Honigmelone 06.11.2016, 14:01 Uhr 1 5

Bart als Beruf - Hotel Singhammer 2

Elias Hoffmann machte die Augen zu. Der Zahnputzbecher war zu viel, selbst für einen Wallfahrtsort over the top.

Wenn die Möbel in seinem Zimmer schon mit grellbunten Heiligen vollgeklatscht waren und die Wände mit debil grinsenden Putten tapeziert, musste auf dem Zahnputzbecher nicht auch noch der verdammte Fingerzeig Gottes kleben. Das hielt ja der verblendedste Papist im Kopf nicht aus. Volkskunst und Leonardo in einem Badezimmer, really.

Elias war Protestant, zumindest behaupteten das seine Steuerunterlagen. Tatsächlich hielt ihn nur der zeitlich unbestimmte Aufenthalt in einer deutschen Behörde mit ihrem widerwärtigen Nummerzetteln und Drahtmöbeln von seinem Abschied aus seiner Lutheranischen Landeskirche ab. Welche Landeskirche das finanziell betroffen hätte, wusste Elias so genau auch nicht mehr. Und dass er jetzt nun allein deswegen gezwungen war, sein Dormicum im Dunkeln runterzuspülen, war ja wohl das Letzte.

Aber, well, das passierte eben, wenn sie im Booking ihr Gehirn nicht benutzten und Verträge zusammenschlampten, in denen auch die Unterbringung in Drei-Sterne-Hotel erlaubt war. Dabei hatte Elias Jason mittlerweile gefühlte siebenundzwanzig Trillionen Mal erklärt, dass Hotels unter vier Sternen nicht gingen, quasi unbewohnbar waren. Dass es dieses Level unabdingbar brauchte, um Ausfälle wie Chagall-Kunstdrucke und Fußnägel im Teppichboden zu vermeiden und ein grundlegendes Verständnis für Hoteldesign sicherzustellen.

Nicht einmal ein veganes Frühstücksbuffett war so gewährleistet. Gestern hatte Elias‘ Frühstück aus einer Grilltomate bestanden, von der er den Mozzarella runtergezuppelt hatte und einer Handvoll Staudensellerie, die eigentlich als Dekoration für den Tomatensaft vorsehen war. Und in der Minibar fehlte immer noch der Grapefruitsaft. Das war doch kein Leben! Notgedrungen öffnete Elias seine Augen und rief Jason an, um ihn darauf hinzuweisen, dass er immer noch ein international erfolgreiches Bartmodell war.

Yeah, yeah, seufzte Jason leicht genervt und nuschelte etwas von einem Liebhaber-Nischenmarkt und schwieriger Unterbringungssituation in den Alpen: „Es ist tiefstes Oberbayern, Alta.“ Elias konnte so viel ignorante Berliner Hipster-Faulheit nicht fassen und wies ihn darauf hin, dass es in Garmisch-Partenkirchen – nur gut 85 Kilometer von Hopfenhofen entfernt – durchaus angemessene Übernachtungsmöglichkeiten gegeben hätte. „Ich habe das genau recherchiert!“, sagte er. Jason fing an, milde Elias‘ bisherige, nicht gerade berauschende Monatseinnahmen vorzulesen. „Du kaust doch nicht etwa Kaugummi?“, schnappte Elias entsetzt und legte auf.

Er atmete tief durch und öffnete dann auf der Suche nach etwas Essbarem die Minibar. Bevor er verhungerte, nahm er lieber die Erdnüsse und stürzte sie sich – nun wieder mit geschlossenen Augen – in den Mund. Mit offenen Augen hätte er es sich nicht verkneifen können, die Zutatenliste auf verdächtige Inhaltsstoffe zu überprüfen. Und diese Nüsse waren mit ziemlicher Sicherheit eben nicht vegan. Entkräftet legte er sich auf das viel zu weiche Hotelbett und starrte an die Decke. Sie war weiß. Heureka!, dachte er und lachte leise vor sich hin

Wahrscheinlich war er selber schuld. Hopfenhofen war ein Fehler. Das Craft-Beer-Festival war ein Fehler. Niemals hätte er sich von Andi und Schlukas belabern lassen dürfen. Aber die beiden hatten so lieb gefragt, ob er Markenbotschafter für das Bartöl werden wollte, das sie gerade zusammen mit Andis Apothekermutter entwickelt hatten. Trickreich hatten sie ihm in Berlin mit fränkischem Bier aufgelauert und ihm erzählt, dass sie etwas ganz Besonderes für ihn planten. Dann hatten sie die alten Geschichten ausgepackt. Andi, der immer noch Lothar-Matthäus-Fan war und Schluckas, der den irren Charm eines protestantischen Kneipenschlägers ausstrahlte. Wie hätte er das nein sagen können?

Andi, Schlukas und Elias waren zusammen aus Gymnasium gegangen, damals in Herzogenaurach. Andi und Elias, beide Beamtenkinder, wohnten ein paar Straßen von der Schule entfernt, Schlukas war jeden Tag um sechs von seinem Heimatbauernhof in die Stadt gependelt. Erst hatten die beiden das Landkind skeptisch beäugt, doch dann hatte Schlukas einmal im Chemieunterricht seinen Furz angezündet. Seitdem war Andi beeindruckt und Elias verliebt. Wenn Schlukas nun mit der gemeinsam kahl rasierten Katze anfing, der Paisley-Park-Disko in Erlangen oder den Pommes-Döner-Boxen von Antalya im Bahnhof. Wenn Andi detailliert schilderte, wie sie damals zusammen stundenlang vor dem Adidas-Outlet rumgelungert hatten und wie traurig es war, dass Elias seinen Bart zum Beruf gemacht hatte und nun in Berlin wohnte.

Wie konnte da Elias nicht sagen: „Ich habe die Katze übrigens später noch einmal gesehen. Das Fell war ganz regelmäßig nachgewachsen. Traumatisiert hat sie auch nicht gewirkt. Es war also gar nicht so schlimm für sie.“ Und dann sagen: „Ja, natürlich werde ich euer Markenbotschafter.“ Dass sie danach den einzigen Rauchbier-Ausschank in Berlin gefunden hatten, war absolut magisch gewesen. Nach fünf Rauchbieren hatte Schlukas Elias dann geküsst, aber das kam bei ihm öfter vor und bedeutete eigentlich nichts. Bei der Gelegenheit hatte Schlukas von dem vielen Rauchbier nach flüssigem Schinken geschmeckt. Am nächsten Tag hatte Elias ganz gegen seine Gewohnheit darauf verzichtet, den Vertrag durchzulesen und einfach so unterschrieben.

Tja, und jetzt war er verpflichtet, tagelang am „Cringle“-Stand zu stehen und sich von den Besoffenen des Craft-Beer-Festivals beglotzen und anatmen zu lassen. Manche schnüffelten auch an seinem Bart herum oder zupften daran. Einige waren so besoffen, dass sie die Feinmotorik nicht mehr hinbekamen und einigermaßen schmerzhaft an seinem Kapital rissen, es in Unordnung brachten oder beschädigten. Es gab auch eine Handvoll hübsche Jungen und liebe Mädchen, die nur Selfies machen wollten. Ein Lichtblick. Die Anwendervorteile und Inhaltsstoffe, die Elias mühsam auswendig gelernt hatte, wollte allerdings nie jemand hören.

Allmächd, seufzte Elias auf seinem Hotelbett und fixierte weiter die Decke. Sie war immer noch weiß. Der Gedanke, sich in wenigen Stunden wieder den ganzen Strapazen aussetzen zu müssen, machte ihn sehr müde. Zugegebenermaßen war ein Teil der Wirkung auch der Schlaftablette geschuldet, die er vor ein paar Minuten genommen hatte. „Ich habe ganz vergessen, die Bartmaske aufzutragen“, dachte er noch, bevor er sich einrollte. „Ich werde langsam genau so faul wie der Rest. Die Welt geht vor die Hunde.“

Dann schreckte er hoch. Draußen war es laut. Eine Frau brüllte herum. Oh Mann.

„Diebe! Diebe!“

Mühsam schleppte sich Elias ans Fenster und schob seine Lider nach oben.

„Anna! Was machst du denn hier?“, rief er überrascht.

Die Frau hörte auf zu Schreien drehte sich um.

„Sie haben den Redaktionsgolf geklaut! Bist du das Elias?“

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1 Antworten

Kommentare

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    Hihihi, ich mag deine Sachen ja immer!!!

    17.07.2017, 22:07 von Gluecksaktivistin
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