alles verehrt, was im ansatz nach "apple" aussieht. super. gibt es probleme, sagt dickie, wie es gemacht wird, "ich möchte, dass ihr es so macht, versteht ihr, was ich meine?" nein. der hochleistungsprogrammierer aus moskau, der das schon 30 jahre macht, versteht das zwar, macht es aber trotzdem anders und effizienter. dieses kleine "chefchen" ist irgendwie einfach absolut sinn-und zwecklos. aber er hat ein "iPhone". das kann ihm keiner mehr nehmen.

      11.10.2010, 11:01 von lavish
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      @lavish Oh... 'e-Technik' und 'Apple' widerspricht sich, in der Tat...

      11.10.2010, 11:15 von sailor
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    keine Hand auf meiner,wenn ich die Maus bediene
    baah da schüttelt's mich richtig.
    toller text, schöner humor.

    11.10.2010, 10:18 von future.senses
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    saugeil geschrieben..gefällt mir!

    10.10.2010, 20:10 von Koecherfliege
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    Auch ich bin schonmal gegangen. Allerdings aus dem Grund, dass ich die einzige Mitarbeiterin in dem Büro war und irgendwann gemerkt habe, dass ich auf niemanden zählen konnte. Dazu war ich weit weg von meiner Heimat, und irgendwann reichte es mir. In dem geschilderten Fall scheint sich Chef seine Angestellten wirklich super erzogen zu haben... Jeder ist anders, ich zum Beispiel lasse mir Schimpftiraden nicht bieten. Allerdings würde mir dieser Chef dann wohl seinerseits die Kündigung geben- wem geht es dann besser.... Dem stillen weiterhin Angestellten oder mir in der Arbeitslosigkeit? Schwierig... Kommt wohl auch drauf an, wie gut man einen neuen Job bekommt.

    10.10.2010, 14:16 von Iris191
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    Ich gehe davon aus, dass der Text überspitzt dargestellt wurde. Mir gefällt der Erzählstil, auch wenn ich an mancher Stelle gekürzt hätte.
    Ich hatte wie so viele auch mal einen cholerischen Chef, dem man nach dem Mund reden musste, um nicht angeschrien zu werden. Nach 3 Monaten habe ich gekündigt, weil ich es nicht einsehe, einem Menschen zu Geld zu verhelfen, der so mit anderen Menschen umgeht. Ein klärendes Gespräch habe ich natürlich auch eingefordert, bei dem er nicht mehr zum Schreien in der Lage war.
    Ich kenne auch Betriebe, in denen sich ganze Abteilungen abgesprochen haben und zeitgleich mit selbiger Begründung gekündigt haben. Wenn der Chef dann nicht ins Grübeln kommt, weiß ich auch nicht. Sobald Existenzängste auftauchen, sind auch Arschloch-Chefs in der Lage, sich zu ändern.

    10.10.2010, 14:03 von nyx_nyx
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    Meine absolute Horrorvorstellung. Da kann ich aber nur meinen derzeitigen Chef loben- der trinkt den Kaffee aus der gleichen Thermoskanne wie wir und wenn er den letzten Tropfen rausholt, setzt er neuen auf. Ob er UNS dann reinspuckt, ist mir nicht bekannt *g*-

    10.10.2010, 13:51 von Pirkko
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