ringerman 27.02.2009, 09:24 Uhr 7 5

Arbeiten, wo andere vögeln…

Wow! Toll! Du arbeitest in einer Werbeagentur? Machst diese hochdekorierten Headlines? Oh, will ich auch... VORSICHT!

Ich bin mies gelaunt. Kurz nach nach Wochenende sitze ich wieder in meinem ganz persönlichen kleinen Knast. Gemeint ist mein Büro in der Agentur, eine kleine Denkzelle, zwei Meter breit, vier Meter lang. Ein Computer, eine Schreibtischlampe, ein paar Bücherregale, ein paar Fotos an den Wänden. Manchmal komme ich mir schon recht eingesperrt darin vor. Es ist wohl nicht verwunderlich, dass mich alle paar Jahre die Reiselust packt.

Hier in der Agentur ticken die Uhren anders. Alles ist immer so wichtig. Ein Kunde, der Düngemittel herstellt, braucht für seinen Messeauftritt bedruckte Fahnen bis Mittwoch. Innovativ soll es sein, was da drauf steht. Ich seufze. Mir fällt gerade nichts Innovatives zum Düngen ein. Gleich am Vormittag kommen ein Marketingleiter und ein Produktmanager einer großen Versicherung. Besprochen werden Maßnahmen zur Bewerbung einer neuen Kombiversicherung. Während des Meetings muss ich dann und wann das Gähnen unterdrücken.

Ich habe mir das selbst ausgesucht, Werbetexter. Das kann höllisch lustig sein. Für die Recruiting-Kampagne einer Agentur, die in einem Stadtteil Hamburgs wohnt, in dem sich die meisten privaten Bordelle befinden schreibe ich: „Arbeiten, wo andere vögeln“ Mit solchen Sprüchen kann man Preise gewinnen. Auf Werberveranstaltungen, versteht sich.

Meine Arbeit halten die Nichteingeweihten gewöhnlich für wild romantisch. Die Vorstellungen sind meist stereotyp: Der Texter sitzt in Armani-Klamotten an seinem Designerschreibtisch. Vor ihm ein hübscher Rechner, auf dem ein Apfel leuchtet. Kurz vor dem Lunchbreak macht es „Pling!“, der Texter schnippt wie einst Wicki (der furchtlose kleine Wikinger aus dem Kinderprogramm) mit dem Finger und schreibt auf: „Vorsprung durch Technik“. Anschließend lobt er sich sofort selbst: „Wow! Wieder `ne Million verdient.“

Dann wird sich bei einem Edel-Italiener mit Prosecco geduscht, während ununterbrochen unterarmlange Scampis gereicht werden, bevor man sich in das alte Triumph-Coupé stürzt, um zur Loftwohnung zu fahren, in der eine exotische Maid gerade das Koks hackt. Dazu läuft im rasanten Wechsel entweder Jamiroquai oder Charles Aznavour. Pustekuchen!

Ich sitze bei der Ausfertigung eines langweiligen Produkttextes über ein DECT-Telefon. Sensationellerweise kann man damit in der Wohnung herumlaufen und telefonieren – ohne ein Kabel hinter sich herzuschleppen! Das ist dann aber auch alles, eigentlich. Ein Wohnungs-Handy. Die meisten von den Dingern funktionieren schon im Keller nicht mehr. Oder der Nachbar (ja, genau, der mit der Freundin in Argentinien) hat auch so eins, und weil die Sendestationen der Geräte auf der gleichen Frequenz funken, telefoniert er immer über deine Leitung, oder du hast plötzlich wildfremde Latinas am Hörer, die nach Horst fragen.

Egal – ich bin genervt. Mittlerweile habe ich einen Kunden am Telefon, der sich nicht entschließen kann, ob er jetzt noch mehr Texte für seinen Internetauftritt braucht oder – was ich vermute – nur jemand aus der Agentur nerven möchte, um nachher zu sagen, er hätte einen anstrengenden Tag gehabt. Obendrauf eine Anzeigenstrecke für WLAN-Geräte, deren sagenhaft günstiger Preis auf verblüffende Weise mit den vorsintflutlichen Features harmoniert. Und dann noch einen emotional ansprechenden Artikel über Stressinkontinenz bei Damen zwischen dreißig und fünfundfünfzig.

In meinen kleinen Frustpausen, suche ich im Internet nach Alaska-Bildern. Dort werde ich demnächst hundert Tage verbringen und keine Sekunde an DECT-Telefone, Düngemittel, Stressinkontinenz oder Kombiversicherungen denken. Versprochen."Wichtige Links zu diesem Text"
Das Berufsbild des Werbetexters
Upps, bin ja selbst Texter.

5

Diesen Text mochten auch

7 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    H E R R L I C H! Eine Werberdebatte ;-)

    02.03.2009, 19:49 von ringerman
    • 0

      @ringerman Aber wer teast muss auch mit dem Follow-Up rechnen *kicher*

      02.03.2009, 19:50 von ringerman
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Hm.

    In meiner Vorstellungswelt der gesammelten Stereotypen hatte ich mir einen Werbetexter eigentlich weniger als Armani/Scampi/Sportwagen-Typ, sondern mehr als jemanden vorgestellt, der in Hamburg in einem Szeneviertel in einer Werbeagentur sitzt, eine schwarze Hornbrille auf hat, seinen Job nur mit Zynismus erträgt, alle Kunden und Konsumenten für Deppen hält und glaubt, er wäre eigentlich für höheres bestimmt als für die Betextung von ganz normalen Konsumgütern. Er reist sehr gern (bloß weg hier!) und hat oft das Gefühl, die ganze Welt glaubte, sein Job müsse toll sein, so wie er früher, bevor er in begonnen hat. Er macht diesen Job trotzdem weiter und fragt sich dabei gerne, warum er nicht was anderes macht. Die wahre Antwort kennt er - beantworte sie sich selbst gern aber falsch.

    Mist. Nix davon scheint zu stimmen. ST.Pauli Fan bist Du aber schon, oder?

    02.03.2009, 18:52 von Tim123
    • 0

      @Tim123 St. Pauli? Geh' mir!!! Tim, gib zu, Dich hat der Serienstart von „The Mentalist“ so stark beeinflusst, dass Du jetzt mal schauen musst, ob das auch hier funktioniert. Gib's zu. Glücklicher Weise ist das mit den Stereotypen so eine Sache. Der Werbetexter, der hier schreibt, reiste schon bevor er die Agenturen um den Finger wickelte, verfügt über zwei weitere abgeschlossene Ausbildungen, um jederzeit in andere Bereiche auszuweichen und – jetzt kommt's – hat dem Zynismus just in dem Moment ein Schnippchen geschlagen, als Burnout, Nervkunden- und CD's ihn allzusehr zu quälen versuchten. Jetzt ist er selbstständig, sucht sich seine Kunden aus (weil er's kann) und reist trotzdem weiter. Und sollte mich einmal die Versuchung überfallen, statt ganz normaler Konsumgut-Texte etwas Höheres zu schreiben, dann mach ich's einfach. Viel Spaß beim FC St. Pauli.

      02.03.2009, 19:08 von ringerman
    • 0

      @ringerman Sich dann selbständig gemacht, weil er Chefs/Kunden mit Ende 30/Anfang 40 nicht mehr ertragen konnte und jetzt alles ganz frei nur noch wollen nicht mehr müssen, weil er ja anders könnte, wenn er wollte. Jetzt nur noch das eigene Ding machen...

      Ein totaler Ausbruch aus den Klischees!

      Aber Du hasst wenigstens Appleprodukte?

      02.03.2009, 21:49 von Tim123
    • 0

      @Tim123 ...sich dann selbständig gemacht, weil... (hier folgt ein Scratch-Sound, ein kurzes Rewind, dann geht's plötzlich anders weiter) ... er festgestellt hat, dass die Legowürfel zwischen den nackten Zehen am Morgen nicht nervig sind, sondern wesentlich mehr Impact haben, als eine Art Directors Club Party oder es Spaß machen kann, zu dritt in der Küche einen Kuchen mit Zuckerguss und Smarties vollzuschmieren, um ihn auf dem (hinlänglich als öden Veranstaltung anerkannten) Schulbasar neben die improvisierten Salate und Ökokuchen zu stellen. Dass man dafür die Schauraumfahnen für die innovativen Düngemittel ein wenig warten lassen kann, macht ihn nicht krank, weil er weiss, er muss dem Creative-Director dafür nicht mehr Rede und Antwort stehen. Müssen muss er ja immer noch. Muss ja jeder irgendwie. Ein wenig anders müssen reicht jedoch manchmal schon aus. Und - uuups – das Telefon klingelt. „Nö, den Job kriege ich noch reingequetscht. Schick mal das Material.“ Kurz hochgerechnet, könnte klappen... Der Sohn mit nach Alaska. Vielleicht nicht 100 Tage, aber ein Monat ist doch auch schon mal was...

      03.03.2009, 09:56 von ringerman
    • 0

      @ringerman Das wird ja immer besser! Jetzt sogar das Familienleben entdeckt! Weil es jetzt (?) mehr "impact" hat. Auch schon mal heimlich drüber nachgedacht, dass die Altbauwohnung zwar irgendwie cool und ein Reihenhaus irgendwie uncool ist, aber der Garten doch ganz schön wäre?

      Darf ich jetzt mal auf "rewind" drücken und nochmal bei dem angeblich vorherschenden Bild eines Werbetexters anfangen? Wieviele Werbetexter kennst Du, die dem Armani/Scampi Bild entsprechen und wieviele dem Bild von Dir? Bei mir sind es 0 bzw. 5. Und bei Dir?

      Um Mißverständnisse vorzubeugen: ich mach mich nicht über Deinen Lebensweg lustig. Der ist ganz normal und genauso normal wie meiner. Amüsant hingegen finde ich Deinen Artikel, der sich über angebliche Stereotypen von Nichtwerbern beklagt, die in Wirklicheit aber nur viele Werber selbst haben (siehe auch Kommentare, die hauptsächlich von Werbern kommen). Alle anderen erleben sie so, wie sie sind: als kreative Dienstleister mit einem ganz normalen Job und einem ganz normalen Leben. Ohne Armani. Ohne Scampi.

      03.03.2009, 11:11 von Tim123
    • 0

      @Tim123 Ich denke, die Annahme, das Werber dieses wilde, putzige und koksige Leben haben, ist immer noch verbreitet. Zumindest bekomme ich beim Kennenlernen neuer Leute öfter die üblichen Kommentare (Apple, Koks, überbezahlt, Oberflächenbearbeitung, Cabrio-Fahren, Hatzi-Fatzi, Bussi-Bussi, Markenklamotten...). Da den Branchenfremden – wie sollte es anders sein – der Einblick fehlt, wird sich auch oft über so Sachen ausgelassen, wie man zu Ideen kommt und wie herrlich kreativ es sein muss, sich immer wieder Neues einfallen zu lassen oder wie es denn ist, wenn man plötzlich keine Ideen mehr hat. Mir macht es dann Spaß, mit diesem ganzen Halbwissen herumzuspielen, an den Vorurteilen herumzuschrauben und alles ein wenig durch den Kakao zu ziehen. Die Annahme, dass andere Menschen 'uns Werber' so sehen, wie wir sind, als 'kreative Dienstleister' kann ich so nicht teilen. Schon allein, weil die Leute nicht in Termini wie „kreativer Dienstleister“ denken. Das wäre ja schon viel zu differenziert. Die Schubladen sind einfacher. 'Das ist ein Werber', 'Das ist ein Versicherungsheini', 'Das ist ein Musiker', etc. Und wie es so ist mit den Schubladen, werden da dann weitere einfache Erklärungsmuster hineingelegt. Mein Text, diese kleine Situationsbeschreibung, ist eben nur ein Teileinblick, der das ganze Erklärende drumherum auslässt (Wie Du es in Deinen Miniaturen ja auch öfter einmal tust). Damit die volle Debatte inklusive psychologischer Einschätzungen zu führen, ist sicherlich schwierig. Um die anderen Fragen zu beantworten. Von den Werbern, die dem Armani/Scampi-Bild entsprechen, trifft man immer wieder welche. Meist die jungen, die gerade erst angefangen haben und es supergeil finden, in einem großen Medaillen-Schuppen an Kampagnen zu arbeiten, etc. Die Älteren sind da schon eher zurückhaltend, bzw. sie sind schon wieder ausgestiegen. Was mich betrifft: Ich mach' das schon lange in den unterschiedlichsten Konstellationen, habe mich immer wieder mal ausgeklinkt, um die Akkus aufzuladen und auf dem Teppich zu bleiben, mache das aber weiterhin gerne, hab' immer noch Ideen, verfüge über genügend Disziplin, Beharrlichkeit und Zielorientierung, übersehe dabei aber nicht mehr das Wesentliche: Lebensqualität. Und die orientiert sich (nicht nur seit eben) an solchen Wichtigkeiten wie Familie, Freunde, Reisen... Beim Thema Altbau vs. Reihenhaus bin ich übrigens Realist: Es gibt keinen Bauernhof am Jungfernstieg. Und, dass es mich hin und wieder reisst, ich in meinem Büro sitze und irgendwelche Jobs verfluche, well - das ist Alltag.

      03.03.2009, 12:18 von ringerman
    • 0

      @ringerman jetzt lach ich auch mal... welch herzzerreißende Debatte hier losgetreten wurde!
      ich denke, dass wir Werber in diesen Kommunikation-Kulissen zu leben gelernt haben und leider oftmals beginnen, unseren eigenen Klischees aufzusitzen. Will sagen: Wir glauben uns teilweise schon den Rotz, den wir verbreiten. Lies doch mal die Branchen-Wichsheftchen und vergleiche es mit deiner direkten Wahrnehmung. Wir sind nun mal Demagogen und haben uns selbst als erste verführt.
      Drum verstehe ich den Ringermann sehr gut: Ab und an den Stecker ziehen und nen Reboot machen, sonst wird der tollste Mac (aka Hirn) lahm.

      Und jetzt wieder die Sprühdose mit Fake-Gold raus und schön Scheiß veredeln. Ich liebe diese Farce (aka Job) und halte es mit Osho: "Don't choose. Accept life as it is in its totality."
      Frohs Schaffen allesamt!

      05.03.2009, 10:19 von testpilot76
    • Kommentar schreiben
  • 0

    jaja, das Leben ist kein Ponyhof... aber immerhin haben wir uns es selbst so ausgesucht.

    02.03.2009, 13:30 von testpilot76
    • 0

      @testpilot76 wohl wahr, wohl war

      02.03.2009, 13:31 von ringerman
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Da ich eine überaus ausdrucksstarke Vorstellungskraft besitze, musste ich stellenweise ja dann doch mal lachen. Schön. :)

    27.02.2009, 20:20 von Salatschnecke
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ach ja, die herrliche bunte Werbewelt. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich monatelang einem Medikament gegen den Wurmbefall bei Hunden und Katzen widmete... Das war auch so was von wichtig und beim Einspiegeln der Bilder ist mir regelmäßig der Appetit vergangen.

    Hätte ich doch was Vernünftiges gelernt!

    27.02.2009, 15:09 von B.tina
    • 0

      @B.tina Ich texte seit einerner Weile für Inkontinenz-Produkte. Und das mit 20.

      02.03.2009, 15:18 von herz.vs.kopf.
    • 0

      @herz.vs.kopf. @herz.vs.kopf
      Da fällt mir spontan der Prostata-Mittel-Etat ein. Hat mich auch brennend interessiert!

      02.03.2009, 15:39 von B.tina
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Kann mich gerade nicht entscheiden, womit ich mich als nächstes befassen soll: mit dem Kunden, der gerne 15 Spezialangebote für seine abgetakelte "Wellnessoase" auf einen DIN-A4-Flyer packen möchte (natürlich mit Bildern, Einleitungstext, Skizzen und ausführlichen Beschreibungen), oder mit dem Verfassen des "original" Zitats eines Prominenten, der als Testimonial nur noch seine Unterschrift darunter setzen muss und damit wieder mal einen Haufen Kohle verdient hat.

    Und nein, es tröstet einen nicht, dass Bukowski, Hemingway und Rilke als Werbetexter gearbeitet haben, wenn man gerade irgendwelchen Idioten Beistrichregeln nach der neuen deutschen Rechtschreibung erklären muss.

    Trotzdem isses doch irgendwie geil.

    *weitervonsüdafrikaträum*

    27.02.2009, 10:33 von misspringle
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • 1

      @derHerrMitDemPixel Wow! Was geht denn hier?
      Och, die armen Kunden sind schuld? Na die sind aber auch immer so böse. Ganz im Ernst: natürlich könne auch die Kunden nervig sein (siehe oben), aber genau so nervig sind die, die es ihnen durchgehen lassen. Ich für meinen Teile hasse das Business nicht, auch wenn ich hier mal meinen Denkzellen-Frust ein wenig herausgelassen habe. Ganz im Gegenteil. Hab selten so viel Spaß gehabt, wie in den letzten Jahren. Liegt möglicher Weise aber auch daran, dass ich a) selbständig bin, b) nicht jeden Job machen muss, c) ich mir gute Ideen nicht von irgendwelchen Junior-PM's kleinquatschen lasse.

      02.03.2009, 19:17 von ringerman
    • Kommentar eines gelöschten Benutzers
    • Kommentar schreiben

NEON fürs Tablet: iOS und Android!

Neueste Artikel-Kommentare