weAreAnimals 27.11.2012, 15:40 Uhr 14 11

Bis das Zuckerbrot wieder hochkam

Juri war niemand den sie mochten.

Juri war niemand den sie mochten. Juri war von vornerein der komische Kauz, mit dem schmierigen Haar der seine Brille nicht oft genug putzte.

Keiner sah in Juri etwas anderes als den Neuen.

Er kam ins Team dazu, angekündigt als einer der großen Köpfe unserer Zeit.  Und das war er auch. Ein brillantes Genie, versteckt unter fettiger Haut, großen Poren und einer Brille die zu Stalins Zeiten modern sein wollte, es aber nie war.

Er wurde vorgestellt mit großen Worten und so dass es Jeder hörte. Doch als er dann wirklich da war, als es daran ging mit ihm zu arbeiten, wollte ihn niemand ernst nehmen. Niemand hätte ohne ihn gekonnt, nach nur kurzer Zeit machte sie der junge Mann unentbehrlich, doch gleichzeitig behandelte ihn niemand so. Lediglich sein Gehalt verriet ihm, dass man ihn brauchte. Scheinbar.

 

Wenn er in seinem Labor saß, der Kittel zu groß, die Schultern gestrafft, so dass er von ihm fiel wie ein Vorhang, dann sah er oft die Leute an seiner Tür vorbeihuschen, in Gesprächen vertieft, lachend, beschäftigt, motiviert.

Nie fragte ihn jemand wie es ihm ging. Niemand wusste was er tat.

Alles was sie fragten war geschäftlicher Natur, und Juri hatte nie den Mut gefasst, diesen unfreundlichen Gesichtern ein Gespräch anzubieten, deswegen saß er nun auf seinem Laborstuhl, ein teures Modell, wahrscheinlich hatte sonst niemand etwas Vergleichbares im Haus. Ausgenommen der Chefetage.

 

Er drehte sich. Schloss die Augen und entsann sich einer Zeit, zu der er noch keine Brille trug. Zu welcher es egal war, ob man dick war oder dünn. Zu einer Zeit, als man sich auf Karussellen drehte, im Kreis flog und nur Lichter sah, überwältigt vom Moment.

Das waren eben jene Augenblicke, die man wiederholen wollte, so oft, bis ihnen ihr Zauber abhandenkäme, um es dann zu bereuen.

Bis das Zuckerbrot wieder hochkam.

Bis keiner mehr da wäre, der das Karussell anstupste.

So drehte Juri sich. Sein fettiges Haar peitschte ihm ins Gesicht und er drehte sich durch den ganzen Raum.

 

Die Tür zum Labor wurde aufgestoßen.

„Juri. Was machst du da?!“

Annabell stand in der Tür und hielt sie mit der linken Hand offen, in der rechten hatte sie Akten. Er konnte nur ihr blondes Haar erkennen und ihre roten Lippen. Benommen saß er da, während sich alles ohne ihn weiterdrehte.

„Ich habe hier etwas für dich.“, sagte sie, legte die Papiere auf seinen Schreibtisch und verließ den Raum ohne ihn ein weiteres Mal anzuschauen.

 

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14 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Gut, Juri hat fettige Haare. Finde ich abstoßend.

    02.12.2012, 16:16 von Morgenfee
    • 0

      Oh, eine Morgenfee ... dann schwing doch mal den Zauberstab und schenke Juri die Erkenntnis, wie er zu einem sozial akzeptierten Menschen wird, und gib ihm auch die Kraft, den inneren Schweinehund zu überwinden und alles Notwendige dafür zu tun.
      wobei.. na ja, es ist schon gefährlich wenn du ihm als Fee erscheinst, zumindest wenn er drauf sein sollte wie der Typ in diesem Lied :)


      03.12.2012, 10:12 von Cyro
    • 0

      Duschen und Deo benutzen hilft ungemein.

      07.12.2012, 09:33 von Tanea
    • 0

      Hygiene würde ihn erst einmal weiter bringen. Dann schauen wir mal weiter :-D Ich würde Juri auch verteidigen, wenn es hart auf hart käme. Aber nicht wenn ich mich ekele..

      09.12.2012, 18:59 von Morgenfee
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  • 1

    Es ist traurig zu lesen, dass es Juri scheinbar nicht möglich ist, sich unter Menschen / seine Kollegen zu begeben. In mir hat der Text so eine Art Bedauern oder Mitleid mit Juri ausgelöst. Ich erkenne darin allerdings nicht, dass Juri sich verliebt.

    01.12.2012, 00:25 von topfbluemchen
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  • 0

    Juri hat sich verliebt.

    30.11.2012, 09:34 von Tanea
    • 0

      Na ja, ob die Sehnsucht nach sozialer Anerkennung / Gruppenzugehörigkeit  (in diesem Fall bei den Kollegen)  gleich in Verliebtheit umschlägt, weiss ich nicht. Aber möglich ist es natürlich, wenn man(n) einem attraktiven weiblichen Wesen begegnet.  Mehr als eine mögliche Verliebtheit  gefällt am Text, dass er wieder mal bewusst macht, wie falsch es ist, Menschen aufgrund von reinen Äußerlichkeiten zu beurteilen.

      30.11.2012, 11:38 von Cyro
    • 0

      Na, durch das kreiseln gabs ne vermehrte Hormanausschüttung, die Freude produziert hat. Wenn einem dann ein möglicher Sexualpartner über den Weg läuft ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich verliebt (oder denjenigen attraktiv findet) höher. Kennst du das Brückenexperiment?

      30.11.2012, 12:07 von Tanea
    • 0

      Nein, aber jetzt bin ich neugierig.

      30.11.2012, 12:10 von Cyro
    • 1

      Hab mal den erstbesten Artikel genommen, bei mehr Interesse kannste ja selbst noch googeln.

      30.11.2012, 12:12 von Tanea
    • 0

      Die anderen 9 vorgestellten psychologischen Versuche sind auch zum Teil sehr interessant.

      30.11.2012, 12:17 von Tanea
    • 0

      hehe, cool.

      07.12.2012, 09:29 von halbkindmf
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  • 2

    Manchmal sind wir eben keine Menschen mehr in unserer Gesellschaft. Wir funktionieren, und wenn wir nicht mehr da sind, dann funktioniert auch ohne uns alles weiter, auch wenn man das Gefühl hat, ohne einen selbst geht es nicht. Die Unentbehrlichkeit ist entbehrliche geworden. Der Mensch auch, manchmal.

    29.11.2012, 19:19 von marco_frohberger
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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