nick_seemann 30.11.-0001, 00:00 Uhr 3 0

Angst vor dem Bewerbungsgespräch?

Wenn ich mir die Werbung anschaue, dann ist Gefrierbrand mindestens zehnmal schlimmer!

Angst vor dem Bewerbungsgespräch? Also ich finde, Gefrierbrand ist mindestens zehnmal schlimmer!

Die meisten Menschen empfinden Bewerbungsgespräche etwa so angenehm wie Zahnarztbesuche oder Beerdigungen und genau diesen Eindruck vermitteln sie dann auch im Gespräch. Wie oft habe ich mir als Personalverantwortlicher schon gewünscht einen Sack Kohle im Besprechungszimmer zu haben. Wenn ich jedem verkrampften Bewerber, den ich schon getroffen habe, ein Stück Kohle unter die Achseln geklemmt hätte, dann hätte ich nach jedem dieser Gespräche einen waschechten Diamanten gehabt und wäre jetzt im wahrsten Sinne des Wortes steinreich, denn aus Kohlenstoff entstehen bei enormen Druck ja bekanntlich Diamanten. Aber ich will mich über diese Bewerber gar nicht lustig machen, denn Angst ist etwas Schlimmes.

Was die meisten Bewerber übersehen ist, dass Angst eigentlich etwas Irrationales ist und dass man mit der richtigen Einstellung keine Angst mehr hat, sondern bestenfalls noch etwas Aufregung verspürt und auch das nur in den ersten fünf Minuten. Grundvoraussetzung hierfür sind ein paar ganz simple Erkenntnisse, die man sich nur ein für alle mal verinnerlichen muss.

Erste Erkenntnis: Wen man eingeladen wurde, dann ist man schon mal per se ganz toll! Zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden ist in der heutigen Zeit quasi so gut, wie als erste Samenzelle das Ei zu erreichen. Ich habe neulich Bewerber für ein Trainee-Programm gesucht und hatte in kürzester Zeit über 200 Bewerbungen von topqualifizierten Jungakademikern. Aus denen musste ich dann zehn (!) auswählen und ich habe infolgedessen jedes Bewerbungsgespräch erst einmal mit einem Glückwunsch begonnen und jedem Kandidaten auch gesagt, dass er bzw. sie es unter über 200 Leuten bis an meinen Schreibtisch geschafft hat. Aber auch, wenn man so etwas nicht gesagt bekommt, so darf man sich ruhig schon ein wenig als Gewinner fühlen.

Zweite Erkenntnis: Man kann Erkenntnis eins übrigens wunderbar als Frage formulieren: Hat irgendein Personalverantwortlicher Zeit, sich ein oder zwei Stunden mit Leuten zu unterhalten, von denen man zumindest fachlich nicht hundertprozentig überzeugt ist? Die Antwort lautet nein. Daraus kann man als Bewerber schon mal jede Menge Selbstbewusstsein generieren oder etwa nicht? Beim Bewerbungsgespräch zählt dann als Entscheidungsfaktor schlussendlich zu 95% sowieso die Sympathie, denn fachlich kann man durch Seminare immer nachbessern, aber was will man dagegen tun, wenn der oder die Neue einfach nur unsympathisch ist und gar nicht zum Team passt? Tja und Sympathie kann man nicht erzwingen, die stellt sich halt ein oder eben auch nicht. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass unverkrampfte Menschen meist sympathischer rüberkommen ;-)

Dritte Erkenntnis: Beide Seiten suchen etwas und beide Seiten haben etwas zu bieten. Aus dieser Situation entsteht eine Art Patt und keine Seite ist überlegen. Ein Bewerbungsgespräch ist im Grunde also nichts anderes als ein Geschäftstreffen unter erst einmal gleichberechtigten Partnern, die herausfinden wollen, ob man zusammen ein gutes Geschäft machen kann.

Vierte Erkenntnis: Bewerbungsgespräche sind keine Prüfungssituationen. Sie kommen einem nur so vor, weil man Erkenntnis drei noch nicht ganz verinnerlicht hat und deshalb nur Fragen beantwortet, statt selber welche zu stellen. Wer sich schutzlos einem Hagel aus Fragen aussetzt, muss sich zwangläufig wie bei einer mündlichen Prüfung vorkommen. Wer aber selbst Fragen stellt, zeigt nicht nur Interesse für Position und Unternehmen, sondern hat auch begriffen, wie man aus einer Prüfung ein angenehmes Gespräch macht, nämlich durch Kommunikation in beide Richtungen.

Fünfte Erkenntnis: Die Leute gegenüber verbergen ihre eigenen Ängste (oder wenigstens Bedenken) lediglich unter der Maske der Routine. Aber unter dieser Maske verbergen sich auch Ängste und Sorgen. Welcher Personalverantwortlicher kann es sich schon leisten, mehrmals hintereinander Einstellungen vorzunehmen, die sich hinterher als Flop erweisen? Als Personaler hat man immer auch die Angst, dass man gute Leute mit ein paar falschen Worten vielleicht verprellt oder die Favoriten plötzlich abspringen, weil gute Leute natürlich auch bei anderen Unternehmen Gespräche führen. Und was wäre, wenn man die Stelle aus diesen oder jenen Gründen gar nicht besetzt bekommt? Kündigt dann die gute Frau Müller, weil die versprochene Entlastung nicht beikommt? Was macht die Buchhaltung ohne Buchhalter, wenn nächsten Monat das Finanzamt eine Lohnsteuerprüfung vornimmt? Soll man der Bewerberin offen sagen, dass der Abteilungsleiter ein hoffnungsloser Chauvi ist? Im Kopf eines Personalers kreisen meist hunderte solcher Fragen bei einer Stellenbesetzung, denn unbesetzte oder falsch besetzte Stellen sind unwirtschaftlich, fressen Ressourcen und hinterlassen keinen guten Eindruck in Bezug auf die eigene Qualifikation als Personaler.

Sechste Erkenntnis: Wo steht eigentlich geschrieben, dass Personaler grundsätzlich schlechte Menschen sind, die mit perfiden Fragen an die Bewerber ihre sadistischen Triebe befriedigen? Ich behaupte mal, diese Frage ist eindeutig mit ‚nirgends’ zu beantworten. Personaler sind ganz normale Menschen, genauso wie die Bewerber auch und um sich diesen Gedanken zu verinnerlichen sollte man sich in einem Bewerbungsgespräch sein Gegenüber einfach mal morgens auf dem Klo vorstellen. Bei mir hat diese Vorstellung in Stresssituationen immer bestens geholfen und mich zum Schmunzeln gebracht. Und ich möchte gar nicht wissen, wie oft ich in Bewerbungsgesprächen schon von Kandidaten aufs Klo gesetzt wurde, mit Kopfkissenstreifen, halbgeschlossenen Augen und irgendeiner peinlichen Pyjamahose zwischen den Knöcheln.

Das tollste an diesen Erkenntnissen ist übrigens, dass es noch einige mehr davon gibt. Aber dazu ein andermal mehr …

3 Antworten

Kommentare

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    Danke. Der Artikel hat mir sehr geholfen, da ich mutmaßlich in naher Zukunft selber mit den angesprochenen Problemen werde kämpfen müssen. Aber dennoch: Wenn ich mir dann einen etwa unfreundlichen Personaler auf dem klo vorstellen würde, müsste ich wahrscheinlich eher mitten im Vorstellungsgespräch laut loslachen - und wenn das keinen schlechten Eindruck macht, was dann? Die restlichen Punkte kann man sich jedoch guten Gewissens zu Herzen nehmen.

    27.01.2005, 19:32 von Individualistin
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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      @Giraffengulasch hallo giraffengulasch,

      du hast recht, etwas anspannung und lampenfieber gehören immer dazu und die arbeitsmarktlage kann darus auch schon mal handfeste angst machen. aber angstvolles verhalten ist weder im bewerbungsgespräch noch sonstwo irgendwo zielführend.

      das mit dem gebärfähigen alter ist in der tat ein großer minuspunkt und häufig ein absagegrund. das gegenteil zu behaupten wäre schlichtweg gelogen.

      du hast recht, wenn du sagst, dass die bewerbung aus dem festen job heraus etwas druckfreier ist als aus der arbeitlosigkeit heraus. aber für beide gilt das gleiche: die bewerbung muss auf die stelle passen und gut gemacht sein. noch immer nehmen sich viele bewerber mit schlechten bewerbungen reale chancen, unabhängig davon, ob sie arbeitslos oder in einem festen job sind.

      vielen dank übrigens für dein feedback. die nächsten artikel werden nicht mehr allzu lange aug sich warten lassen, vorausgesetzt, sie schaffen es bis zur veröffentlichung ;-)

      lieber gruß
      nick

      28.09.2004, 15:30 von nick_seemann
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      @nick_seemann super text - du sprichst mir aus der seele.
      eine anmerkung: 10x zu einem gespräch eingeladen zu werden ist super - und nach deiner rechnung zufolge hat man dann gleich mal 2000 kandidaten hinter sich gelassen. ABER: 10x fast ein job ist halt immer noch keiner. und das heisst: die nervosität steigt...

      27.11.2004, 16:50 von Holz
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      @Holz nach und nach wird man immer erfahrener und ist irgendwann abgehärtet. ich hatte zwar noch nicht so viele vorstellungsgespräche, aber ich merke, dass ich mich in jedem weiteren gesrpäch viel sicherer und lockerer fühle.

      13.01.2005, 20:45 von Dreamcatcher
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers

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